Skip to content
Faultline Prefer us on Google

Climate nd

Fossile Energie | Kopfschmerzen in Kenia

Der Bau der Dangote-Ölraffinerie in Kenia kann weitergehen. So hat ein Gericht diese Woche entschieden. Anwohner fühlen sich übergangen.

Deutsch (original) ·Read in English ⇄

Spatenstich auf der kenianischen Insel Lamu. Die Ölraffinerie soll neben einer in Kenia die größte des Kontinents werden. Foto: AFP/LUIS TATO Auf dem Gelände der geplanten Lamu-Rohölraffinerie rollen die Bagger wieder. Letzten Mittwoch hatte das zuständige Umwelt- und Landgericht im kenianischen Malindi eine zwischenzeitlich verhängte Blockade der Bauarbeiten aufgehoben.

Grund für den Baustopp war eine von 133 Bäuer*innen und Anwohner*innen eingereichte Klage. Die Antragsteller*innen fordern die Anerkennung ihres Anspruchs auf das Land. Auch wenn sie über keine offiziellen Landtitel verfügen, berufen sie sich auf die faktische Bewirtschaftung dieser Ländereien durch ihre Familien seit Generationen. Angesichts des Bauprojektes fordern sie deshalb die Absicherung ihres Lebensunterhalts. Wegen formeller Mängel in der Antragstellung der Anwohner*innen wurde die einstweilige Anordnung nun aufgehoben. Die Klage bleibt jedoch bestehen.

Unternehmer Aliko Dangote hatte zuvor gesagt, er könne sich nicht vorstellen, dass sich Anwohner*innen ernsthaft gegen ihren eigenen Fortschritt wenden würden. Man habe keine Angst davor, wegen des Öl-Projekts vor Gericht gebracht zu werden: »Wer auch immer uns Ärger machen will – wir sind auf seinen Ärger vorbereitet und werden ihm Kopfschmerzen bereiten.«

Auf der kenianischen Insel Lamu entsteht zurzeit eine 16 Milliarden US-Dollar schwere Erdölraffinerie. Das Projekt wird vorangetrieben von der Dangote Group, Konglomerat von Aliko Dangote, dem reichsten Mann Afrikas. Dangote betreibt in Nigeria seit 2024 bereits die größte Ölraffinerie des Kontinents mit einer Kapazität von bis zu 700.000 Barrel pro Tag. Die Raffinerie in Kenia soll mit der gleichen Kapazität ab 2030 an den Start gehen.

Als regionale Zulieferer für die große Nachfrage an Rohöl kämen etwa Südsudan und Uganda infrage. Ölförderung in Uganda ist für 2027 bzw. mit Fertigstellung der umstrittenen EACOP- Pipeline angedacht. Auch eine Belieferung aus dem Nahen Osten und den USA wäre denkbar. Darauf war die Dangote-Erdölraffinerie in Nigeria in der Vergangenheit ebenfalls angewiesen.

Im Gegensatz zu Nigeria fördert Kenia keine großen Mengen an Erdöl. Das erste kommerziell gewonnene Erdöl soll hier im Dezember dieses Jahres fließen. Auch in den Fördergebieten beklagen Anwohner*innen, systematisch übergangen worden zu sein.

Bei dem Projekt handelt es sich laut der kenianischen Regierung um die größte Direktinvestition in das Land überhaupt. Man erhofft sich einen Boost für die nationale Wirtschaft mit bis zu 60.000 neuen Arbeitsplätzen.

Den Spatenstich am 30. September bezeichnete der kenianische Präsident William Ruto, als Symbol dafür, dass Afrika in ein neues Zeitalter eingetreten sei. »Das ist afrikanischer Ehrgeiz, gestützt durch afrikanisches Kapital, der die afrikanische Industrie zum Wohle Afrikas aufbaut«, deklarierte er vor hochrangigen Vertreter*innen aus Politik und Wirtschaft.

Zu lange habe Afrika die Rohstoffe geliefert, während andere die Verarbeitung, die Fertigung, die Arbeitsplätze und den wirtschaftlichen Nutzen für sich beansprucht hätten. Die neue Raffinerie soll die Abhängigkeit von importierten Kraftstoffen verringern, die Kraftstoffpreise im Inland stabilisieren und die Energieversorgungssicherheit in der Region stärken.

Ostafrika wurde seit dem Iran-Krieg hart von den steigenden Kraftstoffpreisen getroffen. In Kenia entzündeten sich daran Proteste, bei denen mindestens vier Menschen ums Leben kamen.

Kraftstoffpreise sind derzeit jedoch nicht die einzige finanzielle Belastung für kenianische Haushalte. Auch Lebensmittel werden stetig teurer. Und als einer der Hauptgegenspieler der kenianischen Landwirtschaft gilt zunehmend der Klimawandel. Fossile Großprojekte für die Zukunft dürften dem kaum entgegenwirken.

»Dieses Projekt droht eines der empfindlichsten Küstenökosysteme Ostafrikas zu schädigen und Kenia gleichzeitig in eine riskante Zukunft mit fossilen Brennstoffen zu zwingen«, äußerte sich Greenpeace Afrika in einem im Juli veröffentlichten Statement.

Das Versprechen auf temporäre Arbeitsplätze dürfe nicht dazu dienen, die tatsächlichen Kosten eines derartigen fossilen Großprojekts zu verschleiern. Bestehende Lebensgrundlagen in Fischerei, Tourismus und lokaler Kleinwirtschaft würden dadurch gefährdet.

»Wir haben eine andere Art von Kopfschmerzen. Wir brauchen Antworten auf unsere Fragen.«

Laut der Lamu-Environment-Foundation beherbergt das Lamu-Archipel 61 Prozent der Mangrovenwälder Kenias. Weitere Ökosysteme wie Seegraswiesen und Korallenriffe befinden sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe der geplanten Raffinerie. Auch Sorgen um das kulturelle Erbe wurden geäußert. Denn die Altstadt von Lamu zählt zum Unesco-Weltkulturerbe.

Nicht zum ersten Mal wird Lamu zum Schauplatz eines Konfliktes zwischen Mensch und Industrie. 2019 hatte eine Koalition aus Umwelt- und Graswurzelorganisationen vor Gericht ein Kohlekraftwerk verhindert. Dem Unternehmen Amu Power wurde die Baugenehmigung entzogen, auch die Berufung wurde abgelehnt.

Die Bürgerinitiative »Save Lamu«, die damals an der Klage beteiligt war, veröffentlichte nun im Hinblick auf die geplante Ölraffinerie ein Statement, in dem sie Transparenz, Bürgerbeteiligung und die Einhaltung von Umweltschutzmaßnahmen fordert. »Wir fordern eine verantwortungsvolle Entwicklung«, heißt es darin. Umweltgutachten und Risikobewertungen müssten unbedingt offengelegt werden. In Referenz auf Dangotes Kopfschmerz-Kommentar sagte der Sprecher: »Wir haben eine andere Art von Kopfschmerzen. Wir brauchen Antworten auf unsere Fragen.«

Dieser Artikel hat dich nichts gekostet. Uns schon: Recherche, Produktion und Technik. Wir haben bei der Büromiete sowie bei Druck und Vertrieb gespart. Und wir haben auf Gehalt verzichtet. Trotzdem gilt: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro. Du zahlst, was du kannst, dafür schreiben wir weiter.

Keine Paywall, kein Kleingedrucktes, nur ein Ziel: dass nd bleibt.

Originally published bynd
Read the original