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AfD | Gutes Wurstgulasch, schlechtes Wurstgulasch

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Steile Anti-These: Die linksgrüne Ossi-Bubble in Berlin liebt Wurstgulasch. Was nun? Foto: IMAGO/Funke Foto Services Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt gingen nicht nur viele Linke endgültig dazu über, für Verständnis zu werben für die Volksgenossen, die angeblich in dem Gefühl leben müssen, seit der Wende »immer nur verarscht« worden zu sein, wie es am Wahlabend vielfach grinsend in die Fernsehkameras verkündet wurde, und die sich daher nunmehr nicht mehr anders zu helfen wüssten, als Rechtsextremen knapp 44 Prozent ihrer Stimmen zu schenken.

Selbst in linken Bubbles hieß es, man solle kein »Ossibashing« und »Nach-unten-Getrete« betreiben. »Sind 35 Jahre schlechtere Löhne genug?«, wurde in einer der antifaschistischen Echokammern aufgeregt gefragt. Dass das mit dem so überaus niedrigeren Lebensstandard in Sachsen-Anhalt ein Märchen ist, lässt sich indes leicht belegen. Betrachtet man das preisbereinigte Pro-Kopf-Einkommen, also das, was den Menschen tatsächlich, also unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Preisniveaus in Deutschland, zur Verfügung steht, zeigt sich beispielsweise, dass kein einziger Landkreis in Sachsen-Anhalt ein niedrigeres preisbereinigtes Pro-Kopf-Einkommen aufweist als etwa die Bankenstadt Frankfurt am Main.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Der schöne Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt, »geprägt von sanften Hügeln, fruchtbaren Feldern und ausgedehnten Wäldern«, wie es auf landkreis-boerde.de heißt, und ausgestattet mit einer realen Kaufkraft von 29.161 Euro pro Kopf und Jahr und einem Ausländeranteil von 7,5 Prozent, wählte bei der Landtagswahl zu 46,2 Prozent AfD, während zum Beispiel in Köln die Bevölkerung nur auf ein reales Nettoeinkommen von 26.221 Euro kommt, also 2.940 Euro weniger zur Verfügung hat als die verzweifelten AfD-Wähler in Börde (Rang 180 von 400 gesamtdeutschen Kreisen und kreisfreien Städten). In Köln (Rang 343) liegt überdies der Ausländeranteil bei rund 21 Prozent, dafür wählen aber nur 9,1 Prozent Faschos.

Besonders schwierig wird es, wenn man sich die Wurstgulasch-Spirelli-Feindlichkeit städtischer Linker nur ausgedacht hat.

Der Journalist Krsto Lazarevic fasste das AfD-Wähler-Problem treffend zusammen: »Wir reden hier zu einem großen Teil über Leute, die ein Häuschen besitzen und einen VW vor der Tür haben, aber denken, dass ihnen eigentlich eine Villa und ein Porsche zustehen. Da kommt Sozialpolitik auch irgendwann an ihre Grenzen.«

Das mit den verzweifelten, unterprivilegierten, kulturell von Ausländerhorden überforderten AfD-Notwehrwählerinnen ist also nicht mit der Realität in Einklang zu bringen. Aber was dann? Noch mal Lazarevic: »Das sind überwiegend Menschen, die denken, es stünde ihnen zu, ganz oben zu stehen, weil sie anständige, reinrassige Deutsche sind. Sie treten gerne nach unten und ihnen ist egal, ob Ärztemangel herrscht. Sie wollen einfach keine Personen bei sich mit dunklerer Hautfarbe, die mehr verdienen als sie.«

Mit solch Naheliegendem ließ sich der »Welt«-Journalist Gerrit Seebald indes nicht abspeisen. Mit der inzwischen berüchtigten Wurstgulasch-Theorie gab er der Diskussion stattdessen noch einmal einen neuen Dreh: Angesichts eines Fotos, das AfD-Hanswurst Siegmund dabei zeigte, wie er mit zwei weiteren obskuren Figuren und seiner Frau auf seiner Terrasse Spirelli-Nudeln, Wurstgulasch und Gouda von »Gut & Günstig« verspeiste und dabei »ein abgewetztes Adidas-Shirt« trug, konnte Seebald nicht umhin, sich sofort das zu machen, was er für »Gedanken« hält: »Wenn ich dieses Essen meiner Berliner Bubble – egal, ob konservativ, liberal oder linksliberal – vorsetzen würde, würden bei nicht wenigen ziemlich schnell die Nasen gerümpft.«

