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Fußball-Fans und Polizei | Lässt die Politik die »Stadionallianzen« absichtlich scheitern?
Die Idee einer gemeinsamen Strategie von Clubs, Kommunen und Polizei ist gut – doch eine Seite scheint an einer Deeskalation kaum Interesse zu haben.
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Viele Fußballfans fühlen sich von Polizei und Politik betrogen. Foto: imago/Sven Simon »Fußball soll in sicheren Stadien stattfinden und Freude machen, ohne Gewalt und ohne Pyrotechnik«, verkündete Herbert Reul im September 2020. Das versprach sich der Innenminister von Nordrhein-Westfalen damals von einer Kooperationsvereinbarung, die die Profi-Vereine der ersten drei Ligen aus NRW mit dem Innenministerium und der Bundespolizei geschlossen hatten. »Gleichzeitig müssen wir die Polizei spürbar entlasten, damit nicht jedes Spiel zum Dauereinsatz wird«, forderte der CDU-Mann mit Einführung der »Stadionallianzen«. Jüngst, sechs Jahre danach, hat Reul erneut angekündigt, er wolle künftig weniger Polizei bei Fußballspielen einsetzen.
Damals wie heute ist das eine gute Nachricht, setzt(e) sich da doch ein Spitzenpolitiker von einer vermeintlichen Binsenweisheit ab, die immer noch von den wenigsten Menschen hinterfragt wird: »Viel hilft viel.« Und das heißt im Fußballkontext: »Je mehr Polizei, desto sicherer ein Spiel.« Was vielleicht sogar irgendwie hinhauen würde, wenn sich nicht auch friedliebende Menschen irgendwann provoziert fühlen würden, wenn sie vom Bahnhof bis zum Stadiontor wie Schwerverbrecher behandelt werden. Und wenn sich die Polizei auch beim Fußball immer so verhalten würde, wie sie das gegenüber Lieschen Müller tut, wenn diese einen Diebstahl meldet.
Dass die oft absurd hohen Einsatzstärken der Polizei auch außerhalb von Risikospielen, die wiederum von zu vielen Fans als Freifahrtschein zum Sich-daneben-Benehmen gesehen werden, bestenfalls wie weiße Salbe wirken, zählt zum Expertenwissen. Allein schon, weil Fußballspiele selbst ausweislich der polizeilichen Statistiken deutlich sicherer sind als vergleichbare Großveranstaltungen. Doch selbst wer das weiß, mag manchmal das gewohnte Denken nicht verlassen: Wenn bei einem Spiel mit 30.000 Besuchern außer vier Wildpinklern nichts zu notieren ist, das das Sicherheitsgefühl unbeteiligter Bürger beeinträchtigen könnte, dann liegt das eben daran, dass so viel Polizei da war.
Insofern war es bemerkenswert, dass die Polizei sogar schon ein Jahr vor Reuls erster Wortmeldung angefangen hatte, faktenbasiert zu argumentieren. Plötzlich zitierten Polizeivertreter sogar Studien, in diesem Fall von 2019 eine der Fachhochschule Potsdam, laut der »alle Befragten, egal, ob Fanszene, Vereine oder Zuschauer, sagen, dass an den Spieltagen zu viel Polizei da ist«, erzählte damals Uwe Stahlmann, Polizeibeamter im baden-württembergischen Innenministerium, und kam zu dem Schluss: »Dann muss man sich hinterfragen.« In der Folge entstand das Konzept der »Stadionallianzen«, das kurz gefasst so funktioniert: Beide Vereine, die jeweilige Kommune, die Ordnungsdienste und die Polizei einigen sich bei einem Spiel auf eine gemeinsame Einsatzstrategie mit dem Ziel, dass möglichst wenig Beamte eingesetzt werden.
Weniger Polizei bei 08/15-Spielen, dafür eine strikte Trennung der jeweiligen Ultragruppen – das hätte tatsächlich ein Weg sein können, der der Allgemeinheit jede Menge Kosten erspart hätte. Und gleichzeitig für mehr Sicherheit gesorgt hätte. Doch das blieb leider ein frommer Wunsch. Zum einen, weil sich die Gewaltbereitschaft in einigen Ultraszenen nach der Corona-Pandemie mancherorts ritualisierte. Aber auch, weil vor allem die Politik offenbar keinerlei Interesse an einer wirklichen Versachlichung der Debatte hat.
