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Angriffe auf die Freiheit der Wissenschaft: Nicht nur AfD hetzt gegen Hochschulen
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Dossier
„Die AfD Sachsen-Anhalt fragt gezielt nach Listen postkolonialer Seminare und Lehrstühle. Wie die Universitäten beginnen, sich gegen die Angriffe zu wappnen. (…) So forderte der AfD-Fraktionsvorsitzende Oliver Kirchner zuletzt unter dem Titel „Wissenschaft statt Manipulation – Genderpolitik an Hochschulen einstellen“, in Forschung und Lehre „keine Aktivitäten mehr stattfinden zu lassen, die […] das tradierte Verhältnis der Geschlechter verunsichern“. Lehrstellen seien umzuschichten und zu streichen. (…) Die Anfrage liest sich, als arbeite man bei der AfD schon an einer Feindesliste (…) „Ich war schockiert über Kollegen, die Listen mit Namen und Projekten durchgegeben hatten – anstatt sich souverän hinzustellen und diesen Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit abperlen zu lassen.“ (…) Nach der Anfrage habe das Rektorat eine Kommission gegründet, um die Universität resilienter gegenüber wissenschaftsfeindlichen Angriffen zu machen…“ Umfangreicher Artikel von Gareth Joswig vom 14.10.2025 in der taz online
(„Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft„) – auch über Hochschule Merseburg, die auskunftsfreudiger war… Siehe mehr dazu und Hintergründe:
- Wissenschaft unter Druck: Rechte Anfeindungen gegen Forschende nehmen zu
„Hassmails, Telefonterror, körperliche Gewalt – die Angriffe richteten sich nicht nur gegen einzelne Personen, sondern die Wissenschaft als solche, sagt die Rechtsextremismusforscherin Juliane Lang.
Nach einem Medieninterview, in dem sie über die Beteiligung von Rechtsextremen an den Bauernprotesten sprach, wurde eine Agrarwissenschaftlerin massiv attackiert – von Hassmails und Telefonterror über Diffamierungsvideos im Netz bis zu konkreten Drohungen und tatsächlicher körperlicher Gewalt. Ein Professor für Demokratie- und Diktaturforschung erhielt an seiner Universität ein Schreiben mit dem Bild einer Pistole und dem Satz „geht ins Ohr, bleibt im Kopf“. Eine Energieökonomin wird seit Jahren auf Social-Media-Plattformen von der extremen Rechten angefeindet und bekam ebenfalls bereits Morddrohungen.
Diese schockierenden Vorfälle sind in der Publikation „Umgang mit rechten Anfeindungen gegen die Wissenschaft“
des Forschungsprojektes GERDEA
an der Justus-Liebig-Universität Gießen aufgelistet. Sie sind längst keine Einzelfälle mehr: Anfeindungen rechtsextremer Akteur*innen gegen Forschende haben in den vergangenen zehn Jahren nach Einschätzung der Gießener Rechtsextremismusforscherin Juliane Lang zugenommen. Diese richteten sich nicht mehr nur gegen die Rechtsextremismusforschung oder einzelne Personen, sondern die Wissenschaft als solche, sagt sie.
Ziel sei „die Idee einer offenen, kritischen und demokratischen Wissenschaft selbst“, heißt es auch in der GERDEA-Handreichung, die Projektleiterin und Mitautorin Lang bei der 13. GEW-Wissenschaftskonferenz
„Wissenschaft unter Druck: Perspektiven der akademischen Freiheit“ am 2. Oktober in Erfurt vorstellen wird. Die Anfeindungen bestünden nicht mehr nur aus anonymen Kommentaren zu wissenschaftlichen Studien in den sozialen Medien, sondern erfolgten mittlerweile direkt aus der Parteispitze der AfD, sagt Lang.
Dabei gehe es nicht alleine darum, Kritik an einzelnen Positionen zu formulieren, sondern beispielsweise die Sozialwissenschaften, die ins Feindbild extrem rechter Parteien fallen, nach ihren Vorstellungen umzugestalten und etwa die Gender Studies ganz abzuschaffen.
Einschüchterung und Einschränkung als Ziel
Laut einer repräsentativen Umfrage
des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) in Kooperation mit dem Projektverbund KAPAZ (Kapazitäten und Kompetenzen im Umgang mit Hassrede und Wissenschaftsfeindlichkeit) von Mai 2024 erlebten 45 Prozent der rund 2.600 befragten Forschenden mindestens eine Form von Anfeindungen schon selbst. Geisteswissenschaftler*innen sind überdurchschnittlich oft betroffen (51 Prozent), es folgen die Lebens- (46 Prozent) und Sozialwissenschaften (45 Prozent), aber auch die Naturwissenschaften (45 Prozent).
