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DDR-Geschichte | Geschichte bald per Second-hand

Die Bundesstiftung Aufarbeitung wirbt dafür, die Geschichte der Diktaturen des 20. Jahrhunderts zusammenzudenken.

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Das Ensemble des Theaterstücks »Freiheit: Simson« Foto: Tim Jonez Sie scharrt nicht nur schon mit den Hufen, sondern ist bereits losgaloppiert, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Auf zum Erinnerungsderby 2029/30, wenn sich zum 40. Mal die »Friedliche Revolution« in der DDR und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten jähren.

Jahrestage können ein Schlüssel sein, »Türen und Fenster für verantwortliche Politik und Kultur öffnen«, sagte Geschäftsführerin Anna Kaminsky am Dienstag bei der Vorstellung des ambitionierten Unternehmens der Bundesstiftung »40|40: Geteilte Geschichte – Gemeinsame Gegenwart«. Das Jahr 1989 komme einem »Zirkelpunkt« gleich, von dem aus Diktatur- und Demokratiegeschichte in Deutschland erfasst und vermessen werden können. Im Mittelpunkt soll der 9. November stehen. »An diesem Tag trauern wir um die Opfer der Pogrome von 1938 und würdigen den Mut derer, die 1989 den Fall der Mauer möglich machten.« Mit dem Zirkelmaß »40|40« erfasse man zugleich die doppelte deutsche Staatsgründung Anno Domini 1949.

Die Bundesstiftung will Kommunen, Museen, Schulen, Bibliotheken, Verbände und Vereine animieren, schon jetzt Beiträge zu den Erinnerungsjahren 2029/30 zu planen und zu konzipieren, möchte dabei gern beratend zur Seite stehen, helfen, Kontakte zu knüpfen, und Hintergrundmaterial zur Verfügung stellen. Interessierte könnten jederzeit auf das digitale Zeitzeugenbüro und Online-Archiv der Stiftung zugreifen. Zudem könne ab sofort für Recherchen auch ein Historischer Kalenderdienst auf deren Website genutzt werden, der »über 5200 Ereignisse auf den Tag genau aus der Geschichte der kommunistischen Diktaturen in 96 Staaten und Regionen, mit Schwerpunkt DDR« verzeichne, wie Michael Wellmann, Leiter der Abteilung Public History der Einrichtung stolz mitteilte.

Es gebe bereits an die 200 positive Rückmeldungen auf das Angebot des Programmschwerpunktes »40|40«, informierte Jenny Baumann, verantwortlich für diesen. Das kommunale Interesse sei momentan in Westdeutschland größer als in ostdeutschen Bundesländern. Die Stiftung habe unter anderem auch schon das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken angeschrieben, wie man »unsere Ideen beim Katholikentag 2030 einbinden könnte«, und stehe mit der Tour de France im Austausch, die 2029 in Ostdeutschland beginnen soll. Mit von der Partie seien ebenso bereits das Museum der Pfalz in Speyer sowie das Deutsche Historische Institut Paris. Für das Frühjahr 2027 ist ein erstes bundesweites Netzwerktreffen geplant.

Ab Frühjahr 2027 bietet die Stiftung zudem die Plakatausstellung »DNA des Ostens? Jugend im Umbruch«. Vorgestellt werden 16 Menschen, die zwischen 1974 und 1995 in der DDR respektive in Ostdeutschland geboren wurden und aufgewachsen sind. Darunter die Schlagersängerin Stefanie Hertel, die Journalistin Carolin Würfel, die auch die Drehbücher für »Sam – ein Sachse« über den ersten schwarzen Polizisten in Ostdeutschland schrieb, sodann der Fotograf Georg Wendt, wie Würfel gebürtiger Leipziger, aber nunmehriger Wahl-Hamburger, und der Sprecher des 1. FC Union Berlin, Christian Arbeit, der nicht nur mit seinem Podcast für Toleranz wirbt, sondern sich als Vorstandsvorsitzender der Stiftung »Union vereint!« ebenso für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Laut der Ausstellungsbeauftragten der Stiftung Clara Marz können die 20 Tafeln als Poster-Set im DIN-A1-Format bereits vorbestellt werden. Wie alle bisherigen, jährlich erarbeiteten Expositionen ihres Hauses eigne sie sich zur Aufstellung in öffentlichen Gebäuden aller Art.

Doch zurück zum neuen Programmschwerpunkt »40|40«. Worum geht es da konkret? Worin bestehen Antrieb, Anliegen und Ansinnen der sich als »Impulsgeber, Motor und Dienstleister« bezeichnenden Aufarbeitungsbehörde? Die Mehrheit der Deutschen habe Kenntnis von der »Diktatur in Ostdeutschland und in der NS-Zeit nur noch aus zweiter Hand«, konstatiert Anna Kaminsky.

Die Mehrheit der Deutschen habe Kenntnis von der »Diktatur in Ostdeutschland und in der NS-Zeit nur noch aus zweiter Hand«.

