Faultline Faultline Kommando 161

Germany · nd · · 1h

Ernährungsarmut | Küche, Konto, Klima

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Linke-Spitzenkandidatin servierte im Berliner Wahlkampf Essen und stellte ein Konzept ihrer Partei für Kiezkantinen mit preiswerten Mahlzeiten vor. Foto: dpa / Stefan Kruse Zu Armut und ihren Folgen wird in Deutschland hier und da geforscht. Selten sind aber Termine, bei denen Betroffene aus dem ganzen Bundesgebiet nicht nur als einzelne Kronzeugen gefragt sind, sondern selbst und untereinander debattieren können. Eines der großen Treffen findet bis zum heutigen Freitag in Berlin statt: der Gipfel gegen Ungleichheit. Dazu eingeladen haben die Nationale Armutskonferenz, kirchliche, gemeinnützige und gewerkschaftliche Einrichtungen und Verbände. Das Themenspektrum reicht diesmal vom Alltagserleben über das Verlassen der Grundsicherung in Richtung Arbeitsmarkt bis hin zu Erwiderungen auf rechte Dominanz. Aber auch Wohn- und Ernährungsarmut hat ihren festen Platz in thematischen Workshops.

Eine Runde zu Küche, Konto und Klima beginnt mit Gruppenarbeit: Mehrere Warenkörbe sind zu bewerten, darunter eine laktosefreie Auswahl, eine vegane und eine nach der Planetary-Health-Diet. Letztere beschreibt eine gesunde Ernährung für einen gesunden Planeten und ähnelt einem klassischen, überwiegend pflanzlichen Ernährungsplan, bei dem aber auch tierische Produkte in geringem Umfang auf die Teller kommen. Außerdem gibt es ein »absolutes Sparmodell«, eine Bio-Auswahl und eine in vielen Fragen »ausgewogene« Ernährung.

»Eine Tüte Haferflocken reicht vier Tage.«

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen bewerten, ob die auf kleinen Postern dargestellten Lebensmittel der verschiedenen Modelle wohl für eine Woche reichen würden. Und ob sie mehr als 49 Euro kosten. Denn dieser Wert ist in etwa der Betrag, der für Bürgergeld- beziehungsweise seit Juli Grundsicherungsberechtigte unter dem Titel »Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke« zur Verfügung steht. Insgesamt sind hier im Monat 195,39 Euro vorgesehen. Wobei der erste Rechenfehler schon darin besteht, dass der vollständige Monat exakt aus vier Wochen besteht – es sind immer noch einige Tage mehr.

Im Gespräch zeigt sich dann, wie sehr Menschen gewohnt sind, beim Essen zu zirkeln, wenn sie nur wenig Geld haben. »Eine Tüte Haferflocken reicht vier Tage«, so zum Beispiel eine Aussage. Das würde bei anderen vielleicht länger sein – wenn sie sich eben nicht daran satt essen müssen und noch allerhand leckere Zutaten wie Nüsse, Saaten oder Obst hinzufügen können. Große Packung, wenig Gewinn, das trifft auch hier zu: »Hast du mal Toastbrot gegessen, wenn du richtig hungrig warst?« Lebensmittel ist nicht gleich Lebensmittel. Im absoluten Sparmodell gibt es nichts Frisches außer Zwiebeln, aber viele Konserven.

»Wir werden nicht erzogen, sparsam zu sein. Wir werden gezwungen, geizig zu sein«, sagt Nicola Dülk aus Trier, nachdem sie von ihren ständigen Anstrengungen berichtet, als Alleinerziehende für zwei Kinder immer genug auf den Tisch zu bringen – einschließlich Sonderangebote, Einwecken von Obst und anderen Praktiken, die alle jede Menge Zeit kosten. »Oft habe ich nach den Kindern gegessen – wenn noch etwas übrig war oder das, was eben noch übrig war.«

Bei den vorgegebenen Maximalkosten für einen Wocheneinkauf fehlt jedoch etliches prinzipiell in allen Warenkörben: nämlich Kaffee, Tee, Gewürze, Süßigkeiten. Und ebenfalls nicht klar ist, wie jeder Imbiss, jede Mahlzeit unterwegs bezahlt werden könnte. Zu den Ausgangsfragen bei den angebotenen Warenkörben gehörte auch diese: »Bei welcher Auswahl ist am Ende der Woche noch Geld vorhanden für eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen in einem Bäcker-Café?« Im Regelsatz für die Grundsicherung gibt es monatlich noch 14,71 Euro für Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen. Vermutlich wird es kaum gelingen, den Jahresurlaub für 176,52 Euro zu planen. Alternativ drei bis vier Tassen Cappuccino im Monat auswärts.

Des Rätsels Lösung für einige der Warenkörbe: Das Sparmodell ist für 19,11 Euro zu haben, die Planetary-Health-Diät für 36 Euro und der Bio-Korb für 45 Euro. Alle anderen waren teurer als 49 Euro. Also dann keine Tasse Kaffee unterwegs – und mit anderen.

Am Essen sparen müssen heißt auch, dass viele Gelegenheiten für Gemeinschaft wegfallen. Kochkurse für armutsbetroffene Familien sind sicher gut gemeint, aber Nicola Dülk, die selbst diese Kurse durchführt, weiß, dass es eher nicht an Kenntnissen und Fertigkeiten mangelt – sondern die Kurse viel wichtiger für die soziale Teilhabe sind.

Leliah Karbe forscht wiederum an der Berliner Humboldt-Universität zum Thema. Sie kennt wissenschaftliche Befunde dazu, dass Ernährungsbildung »überhaupt nichts bringt«. Die politische Forderung sei eher, die Regelsätze anzuheben. International gebe es zudem – etwa aus Schweden – gute Erfahrungen mit beitragsfreiem Essen für Kinder in Schule und Kita, wie Aktivistin Dülk ergänzt. Auch die von der Partei Die Linke angekündigten Kiezkantinen in Berliner Großsiedlungen sind bei der Konferenz ein Stück Hoffnung, weil sie, mehr noch als die Lebensmitteltafeln, ein Ort der Begegnung sein könnten.

Dieser Artikel hat dich nichts gekostet. Uns schon: für Recherche, Druck und Technik. Wir haben bei der Büromiete sowie bei Druck und Vertrieb gespart. Und wir haben auf Gehalt verzichtet. Trotzdem gilt: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro. Du zahlst, was du kannst, dafür schreiben wir weiter.

Keine Paywall, kein Kleingedrucktes, nur ein Ziel: dass nd bleibt.

Read the full story at the source

Source: nd