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Drei Kameradinnen im Kino | Milena Aboyan: »Der Schmerz und das Leid sind real«
Erfahrungen von Rassismus, Klassismus und Sexismus: Milena Aboyan hat den Roman »Drei Kameradinnen« fürs Kino adaptiert. Ein Gespräch
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Die Freundschaft der drei jungen Frauen ist geprägt von tiefer Solidarität. Foto: IMAGO/Alexander Gonschior Sie haben das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den Roman von Shida Bazyar zu verfilmen?
Das war kurz vor dem Dreh meines ersten Films »Elaha«. Der Produzent Benjamin Zerhau hat mich angerufen und gesagt, er habe »Drei Kameradinnen« gelesen und finde es großartig – ob wir es nicht adaptieren wollten? Ich kannte das Buch und fand es ebenso großartig. Vor allem die Schilderung der Freundschaft der drei Frauen hat mich wirklich beeindruckt. Aber es zu adaptieren? Ich dachte, das sei nicht möglich. Es wird nicht chronologisch erzählt, sondern springt von A nach B, ohne Einleitung, ohne Schluss. Ich habe gesagt: »Lass mich erst mal ›Elaha‹ zu Ende drehen.« Später habe ich Shida Bazyar getroffen, mit ihr gesprochen und dachte dann: »Lass uns das doch einfach wagen!«
Die Freundschaft der drei jungen Frauen ist geprägt von tiefer Solidarität und einem offenen, kritischen Umgang miteinander. Wie würden Sie ihre Beziehung charakterisieren?
Diese drei Frauen teilen ihre frühesten kindlichen Erinnerungen, kennen ihre Höhen und Tiefen. Sie mussten viel aushalten: Rassismus, Sexismus und Klassismus. Entweder geht eine Freundschaft unter einem solchen Druck kaputt oder man verbündet sich zu Kamerad*innen. Es ist spannend, weil die drei sehr verschieden sind. Hani ist stark assimiliert. Sie verschließt die Augen vor Problemen und sagt: »Wenn wir schon eine Minderheit sind: Lasst uns keine heulende Minderheit sein!« Dann gibt es Saya, die von klein auf einen Sinn für Ungerechtigkeit hat und eine unbändige Wut in sich trägt. Und da ist Kasih, die versucht, alles in Balance zu halten. Die Geschichte beginnt in dem Moment, in dem Saya vermeintlich einen Brandanschlag verübt hat. Da stellt sich die Frage: Kommt es zum Bruch? Kippt die Freundschaft?
Milena Aboyan lebt und arbeitet als Regisseurin und Drehbuchautorin in Hamburg. Sie wurde in Armenien geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Sie absolvierte eine Schauspielausbildung, bevor sie an der Filmakademie Baden-Württemberg Drehbuch und Regie studierte. Ihr Abschlussfilm »Elaha« (2023) feierte auf der Berlinale in der Sektion Perspektive Deutsches Kino Premiere. 2023 führte Aboyan beim Tatort »Überlebe wenigstens bis morgen« Regie. »Drei Kameradinnen« ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Shida Bazyar, die 2026 für »Die Lücken« mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.
In der Erzählung ist vieles unklar: Was ist Fiktion, was ist Wirklichkeit? Wie haben Sie diese Mehrdeutigkeit filmisch umgesetzt?
Für mich als Regisseurin war sofort klar: Saya hat den Brandanschlag nicht verübt. Es geht um die Art, wie Menschen darüber sprechen, wer zur Zielscheibe wird und welche Narrative gestärkt werden, um die eigene Wahrheit ins Bild zu pressen. Es geht viel um erfundene Wirklichkeit, wie sie einige Medienhäuser verbreiten. Vor allem geht es um Kasih, die im Film die Möglichkeit bekommt, ihre Geschichte einer Journalistin zu erzählen. Mit Kasih haben wir eine unzuverlässige Erzählerin, die nicht linear berichtet. Im Roman geht es auch um die NSU-Prozesse, aber davon wollten wir uns entfernen, weil wir sonst sehr faktentreu hätten vorgehen müssen. Im Zentrum stehen keine realen Ereignisse, aber Themen, die uns in der Realität zu schaffen machen. Am Ende erfahren wir, dass Kasih gelogen hat. Aber der Schmerz und das Leid sind real – und das haben wir versucht, in unserem Film zu erzählen.
Während in einem Roman vieles im Unklaren bleiben kann, gibt Film mehr preis, weil Bilder zu sehen sind und Sprache zu hören ist. Wie sind Sie mit Unklarheiten umgegangen?
