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Deutschland in der japanischen Popkultur | Hitler, Fachwerk, Dragonballs

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Egal, ob Frau mit riesigen Kulleraugen oder Mann mit hässlichem Schnauzer, böse bleibt böse. Foto: Mag Garden Er scheint überall aufzutauchen: Im Animefilm »Dragon Ball Z: Fusion Reborn« spaziert er persönlich aus dem Höllentor, in »Lupin III: The First« konnte er angeblich nach Südamerika fliehen, und in der Serie »Petals of Reincarnation« kehrt er als kleines japanisches Mädchen wieder, wenn auch mit denselben mörderischen Absichten. Adolf Hitler ist eine Konstante innerhalb der japanischen Manga- und Anime-Landschaft. Der ultimative Bösewicht, der gar nicht erst als solcher vorgestellt werden muss, weil er allen ein Begriff ist. Doch Hitler ist nicht das einzige deutsche Erbe, das man regelmäßig in japanischer Popkultur, vor allem in Manga- und Anime-Serien wiederfindet: Fachwerkhäuser in »Attack on Titan«, Schopenhauer-Zitate in »Neon Genesis Evangelion«, historische Gebäude aus Kaiserreichszeiten in »Fullmetal Alchemist«, »A Little Snow Fairy Sugar« und den beliebten Studio-Ghibli-Filmen. Doch die Romantisierung des historischen Deutschlands wird spätestens mit einem Blick auf die deutsch-japanische Vergangenheit unheimlich. 

Die beiden Nationen waren lange vor ihrer Verbrüderung als Achsenmächte miteinander verbandelt. Weit vor dem 20. Jahrhundert waren sie bereits durch den Handel verbunden und während seiner wirtschaftlichen Öffnung, der sogenannten Meiji-Restauration, nahm sich das japanische Kaiserreich das deutsche zum Vorbild. Als das Bürgerliche Gesetzbuch in Deutschland 1900 in Kraft trat, übernahm Japan dieses, preußische Soldaten bildeten das dortige Militär aus und in der Vorkriegszeit lieferte der Inselstaat aus seinen besetzten Ländern umfassende Ressourcen in das Dritte Reich. Dass beide Nationen aggressive Großmachtambitionen hatten und sich dank der räumlichen Distanz nicht in die Quere kamen, führte 1936 zu deren Schulterschluss. 

Selbstkritische Filme, reale wie animierte, muss man mit der Lupe suchen. Stattdessen werden Verbrechen geleugnet, relativiert oder revidiert.

Diese blutige, auf Rassismus und Kolonialismus fußende Allianz findet in der japanischen Anime- und Manga-Szene nur wenig Beachtung. Zwar lassen sich durchaus militär- und kriegskritische Titel finden (allen voran »Wie der Wind sich hebt« und »Adolf«), eine Ausnahme bleiben sie trotzdem. Selbst wenn Werke wie »Die letzten Glühwürmchen« und »Barfuß durch Hiroshima« den Zweiten Weltkrieg direkt thematisieren, bleiben sie auffallend oft bei dem eigenen Leid und den Auswirkungen der Atombomben.

Auch im Westen sind der japanische Faschismus, seine Massenmorde im Südosten Chinas sowie der Kolonialismus in Korea und anderen ostasiatischen Ländern kein häufiges Gesprächsthema. Die Schemen der Gräuel sind bekannt, ihr Ausmaß und wie es heutige politische Linien beeinflusst, dagegen kaum. Dabei sorgen das Massaker von Nanking, die Trostfrauen und Hunderttausende Menschenversuche der Einheit 731 bis heute für Diskussionen in mehreren asiatischen Ländern, während sich Japan gegen eine politische wie kulturelle Aufarbeitung der eigenen Historie stellt. 

Verglichen mit Deutschland, das sich in jedem Medium und mit schwankendem Erfolg mit dem Holocaust und der eigenen Kriegsschuld auseinandergesetzt hat, sieht die japanische Vergangenheitsbewältigung anders aus. Selbstkritische Filme, reale wie animierte, muss man mit der Lupe suchen. Stattdessen werden Verbrechen geleugnet, relativiert oder revidiert.