Lang betont zudem: „Aus dem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen merke ich, dass überall dort, wo Frauen im Fokus stehen, sich Kritik und Schmähkritik nicht alleine auf ihre inhaltliche Arbeit beziehen, sondern oftmals auch auf ihr Sein als Frau in der Wissenschaft. Ähnlich geht es Kolleginnen mit sichtbarer oder angenommener Migrationsgeschichte.“
Die extreme Rechte zielt mit den Anfeindungen auf Einschüchterung und letztlich Einschränkung gesellschaftskritischer Wissenschaft. Einige Forschende berichten laut dem GERDEA-Projekt von Sorgen mit Blick auf die Kommunikation der eigenen Erkenntnisse oder ziehen sich sogar aus der Öffentlichkeit zurück. (…)
Die gemeinsam mit dem Bundesverband Mobile Beratung entstandene Publikation gibt auch zehn Empfehlungen für den Umgang mit rechten und rechtsextremen Anfeindungen. Lang nennt als Beispiel einen bedachten Umgang mit persönlichen Daten: So müssten Wissenschaftler*innen nicht zwingend mit Foto und Anschrift im Netz zu finden sein, es könne auch der Hinweis auf ein Sekretariat reichen. „Wichtig ist auch zu wissen, an wen ich mich wenden kann, etwa wenn eine Anwaltskanzlei eine Unterlassungsaufforderung schickt.“ Darüber hinaus sei es grundsätzlich sinnvoll, frühzeitig Unterstützungsstrukturen aufzubauen. (…)
Problem bei Befristungen
Ein spezielles Problem stellen Forschende dar, die in befristeten Forschungsprojekten arbeiten, was mehr und mehr die Regel ist, wie Lang erklärt, die davon selbst betroffen ist. Kommt es nach Ende des Projektes zu Anfeindungen oder sogenannten SLAPP-Klagen rechter und rechtsextremer Akteur*innen, und die Wissenschaftler*innen sind nicht mehr an der Hochschule angestellt, haben sie oft deren arbeitsrechtlichen Schutz nicht mehr…“ Artikel von Nadine Emmerich vom 17.09.2026 bei der GEW
mit weiterführenden Links - [»Wissenschaft gegen Faschismus«] »Uns droht ein Frontalangriff«. Warum sich die Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm verstecken will, sondern gegen die AfD mobil macht
„… Viele Wissenschaftler*innen wollen deutlich machen, dass die AfD keine normale Partei ist, sondern rechtsextreme, neofaschistische Tendenzen aufweist. Im Juni haben wir eine Aktionswoche auf die Beine gestellt, die vor allem von Studis gegen Rechts getragen wurde. Insgesamt gab es 240 Veranstaltungen. Die Resonanz war riesig. In Erfurt zum Beispiel waren rund 500 Studierende in der Vernetzung aktiv, unglaublich viel für so eine Stadt. In Jena kamen Hunderte zu einer studentischen Versammlung. Da steckt richtig Wumms dahinter. Wir haben auch eine Erklärung verabschiedet und eine Tagung mit 600 Leuten abgehalten, der Titel: »Bevor es zu spät ist«. Außerdem waren wir beim Protest gegen den AfD-Parteitag in Erfurt mit einem eigenen Wissenschaftsblock dabei. (…) Uns droht ein Frontalangriff auf die Wissenschaftsfreiheit und auf die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre. Kommt die AfD auf Landesebene an die Macht, kann sie auf diesen Bereich sehr viel Einfluss nehmen. In Sachsen-Anhalt hat sie bereits angekündigt, die Mitsprache von Mittelbau und Studierenden an Hochschulen einzuschränken. Mit der Finanzierung hat sie einen großen Hebel: Wofür wird Geld ausgegeben? Wo wird gekürzt? Ein Blick in die USA zeigt, dass vielen Förderprojekten das Aus droht. Das trifft vor allem Gleichstellungspolitik, Gender und Postcolonial Studies, zudem alles, was mit Demokratie, Rechtsextremismus und Migrationsforschung zusammenhängt. Ins Visier geraten aber auch Naturwissenschaften wie Klimaforschung oder Impfstoffforschung. Stattdessen will die AfD die sogenannte kritische Islamforschung fördern. Es ist ganz klar, was da auf uns zurollt. Es wird zu einer Diskursverschiebung kommen – und ein Klima entstehen, in dem sich viele nicht mehr sicher fühlen. (…)
[Welche Rolle kann Wissenschaft dabei spielen, rechtes Gedankengut zurückzudrängen?]
In der Wissenschaft sind viele an den Punkt gekommen, dass sie sich in der Pflicht sehen, offen Position zu beziehen und auf Gefahren hinzuweisen. Wir können in so einer Situation nicht einfach ruhig unserer kritischen Forschung nachgehen. Wir suchen bewusst den Kontakt mit der Öffentlichkeit und wollen uns nicht im Elfenbeinturm verstecken, wie uns manchmal vorgeworfen wird. Schließlich haben wir Expertise, zum Beispiel bei der Frage: Wer wählt AfD? Und warum? Wir können Erklärungsansätze anbieten – und Wege aufzeigen, wie sich gegensteuern lässt…“ Interview von Marcel Jaspertmit dem Soziologen Prof. Dr. Stefan Schmalz in der Campus-Zeitung am 09.09.2026 bei ver.di Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft
zum Bündnis »Wissenschaft gegen Faschismus« 
- Zusammenstehen gegen den Frontalangriff auf Hochschulen und Zivilgesellschaft: Hochschulblock bei der Demonstration „Sachsen-Anhalt Weltoffen“ am 5. September in Magdeburg
„Liebe Kolleg:innen, liebe Mitstudierenden, für ein vielfältiges, demokratisches und solidarisches Sachsen-Anhalt steht das unabhängige, zivilgesellschaftliche Netzwerk „Sachsen-Anhalt weltoffen“ ein. Das Bündnis ruft einen Tag vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, am Samstag, den 5. September 2026, dazu auf, gemeinsam auf die Straße zu gehen, um Sichtbarkeit für die demokratischen Kräfte des Landes zu schaffen. Als Universitäten und Hochschulen wollen wir gemeinsam mit der engagierten Zivilgesellschaft bereits vor der Wahl ein Zeichen setzen und deutlich machen, dass die demokratischen Kräfte zusammenstehen. (…) Die AfD bereitet in Sachsen-Anhalt und in anderen Bundesländern nun zusätzlich einen autoritären Frontalangriff auf die Hochschulen vor. (…) Das sind, wie wir am Angriff Trumps auf die Universitäten in den USA sehen konnten, keine leeren Worte. Unseren Kolleg: innen und Mitstudierenden in Sachsen-Anhalt gehören mit zu den ersten, denen es an den Kragen gehen wird. Als Beschäftigte und Studierende an Hochschulen in ganz Deutschland sind wir nun gefragt, unsere Rechte, Interessen und Werte zu verteidigen. Deswegen rufen wir euch dazu auf, bei der Demonstration vom 5. September 2026 in Magdeburg mit uns auf die Straße gehen. Die Demonstration beginnt 13:30 am Willy-Brandt-Platz (Elbseite Bahnhof) und endet auf dem Domplatz. Wir werden uns in einem gemeinsamen Hochschulblock zusammenfinden. Dazu treffen wir uns an der Sparda-Bank…“ Aufruf vom 12.08.2026 bei Uni gegen Rechts
zur Demo beim DEMOKRATIEFESTIVAL am 05.09.2026 in Magdeburg, siehe https://sachsenanhalt-weltoffen.de/ 
