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Fünf Jahre Taliban-Herrschaft | Afghanistan am Abgrund
Wasser wird knapp, die wirtschaftliche Not wächst. Zugleich verlieren Frauen immer mehr Rechte – bis hin zum Recht, auf der Straße laut zu sprechen.
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Frauen warten mit ihren Kindern in Kandahar auf eine Lebensmittelspende. Foto: AFP/JAVED TANVEER Jeden Morgen steht Abdel Dschabar Schlange, um Wasser zu bekommen. »Heute muss ich ein Drittel meines Einkommens allein für den Kauf von Wasser ausgeben und mich dafür verschulden«, erzählt er. Der 44-Jährige betreibt eine kleine Bäckerei im dicht besiedelten Kabuler Viertel Silo. Rund 11.000 Afghani (etwa 150 Euro) verdient er im Monat und muss davon seine vier Kinder und weitere Verwandte ernähren. »Gott sei Dank haben wir im Moment noch Brot. Aber das Wasser ist katastrophal knapp. Das bedeutet, dass auch das Brot bald zur Neige gehen könnte.«
Der größte Teil der Grundwasservorräte in Kabul ist unbrauchbar. Sie enthalten gesundheitsgefährdende Schadstoffe wie Abwasser und Arsen und weisen zudem einen erhöhten Salzgehalt auf. Nach Prognosen von Experten der internationalen Organisation Mercy Corps könnte Kabul bis 2030 zur ersten Hauptstadt der modernen Welt werden, der das Wasser ausgeht.
Auch Abdel Dschabars Kinder müssen bereits Geld verdienen. Sein ältester Sohn, der 14-jährige Sohail, putzt Schuhe auf der Straße. Der jüngste, der achtjährige Khaled, zieht durch die Straßen und verkauft Papiertaschentücher. Besonders im Stadtzentrum begegnen einem überall Kinder in zerschlissener Kleidung. Viele betteln um Almosen.
Geld zu verdienen, wird immer schwieriger. Dadurch hat sich die ohnehin schon bestehende Not weiter verschärft. Die militärische Zuspitzung der afghanisch-pakistanischen Beziehungen und der Krieg im Iran haben dazu geführt, dass zahlreiche afghanische Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Insgesamt wurden seit Oktober 2023 mehr als 4,5 Millionen afghanische Staatsbürger zwangsweise nach Afghanistan zurückgeführt, wodurch die Bevölkerung um etwa zehn Prozent angewachsen ist. Perspektiven gibt es für die meisten von ihnen jedoch nicht.
Der 24-jährige Abdulbaschir ist einer von ihnen. In den vergangenen fünf Jahren musste er dreimal umziehen. Er wurde in der nördlichen Provinz Pandschschir geboren, die den Taliban historisch gesehen feindselig gegenübersteht. 2021 musste seine Familie wegen der anhaltenden Kämpfe in der Rebellenregion nach Kabul flüchten und bei Verwandten unterkommen.
Abdulbaschir hatte keine Zeit, eine höhere Ausbildung abzuschließen. Er arbeitet als Schneider, repariert Kleidung und näht Anzüge – das Handwerk hat er von seinem Vater gelernt. Als Pandschschir vor fünf Jahren unter Beschuss geriet, kam dieser ums Leben. Seitdem lastet die Verantwortung für die gesamte Familie – seine Mutter und seine beiden jüngeren Schwestern – auf Abdulbashirs Schultern.
Vor drei Jahren zog er mit einem Freund ins iranische Maschhad. Dort fand er Arbeit und unterstützte mit seinem Lohn seine Angehörigen in Kabul. Doch die iranischen Behörden verschärften die Aufenthaltsregeln für Afghanen. Zudem leidet das Land unter einer schlechten Wirtschaftslage, Inflation, Arbeitslosigkeit und den Folgen zweier Kriege. Im vergangenen Frühjahr wurde Abdulbaschir aufgefordert, das Land zu verlassen. Wenn es im Iran gut gelaufen sei, habe er bis zu 350 US-Dollar im Monat verdient, berichtet er. Jetzt, in Kabul, sind es nicht mehr als 150.
»Unser ganzes Leben, all unsere Aktivitäten finden außerhalb des Gesetzes statt. Wir leben im Flüsterton. Nein, wir leben ohne Stimme.«
Der drastische Rückgang der Überweisungen aus dem Ausland trifft auch die afghanische Wirtschaft hart. Nach Angaben der Weltbank wuchs Afghanistans Wirtschaft im Geschäftsjahr 2025 trotz zahlreicher Erschütterungen um 4,8 Prozent. Doch das Wachstum reicht nicht aus, um den Wohlstand der Bevölkerung zu verbessern. Rund ein Drittel der Bevölkerung leidet unter akuter Nahrungsmittelknappheit. Zugleich ist die humanitäre Hilfe für Afghanistan in den vergangenen fünf Jahren stark zurückgegangen und beläuft sich mittlerweile nur noch auf etwas mehr als eine Milliarde US-Dollar.
Inmitten dieser prekären wirtschaftlichen Lage wirken die von den Taliban verhängten Restriktionen umso unbarmherziger. Davon sind vor allem Frauen betroffen. Nach der Ausrufung des Islamischen Emirats Afghanistan schaffte der oberste Führer der Taliban, Haibatullah Akhundzada, im September 2021 mit einem seiner ersten Dekrete das Frauenministerium ab. An dessen Stelle wurde das Ministerium für die Propagierung der Tugend und die Verhütung des Lasters wiederbelebt – im Grunde eine Sittenpolizei.