In der Tat, die Schar der Zeitzeugen schrumpft nicht nur hinsichtlich der Jahre der faschistischen Diktatur in Deutschland, sondern auch der jeweiligen Gegenentwürfe beiderseits der Elbe nach 1945. Wie kann solides historisches Wissen künftig vermittelt werden? Trägt Second-hand-History? Inwiefern kann sie identitäts- und wertestiftend sein? Wie mit den Lebensumständen der jungen Generation heute verknüpft werden, die ihre eigenen Erfahrungen im verfassungsrechtlich zwar vereinten, aber zwiespältigen Deutschland hat? Auch mit jenen der Heranwachsenden aus migrantischen Milieus, teils traumatisiert von eigenen Diktaturschrecken in ihren Herkunftsländern oder geprägt (per Second-hand) von der Last der Erinnerungen ihrer Eltern und Großeltern.

»Die Transformationszeit in Ostdeutschland wird sehr emotional erzählt und ist bis heute mit Klischees verbunden, zum Beispiel dass der Osten 1990 über den Tisch gezogen und ausgeplündert wurde«, so Anna Kaminsky weiter. Keinesfalls wolle sie Fehler in Politik und Wirtschaft nach der Vereinigung bestreiten, die anfängliche Euphorie in Ostdeutschland in derbe Enttäuschung umschlagen ließen.

Die 1962 in Gera geborene Historikerin verweist auf den enormen Publikumserfolg eines Dokumentartheaters über die schnöde Abwicklung des VEB Simson in Suhl durch die Treuhand: mit dem lakonischen, aber vielsagenden Titel »Freiheit: Simson«. Alle Vorstellungen waren ausverkauft. Anna Kaminsky ist es indes wichtig, davor zu warnen, die Probleme der 90er Jahre »allein tatsächlichen oder vermeintlichen Fehlern von Politik und Treuhand zuzuschreiben und die Folgen von vier Jahrzehnten SED-Diktatur und Planwirtschaft auszublenden«.

Nun, das traurige Ende der für ihre Zwiebelmuster weltberühmten Porzellanmanufaktur Kahla in Thüringen, die dieses Jahres den Betrieb einstellen muss, geht allerdings nicht auf das Konto von Honecker, Mittag & Co. Deren mit dem Verlust von an die 100 Arbeitsplätzen bezahlten Aus nach ruhmreichen 182 Jahren hat mit nach wie vor mangelnder Investitionslust und Konkurrenzegoismus des (west)deutschen Großkapitals zu tun. Ein Thema, dem sich eine ernsthafte und wahrhaftige Aufarbeitung jüngster deutscher Geschichte zuwenden muss. Zumal, wie im konkreten Fall, der Name einer im Osten populären Moped-Marke just schamlos für den Wahlkampf einer rechtsextremen Partei instrumentalisiert und beschmutzt wurde.

Am 18. August dieses Jahres hatte Anna Kaminsky gemeinsam mit Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und Kai-Michael Sprenger, Direktor der Bundesstiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« dafür plädiert, die Debatten über »die beiden deutschen Diktaturen«, NS-Staat und DDR, nicht mehr getrennt zu führen, sondern zu vereinen.

Ist ein Rückfall in Zeiten der Totalitarismusdoktrin, von der sich die seriöse Historiografie und einige Gedenkstätten mit doppelter Vergangenheit längst verabschiedet haben, zu befürchten? Zurück zu einer Gleichsetzung des mörderischen deutschen Faschismus, des eliminatorischen Antisemitismus der Nazis mit dem ostdeutschen Staat, der sich als konsequente historische Lehre und gesellschaftliche Alternative zur Hitler-Diktatur verstand und tatsächlich auch war?

Und worauf zielt die frühzeitig gestartete, akribisch vorbereitete Offensive der Bundesstiftung Aufarbeitung? Auf die Begründung und Zementierung eines homogenen Geschichtsbildes der Deutschen? Eine einheitliche Erinnerungskultur? Ist eine solche wünschenswert? Anna Kaminsky verneint die Nachfrage des »nd« energisch: »Es geht uns nicht um ein gleichgeschaltetes monolithisches Erinnern. Das kann es auch nicht geben. Wie es auch nicht das deutsche Volk, die Westdeutschen und die Ostdeutschen gibt.« Die unterschiedlichsten Erfahrungen seien einzubeziehen, man wolle aber auf »Leerstellen« in der Beschäftigung mit Zeitgeschichte aufmerksam machen.

Ulrich Mählert, verantwortlich für Presse und Kommunikation, ergänzte, dass man sich bei der Entscheidung über die finanzielle Förderung von Projekten im Rahmen des Programmschwerpunktes »40|40« nicht von politischen oder ideologischen Motiven leiten lasse. Der gebürtige 68er aus Neckarsulm bekräftigte als Kriterium Pluralismus. Es warb im Voraus um Verständnis, wenn nicht alle Projekte in den Genuss pekuniärer Unterstützung kämen.

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Originally published bynd
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