- Kunst- und Kulturwissenschaften rufen zur Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit gegen rechtsextreme und rechtspopulistische Angriffe auf
„Aus dem Kreis der Institutionen, die in dem vom Verband einberufenen Ausschuss zum Schutz wissenschaftlicher Freiheit in der Kunstgeschichte vertreten sind, ist im Juli 2026 ein Bündnis von Verbänden, Vereinen und Arbeitsgemeinschaften hervorgegangen. Das Bündnis ruft nun in einem Positionspapier zur Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit gegen rechtsextreme und rechtspopulistische Angriffe auf. Das gemeinsame Positionspapier schildert die Situation, benennt explizit Rechtsextremismus und Rechtspopulismus als Bedrohung und fordert eine Stärkung der Resilienz wissenschaftlicher und kultureller Institutionen. Der Vorstand des Verbandes erarbeitet zudem gegenwärtig ein eigenes Papier, das sich dem Schutz wissenschaftlicher Freiheit in der Kunstgeschichte widmet…“ Pressemitteilung vom 25.08.2026 beim Deutschen Verband für Kunstgeschichte
zum Aufruf

- Rechte Einschüchterungsversuche, Aufruf zur „Jagd“ und zwei Morddrohungen gegen Professorin Christina Brüning an der Uni Marburg
- Solidaritätsbrief für von rechten Angriffen und Morddrohungen in Räumen der Universität Marburg bedrohte Marburger Professorin Christina Brüning
„Prof.‘in Dr. Christina Brüning forscht und lehrt mit ihrem Team am Fachbereich Didaktik der Geschichte der Philipps-Universität Marburg zu wichtigen Themen der historisch-politischen (Lehrkräfte-)Bildung mit einem Fokus etwa auf Demokratiebildung, Rechtsextremismus, Shoa Education, Erinnerungskultur(en), Antisemitismus und Gender Studies. Aufgrund dieses inhaltlichen Profils, des (hochschulpolitischen) Engagements gegen die extreme Rechte und der Diversität des Teams erleben Christina Brüning und ihre Mitarbeiter*innen an ihrer Universität seit längerer Zeit Anfeindungen und Bedrohungen von Studierenden aus oder mit Verbindungen zu extrem rechten Burschenschaften und der „Jungen Alternative“. Seit Beginn ihrer Tätigkeit an der Universität Marburg kam es zu Störungen von Lehrveranstaltungen, zu antifeministischen und anderen rechten Botschaften in Lehrveranstaltungsevaluationen und zur Infragestellung ihrer Objektivität. Insbesondere seit ihrer Beteiligung an einer wissenschaftlichen Gegenveranstaltung im Marburger Rathaus gegen den „Studentenhistorikerkongress“ verschiedener Studentenverbindungen und Burschenschaften auch aus dem Dachverband der Deutschen Burschenschaft im Oktober 2025 intensivierten sich die Angriffe sowohl quantitativ als auch qualitativ. (…)
Auch wenn der Fachbereich, an dem der Lehrstuhl von Christina Brüning angesiedelt ist, sich in seinem Leitbild gegen Rechtsextremismus positioniert, lässt es die Universität Marburg im konkreten Fall bisher vermissen, sich eindeutig und konsequent gegen extrem rechte Einflussnahmen, Bedrohungen und Gewalt an der Universität und gegen Universitätsangehörige zu positionieren. Einzelne Verantwortliche aus der Universitätsleitung formulieren zwar ihre Betroffenheit und versprechen Schutz und Aufklärungsbemühen. Jedoch fehlt eine eindeutige politische Einordnung des Falles ebenso, wie eine selbstkritische Anerkennung, dass im Umgang mit Bedrohungen und Gewalt in den letzten Jahren nicht konsequent gehandelt wurde.
Die von der Universitätsleitung ergriffene Maßnahme, Christina Brüning und ihrem Team geheime Räume zuzuweisen ist richtig und wichtig, um die Betroffenen zu schützen. Ebenfalls macht diese Reaktion deutlich, dass die Universität die Drohungen offensichtlich ernst nimmt. Daher ist es beinahe schon zynisch, dass sie die extrem rechten Hintergründe der Bedrohung nicht frühzeitig und konsequent öffentlich benennt und verurteilt. (…) Durch fehlende klare Benennung und Verurteilung des extrem rechten Hintergrunds der Drohungen seitens der Universität wird die Gewaltbetroffenheit individualisiert und das Narrativ eines Einzelfalls gestärkt. Dazu kommt, dass hier eine unbequeme Frau für Unruhe sorgt – eine klassisch sexistische und antifeministische Figur. Das macht es wiederum leicht, sich hier nicht mit der Angegriffenen zu solidarisieren. Durch das Beschweigen und die Entsolidarisierung wird verschleiert, dass es sich bei der Gewalt nicht ausschließlich um Angriffe gegen einzelne Menschen handelt, sondern dass Christina Brüning und ihr Team stellvertretend als personifiziertes Feindbild egalitärer und progressiver Gesellschaftsvorstellungen angegriffen werden. (…) Theoretische Wissensproduktion, Austausch und umfassend entwickelte Konzepte sind nicht viel wert, wenn diese nicht in konkretes Handeln übersetzt werden. Das umfasst die kollektive Verantwortung aller Hochschulangehörigen im Universitätsalltag: Aufmerksamkeit und Sensibilität zeigen, sei es durch das Lesen von Plakatierungen, Aufklebern oder eben bei Gesprächen in Seminaren, Vorlesungen, Mensen, Cafeterien etc. Es ist nicht zielführend, darauf zu hoffen und zu vertrauen, dass Verwaltungsstrukturen und Büros der Dekanate der jeweiligen Fakultäten als „Big Brother“ walten, und man selbst sich zurücklehnen kann. Die Schaffung von entsprechenden solidarischen Anlaufstellen und Netzwerken ist nicht nur hilfreich für die Dokumentation rechter Vorfälle und unabhängiger Unterstützungsstrukturen, sondern ist eine sichtbare Positionierung gegen zunehmende Bedrohung durch rechte Akteur*innen an den Universitäten. Im hierarchischen Universitätssystem liegt dennoch viel Macht und Verantwortung bei der höchsten Leitungsebene. In diesem Kontext ist das Beharren auf eine vermeintliche Neutralität, auf die sich universitätsseitig häufig berufen wird, gefährlich. Gegenüber extrem rechten Einschüchterungsversuchen kann es keine Neutralität geben…“ Solidaritätsbrief vom 17.7.2026
beim Netzwerk feministische Perspektiven & Interventionen gegen die (extreme) Rechte erstellt gemeinsam mit dem Solidaritätsnetzwerk gegen Rechts an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg
(„Solidaritätsbrief für Prof.‘in Dr.‘in Christina Brüning von FemPi &SoliRex“) – siehe auch die Liste der Unterzeichner_innen
(Nr. 74: Mag Wompel, LabourNet Germany) - „Marburg ist für mich zum Angstort geworden“: Professorin berichtet über Morddrohungen an Uni Marburg
„Schmierereien mit Mordaufrufen, Störungen in Seminaren und wachsender Druck: Die Marburger Historikerin Christina Brüning spricht erstmals öffentlich über Bedrohungen gegen sie, warum sie sich an ihrer eigenen Universität nicht mehr sicher fühlt – und vor allem Gefahr von rechts wahrnimmt.
