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Doku »Biermann« im Kino | »Das Kollektiv hat sich von mir isoliert«
Jens Meurers Dokumentarfilm stellt einen Biermann von heute ins Zentrum, der sich selbst immer in seinen Volten kommentiert
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Ein Sänger zur Gitarre wollte Biermann eigentlich nicht werden. Foto: Majestic Wir sehen einen Mann, der in diesem November 90 Jahre alt wird, am Ostseestrand. Er streift seinen Bademantel ab und wirft sich ins Wasser. Er schwimmt – Freistil! Wie ein altersloser Profi. Wolf Biermann hat in allen Lebenslagen den Freistil bevorzugt, vor allem wohl, weil man damit als Schwimmer immer die beste Figur macht.
Auch vor der Kamera im zweistündigen Dokumentarfilm »Biermann« von Jens Meurer macht der alte Barde bella figura. Bei allem, was man gegen ihn einzuwenden hat, muss man sofort zugestehen, dass er, vor allem mit der Gitarre in der Hand, immer noch zu faszinieren vermag. Das muss man erst mal schaffen – über 60 Jahre lang!
Ein Sänger zur Gitarre wollte er eigentlich nicht werden, oder höchstens nebenbei. Wolf Biermann war 1953 – mit 16 Jahren – aus Hamburg in die DDR gekommen, von der Mutter geschickt ins gelobte Land des Sozialismus, um dort den Kommunismus aufzubauen. Schließlich musste die Mission des Vaters Dagobert Biermann fortgesetzt werden. Der jüdisch-kommunistische Werftarbeiter war in Auschwitz ermordet worden. »Ich dachte, die DDR ist das bessere Deutschland«, so Biermann.
Nach nicht langer Zeit im Osten kam Biermann ans Berliner Ensemble, wurde Regieassistent bei Helene Weigel und wollte als Bühnenautor und Regisseur erfolgreich werden. Mit Brigitte Soubeyran initiierte er das Berliner Arbeiter- und Studententheater b.a.t., um dort als Erstes sein Stück »Berliner Brautgang« (über die Liebe in Zeiten der Mauer) herauszubringen. Die Inszenierung wurde verboten, die gerade begonnene Theaterkarriere war schon vorbei – und Biermann blieb nur seine Gitarre, an der er sich festhalten konnte.
Brigitte Soubeyran, die aus Paris ans Berliner Ensemble gekommen war, brachte ihn dazu, Lieder so zu singen, dass sie anders als gewohnt klangen. Nicht so wie Brechts Moritatensänger Ernst Busch, aber auch nicht so, wie Hanns Eisler (der ihn förderte) sich Liedgesang vorstellte. Oder doch, von allem ein wenig.
In Frankreich war es Georges Brassens, den ihm die Soubeyran als Vorbild empfahl. Eher ein Barde von der Straße als einer aus den Salons. Mit einem vorsätzlich dreckigen Charme, so wie man sich François Villon vorstellt. So etwas kannte man in Berlin bislang nicht. Natürlich auch jederzeit nahe an der aggressiven Zärtlichkeit eines Wladimir Wyssozki in Moskau, aber von ihm spricht Wolf Biermann nicht.
Natürlich schreibt er seine Texte selbst, das macht ihn zum Prototyp des Liedermachers. Zum Störfall auch, zum Ärgernis für die Funktionäre, die den ständig dröhnenden Lautsprecher nicht still stellen konnten. Nach seinem Kölner Konzert vom 13. November 1976 ließ man ihn nicht mehr ins Land.
Der in der DDR sofort einsetzende Protest gegen seine Ausbürgerung war enorm; angeführt von Stefan Heym und Stephan Hermlin, waren es zuerst Künstler, die sich den Ernstunterzeichnern des Protestbriefes anschlossen. Damit sich »das Ausbürgern nicht einbürgere«, so Heym. Die Ausbürgerung wurde nicht zurückgenommen, die Unterzeichner dagegen schikaniert – und so begann in der Folge der große Exodus gen Westen und damit das Ende der DDR.
Das alles hat sich denen, die es miterlebten, eingebrannt, auch mir als damals elfjährigem Pionier. Ich weiß noch, dass ich als Agitator des Gruppenrates zu einer Schulung musste, wo es hieß, dieser Biermann (den wir gar nicht kannten) habe die DDR verraten, und deshalb musste man ihn bestrafen. Das sei für uns aber gar nicht schlimm, so die Schulungsleiterin, einen Miesmacher wie diesen Biermann bräuchten wir nicht. Schlimmer wäre es, so fügte sie plötzlich aufgeheiterten Tons hinzu, wenn so ein toller Typ wie Manfred Krug die DDR verlassen würde. Kein Jahr später verließ auch der »tolle Typ« Krug die DDR in traurigem Zorn. Der DDR kamen die Identifikationsfiguren abhanden.
