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Politics · nd · 2h

Die gute Kolumne | Rechtsextrem? Ein gutes Gefühl

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Gesucht wird ein Blitz aus heiterem Himmel oder etwas ähnliches: Aber bitte erst nach dem Abendessen beim Bundespresseball. Foto: dpa/Annette Riedl Anscheinend glaubt man in deutschen Redaktionen noch immer, man könne die Wählerschaft der Rechtsextremen zur Besinnung bringen, indem man ihr im gefühlt tausendsten Artikel mitteilt, dass das Programm der Blaulackierten »nicht finanzierbar« sei. Als würde dieser Umstand jemanden, der »Ausländer raus« brüllend durch die Straßen läuft, davon abhalten, sie zu wählen. Wie stellt sich der durchschnittliche deutsche Medientrottel das vor? Vielleicht so:

Deutscher Medientrottel: »Wussten Sie, dass das, was da in dem Programm der Partei steht – also dass aus allen öffentlichen Brunnen Sachsen-Anhalts künftig täglich Freibier für alle Deutschen hervorsprudeln soll, die ihre Abstammung zweifelsfrei nachweisen können –, dass das nicht finanzierbar ist?«

Befragter sachsen-anhaltischer Passant: »Oh! Ach, tatsächlich? Das war mir nicht bekannt. In diesem Fall werde ich meine Wahlentscheidung selbstverständlich unverzüglich ändern und eine andere Partei wählen, die nachweislich ein finanzierbares Wahlprogramm vorgelegt hat. Vielen Dank Ihnen für diese wichtige Information!«

Selbst am gestrigen Wahlabend wurde in der ARD frech behauptet, es handele sich »bloß« bei 40 Prozent der Wählerschaft um Rechtsextreme oder Personen, die »weit rechts« stünden.

Oder deutsche Journalisten sind dem Irrglauben verfallen, die verführten oder verwirrten Wähler wüssten nicht, wen sie da wählen, und müssten daher dringend aufgeklärt werden über den wahren Charakter der so beliebten Partei (»in Teilen rechtsextremistisch«, »gesichert rechtsextremistisch«). Deshalb verweisen diese Journalisten gelegentlich mahnend auf Parallelen zwischen der populären Rechtsaußenpartei und der NSDAP, darauf, dass hohe Parteifunktionäre früher Hitlergrüße gezeigt haben oder einmal Führungskader dieser oder jener verbotenen rechtsextremen Organisation waren, dass sie den einen oder anderen Diktator der Gegenwart glühend verehren, dass sie die Erinnerung an die NS-Zeit »ausradieren« wollen oder dass in den rechtsextremen Wahlprogrammen erschreckenderweise noch weitere rechtsextreme Forderungen aufgestellt werden. Tja, wer hätte das gedacht.

Diese Journalisten scheinen ernsthaft anzunehmen, dass den Wählern, wenn man sie nur ausreichend informieren und belehren würde, schlagartig ein Licht aufginge, dass dann die Erkenntnis sie träfe wie ein Blitz aus heiterem Himmel und dass sie sich besännen und anschließend empört von der Partei abwendeten. Hmm. Wie realistisch ist diese Annahme angesichts von Wählern, die bei Wahlkampfveranstaltungen auch schon mal »Sieg Heil!« oder »Vergasen!« rufen, die in jedem Straßeninterview ihrem dringenden Bedürfnis, diese oder jene Personen abzuschieben, aufzuknüpfen oder abzuknallen, lautstark und unverhohlen Ausdruck geben und von denen etliche auch darüber hinaus ihre Unbelehrbarkeit und ihre Neigung zu Gewaltbereitschaft freimütig ausstellen? Antwort: nicht sehr realistisch.