An dem Tag, an dem die erste Morddrohung kam, hatte Christina Brüning Geburtstag. Die Marburger Geschichtsprofessorin weiß nicht, ob das Zufall war. Oder sollte tatsächlich jemand ihre persönlichen Daten herausgefunden haben? Jedenfalls sei es genau dieser Samstag im Dezember gewesen, als die Schmiererei aufgetaucht sei – an der Wand einer Herren-Toilette in der Marburger Universitätsbibliothek. „Prof. Christina Brüning vom Dach der PhilFak werfen!“, stand dort geschrieben. (…)
Aufruf zur „Jagd“ auf die Professorin
Wenige Tage später folgte eine zweite Drohung – nicht nur direkter in der Wortwahl, sondern auch räumlich näher, wie Brüning berichtet. Freiwillige würden gesucht, stand an die Wand geschmiert, für die „Jagd“ auf Brüning, um sie „auszuweiden“. Entdeckt worden sei das diesmal direkt in der Philosophischen Fakultät, wo sie kurz darauf unterrichten sollte, auf der Toilette neben dem Seminarraum. (…) Die Universität und die Professorin erstatteten Anzeige, der für politisch motivierte Straftaten zuständige Staatsschutz schaltete sich ein. Allerdings sind Täter und Hintergründe weiterhin unbekannt; die Ermittlungen wurden mittlerweile ergebnislos eingestellt, heißt es auf Nachfrage.
Professorin äußerst sich erstmals öffentlich
Bislang wollte die betroffene Professorin nicht namentlich bekannt werden. Über Monate war die hessenschau mit ihr im Gespräch. Nun entschied Brüning sich doch dafür, öffentlich über die Vorfälle zu sprechen – und was sie mit ihr gemacht haben. Brüning berichtet: Die Belastung sei für sie weiterhin groß. Geblieben sei für sie vor allem die Ungewissheit – und die Angst. Inzwischen arbeitet sie ausschließlich im Homeoffice. Ihre Arbeitsgruppe wechselte in Rücksprache mit der Universitätsleitung die Räume. Namensschilder an den Türen gibt es dort nicht mehr. Auch auf der Website der Universität werden die neuen Räume nicht genannt. (…) Christina Brüning sagt heute: Dies seien nicht die einzige Anfeindung gewesen, die sie in der Vergangenheit erlebt habe. Bereits seit Jahren habe sie das Gefühl, dass Druck und Bedrängnis auf sie und ihre Arbeit zunehmen – ausgehend von aus ihrer Sicht aggressiv störendem Verhalten einiger ihrer Studenten.
Brüning unterrichtet Didaktik der Geschichte, in ihren Vorlesungen und Seminaren sitzen also angehende Lehrkräfte. Sie berichtet: Immer wieder würden einzelne männliche Studenten durch abwertende Zwischenrufe, diskriminierende Aussagen oder demonstratives Aufstöhnen auffallen, etwa wenn Brüning sprachlich gendere. „Auch Arbeitsaufträge sind immer wieder verweigert worden, zum Beispiel wenn es um Rassismuskritik gehen sollte.“ In Evaluationsbögen sei zudem ihre Lehrkompetenz infrage gestellt worden.
Studierende berichten von „völkischem Gedankengut“
Auch mit mehreren Studierenden am Fachbereich hat die hessenschau gesprochen. Sie bestätigen, dass es zu derartigen Störungen gekommen sei: In Diskussionen seien respektlose Aussagen gegenüber Minderheiten gefallen, berichtete etwa eine Studentin, die anonym bleiben möchte. Eine andere sprach von „völkischem Gedankengut“, das geäußert worden sei. Gegenstimmen gebe es häufig nicht, viele Kommilitonen „ducken sich weg“, sagte sie. Lehrpersonal wirke überfordert. Mehrere Studierende sagten der hessenschau, sie fühlten sich unwohl in den Geschichtsseminaren. Dies gelte nicht nur für Brünings Veranstaltungen, sondern auch für andere am Fachbereich, heißt es von den Studierenden. Mitarbeitende aus Brünings Team bestätigen: Viele seien mittlerweile eingeschüchtert, besonders nach den Drohungen seien die Sorgen groß. (…) Mit all dem könnte die Professorin zur Zielscheibe geworden sein – für Anfeindungen aus verschiedenen Richtungen. Brüning erklärte der hessenschau jedoch: Sie selbst fühle sich an der Uni vor allem von Personen unter Druck gesetzt, die aus ihrer Sicht rechtsextreme Ansichten vertreten und zum Teil auch in rechtsextremen Gruppierungen organisiert seien. Hier verorte sie auch diejenigen, die in ihren Lehrveranstaltungen stören würden. (…)
Forscher: Gezielte Angriffe auf Einzelpersonen
Christoph Haker von der Universität Flensburg forscht zum Thema Rechtspopulismus und Rechtsextremismus an Hochschulen und kooperiert dabei auch mit Christina Brüning und der Universität Marburg. Laut einer jüngst von Haker veröffentlichten Forschung ist der Anteil von Studierenden mit rechtsextremen Orientierungen innerhalb der Studierendenschaft zwar insgesamt vergleichsweise gering. Im Gespräch führt Haker jedoch aus: Man könne durchaus beobachten, dass Universitäten Ziel extrem rechter Einflussnahme würden. Das zeige sich auch an anderen Hochschulstandorten. „Es ist dabei ganz typisch, dass gezielt Einzelpersonen herausgepickt werden und angegriffen werden.“ Ziel sei letztlich, entsprechende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Lehre zu verdrängen. Er fordert: Universitäten müssten proaktiv mit solchen Situationen umgehen und insgesamt sprachfähiger werden.
