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Energieversorgung | Atomindustrie fällt weiter zurück
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Ein recht junges AKW ist Block 4 des chinesischen Kernkraftwerks Tianwan. Foto: dpa/Wang Chun Mittels Atomkraft wurde weltweit im vergangenen Jahr so viel Strom produziert wie noch nie. Dies geht aus dem am Dienstag in Istanbul vorgestellten »World Nuclear Industry Status Report« (WNISR) hervor. Die aktuellen Zahlen geben allerdings nur auf den ersten Blick denen recht, die seit Langem eine Renaissance der Atomenergie prophezeien oder propagieren. Tatsächlich ist ihr Anteil an der globalen Stromproduktion erneut gesunken – auf nunmehr 8,8 Prozent, den niedrigsten Stand seit rund viereinhalb Jahrzehnten. 1996 hatte er mit 17,5 Prozent noch etwa doppelt so hoch gelegen. Grund der Entwicklung ist der anhaltende Boom der erneuerbaren Energien. Während der Zuwachs beim Atomstrom nur 1,1 Prozent betrug, verzeichnete etwa die Solarenergie ein Plus von 30 Prozent. Der Gesamtanteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung lag 2025 erstmals bei über einem Drittel.
Der WNISR gilt als wichtigste unabhängige Referenz zur Lage in der globalen Atomindustrie. In seiner heutigen Form wird er jährlich seit 2007 von einem internationalen Expertenteam um den Energie- und Atompolitik-Analysten Mycle Schneider herausgegeben. Mehr als ein Dutzend Autorinnen und Autoren verschiedener Fachrichtungen und aus verschiedenen Ländern arbeiten regelmäßig an dem Bericht mit. Gefördert wird er teilweise durch institutionelle Partner und Behörden wie das deutsche Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Das Vorwort des WNISR 2026 hat der frühere japanische Außenminister Taro Kono verfasst.
Dem Report zufolge waren Mitte des Jahres weltweit 411 Atomreaktoren im Betrieb. Der leichte Zuwachs von 1,1 Prozent geht dabei vollständig auf China zurück, wo die Produktion um 7,6 Prozent stieg. Im Rest der Welt sank sie um 0,2 Prozent.
Im Jahr 2025 wurden zudem mehr Reaktoren stillgelegt als neu ans Netz genommen. Vier Meiler nahmen den Betrieb auf, zwei in China und je einer in Indien und Russland. Sieben wurden hingegen endgültig abgeschaltet, drei in Belgien, drei in Russland, einer in Taiwan. Die installierte Gesamtleistung sank dadurch bis Ende 2025 auf 369.000 Megawatt, stieg bis Mitte 2026 aber wieder auf 375.000 Megawatt und erreichte damit einen Höchstwert.
Von 2006 bis 2025 wurden weltweit 104 Atomreaktoren neu ans Netz genommen und 106 stillgelegt.
Bei Redaktionsschluss des Reports, also im Sommer dieses Jahres, waren 73 weitere Reaktoren im Bau, zehn mehr als ein Jahr zuvor und so viele wie seit 1987 nicht mehr. 37 davon entstehen allein in China. Russland wiederum beherrscht das internationale Geschäft: Von den 29 in Bau befindlichen Anlagen russischer Kraftwerksbauer stehen sieben im Inland und 22 in neun anderen Staaten. Außerhalb Chinas und Russlands bleibt der Neubau überschaubar.
Die längerfristige Bilanz sieht laut WNISR ähnlich aus: Von 2006 bis 2025 wurden weltweit 104 Reaktoren neu ans Netz genommen und 106 stillgelegt. Allein in China gingen 53 Meiler ans Netz und es gab keine Abschaltung. Außerhalb der Volksrepublik sank die Zahl der Reaktoren um 55 und deren Leistung um fast 31.000 Megawatt. Zugleich altert der Bestand: Das Durchschnittsalter der laufenden AKW beträgt knapp 33 Jahre, mehr als jedes dritte ist mindestens 41 Jahre alt.
Einen eigenen Schwerpunkt widmen die Autor*innen den zuletzt viel gepriesenen Small Modular Reactors (SMR). Die Kernaussage zu diesen Mini-Atomreaktoren ist deutlich: Der reale Entwicklungsstand hinkt den politischen Versprechungen und dem medialen Hype weit hinterher. Trotz massiv steigender staatlicher Unterstützung und öffentlicher Fördergelder in Milliardenhöhe gibt es laut Bericht kaum messbare Fortschritte bei der kommerziellen Umsetzung. Auch bei den SMR bleibt die Entwicklung weltweit extrem abhängig von staatlichen Subventionen. Ein marktfähiges, rein privatwirtschaftliches Modell zeichnet sich nicht ab.
Auch hier sind es die zwei Länder, die SMR-Konzepte real testen oder betreiben. China testet den Demonstrationsreaktor Linglong One, während Russland schwimmende und landbasierte SMR vorantreibt. In Kanada wurde 2026 immerhin mit dem Bau eines Reaktors von GE-Hitachi am Standort Darlington begonnen. In den USA fließen zwar hohe Fördermittel an Firmen wie Terra Power von Microsoft-Gründer Bill Gates, X-energy oder Kairos Power, eine kommerzielle Nutzung ist jedoch noch Jahre entfernt. Auch Baugenehmigungen gibt es bislang keine. Die EU wiederum hat sich großspurig zum Ziel gesetzt, erste SMR bis Anfang der 2030er Jahre einsatzbereit zu haben – die Autor*innen des Statusberichts ziehen die Machbarkeit dieses Zeitplans aber stark in Zweifel.
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Source: nd