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Antisemitismus | Schweigen, wo geschrien werden müsste

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Berliner Jüdinnen und Juden spüren die Folgen des Nahostkonflikts. Foto: IMAGO/Rolf Walter Die Linkspartei ist bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September mit 25,7 Prozent stärkste Kraft geworden. Doch Antisemitismus-Vorwürfe überschatten die Sondierungen mit Grünen und SPD. Unter Jüdinnen und Juden gehen die Meinungen auseinander. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnte kurz nach der Wahl vor der Linken. 150 jüdische Intellektuelle stellten sich kurz darauf in einem offenen Brief hinter Elif Eralp und ihre Partei. Vier Berliner Jüdinnen und Juden sprechen in »nd« über ihre Gedanken zur Regierungsbildung.

Ich bin Jüdin, Mitte 50, in Pankow geboren und lebe derzeit in Reinickendorf. Früher habe ich mitunter die Linkspartei gewählt, dieses Mal aber nicht.

Die aktuelle Debatte über Antisemitismus ist für mich bloß ein weiterer Moment in der langen Geschichte von linkem Antisemitismus, die mindestens 150 Jahre zurückreicht. Das fängt an mit Begriffen wie »jüdisches Kapital« und reicht bis zum israelbezogenen Antisemitismus der propalästinensischen Leute. Wenn es heißt »From the River to the Sea« ist das für mich israelbezogener Antisemitismus, weil es die Existenz des israelischen Staates ablehnt – und da geht es nicht darum, dass Israel eine rechte Regierung hat. Das haben die USA auch, deren Existenzrecht wird aber nicht infrage gestellt. Gruppen, die solche Aussagen machen oder gut finden, zu tolerieren oder sogar zu fördern, nur weil man als Partei Stimmen braucht, lehne ich ab.

Und es sind ja nicht nur Aussagen. Wenn propalästinensische und Hamas-unterstützende Gruppen durch Berlin ziehen und Haustüren markiert werden, weil da Juden wohnen, dann ist das bedrohlich. Ein anderes Beispiel: Bald ist Chanukka. Da gibt es die Regel, dass man den Chanukka-Leuchter ins Fenster stellt. Wie wird das dieses Jahr sein? Jüdinnen und Juden fragen sich wieder einmal, ob sie dieses Land verlassen sollten. Nur wohin?

Wenn ich mein aktuelles Gefühl in der Stadt beschreiben soll, würde ich sagen: »kampfbereit«. Ich bin die zweite Generation, meine Mutter hat die Shoah überlebt. Die war ihr Leben lang in der Linken, davor in der PDS, davor in der SED. Sie hatte etliche Auseinandersetzungen dort – wegen ihrer jahrzehntelangen Kritik am Antisemitismus oder weil sie sich gegen den Einmarsch in Prag ausgesprochen hat. Sie wollte keine deutschen Panzer in anderen Ländern.

Nach der Berlin-Wahl fühle ich mich gefährdeter. Viele Jüngere haben sich nach dem 7. Oktober ausgegrenzt gefühlt. Ich hatte ohnehin nie das Gefühl, dazuzugehören. Jetzt besteht die Option, dass in unserer Stadt eine antiisraelische und damit antijüdische Bewegung viel Macht bekommt.

Einige gute Leute wie Klaus Lederer oder Elke Breitenbach sind ja leider aus der Berliner Linken ausgetreten. Mit denen sollte man sich noch mal an einen Tisch setzen. Zugleich sind viele Leute eingetreten, die den Kern der Linken verschoben haben. Ich bin irritiert, dass die Silberlocken da nichts tun. Ist Leuten wie Bodo Ramelow und Gregor Gysi nicht klar, was da gerade passiert? Ist das Opportunismus? Ist das Gleichgültigkeit?