Marburg wird für Brüning zum „Angstort“
Christina Brüning sagt: Sie habe sich lange mit ihren Sorgen nicht ausreichend ernst genommen und geschützt gefühlt. Die nun deutlich formulierten Reaktionen der Universität kämen für sie Jahre zu spät. „Marburg ist für mich mittlerweile ein Angstort geworden“, sagt Brüning. Monatelang habe sie die Universitätsstadt gemieden. Zeitweise habe sie sogar über eine Frühpensionierung aufgrund der psychischen Belastung nachgedacht, berichtet die 45-Jährige. Inzwischen suche sie nach Stellen an anderen Hochschulen.“ Reportage von Jan-Christoph Scholz, Anna Spieß und Rebekka Dieckmann vom 11.06.26 auf hessenschau.de
, siehe auch:
- Fall Brüning an Uni Marburg: Neue Ermittlungen und „volle Solidarität“ nach Drohungen gegen Professorin
„Nach Berichten über Drohungen und Anfeindungen gegen eine Marburger Professorin ermittelt die Polizei wieder. Studierende und Wissenschaftsverband reagieren besorgt. Der zuständige Minister sagt Unterstützung zu.
Das Polizeipräsidium Mittelhessen hat dem hr auf Nachfrage mitgeteilt, dass infolge der aktuellen Berichterstattung zu Vorfällen im Zusammenhang mit der Marburger Professorin Christina Brüning erneut Ermittlungen aufgenommen wurden. Dabei gehe es jedoch nicht um die Morddrohungen, sondern um antisemitische Schmierereien, die im Mai in der Universität aufgetaucht sein sollen. Laut Polizei liegt diesbezüglich eine Strafanzeige vor, der Staatsschutz wurde erneut eingeschaltet. Konkret ermittle man wegen des Verdachts der verhetzenden Beleidigung sowie wegen möglicher Sachbeschädigung zum Nachteil der Uni…“ Beitrag von Rebekka Dieckmann, Jan-Christoph Scholz und Victoria Enzenauer vom 12.06.26 auf hessenschau.de
- Fall Brüning an Uni Marburg: Neue Ermittlungen und „volle Solidarität“ nach Drohungen gegen Professorin
- Staatsschutz ermittelt: Morddrohung gegen Wissenschaftlerin an der Uni Marburg
„An der Philipps-Universität Marburg ist eine Morddrohung gegen eine Wissenschaftlerin an eine Wand geschmiert worden. Polizei und Staatsschutz ermitteln. Die Universität verurteilt den Vorfall scharf. Eine Morddrohung gegen eine Wissenschaftlerin der Marburger Philipps-Universität sorgt dort für Unruhe. Die Drohung sei mit einem Stift an eine öffentlich einsehbare Wand der Universität geschrieben worden, erklärte Universitätspräsident Thomas Nauss am Dienstag gegenüber dem hr.
Hintergrund bislang unklar
Den Namen der Wissenschaftlerin und den genauen Wortlaut wolle man nicht veröffentlichen. Nauss bezeichnete den Inhalt der Drohung als „dehumanisierend“ und „eindeutig“. Hinweise auf einen möglichen weltanschaulichen Hintergrund gebe es darin nicht. Nauss teilte aber mit, dass der Staatsschutz eingeschaltet sei. Der Staatsschutz ermittelt unter anderem bei möglicherweise politisch motivierten und extremistischen Straftaten. (…)
Wissenschaftsfeindliche Angriffe auch in der Vergangenheit
Laut Universitätspräsident Nauss seien Forschende der Hochschule bereits in der Vergangenheit wiederholt Ziel „wissenschaftsfeindlicher und antifeministischer Angriffe“ geworden. Nun sei jedoch eine neue Eskalationsstufe erreicht. „An unserer Universität ist kein Platz für Drohungen, Gewalt oder Einschüchterung“, betonte Professor Nauss. Die Universität bewerte die Drohungen nicht nur als Angriff auf eine einzelne Person, sondern auf die gesamte akademische Gemeinschaft und die Freiheit der Wissenschaft.
