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Über Wasser | Baden und Schwimmen – durch Zeit und Gewässer

Weil unsere Kolumnistin Magdeburg und die Elbe vermisst, taucht sie ein in die Geschichte – und trifft Schneeaffen und eine Kaiserin mit Tattoo.

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Nahe der ehemaligen Flussbadeanstalt an der Mu­seums­insel wird gegen das seit 100 Jahren bestehende Badeverbot im Zentrum Berlins protestiert. Foto: imago/Virginia Garfunkel Nebel ziehen in die Wiesen, die Vögel längst von dannen. Das Freibad ruht im Blätterrausch, der Sommer ist vergangen. Diesen Herbst werde ich mir an Spree und Havel den Abschied von Magdeburg, Elbe und Seen mit feiner Lektüre erleichtern.

Ein großartiges Sachbuch erzählt von »Abtauchen und Treiben lassen«, Untertitel: Die Geschichte des Badens und Schwimmens. Der Berliner Autor Bernd Brunner nimmt uns mit durch Zeit und Gewässer. Knapp 200 reich bebilderte Seiten zeigen prähistorische Felszeichnungen mit Schwimmenden, Assyrer mit Tauchschläuchen aus Tierhaut, skurrilste Schwimmkleider und Vorrichtungen. Paddelnde Hunde, schwimmende Pferde, badende Schneeaffen und rückenschwimmende Wanzen werden erwähnt. Und der Mensch, der das Schwimmen stets erlernen muss und oftmals scheute. »Bisher ist das Ertrinken Mode gewesen, weil das Schwimmen nicht Mode ist«, wird der Thüringer Pädagoge GutsMuths zitiert. Auf den Begründer der ältesten deutschen Schwimmschule soll übrigens die Schwimmangel zurückgehen.

Anne Hahn ist Autorin von Romanen und Sachbüchern und schwimmt für »nd« durch die Gewässer der Welt.

Als im 19. Jahrhundert das Baden in Flüssen und Seen publik geworden war, näherte man sich vorsichtig den Meeresufern. Das ängstliche Badevolk wurde in englischen Seebädern von sogenannten Dippern reingeschubst und oft auch wieder rausgerettet. In der Ostsee wurde mittels enger Badeschaluppen geplanscht, bis eingesetzte Rettungsschwimmer das Schwimmen in offener See ermöglichten.

Schon 1774 eröffnete in Frankfurt am Main eine erste Badeanstalt, drei Jahrzehnte später die Berliner Flussbadeanstalt an der Museumsinsel. Als erstes Freibad Deutschlands gilt das 1841 in Freiburg eröffnete »Lollo«.

In Wien musste zunächst das Militär schwimmen lernen, während Kaiserin Sissi dreimal täglich im Meer schwamm, wenn sie an einem weilte, und sich einen Anker auf die Schulter stechen ließ. Eine doppelseitige farbige Lithografie zeigt die erste Damenschwimmschule Wiens. Blickgeschützt flanieren eng geschnürte Damen auf Stegen um ein Wasserbecken, worin sich andere in legeren Schlafanzügen tummeln. Noch heute kann man nach Geschlechtern getrennt im 1903 eröffneten Strandbad »Bagno La Lanterna« von Triest baden gehen – das Damenbad sei besser besucht und besonders bei streng muslimischen Frauen beliebt, teilt uns der Autor mit.

Wir erfahren vom ältesten Schwimmverein Deutschlands: den Charlottenburger Nixen, von Techniken und Wettbewerben, Bademode und Sittenpolizei. Bilder von Pools wie dem Piscinas de Marés in Portugal wecken Reiselust, Fotografien amüsieren, wenn gar ein Polizist in Kalifornien 1964 die Beinlänge eines Badeanzugs nachmisst. Über Kalifornien sinnierte die Schriftstellerin Joan Didion in den 70ern: »Für viele von uns im Westen ist ein Pool in Wirklichkeit kein Symbol des Wohlstands, sondern ein Symbol der Ordnung, der Kontrolle über das Unkontrollierbare.«

In Berlin haben wir knapp 30 öffentliche Frei- und an die 40 Hallenbäder. Am 30. Oktober zur ersten Langen Nacht des Schwimmens öffnen 16 von ihnen. Ich werde im Prinzenbad Bahnen unter Sternen ziehen und fix in die Sauna fliehen.

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Originally published bynd
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