Damit werden immer mehr Frauen systematisch vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Die Taliban hielten ihr Versprechen nicht ein, weiterführende Schulen für Mädchen nach der sechsten Klasse wieder zu öffnen. Im Gegenteil: Im Dezember 2022 wurde Frauen der Besuch von Hochschulen verboten. Darunter leidet auch die 24-jährige Fatana: »Mein Leben ist vorbei. Jetzt kann ich weder studieren noch arbeiten«, sagt sie. Vor vier Jahren musste sie ihr Medizinstudium an der Abu-Ali-Ibn-Sina-Universität in Kabul abbrechen.
In großen afghanischen Familien war es in den vergangenen Jahrzehnten üblich, dass Frauen erwerbstätig waren und zum Unterhalt ihrer Familien beitrugen. Als Studentin arbeitete Fatana bereits als Krankenschwester und bereitete sich darauf vor, Zahnärztin zu werden. Damit hätte sie ein kleines, aber regelmäßiges Einkommen erzielen können. Derzeit ist sie gezwungen, in einer Fußgängerunterführung zu sitzen und Stifte sowie Hefte zu verkaufen. »Es bringt mir überhaupt kein Geld ein. Einige Passanten kaufen mir aus Mitleid ein oder zwei Stifte ab«, erzählt sie. »Trotzdem ist das für mich besser, als einfach nur zu Hause zu sitzen. Dort würde ich verrückt werden.«
Die Vereinten Nationen schätzen, dass derzeit acht von zehn afghanischen Frauen von Bildung und Erwerbsarbeit ausgeschlossen sind. Selbst in der islamischen Welt stießen die Beschlüsse der Taliban auf Empörung. So bezeichnete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Entscheidung, Frauen Bildung zu verbieten, als »unmenschlich und unislamisch«.
Die Einschränkungen für Frauen, insbesondere das Bildungsverbot, sind selbst bei den Taliban umstritten. Einige Beamte in Kabul kritisierten den obersten Führer öffentlich, der in Kandahar sein Hauptquartier hat. Nicht immer werden die von dort kommenden Verbote vollständig umgesetzt. Zumindest in Kabul bedeckt etwa jede zweite Frau ihr Gesicht nicht vollständig – formal müsste sie eine Burka mit einem kleinen Augengitter tragen. Für Mädchen gibt es bei der Bildung nach der sechsten Klasse ein Schlupfloch: Der Besuch von Medresen (Koranschulen) ist auch ihnen erlaubt.
Einige Eltern wählen jedoch einen anderen Weg: Sie organisieren heimlichen Online- oder Heimunterricht, obwohl dieser nicht erlaubt ist. Die 39-jährige Hengameh ist eine dieser Mütter. Für ihre zwölfjährige Tochter hat sie einen Lehrer für Mathematik, Physik und Biologie gefunden. Hengameh erzählt, dass ihre Tochter davon träumt, Ärztin zu werden und Menschenleben zu retten. »Ich möchte nicht, dass sich meine Tochter wie in einem Käfig fühlt. Sie hat das Recht, ihr eigenes Schicksal selbst zu bestimmen.«
Hengameh arbeitete lange als Journalistin, bis ihr Radiosender 2021 geschlossen wurde. Danach beschloss sie, einen Schönheitssalon zu eröffnen. In Afghanistan waren solche Salons schon immer mehr als Orte der Schönheitspflege. Sie boten Frauen die Möglichkeit, zusammenzukommen und unter sich zu sein. Doch im Juli 2023 wurden auch die Schönheitssalons auf Beschluss des obersten Führers geschlossen.
Auch Hengameh musste ihren Salon aufgeben und zog sich weiter zurück. Seit nunmehr drei Jahren organisiert sie bei sich zu Hause Maniküre- und Friseurtermine für Frauen. Damit verstößt sie formal gegen das Gesetz. Bereits zweimal kamen Vertreter der Sittenpolizei zu ihr und sprachen Verwarnungen aus.
Vertreter der Taliban-Regierung betonen, dass alle getroffenen Entscheidungen der Scharia, also dem islamischen Recht, entsprechen. »Wir sorgen auf diese Weise in erster Linie für die Frauen. Das ist unsere Pflicht«, erklärt ein Beamter des Taliban-Innenministeriums »nd« auf Anfrage. Die Frage, wo genau im Islam ein solcher Umgang mit Frauen festgeschrieben sei, beantwortete er nicht.
Wie weit diese Fürsorge reicht, zeigt das Gesetz zur Propagierung der Tugend und Verhütung des Lasters, das die Taliban im August 2024 verabschiedeten. Es untersagt Frauen, öffentliche Orte wie Parks zu besuchen. Außerdem dürfen sie auf der Straße nicht laut sprechen. Nach Ansicht der Rechtsgelehrten der Taliban ist die Stimme einer Frau »eine Quelle der Sünde und des Lasters«.
Hengameh sagt, das Gesetz habe ihren Alltag verändert. »Unser ganzes Leben, all unsere Aktivitäten finden außerhalb des Gesetzes statt. Wir leben im Flüsterton. Nein, wir leben ohne Stimme.«
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