Universität stellt sich hinter die Betroffene
„Wir stehen fest an der Seite unserer Kollegin und ihres Teams“, erklärte Nauss. Die Hochschule habe gemeinsam mit der Arbeitsgruppe der Forscherin Maßnahmen ergriffen, um die Sicherheit zu gewährleisten und die Fortsetzung der wissenschaftlichen Arbeit zu ermöglichen. „Wir lassen uns nicht einschüchtern und weichen nicht zurück.“…“ Meldung vom 16.12.2025 auf hessenschau.de
- Outing und Gewaltaufrufe haben keinen Platz an der Universität. Aufruf der Universität zum angemessenen Diskurs
„An der Philipps-Universität Marburg kommt es in jüngster Zeit vermehrt zu Schmierereien und Gewaltaufrufen gegen Personen oder Personengruppen. Darunter fallen sowohl misogyne und antisemitische als auch Outing-Schmierereien. Die Universität hat alle ihr bekannten Fälle zur Anzeige gebracht. Die Polizei ermittelt. Wer so handelt, verlässt die freiheitlich demokratische Grundordnung und das Wertefundament unserer Universität: Zusammenhalt, gegenseitige Unterstützung und geteilte demokratische Werte. Die Universität ist als Ort des Austauschs von Wissen und Ideen Teil des demokratischen Rechtsstaates. Der Austausch von Meinungen erfolgt im universitären Diskurs mit Respekt und in einem gewaltfreien Rahmen. Outing, Drohungen und Gewalt haben keinen Platz an der Universität. Prof. Dr. Thomas Nauss, Präsident der Philipps-Universität Marburg“ Meldung der Universität Marburg vom 13.05.2026
- Solidaritätsbrief für von rechten Angriffen und Morddrohungen in Räumen der Universität Marburg bedrohte Marburger Professorin Christina Brüning
- Gemeinsam Feuer löschen: Wie wir Demokratie und Wissenschaft schützen
„Gerade brennt es allerorten und man weiß gar nicht, wo man zuerst löschen soll. So ist unsere Bundesregierung letzte Woche mit ihrem Reformpaket mitten in die akute Bedrohung unserer Demokratie hineingeplatzt — einem Paket, das seinerseits demokratische Strukturen und deren Voraussetzungen zu zerstören droht. (…) Beim überparteilichen Fachgespräch im Bundestag habe ich mich in meinem Eingangsstatement für drei Maßnahmen ausgesprochen, mit deren Hilfe wir Hochschulen im Angesicht der aktuellen Bedrohungslage stärken können. (…)
1) Es bedarf endlich einer echten Reform des WissZeitVG. (…) Wo soll das Geld dafür herkommen? Nun, aus Maßnahme
2: Mit Mitteln des Bundes und der Länder sollte die Grundfinanzierung gestärkt werden, statt diese Gelder in Drittmittelförderung zu leiten. (…)
3) Alle Säulen der Hochschulfinanzierung und -organisation müssen durch langfristige Planung und Reduktion von Einfallstoren für Blockaden oder Manipulationen, wie sie etwa das Einstimmigkeitsprinzip darstellt, gegen rechtspopulistische und rechtsextreme Angriffe abgesichert werden. Statt sich um derlei drängende wissenschaftspolitische Themen zu kümmern, schafft unsere Bundesregierung allerdings leider neue, zusätzliche Baustellen — zu ihnen komme ich jetzt. (…)
Die Koalitionsspitzen von CDU/CSU und SPD planen nicht nur eine Reform des IFG, die seiner Abschaffung gleichkommt — es soll auch eine Ausweitung von Befristungsmöglichkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt erfolgen: Exzessive Befristung, die wir mit #IchBinHanna seit Jahren als unrühmliche Ausnahme im Wissenschaftsbereich kritisieren, soll nun also auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zunehmend Einzug finden. Dazu haben Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich am Freitag an unsere Kontakte aus der SPD-Bundestagsfraktion das Folgende geschrieben — vielleicht kann es einigen als Inspiration dienen, ihrerseits Kontakt mit SPD-Abgeordneten aufzunehmen, wie es Arne Semsrott in der taz angeregt hat: „Mit großer Sorge haben wir das gestern bekannt gewordene Reformpaket zur Kenntnis genommen. Dessen Umsetzung hätte erkennbar massiv negative Konsequenzen für unsere Demokratie, unsere Wissenschaft und die Arbeitsbedingungen in unserem Land. Wir wollen uns hier zu zwei Aspekten äußern, die wir vor dem Hintergrund unserer wissenschaftspolitischen Expertise als Initiator_innen von #IchBinHanna für besonders gravierend halten.
1. Mangelnde Transparenz staatlichen Handelns durch Reform des Informationsfreiheitsgesetzes (…) Das IFG ist ein zentrales Instrument unserer Demokratie. Die geplante Reform würde es in seiner Funktion praktisch abschaffen. (…)
2. Ausweitung von Befristung: Kern unserer Initiative ist der Protest gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft, die u.a. durch die exzessive Befristung mittels des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes zustande kommen. (…) Wir kennen und benennen die desaströsen Effekte von Befristung in der Wissenschaft seit Jahren — sie schadet Beschäftigten und ihrer Arbeit. Wir wollen Sie daher nachdrücklich ersuchen, sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einzusetzen, statt eine unzumutbare Verschlechterung mitzutragen. Das wäre einer sozialdemokratischen Partei schlicht unwürdig…“ Beitrag vom 7. Juli 2026 von und bei ‚Arbeit in der Wissenschaft‘
- Demokratie unter Druck: Was bedeutet das für die Hochschullehre? Eine Handreichung für Lehrende der Ruhr-Uni Bochum
„Die Ruhr-Uni hat eine „Handreichung“ veröffentlicht und stellt sie auf ihrer Webseite vor: »Wie reagieren, wenn sich in einem Seminar jemand demokratiefeindlich äußert? Lehrende finden Argumentationshilfen und Beispiele in der neuen Handreichung. Demokratiefeindliche Kräfte machen auch vor Lehrveranstaltungen nicht Halt. In welchem Rahmen ist eine persönliche Positionierung in der Lehre möglich oder sogar geboten? Wie erfüllen wir unsere Fürsorge- und Schutzpflicht gegenüber Studierenden sowie Mitarbeitenden, ohne Diskursräume zu verschließen?
Und was kann Hochschullehre zur Stärkung der Demokratiefähigkeit von Studierenden beitragen? Diese Fragen behandelt die neue Handreichung für Lehrende, die das Rektorat der Ruhr-Universität Bochum am 10. Juni 2026 mit großer Zustimmung beschlossen hat. (…)
Ergänzend zum universitätsweiten Handlungskonzept zur Förderung von Demokratie und Vielfalt haben Michalina Trompeta, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, und Dr. Peter Salden, Leiter des Zentrums für Wissenschaftsdidaktik, die Handreichung entwickelt. Sie wurde in zwei Universitätskommissionen intensiv diskutiert. Die Handreichung formuliert gegenwärtige Herausforderungen in der Hochschullehre, klärt die rechtlichen Rahmenbedingungen und reflektiert, wie Lehrende mit alltagsdiskriminierenden, politisch radikalen oder extremistischen Äußerungen konkret umgehen können.
