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Berliner Ensemble | »Hamlet«: Mit Daddy im Club
Leblos im Staate D: Ersan Mondtag bringt Shakespeares »Hamlet« in einer Bearbeitung von Wilke Weermann auf die Bühne des Berliner Ensembles.
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Heute wieder lustlos auf der Party: Sebastian Zimmler gibt den Hamlet in Ersan Mondtags Inszenierung. Foto: Lukas Städler Ist der Mann eigentlich wahnsinnig? Oder ist das alles nur gespielt? Die Shakespeare-Exegeten streiten sich auf das Vortrefflichste über den Geisteszustand des Prinzen Hamlet. Und auch, wer das Stück der Stücke auf die Bühne bringen will, braucht zumindest eine einigermaßen überzeugende Antwort auf diese Frage.
Bei dem Regisseur Ersan Mondtag, der den »Hamlet« am Donnerstag am Berliner Ensemble zur Premiere gebracht hat, herrscht zumindest in dieser Hinsicht Klarheit: Hamlet, zu Hause in der Clubkultur, leidet offenbar an einer veritablen Drogenpsychose.
Alles andere bleibt einigermaßen verworren an diesem dreieinhalbstündigen Theaterabend. Und doch ist der Trip des Titelhelden nur eine mühsame Behauptung. Rausch und Exzess übertragen sich nicht auf das Publikum. Man muss diese Inszenierung aushalten wie eine misslungene Party.
Mondtag, der auch das Bühnenbild für diese Arbeit verantwortet, hat eine Ruinenlandschaft geschaffen. Verschiedene Räume werden auf der Drehbühne freigelegt. Doch das Spiel darin kennt keine Struktur. Hier existiert das Zentrum der neuen Macht in Dänemark so dahin – das am Schiffbauerdamm mit der Chiffre »Staat D« belegt wird – neben dem Techno-Club, in dem Hamlet seine langen Nächte fristet.
Der Theatermacher Wilke Weermann hat den Shakespeare-Text bearbeitet. Er folgt dem Handlungslauf und der Figurenkonstellation des Elisabethaners recht strikt, gibt aber dem Text hörbar seine eigene Note. So manches Sprachspiel wirkt dabei so gezwungen wie die ganze Inszenierung. Nicht gerade unaufdringlich markiert er immer wieder Gegenwartsbezüge. »Ja, wir erleben eine Zeitenwende«, heißt es gleich zu Beginn. Und spätestens damit hat dann auch jeder kapiert, dass hier die Jetztzeit erklärt werden soll.
Hamlet, so führt Weermann in einem im Programmheft abgedruckten Gespräch aus, sehne sich nach einer vergangenen Ordnung. Die Fortschrittlichkeit der neuen Regierung, die seine Mutter Gertrud und sein ihm zum Stiefvater gewordener Onkel Claudius repräsentierten, lehne er ab. Dadurch werde er zum Reaktionär. Das ist keine naheliegende, aber doch eine sehr originelle Lesart des Dramas. Dass sich davon geradezu nichts in der Inszenierung, aber auch nicht in der Textfassung abbildet, ist bedauerlich.
Sein, nicht sein. Besser sein lassen? Foto: Lukas Städler Aber wenn nicht der reaktionäre Schwarzseher, wie angekündigt, welcher Typ ist Mondtags Hamlet denn? Sebastian Zimmler spielt in dieser Anlage eine wenig plastische Figur. Ein nicht mehr ganz junger Clubgänger ist der Student aus Wittenberg. Koks und sexuelle Ausschweifungen ziehen ihn in einen Club, der »Enter« heißt.
Eher in dezenter Lautstärke wummern die Technobeats, während das Publikum im Live-Video das Treiben verfolgen kann. Aber vom leeren Hedonismus kommt nichts beim Publikum an. Ersan Mondtag ist ein Regisseur, der in seinen Inszenierungen Atmosphären schafft. Darin liegt seine Stärke. Aber an diesem Abend lassen die Club-Klischees eher kalt.
Wenn Hamlet ausgerechnet, nachdem er es gerade besorgt bekommen hat, vom Geist seines getöteten Vaters – der auf den Namen Daddy hört – heimgesucht wird, findet die unfreiwillige Komik Einzug auf der Bühne. Es ist wie ein Horrorfilm ohne Grusel, eine ziemlich langweilige und langatmige Angelegenheit.
Welche Geschichte soll dem Publikum hier verkauft werden? Dem Haderer Hamlet will man so kein inneres Ringen glauben. Eine wirkliche Verhandlung politischer Konflikte kann man auch bei großem Wohlwollen nicht erkennen. Der Dänenprinz verzweifelt nicht an den Verhältnissen; er macht sich kaum die Mühe, sie zu begreifen. Eine Langzeitpubertät taugt nicht zum Staatsskandal.
Hamlets Monolog »Sein oder nicht sein«, wohl der bekannteste der Dramenliteratur, wird so ideenlos aufgesagt, dass man sich wundern muss. Das Berliner Ensemble beschäftigt die interessantesten Schauspielerinnen und Schauspieler in der Hauptstadt. Davon ist kaum etwas zu spüren, wenn eine Inszenierung in der Konzeptionsphase stecken und letztlich leblos bleibt.
Auch die Idee, Hamlet und Ophelia als schwules Paar anzulegen, ist an diesem Abend folgenlos. Pierre Emö gibt Letztere im glitzernden Kleid. Aber im Dunkeln bleibt die Psychologie dieser rätselhaften Figur, vom ersten Verliebtsein bis zum Suizid. Es entsteht der Eindruck einer aufwendigen Produktion mit gigantischem Bühnenbild und schillernden Kostümen, die doch unfertig ist.
Im zweiten Teil des Abends haben die Clubbesuche ein Ende. Szenische Ideenlosigkeit macht sich breit. Der Text wird fleißig heruntergesprochen, bis für einen »Hamlet« ausreichend gestorben wurde. Der Rest ist – Leiden.
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