Germany · nd · · 2h
Der Herbst kommt | Kein Bett im Kornfeld
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Endlich wieder nichts los draußen. Der Herbst ist im Anmarsch. Foto: Antranias!/Pixabay Selbstverständlich reden heute viele Berlinerinnen und Berliner über das Wahlergebnis, als gäb’s nichts Unangenehmeres, über das man zum Wochenbeginn entspannt plauschen könnte (z.B. Erderwärmung, Krieg, Mikroplastik, Faschisierung, Artensterben, Wasserprivatisierung, Welthunger, Ulf Poschardt usw.), doch die Wahl in der Hauptstadt soll uns an dieser Stelle nicht interessieren. Deren Auswertung und Analyse wollen wir den Politikjournalisten überlassen, die heute und in den kommenden Tagen zum wiederholten Mal darlegen werden, warum jene Menschen, die die Neonazipartei gewählt haben, keine Neonazis sind, und detailliert aufschlüsseln werden, welche der rechnerisch möglichen Koalitionsregierungen es voraussichtlich sein wird, die in Berlin künftig die Menschen kujoniert, die Stadt weiter verelenden lässt und die Gelder im Sozial- und Kulturbereich zusammenstreicht.
Widmen wir uns stattdessen einem weitaus erfreulicheren Thema: dem Ende des Sommers. Wie lange mussten wir ihn nun geduldig ertragen und seine frechen Kapriolen wehrlos hinnehmen? Schon bevor morgens die ersten zarten Sonnenstrahlen den Erdboden erreichten, hob ein Krakeel und Gekeife der Vögel an, gegen das eine Katastrophenalarmsirene wie eine Bach-Kantate anmutet.
Wer einen feinen Geruchssinn hat, kann zwischen den Autoabgasen den angenehm bitteren Rauch der ersten in Betrieb genommenen Kohleöfen erschnuppern.
Dann musste man die unerträglich langen hellen Tage aushalten, an denen die Menschen sich abends lange im Freien aufhielten, enthemmt herumramenterten und sich verbissen weigerten, nach Hause zu gehen. Auf jedem armseligen Fleckchen Wiese, das in der Hauptstadt noch existiert, rotteten sich täglich Personen zusammen, um stundenlang Tierleichenteile zu verbrennen und zu verspeisen (»Grillen«), und nach dem Ende ihres abstoßenden Rituals hinterließen sie nichts als verbrannte Erde, Asche und Verpackungsmüll.
Auf sogenannten Straßenfesten kam es zu unansehnlichen Menschenaufläufen, die sich aus freien Stücken beschallen ließen von viertklassigen Hobbymusikanten, die bedenklich klingende Horrorversionen von »Lambada«, »Geronimo’s Cadillac« und »Ein Bett im Kornfeld« darboten. Permanent musste man, sobald man die heimischen vier Wände hinter sich ließ, den Anblick halbnackter, verschwitzter Männer ertragen, die in der sengenden Mittagshitze auf hässlichen Monobloc-Stühlen lümmelten, in ihr Smartphone hineinredeten und die Gehwege verstopften oder bis spätnachts bierflaschenschwenkend durch die Straßen paradierten.
Das ununterbrochene Geschrei der Menschenwesen, das aus dem nahegelegenen Freibad drang, bohrte sich in die Gehörgänge und von dort direkt in die Nervenstränge. Bereits am Mittag sehnte man, weil das Verlangen nach Stille übermächtig wurde, die Dunkelheit der Nacht herbei. Man kauerte, weil es meist keine andere Möglichkeit gab, als empfindsamer Mensch also tagsüber bei verbarrikadierten Türen und Fenstern in einer lichtlosen Ecke seiner Wohnung und zählte die Stunden, während man händeringend auf den Sonnenuntergang wartete.
Doch bald schon werden wir erlöst sein von der Marter der Sommermonate, dieser albtraumhaften Jahreszeit, in der in überfüllten Bussen und Bahnen – denn so dicht aneinandergepresst mussten die Leute da stehen – unsere Nasen tief in der wollhaarigen Achselhöhle unserer Nebenmenschen steckten und wir wehrlos waren gegen den strömenden beißenden Schweiß der Fremden, der unsere Lippen benetzte.
Der Herbst ist nah. Man kann ihn schon riechen. Wer einen feinen Geruchssinn hat, kann schon jetzt zwischen den Autoabgasen den angenehm bitteren Rauch der ersten in Betrieb genommenen Kohleöfen erschnuppern. Die Brüllkinder, Dreiviertelcargohosenmänner und Kinderwagenfrauen ziehen sich nach und nach aus den Parks und Straßen zurück. Und mit ihnen schwinden das die Augen peinigende Giftgrün der sinnlos wuchernden Bäume und Büsche und das grell erstrahlende, quälende Tageslicht. Schon am frühen Nachmittag senkt sich eine beruhigende Dunkelheit über die Stadt und verdichtet sich bis zum Abend zu einer undurchdringlichen Finsternis, die einen zumindest kurzzeitig aufatmen und die Existenz des sogenannten Mitmenschen vergessen lässt.
Thomas Blum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realität. Vorerst wird er sie nicht ändern können, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es nötig wird, auch mal eins überziehen. Damit das Schlechte den Rückzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realität solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle »Die gute Kolumne«. Nur die beste Qualität für die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: dasnd.de/diegute
Tagsüber kann man sich in der jetzt anbrechenden Jahreszeit endlich unbedenklich zu Fuß ins Freie wagen und Berlins natürliche Farben genießen, die nun, da sie nicht mehr länger vom unbarmherzigen Sonnenlicht nahezu unkenntlich gemacht werden, in all ihrer Pracht zur Geltung kommen. In all ihren vielfältigen Schattierungen zeigen sie sich nun: blaßbraun, lehmbraun, matschbraun, sepiabraun, schwarzbraun, staubgrau, aschgrau, zementgrau, steingrau, schwarzgrau, graubraun, braungrau. Die Herbststürme pfeifen angenehm kühlend durch die Straßen, der erfrischende Dauerregen spült erfolgreich die letzten peinvollen Erinnerungen an den Schreckenssommer aus unseren Köpfen.
Ich bin mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft nicht durchgehend November sein müsste. Sicher ist jedenfalls: Jetzt beginnt die schönste Zeit des Jahres. Genießen Sie sie, indem Sie sich nach Herzenslust von vorbeifahrenden Autos mit dem schlammigen, schmutzigen Pfützenwasser bespritzen lassen, das sich neben dem Bordstein sammelt.
Die »nd.Genossenschaft« gehört denen, die sie lesen und schreiben. Sie sichern mit ihrem Beitrag, dass unser Journalismus für alle zugänglich bleibt – ganz ohne Medienkonzern, Milliardär oder Paywall.
→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen in den Fokus rücken → marginalisierten Stimmen eine Plattform geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten anstoßen und weiterentwickeln
Mit »Freiwillig zahlen« oder einem Genossenschaftsanteil machen Sie den Unterschied. Sie helfen, diese Zeitung am Leben zu halten. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source
Source: nd