Ein Beispiel dafür: Die leidige Debatte um Pyrotechnik braucht eine notwendige Differenzierung. Wer Pyrotechnik immer noch mit Gewalt gleichsetzt, hat nichts verstanden. Schon gar nicht, wenn er nicht unterscheidet, ob sie sachgemäß verwendet wird, also die Hand nicht verlässt, oder geworfen wird, was kriminell und hochgefährlich ist. Reul gab da schon 2020 den Populisten – und hat in den vergangenen sechs Jahren nichts dazugelernt. Auch jetzt betreibt er Gleichmacherei: »Wer im Stadion zündelt oder zuschlägt, hat dort nichts verloren.«
Und damit genug der guten Nachrichten, hin zu drängenden Fragen. Kann es eigentlich sein, dass es bei der neu entfachten Begeisterung in den Landesinnenministerien für Stadionallianzen gar nicht um ein verändertes Sicherheitskonzept geht? Sondern vielleicht darum, Kosten auf die Kommunen abzuwälzen? Die Sicherung der Fanmärsche zu den Stadien beispielsweise wurde bis zum Sommer von Beamten übernommen. Diese Aufläufe schätzt die Polizei – wegen der bösen Pyrotechnik – auch immer noch als gefährlich ein, will die Begleitung der Märsche indes künftig den Kommunen überlassen. Also de facto oft schlecht ausgebildeten Minijobbern, die von den klammen Kommunen bezahlt werden sollen.
Seit vergangenem Wochenende drängt sich allerdings noch ein anderer Verdacht auf: Sieht der eigentliche Masterplan vor, künftig gar keine Ultras mehr in die Stadien kommen zu lassen? Getreu der manchen Innenministern vertrauten Logik, wonach es in einem brandgerodeten Wald eben auch keine schädlichen Borkenkäfer mehr gibt. Schon in der vergangenen Saison wurden immer wieder Ultra-Busse in weit vom Spielort gelegenen Bundesländern an Autobahnraststätten stundenlang kontrolliert oder gleich zurückgeschickt.
Am vergangenen Sonntag hat die Polizei nach Schilderungen der Darmstädter Fanhilfe auf andere Art gezeigt, wie man Ultras auch aus den Stadien bekommt. Am Karlsruher Hauptbahnhof wurden rund 300 Fans von Darmstadt 98 neun Stunden lang durchsucht und fotografiert – einer laut Polizei-Slang »ausgiebigen erkennungsdienstlichen Maßnahme« unterzogen. Eine andere Passage des Fanhilfe-Protokolls liest sich dann wie etwas, das man in einer Demokratie nicht lesen will: »Nach unseren Beobachtungen trieben mehrere Beamte der Bundespolizei ohne für uns erkennbaren Anlass zahlreiche Menschen unter Einsatz von Schlagstöcken einen Gang in Richtung eines Gleises hinauf. Oben warteten vermummte Polizeikräfte.« Fakt ist, dass es danach viele schwerverletzte Fans gab. Im Karlsruher Stadion herrschte dafür Totenstille, die anderen 1500 Lilien-Fans verzichteten auf einen Support.
Zurück zum Karlsruher Hauptbahnhof: Nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer neutraler Bahnreisender, die im gleichen Zug wie die festgesetzten Darmstädter Anhänger gesessen hatten, war auf der Zugfahrt nicht das Geringste passiert, das die Polizei hätte interessieren können. Die Bundespolizei beruft sich daher auf gewalttätige Auseinandersetzungen bei früheren Begegnungen. Zudem sollen »bereits in der Anreisephase mehrere vermummte Fußballfans des SV Darmstadt 98 am Heidelberger Hauptbahnhof Kameras in Zügen abgeklebt haben. Darüber hinaus soll sich auf der Fahrt zum sowie nach dem Halt am Karlsruher Hauptbahnhof auf Gleis 6 ein Großteil der circa 400 angereisten Fans vermummt haben.« Grund genug für Polizeigewalt.
Karlsruhe liegt übrigens in Baden-Württemberg, dem Land, das die Stadionallianzen erfunden hat.
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