Man glaubt auch noch immer, die Anführerfiguren der Partei durch Befragungen »stellen«, »entzaubern« oder ihre wahren Absichten enthüllen zu können. Doch diese Absichten verstecken sie gar nicht, sondern schreiben sie in ihre Social-Media-Profile und ihre Wahlprogramme. Und auf Fragen antworten sie entweder ausweichend, abwehrend, lügend oder Floskeln und Propaganda vortragend. Nach demselben Schema verlaufen im Übrigen auch die meisten Versuche, Gespräche oder Interviews mit den Wählern zu führen: »Wissen Sie, dass die Partei gesichert rechtsextremistisch ist?« – »Ach, hören Sie mir doch damit auf!« – »Der Kandidat da ist ein Holocaust-Leugner, Frauenverprügler, Schwulenhasser, Rassist und hat mehrere Vorstrafen wegen Betrugs und Körperverletzung.« – »Ja, der Kandidat spricht mir ganz aus dem Herzen!« – »Was genau finden Sie daran gut?« – »Alles. Die bringen frischen Wind.« – »Können Sie ein Beispiel nennen?« – »Die sprechen das Volk an!« – »Wussten Sie, dass die Partei die Rechte von Vermietern und Konzernen stärken will und Mieter und Arbeitnehmer schwächen?« – »Ich wähl die trotzdem.« – »Sind Sie Mieter?« – »Ja.« – »Warum wollen Sie denn dann eine Partei wählen, die für Sie von Nachteil sein wird, womöglich Ihre Miete steigen lässt?« – »Egal. Die geben mir ein gutes Gefühl.«

Genauso wenig, wie die Politiker der Rechtsextremen mit Wissen, Fakten oder Argumenten hantieren oder vernünftige Antworten auf Fragen geben, genauso wenig tun das ihre Wähler. Doch während die Funktionsträger der Partei ihre Lügen und ihre Hetze bevorzugt mit pathetischen Motivationstrainerfloskeln (»Alles ist möglich«) tarnen, findet die Stupidität und die Niedertracht der auf Wahlkampfveranstaltungen befragten Wähler ihren Niederschlag in der offenen Bekundung faschistischer Vernichtungsfantasien (»Alles ausmisten«).

Kommt wirklich niemand auf den naheliegenden Gedanken, dass, wenn eine Partei ankündigt, ihre zentralen gesellschaftlichen Vorhaben seien Barbarei und Rückverdummung, sich ausreichend Barbaren und Rückverdummte finden, die sich eine solch ideale Gesellschaft, allem Anschein nach entworfen von einer Bande Lodenjoppen-Taliban mit dissozialer Persönlichkeitsstörung, immer erträumt haben?

Jahrzehntelang wollte man nicht zugeben – und will es bis heute nicht –, dass viele Deutsche den Nationalsozialismus nicht »aufarbeiten« wollen, sondern ihm nachtrauern. Man hat in der jüngeren Vergangenheit in den Medien alles versucht, um die politische Überzeugung und die Infamie dieser Menschen zu relativieren. Man hat ihnen sogar neue Namen gegeben, nur um sie nicht »Neonazis« nennen zu müssen: »Patrioten«, »Nationalkonservative«, »Bürgerliche Libertäre«, »Neue Politische Mitte«, »Bürger mit einer positiven Grundeinstellung zu deutscher Identität«.

Oder man hat sie als »Enttäuschte«, »Frustrierte«, »Politikverdrossene« verharmlost oder zu »Protestwählern« geadelt, ohne wahrhaben zu wollen, dass ihr antizivilisatorisches Treiben keine Verirrung ist, sondern zwingende Folge der Utopie, die ihnen vorschwebt: ein autoritäres Staatswesen, in dem den vermeintlich Fremdländischen, den Feministinnen, den Linken und sämtlichen von rigorosen Normvorstellungen Abweichenden möglichst unverzüglich das Maul gestopft wird. Deutschland, aber normal. Selbst noch am gestrigen Wahlabend wurde in der ARD frech behauptet, es handele sich »bloß« bei 40 Prozent der Wählerschaft um Rechtsextreme oder Personen, die »weit rechts« stünden. Leider wurden die restlichen 60 Prozent von Jörg Schönenborn nicht genauer in seine fiktive 50-Shades-of Brown-Skala eingeordnet. Die genauen Abstufungen und Nuancen hätten mich schon interessiert.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Sorte bessere Zukunft, die von diesen sogenannten Patrioten imaginiert und angedroht wird, nicht besser heute als morgen verhindert werden sollte.

Sicher ist jedenfalls: Früher oder später – hierzulande traditionell eher später – wird man wohl eingestehen müssen, dass Rechtsextreme rechtsextreme Dinge tun und ihr Personal, ihre Unterstützer und ihre Wähler sich aus Rechtsextremen rekrutieren.

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Source: nd