Fürs Protokoll: Berlin belegt im realen Kaufkraftranking Rang 383, der Landkreis Stendal, also derjenige, in dem Siegmund auf seiner Terrasse in Tangermünde das »Gut-&-Günstig«-Foto gemacht hat, Platz 281. Aber folgen wir Seebald noch ein wenig: »In Sachsen-Anhalt hat die AfD damit ein Klientel politisiert, das bisher unpolitisch war. Vielleicht eben auch, weil dieses Klientel bisher in einer ganz anderen Welt gelebt hat als die, die bisher Politik gemacht haben. Ulrich Siegmund hat es geschafft, das Politische zurück in deren Welt zu holen.« Das funktioniere »auch über das Gefühl, das Siegmund den Menschen gegeben hat: endlich wieder irgendwo dazuzugehören.«

Seebalds Argumentation geht also ungefähr so: Der im sachsen-anhaltischen Landtag rund 9000 Euro brutto verdienende rechtsradikale Anführer eines rechtsradikalen Landesverbandes hat es geschafft, die schmollenden deutschen Nichtwähler dazu zu bewegen, ihn zu wählen. Und das, weil er im Gegensatz zu den Politikern anderer Parteien, die unter Politik verstehen, sich mit den tatsächlich anfallenden Problemen eines Gemeinwesens adäquat zu beschäftigen, ihnen stattdessen Wurstgulasch und billigen Käse auftischt und damit suggeriert, ebenfalls Teil der Ausländer abschiebenden Wurstgulasch-Gouda-Bande sein zu können. »Man kann ständig über Klassismus und soziale Ausgrenzung sprechen«, schreibt Seebald. »Aber wenn man gleichzeitig eine politische und kulturelle Ästhetik entwickelt, bei der ein Teller Wurstgulasch mit Spirelli und eine Packung ›Gut-&-Günstig‹-Gouda schon etwas sind, bei dem man insgeheim die Nase rümpft, dann wird es schwierig.«

Besonders schwierig wird es allerdings, wenn man sich die Wurstgulasch-Spirelli-Feindlichkeit städtischer Linker nur ausgedacht hat und an den Orten, über die man meint, so sehr gut Bescheid zu wissen, in seinem ganzen Leben noch nie war. Die Leute, die sich mit Fragen von Klassismus nicht nur theoretisch beschäftigen, sondern auch etwas dagegen unternehmen, sind sehr häufig Leute, die selbst prekär leben. Das sind die, die ehrenamtlich Suppen- und Stadtteilküchen organisieren, jeden Tag Supermärkte abklappern, um Lebensmittel einzusammeln und sich dann abends in den alternativen Club stellen und Essen zubereiten, das sie dann für vier Euro plus Spende »verkaufen«.

Das sind oft genau diejenigen, die am Wochenende noch in der örtlichen Mitgliederversammlung von Linken, Grünen oder der SPD hocken, ohne einen Pfennig dafür zu bekommen. Niemand von denen rümpft die Nase über billiges Essen. Diesen Leuten unterjubeln zu wollen, sie hätten »eine politische und kulturelle Ästhetik entwickelt« (was auch immer das sein soll), die klassistisch sei und selbst ausgrenze, nämlich Wurstgulasch futternde deutsche Rassisten, die Fascho-Parteien wählen – da muss man auch erst mal drauf kommen.

Der Preis für den schäbigsten Debattenbeitrag geht jedenfalls an Springers Gerrit Seebald, der in Wahrheit nichts anderes im Sinn hat, als in der millionsten Variation das immer gleiche Ressentiment vom abgehobenen veganen Großstädter zu verbreiten. Oder um ein letztes Mal Lazarevic zu zitieren: »Und diese Erzählung ist auch eine Unverschämtheit gegenüber allen Menschen, denen es finanziell wirklich nicht gut geht und die niemals ihr Kreuz bei einer Faschopartei machen würden. Zu einem großen Teil übrigens Menschen mit Migrationsgeschichte, aber die sind in der Debatte ja eh egal.« Wahrscheinlich, weil sie noch nie etwas von Wurstgulasch gehört haben.

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Source: nd