Eine rot-grün-rote Koalition fände ich für Berlin eigentlich am besten – aber nur, wenn die SPD sich endlich wieder richtig für die Menschen einsetzt und nur mit einer Linken, die ihr Antisemitismus-Problem angeht. Und da ist es nicht meine Aufgabe, Lösungen zu suchen. Die Linke sollte dafür – umgehend – eine hochkarätige Expert*innengruppe einsetzen. Und anders als in der deutschen Antisemitismus-Forschung, die sehr männlich und nicht-jüdisch ist, betone ich: Da müssen auch jüdische Wissenschaftlerinnen rein. Und deren Ansagen müssen dann auch umgesetzt werden.

Seit dem 7. Oktober 2023 ist Antisemitismus spürbar salonfähiger geworden, auch in der Kunstszene und an Hochschulen, also in Räumen, die sich selbst als progressiv oder links verstehen. Räume, die mal mein Zuhause waren. Dass sie das nicht mehr sind, macht mir Angst und enttäuscht mich.

Das Leid der Menschen in Gaza lässt mich absolut nicht kalt und Kritik an der israelischen Politik muss möglich sein. Aber im Netz und auf Demonstrationen fallen immer wieder antisemitische Aussagen, und aus der eigenen Szene widerspricht kaum jemand. Jedenfalls höre ich das selten. Dieses Schweigen oder unreflektiertes Mitlaufen bei Demos nehme ich als bedrohlich wahr.

Davon profitieren am Ende die Rechten, die sich als Beschützer jüdischen Lebens aufspielen, Antisemitismus zu einem »importierten« Problem erklären, ihn als Instrument nutzen für ihre Hetze gegen Muslime und Migrant*innen. Und sie lenken so von ihrem eigenen Antisemitismus ab. So gewinnen die Rechten womöglich sogar Menschen für sich, die sich von der Linken alleingelassen fühlen, auch jüdische Menschen. Das darf nicht passieren!

Die größte Gefahr für jüdisches und unser aller Leben kommt nach wie vor von rechts. Aber wenn Menschen, mit denen man bisher gemeinsam gegen rechts auf der Straße war, bei Antisemitismus wegschauen, wird der Raum für uns Jüdinnen und Juden kleiner.

Ich heiße Oleg, bin 31 Jahre alt und arbeite als Tänzer. Ich wurde in der Ukraine geboren, bin in Israel aufgewachsen, lebe seit sieben Jahren in Deutschland und besitze die deutsche Staatsangehörigkeit.

Als Jude und schwuler Mann fühle ich mich in Berlin zurzeit bedroht. Und das mehr durch Islamismus als durch Rechtsextremismus. Es fällt mir schwer, zwischen bestimmten Teilen der radikalen Linken und anderen extremistischen Bewegungen einen großen moralischen Unterschied zu erkennen. Schon seit dem 7. Oktober bin ich beunruhigt. Aber jetzt habe ich richtig Angst.

Bei der Berlin-Wahl sind sogar Kandidatinnen, die von der Landesarbeitsgemeinschaft Palästina-Solidarität der Linkspartei unterstützt werden, ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen. Was mein Problem mit dieser Arbeitsgemeinschaft ist? Einmal hat ein Journalist das LAG-Mitglied Hannah Bruns gefragt, ob sie sich nicht vom Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 distanzieren wolle, und sie antwortete: »Ich werde mich von gar nichts distanzieren.« Das ist keine legitime politische Kritik an der israelischen Regierung.

Gleichzeitig ist mir wichtig, fair zu bleiben: Ich weiß, dass es sowohl in der Linkspartei als auch in Teilen der Antifa Menschen gibt, die Antisemitismus entschieden ablehnen und für das Existenzrecht Israels eintreten. Ich möchte nicht die ganze Partei für bestimmte Strömungen verantwortlich machen. Aber der Umgang damit ist zu nachsichtig. Wer für Freiheit, Frauenrechte und die Rechte von LSBTIQ-Menschen eintritt, sollte sich meiner Ansicht nach mit derselben Entschlossenheit gegen Islamismus, Antisemitismus und Aufrufe zur Gewalt gegen Juden stellen.