Das war tatsächlich eine Herausforderung. Im Buch erfahren wir zum Beispiel nichts über die Herkunftsländer der Eltern der drei Frauen. Es wird angedeutet, dass Hani aus einem Land kommt, wo Krieg herrscht. Sayas Mutter musste sich in den Bergen verstecken. Sie könnte also eine kurdische Freiheitskämpferin sein. Im Film ist so etwas eindeutiger, da mussten wir selbst entscheiden. Ich habe Shida Bazyar bewusst nicht gefragt, weil ich gesagt habe: Das ist meine Interpretation, Buch und Film sind etwas anderes.
Kasih sagt zu Anfang des Films: »Ich bin nicht die Ausgeburt der integrierten Gesellschaft und nicht das Mädchen aus dem Ghetto.« Welche Rolle spielt die Auseinandersetzung mit Stereotypen und Zuschreibungen?
Mir war wichtig, einen Unterhaltungsfilm zu machen. Visuell haben wir uns Mühe gegeben, dass alles ein bisschen »glänzender« aussieht und keine Bilder gezeigt werden, die man kennt. Es gibt einen Moment, in dem Kasih sagt: »Man sagt, dass wir in einer sozial schwachen Gegend aufgewachsen sind, aber ich habe dort die sozial stärksten Menschen kennengelernt.« Wir beginnen die Erzählung mit dem Bild von einem Ort, an dem Spritzen auf dem Spielplatz liegen und wo Menschen Müll aus dem Fenster werfen. Das bestätigt Vorurteile. Aber im nächsten Bild brechen wir damit und zeigen: Es gibt hier Menschen, die miteinander teilen und bei denen es offene Türen gibt. Ich möchte das gar nicht romantisieren. Wir sollten Armut ernst nehmen. Trotzdem sind stereotype Bilder oft falsch. Mit ihnen zu brechen, ist ein Stilmittel, das man nicht zu oft verwenden darf, sonst wird es vorhersehbar.
Wie haben Sie Ihre Protagonist*innen gefunden?
Ich habe die erste Zeile geschrieben und danach sofort Bayan Layla angerufen, weil wir schon »Elaha« miteinander gemacht hatten und einfach gut miteinander arbeiten können. Bayan ist sehr perfektionistisch und geht stark in die Vorarbeit. Am Set haben wir manchmal so wenig Zeit, dass das extrem wichtig ist. Sie hat eine tolle Haltung, das gefällt mir sehr. Manal Raga a Sabit haben wir ganz klassisch gecastet. Sie konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Casting kommen. Aber ich hatte ein Foto von ihr gesehen und dachte: Ich will sie mir nicht entgehen lassen – obwohl wir viele gute Bewerberinnen hatten. Deswegen verabredeten wir uns noch mal mit ihr. Als sie durch die Tür kam und ich ihre Stimme hörte und ihre Haltung sah, dachte ich: »Wow, gut, dass wir noch gewartet haben.« Für Hani haben wir eine Schauspielerin gesucht, bei der man nicht gleich an eine Migrantin denkt. Brikena Ray hat erzählt, dass oft Leute zu ihr sagen: »Krass, du siehst ja gar nicht aus wie eine Albanerin.« Wir mochten die Zartheit sehr, die sie mitbringt.
Wie ging der Austausch mit Shida Bazyar weiter? Hat sie den Film gesehen?
Ja, das war sehr aufregend. Denn das ist eine krasse Verantwortung, ein Buch zu verfilmen. Sie hat die Geschichte auf die Welt gebracht – und es ist plötzlich ein Film. Mir war wichtig, dass sie die erste Filmfassung sehen und Feedback geben würde. Ich hatte Angst, dass es ihr nicht gefallen könnte. Ihre Antwort konnte ich mehrere Tage lange nicht lesen, weil ich so aufgeregt war. Aber sie war wirklich sehr positiv. Ich dachte dann: Egal, wie der Film ankommt, die Romanautorin ist happy, und das macht mich sehr glücklich.
Was würden Sie sich wünschen, wie der Film aufgenommen wird?
Bei der Frage muss ich daran denken, dass wir gerade einen Ausschnitt des Films auf Social Media gepostet haben. Es geht um einen Ladendetektiv mit Migrationshintergrund, der sagt: »Jetzt, wo alle wissen, dass der Anschlag von einer Migrantin verübt wurde, spucken mich die Leute an.« Das ist natürlich überdramatisiert. Es hat nur wenige Stunden gedauert, bis in den Kommentarspalten Dinge standen, die nicht okay und teilweise rassistisch waren. Das hat gezeigt, wie schnell sich Fronten bilden. Der Diskurs ist verhärtet. Ich würde mir wünschen, dass sich Menschen offener begegnen und sich auf eine respektvolle Art und Weise austauschen. Vielleicht kann ich als Filmemacherin dafür eine Diskussionsgrundlage schaffen. Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber wir müssen einander zuhören und die Ansichten anderer akzeptieren.
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