Zentral ist darüber hinaus die Frage, wie Lehre die Demokratiekompetenz von Studierenden stärken kann und was die Verpflichtung auf die Verfassung für das Selbstverständnis von Lehrenden bedeutet…“ Meldung vom 18.06.26 in bo-alternativ
(„Handreichung für Lehrende zur Demokratie unter Druck“) zu:
- Demokratie unter Druck: Was bedeutet das für die Hochschullehre? Eine Handreichung für Lehrende vom Juni 2026

- Demokratie unter Druck: Was bedeutet das für die Hochschullehre? Eine Handreichung für Lehrende vom Juni 2026
- Breite Kritik an vorauseilendem Gehorsam der Auflagen der TU Berlin für den Kongress „Take back the future“ nach AfD-Klageandrohung wegen ihrem „Neutralitätsgebot“
- Antifaschistischer Kongress in Berlin erfolgreich gegen die Einschüchterungsversuche der AfD verteidigt, aber: Der Schaden ist angerichtet
„Ein linker studentischer Kongress hat sich erfolgreich dagegen gewehrt, von der AfD verhindert zu werden. Die Technische Universität macht dabei aber keine gute Figur.
Die gute Nachricht zuerst: Die AfD ist mit ihrem Versuch gescheitert, eine aus ihrer Sicht unliebsame Studierenden-Veranstaltung zu torpedieren. Der antikapitalistische Jugendkongress „Take back the future“ findet also wie geplant dieses Wochenende an der Technischen Universität Berlin (TU) statt. Nicht ohne Stolz verkündete am Freitag der linke Studierendenverband SDS, dass er seinen Kongress erfolgreich gegen die Einschüchterungsversuche der AfD verteidigt hat. Allerdings gibt dieser Sieg mindestens genauso viel Anlass zur Sorge wie zur Freude. Denn erstens scheint das TU-Präsidium wie zuletzt die Stadtbibliothek Magdeburg aus Angst vor juristischen Schritten der AfD eingeknickt zu sein. Dafür spricht, dass sie den Studierenden erst eine Streichliste mit 14 potenziell AfD-kritischen Veranstaltungen vorlegte – ohne zu begründen, warum diese Debatten nicht genauso unter die Wissenschaftsfreiheit fallen sollen wie andere gesellschaftskritische Beiträge auch. Der „Kompromiss“ zwischen TU und SDS sieht nun vor, dass Veranstaltungen mit parteipolitischem Anstrich zwar stattfinden dürfen, aber nicht in den Räumen der Uni. Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: Die TU erweckt den Eindruck, als verstoße ein Teil des Kongresses gegen ein angebliches Neutralitätsgebot. So wie es die AfD landauf landab immer wieder behauptet, wenn sich Lehrkräfte kritisch mit Rassismus beschäftigen, Schulen ein Zeichen gegen Diskriminierung und für Vielfalt setzen oder an den Unis vor dem Erstarken rechter Demokratiefeinde gewarnt wird. Wie grundfalsch dieser Gedanke ist, erklären politische Bildner:innen seit Jahren. Es gibt keine Neutralitätspflicht. Es gilt im Gegenteil die Pflicht, vor den Gefahren für die Demokratie zu warnen, gerade an Schulen und Hochschulen. Leider haben dies selbst Teile der Union bis heute nicht kapiert…“ Kommentar von Ralf Pauli vom 12.6.2026 in der taz online
(„Antifaschistischer Kongress in Berlin: Der Schaden ist angerichtet“) - Angriffe auf Veranstaltungsfreiheit an der TU Berlin: Hochschulen dürfen kein Spielball rechter Interventionen werden
„ver.di Berlin-Brandenburg kritisiert die Auflagen der TU Berlin für den Kongress „Take back the future“. Die TU Berlin reagiert damit auf rechtliche Drohungen aus dem Umfeld der AfD. Damit gibt sie der AfD und ihrem Umfeld bereits Einfluss, bevor diese staatliche Positionen besetzen kann. Ein AfD-naher Rechtsanwalt hat gegenüber der Technischen Universität Berlin mit rechtlichen Schritten gedroht und beruft sich dabei auf das Gebot politischer Neutralität. Ziel ist es den Take back the future Kongress, der u.a. vom Studierendenverband SDS organisiert wird, oder einige Veranstaltungen dieses Kongresses verbieten zu lassen. Die TU Berlin hat nun Teile des Kongresses verboten.
„Universitäten sind keine politisch neutralen Räume im Sinne einer inhaltlichen Gleichsetzung aller Positionen. Im Gegenteil: Als Orte von Wissenschaft, Bildung und öffentlichem Diskurs sind sie darauf angewiesen, dass hochschulpolitische Akteure Räume für politische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Auseinandersetzungen aktiv nutzen können. In Zeiten des Aufstiegs von rechtsextremen Kräften, die die Werte des Grundgesetzes fundamental angreifen, muss gerade für die Auseinandersetzung mit diesen Kräften Raum an den Universitäten sein“, sagt Jana Seppelt ver.di Landesfachbereichsleiterin für Wissenschaft in Berlin-Brandenburg.
Gerade als öffentliche Orte, die freien Zugang zu Wissen und Vielfalt garantieren sollen, sind Hochschulen zunehmend ein symbolisches Angriffsziel rechter politischer Gruppierungen wie der AfD. Was sich hier zeigt, ist kein isolierter Einzelfall, sondern Teil einer größeren Entwicklung. In den letzten Jahren können beobachtet ver.di Berlin-Bradenburg eine neue Qualität und Quantität solcher Konflikte. Dabei handelt es sich häufig nicht um spontane, individuelle Initiativen, sondern um strategisch geplante Auseinandersetzungen und gezielte Skandalisierungen, durch die öffentliche Bildungsinstitutionen unter Druck gesetzt werden sollen. Was an Hochschulen oder auch in Bibliotheken geschieht, wird so zu einem symbolischen Kampf um kulturelle Deutungshoheit in der Gesellschaft. Die Universität selbst wird dabei zur Arena, in der dieser gesellschaftliche „Kulturkampf“ ausgetragen wird. Die aktuellen Interventionen sind gezielt darauf gerichtet, Hochschulen und ihre Akteure unter Druck zu setzen, sie herauszufordern oder auch zu überfordern und so die Grenzen wissenschaftlicher und politischer Freiheit auszutesten…“ Pressemitteilung vom 11.06.2026 von ver.di Berlin Brandenburg
- Antifaschistischer Kongress in Berlin: TU streicht Vorträge gegen die AfD
„Ein studentischer Kongress soll 14 Veranstaltungen aus dem Programm nehmen. Die Organisatoren vermuten, dass diese Forderung von der AfD kommt.
