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Fotografie | Aenne Biermann: Vom Ende her erzählen
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Aenne Biermann, Selbstporträt mit Silberkugel, 1931. Foto: Wikimedia Commons Manche Geschichten muss man von hinten erzählen, von ihrem traurigen Ende her, ausgehend von ihren Spuren, die man in der Gegenwart findet, wenn man nach ihnen sucht. Die Fotografin Heidi Specker hat nach Spuren einer anderen Fotografin gesucht, einer Frau, die im Januar 1933 mit nur 34 Jahren gestorben ist: Aenne Biermann. In der Geschichte der Fotografie bezeichnet man sie als Vertreterin eines Neuen Sehens, einer ästhetischen Richtung der späten Weimarer Republik. Charakteristisch für das Neue Sehen ist die Ausschöpfung aller technischen Neuerungen, die es in den späten 20er Jahren in der Fotografie gab. Ihre Vertreterinnen und Vertreter experimentierten mit Perspektive und Tiefenschärfe. Man findet den Stil in der künstlerischen Fotografie, vielmehr jedoch in der Werbegestaltung jener Jahre.
Biermann begann als Amateurin, brachte sich den Umgang mit der Technik selber bei, erhielt modernste Linsen der Firma Zeiss, zu der ihr Mann, der Kaufhausbesitzer Herbert Biermann, gute Kontakte hatte. Ihr Labor hatte die Fotografin mit dem Kurzhaarschnitt im Damenzimmer der modernistisch ausgebauten Gründerzeitvilla, die sie in Gera mit ihrer Familie bewohnte, eingerichtet. »DamenzimmerHerrenschnitt« ist daher auch der Titel von Speckers Ausstellung. Im Altbau der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst (GfzK) sind nun die Ergebnisse von Speckers künstlerischer Recherche zu sehen. Es sind Bilder und Arrangements, die aus einer Spurensuche resultieren, die Leben und Werk Biermanns, aber auch die Flucht ihrer Familie vor den Nazis ab 1939 betrifft.
Heidi Specker erzählt die Geschichte der Fotografin Aenne Biermann von ihrem Ende her, von ihren gegenwärtigen Spuren, indem sie registriert, was von ihrem Werk überdauert hat und was verschollen ist. Dafür recherchierte sie in Biermanns Heimatstadt Gera, besuchte ihren Enkel in Wien und fuhr nach Triest, wo sich die Spur ihres Archivs 1939 verliert. Nach ihrem frühen Tod hinterließ sie mehr als 3400 beschriftete und nummerierte Negative in unterschiedlichen Größen, die meisten davon auf Glas.
Nach der Machtübernahme der Nazis floh die jüdische Familie Biermann ins britische Mandatsgebiet Palästina. Ihre Besitztümer, darunter das Fotoarchiv, wurden in zwei schweren Holzcontainern verpackt. Sie sollten der Familie nach Haifa folgen. Nach Kriegsausbruch blieb das Frachtgut im Hafen von Triest liegen. Später wurde es von den Nazis geplündert, heute gilt es als verschollen. Erhalten sind so von ihrem Werk lediglich 400 Handabzüge. Größere Bestände ihrer Bilder befinden sich in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung und im Museum Folkwang in Essen.
Heidi Specker erzählt die Geschichte der Fotografin Aenne Biermann von ihrem Ende her, von ihren gegenwärtigen Spuren, indem sie registriert, was von ihrem Werk überdauert hat und was verschollen ist.
Charakteristisch für Biermanns Fotografien sind ihre alltäglichen Motive, die durch die formalen Mittel jedoch ganz unalltäglich werden. Eine Tüte voller Walnüsse fotografierte Biermann so, dass die Falten im Papier und die Rillen der Nussschalen plastisch wurden. Heidi Specker ergänzte dazu eine eigene Aufnahme, die einen Strauß Dahlien zeigt, deren Köpfe ähnlich den Nüssen aus dem Papier herausschauen, farbig, anstatt in Sepia. Das ist ein formaler Versuch, Biermanns Werk an die Gegenwart anzudocken. Das Bilderpaar ist Teil von Speckers Serie »Amnesia Gera I-XVI«. Von Biermanns Fotografien fertigt sie Aufnahmen an und platziert sie so als historische Objekte in ihrer, unserer Gegenwart. Sie werden mit Schutzhandschuhen angefasst, liegen auf Seidenpapierhüllen, reflektieren das Tageslicht.
In Gera erinnert nur wenig an die berühmte Fotografin. In der Ausstellung findet man eine Aufnahme des Platzes, an dem die Villa stand, dann noch die Rückseite ihres Grabsteins. Einerseits weist Specker auf Leerstellen hin, andererseits handelt es sich aber auch um Platzhalter – für die Präsenz im städtischen Raum, die man Biermann nicht gewährt, für ein Werk, das es in seiner Breite nicht mehr gibt.
Im Frühjahr traf Heidi Specker den Enkel der Fotografin, Zvivka Biermann, in Wien. Sie hoffte, so einige Aufnahmen von Fotografien machen zu können, die sich in Familienbesitz befanden. Möglicherweise in einem Safe eingelagert oder ganz privat auf einer Kommode, in einer Wiener Altbauwohnung. Die Fotos aber waren für eine Ausstellung in Israel verliehen. In Tel Aviv lebt noch seine Schwester, Elda Goldacki Biermann. In Wien hat Specker dann in einem Sozialkaufhaus der Caritas, im Museum für angewandte Kunst sowie im Auktionshaus Dorotheum Fotos von alten Teppichen, Möbeln und Besteck angefertigt, die sie zu einem Film montierte. »Wien Vienna«, so sein Titel, zeigt uns die Orte, an denen geraubtes, jüdisches Eigentum nur allzu oft verschwand.
Zu Weihnachten 2024 reiste Specker nach Triest, wo die Frachtkisten der Biermanns verschollen sind. Specker hat das Meeresufer fotografiert, von wo aus die Kisten nach Haifa hätten verschifft werden sollen. Dann wieder eine kleine Serie von Gegenständen in den Schaufensterauslagen: Kristallgefäße, eine Schachtel von Gucci. Die Bildserien, die Specker auf ihren Streifzügen durch Gera, Wien und Triest gemacht hat, wirken verloren, ein wenig melancholisch. Das Gesuchte scheint auf ewig unauffindbar. Das Vorgefundene soll helfen, die Geschichte zu rekonstruieren. Es ist hilfreich und auch wieder nicht. Diese Spannung gehört zu den größten Stärken von Speckers fotografischen Serien im Altbau der GfzK.
Zur Ausstellung gehören auch einige Einbauten, Stühle und Jacken. Ein Betrag des Mode- und Designlabels Bless, das Desiree Heiss und Ines Kaag gemeinsam betreiben. Mit Handläufen und Holzborten schaffen sie Spiralformen, verschachteln so die historistischen Räume. Es ist eine Reminiszenz an das abgerissene Wohnhaus der Biermanns. Die historistische Villa in Gera, mit ihrem modernen Innenteil. Über einem Stuhl hängt eine Decke mit Ziegelmuster, über einem anderen ein schwerer Pelzmantel. An dieser Stelle wird die Ausstellung rätselhaft, fast ein wenig verrückt. Die Geschichte hätte auch vollkommen anders verlaufen können.
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Source: nd