Ein echter Sympathieträger wird Biermann auch mit diesem Film nicht.
Darum kreist Jens Meurers klug gebauter Film, der einen Biermann von heute ins Zentrum stellt, der sich selbst immer in seinen Volten kommentiert. Dieses Filmprojekt sei wie eine »Geisterbahnfahrt durch sein Leben«, so Biermann. Er gehört zu jenen, von denen man sagt: Solange sie sprechen, haben sie recht. Armin Mueller-Stahl, noch einige Jahre älter als Biermann, spricht in seiner wohlüberlegten ruhigen Art über Biermann, nennt ihn einen »Egomanen«, aber einen, der etwas zu sagen habe.
Meurer folgt in seinem Film der Chronologie, lässt sich nur selten auf polemische Nebenpfade locken. Wenige Stimmen von Freunden von einst. Wobei Biermann und Freundschaft ein heikles Thema ist. Stephan Hermlin, der Biermann auf dem Lyrikabend der Akademie der Künste 1962 entdeckt hatte und später von Biermann abscheulich beschimpft wurde, konstatierte, dieser habe die Neigung, seine Freunde wie Feinde zu behandeln.
Jede Art von reformsozialistischer Idee in der DDR war mit dem Namen Wolf Biermann verbunden. Hauptfeind Biermanns war wohl der SED-Generalsekretär Erich Honecker. Dessen Frau Margot Honecker, DDR-Bildungsministerin, hatte während der Nazi-Zeit in der Hamburger Kommunisten-Familie Biermann Zuflucht gefunden, hielt später wohl auch darum lange die schützende Hand über ihn.
Biermann zügelt heute noch, wenn es um Margot Honecker geht, seine Polemik. Als in einem Fernsehgespräch mit Peter Voss dieser sich einmal wegwerfend über die in der DDR wegen ihres Dogmatismus nicht besonders geschätzte Margot Honecker äußerte und Biermann dem zustimmen sollte, wehrte dieser auffällig brüsk ab: Dafür sei sie doch viel zu klug gewesen! Gilt hier das Prinzip »große Schwester, kleiner Bruder«?
Biermann steckt so voller Widersprüche, dass man staunt, wie er selbst damit offenbar so gut zu leben vermag. Ist das dialektische Lebensphilosophie? Den Wettstreit, wer die wahren und wer die falschen Kommunisten sind, hatte Biermann schon in den 80er Jahren für sich beendet, als er in Paris lebte. Plötzlich war ihm dieses deutsch-deutsche Gezänk zuwider.
Der Film nimmt Szenen aus dem über vierstündigen Kölner Konzert von 1976 immer wieder leitmotivisch auf. Dieser Tag, als er vor über 7000 Menschen auftreten konnte, sei wohl der glücklichste seines Lebens gewesen, sagt er heute. Endlich raus aus dem Wohnzimmer! Hier spielte er auch erstmals das Lied vom »Preußischen Ikarus«.
Dem Höhenflug folgte der Absturz nach der Nachricht seiner Ausbürgerung. Mit den Westlinken konnte er genauso wenig anfangen, wie diese mit ihm. Und als er endlich am 1. Dezember 1989 wieder in der Wende-DDR in Leipzig auftreten konnte und sang: »Verkauft nicht die ganze bankrotte DDR«, muss er wohl gespürt haben, dass da eine Fremdheit zwischen ihm und dem Publikum war. Jedenfalls begann er sehr schnell – noch vor seiner Attacke auf das »Arschloch Anderson« (der Prenzlauer-Berg-Dichter Sascha Anderson war IM des MfS gewesen) –, die Ostler zu beschimpfen, wie man auch im Film sieht und hört. Jetzt könnten sie endlich den aufrechten Gang lernen, denn bisher seien sie doch nur gekrochen und feige gewesen. Und immer so weiter bis heute.
Nein, ein echter Sympathieträger wird Biermann auch mit diesem Film nicht. Wollte er wohl auch nie sein. Er verteidigte den Krieg auf dem Balkan, ebenso den im Irak, lobte Helmut Kohl als Kanzler (sodass sogar Friedrich Schorlemmer ihn einen »Wendehals« nannte), ist gern gesehener Gast bei der CSU, beschimpft die Linken pauschal als unverbesserliche Stalinisten.
Aber kann man es ihm ernsthaft übel nehmen bei so vielen Metern Stasi-Akten über ihn? Da hat sich offenbar ein Kapitel endgültig geschlossen. Doch seine Bonmots haben immer noch etwas, so, wenn er seinen Lebensgang resümiert: »Ich bin der Einzelne. Das Kollektiv hat sich von mir isoliert.«
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