Nach dem Krieg hätte Deutschland ein sicherer Ort für Juden sein sollen. Für mich ist es das nicht mehr. Für mich ist ein Zionist ein Jude, der sich gegen Angreifer verteidigt. Die Geschichte hat uns gelehrt, was geschehen kann, wenn Juden nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützen. Deshalb betrachte ich einen Antizionismus, der Juden das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverteidigung abspricht, als eine Form des Antisemitismus – auch dann, wenn er als »Israel-Kritik« auftritt.

Wenn ich auf den Straßen in Berlin Parolen wie »Yalla Yalla Intifada« und »Death to the IDF« höre, beunruhigt mich das zutiefst. Für mich ist das keine theoretische oder parteipolitische Frage. Es geht um das Leben, das ich hier führe.

Ich bin säkulare linke Jüdin, aber auch noch viel mehr: Mutter, Frau, Denkerin, Sprachfanatikerin. Ich bin im Friedrichshain geboren und lebe da jetzt auch wieder.

Der Besuch des PFLP-Unterstützer Ibrahim Ibrahim auf der Wahlparty der Linken ist für mich mehr als problematisch. Es gab schon mal einen Vorfall, als er letztes Jahr bei einem Sommerfest der Linken Neukölln am Paul-Lincke-Ufer auftauchte. Mit solchen Leuten sollte die Linkspartei nichts zu tun haben.

Theoretisch hätte Die Linke jetzt die Chance, statt reflexhaft in die Abwehr zu gehen, zu sagen: Wir sind die erste Partei, die sich ernsthaft mit Antisemitismus auseinandersetzt. Denn es ist natürlich eine Illusion zu glauben, dass es den im Rest der Gesellschaft und in den anderen Parteien nicht gibt.

Wenn man in der Linkspartei aber behauptet, man wisse nicht, wer Ibrahim Ibrahim sei, kann das doch niemand ernst nehmen. Es ist eine bewusste Entscheidung, wenn man als Bundestagsabgeordneter ein Selfie mit einer so bekannten Person macht. Ibrahim ist PFLP-nah und das ist eine antisemitische Terrororganisation, deren Leute am 7. Oktober teilgenommen haben. Und wenn es darum geht, Jüdinnen und Juden zu vernichten oder das Existenzrecht Israels infrage zu stellen, ist das für mich antisemitisch.

Ich habe lange in Israel gelebt, ein Teil meiner Familie lebt dort. Die sind als Kommunisten aus dem Exil bewusst in die DDR migriert. Mitte der 90er Jahre sind viele dann wieder in die Ursprungsländer ihrer Großeltern gegangen, weil sie mit dem neuen Großdeutschland nichts anfangen konnten und hier die Baseballschlägerjahre in vollem Gange waren.

Heute würde ich nicht mehr in Israel leben wollen, auch wenn ich da noch viele Freunde habe. Einer meiner besten Freunde ist ein Moslem, der ist Historiker und seit dem 7. Oktober telefonieren wir regelmäßig. Wir haben das Gefühl, als Minderheit in unserem Land ähnliche Traumata zu erleben, also was den Ausschluss aus der Gesellschaft, die Gewalttätigkeit der Sprache, aber auch die sprachlosen Räume betrifft.

Als Jüdin hilft es mir nichts, wenn eine Person aus dem Landesvorstand sagt: Ich bin gegen jeden Antisemitismus. Von der Linken fordere ich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Das heißt Selbstkritik an Einzelpersonen und an Strukturellem: also an dem Schwarz-Weiß-Narrativ, das die Partei und deren Führung zugelassen hat. Das ist doch kein Fußballspiel! Jüdische und palästinensische Communitys sind Teil dieser Stadtgesellschaft. Sie brauchen eigene Räume und gemeinsame. Die Menschen, die in der Linkspartei immer noch um einen differenzierten Blick kämpfen und dafür, dass das Gespräch nicht abbricht, sind mir sehr nah. Vor ihrer Arbeit habe ich Respekt.

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Source: nd