Animes und Mangas sind ebenso Ausdruck kultureller Soft Power wie es James Bond für Großbritannien, und in zweiter Instanz die westlichen Werte waren, die er zu Zeiten des Kalten Krieges auch auf der Leinwand gegen die Sowjetunion verteidigte.

Besonders auffallend ist aber die wiederkehrende Romantisierung von Deutschland, speziell der Kaiserzeit, obwohl die Bundesrepublik nicht einmal der größte Absatzmarkt für die Industrie ist und hinter Nordamerika, China und Indien zurückliegt. Trotzdem sind Fachwerkhäuser, wilhelminischer Baustil und deutsche Charakternamen zu etwas Alltäglichem geworden. Animes wie »Elfen Lied«, »Frieren« und »Weiß Kreuz« setzen die deutschen Worte gleich in den Titel. Und »Legend of the Galactic Heroes« (im japanischen Original noch grammatikalisch falsch als »Heldensagen vom Kosmosinsel« betitelt) aus den 1980ern lässt in großen Raumschlachten Namen wie Reinhard von Lohengramm, Rudolf von Goldenbaum und Lord Braunschweig aufeinandertreffen.

Mit dieser ständigen Präsenz deutscher Identität geht eine Romantisierung einher, eine Überhöhung der historischen Kaiserzeit. In Animes und Mangas lernt das Publikum diese nur durch Postkartenmotive kennen, nicht aber durch seinen Autoritarismus und die Kolonialherrschaft. Als Destillat bleiben nur deutsch klingende Namen, ansehnliche Altbauten und die Impression einer »guten alten Zeit«. Die Welten werden zwar nicht direkt als Deutschland oder Kaiserreich bezeichnet, dafür aber mit verräterischen Namen wie »Germania« in »Izetta: The Last Witch«. »Monster« ist eine der wenigen Ausnahmen, spielen der Manga und seine Verfilmung doch in den deutschen 1990ern, in Düsseldorf und Heidelberg mitsamt Edeka-Schild. Im starken Kontrast zu den sonstigen schön gefärbten Blicken auf Deutschland sieht man hier eine kalte, abweisende Bundesrepublik und den Aufstieg des Neonazismus. In Serien wie »Hellsing« und »JoJo’s Bizarre Adventure« tauchen zwar auch Nazis auf, doch nur als hoffnungslos überzeichnete, bis zur Unkenntlichkeit karikierte Antagonisten. 

Natürlich romantisieren sich Länder oft mit ihrer jeweiligen Kultur, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen. Doch es ist bezeichnend, dass die japanische, in diesem Fall gezeichnete Kulturindustrie einen so starken Bezug auf das historische Deutschland hat. Unter Freund*innen der japanischen Popkultur gibt es seit Langem die Diskussion, wie man diese Nibelungentreue werten soll. Ist es aktiver Geschichtsrevisionismus, antiquierte Verbundenheit oder doch Propaganda? In den meisten Fällen reicht der Befund der kulturellen Osmose, durch die Japan über mehrere Epochen hinweg deutsches Kulturgut aufgesogen und in seine Kulturindustrie integriert hat. Während Animes und Mangas ein romantisches Deutschland zeigen und mit einem wiederkehrenden Hitler-Gespenst gleichzeitig jede Anklage der Glorifizierung von sich weisen können, bleibt der fade Beigeschmack historischer Nostalgie.

Trotz der bewusst verengten Darstellung deutscher Geschichte kann man das Schauen und Lesen von Animes und Mangas nicht durchweg kritisieren. Zwar weisen beide wie ihr Entstehungsland allzu oft ein antiquiertes Frauenbild auf, das delegitimiert aber nicht die Kunstform an sich. Gleiches gilt für die Romantisierung des Deutschtums. Trotzdem wäre mehr Kritik am historischen Deutschland auch in gezeichneter Form wünschenswert. 

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Source: nd