Die Organisator*innen des antikapitalistischen Jugendkongresses „Take back the future“ wehren sich gegen Eingriffe in ihr Programm. Bei der Veranstaltung des Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverbands (SDS) an der Technischen Universität Berlin (TU) am kommenden Wochenende wollen sich laut eigenen Angaben rund 1.500 Student*innen und Schüler*innen über Maßnahmen gegen die AfD, gegen Faschismus und Autoritarismus austauschen.
Doch nun steht der Kongress auf der Kippe. Denn die TU hat den Organisator*innen am Dienstag mitgeteilt, dass sie 14 Veranstaltungen aus dem Programm nehmen sollen, damit der Kongress als Ganzes an der Uni stattfinden kann. Insgesamt umfasst er mehr als 90 Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops.
Eine der Veranstaltungen, die die TU aus dem Programm streichen will, ist ein Vortrag des Soziologen Andreas Kemper zum Thema „Björn Höcke – Enthüllung eines Faschisten“. Kemper zeigt sich am Mittwoch entsetzt: „Es wäre eine klare Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit, wenn die faschistische Agenda von Björn Höcke nicht als faschistische Agenda bezeichnet werden dürfte“, sagt er der taz. „In meinem Vortrag geht es nicht um eine Diffamierung von Björn Höcke, sondern ich begründe dort, warum Höcke als Faschist interpretiert werden sollte und warum er hinter den Neonazi-Texten von Landolf Ladig steckt“, sagt Kemper. (…)
Nach Angaben des SDS argumentiert das TU-Präsidium, dass die betreffenden Veranstaltungen gegen das Neutralitätsgebot verstießen. Der SDS vermutet wiederum, dass die AfD selbst hinter der Streichliste der TU stehen könnte. Die Partei soll der Uni ein mehrseitiges „Gutachten“ übermittelt haben. (…)
„Die AfD möchte unseren Kongress verhindern“, sagt Veronika Dinter, Pressesprecherin des „Take Back The Future“-Kongresses. „Das ist ein Angriff auf Universitäten als Orte des kritischen Diskurses.“ Sie forderte alle auf, jetzt erst recht zum Kongress zu kommen. „Wir dürfen vor der AfD nicht einknicken“, sagte sie. Der SDS fordert dies auch von der TU.“ Artikel von Uta Schleiermacher vom 10.6.2026 in der taz online
- „Am Samstag halte ich an der TU Berlin einen Vortrag zum Faschismus von Björn Höcke. Oder auch nicht. Ein Anwalt hat der TU gedroht. Diese überlegt, während des SDS Kongresses einige Vorträge so nicht zuzulassen. Vor allem die nicht, die sich mit Faschismus befassen, unter anderem auch meinen Vortrag
Faschisten müssen als Faschisten benannt werden Hochschulen haben den Auftrag, wissenschaftliche Forschung zu betreiben und zu ermöglichen. Auch dann, wenn dies wissenschaftsfeindlichen Parteien und ihren Anwälten nicht passt. Zur wissenschaftlichen Forschung zählt die Soziologie und eben auch verschiedenen Ansätze der Faschismusforschung. Es liegt im ureigensten Interesse der Wissenschaftsfreiheit der Hochschulen, Faschismusforschung nicht zu beschneiden, denn diese Wissenschaftsfeiheit wäre eines der ersten Opfer von Faschisierungsprozessen. Es kann nicht sein, dass die TU Berlin Vorträge zur faschistischen Gefahr und unter anderem auch einen Vortrag von mir zum Faschismus von Björn Höcke unterbindet, weil ein Anwalt Druck gemacht hat…“ Post von Andreas Kemper am 10.06.2026 auf bsky
- „Die Wissenschaftsfreiheit zerstört sich in vorauseilendem Gehorsam selbst.“ Oliver Nachtwey am 10.6.26 auf bsky
zum Link auf den taz-Artikel - AFD greift SDS Jugendkongress in TU Berlin an: Dringender Solidaritätsaufruf
„Jugendkongress des Sozialistisch-Demokratischen-Studierendenverbands (SDS) wird angegriffen. Dass Durchführung und Agenda eines großen linken Kongresses auf Veranlassung der AFD behindert und eingeschränkt werden soll und sich eine UNI Leitung als Büttel einer rechten Partei hergibt, das ist eine neue Qualität.Das braucht Antwort. Solidarität und es müssen bei den Verantwortlichen gegebenfalls Konsequenzen gezogen werden. Hier der Aufruf der Veranstalter…“ Beitrag von Peter Vlatten vom 10. Juni 2026 beim Forum gewerkschaftliche Linke Berlin
- Siehe die Kongress-Seite: https://take-back-the-future.com

- Siehe auch unser Dossier: Politische Bildung in Schule und Wissenschaft – unter vermeintlichem Neutralitätsgebot
- Antifaschistischer Kongress in Berlin erfolgreich gegen die Einschüchterungsversuche der AfD verteidigt, aber: Der Schaden ist angerichtet
- Mehr als 500 Wissenschaftler*innen haben für die Woche von 1. bis 7. Juni zu einer Themenwoche „Wissenschaft gegen Faschismus“ aufgerufen
- Faschismus auch so benennen. Mit der Aktionswoche »Wissenschaft gegen Faschismus« mobilisieren Studierende und Hochschullehrer gegen den Rechtsruck
„… Am Mittwochabend fand unter dem Motto »Verantwortung in Zeiten faschistischer Gefahr – Wissenschaft zwischen Analyse und demokratischem Widerstand« die zentrale Veranstaltung der Aktionswoche in der Berliner Humboldt-Universität statt. Bundesweit wurde das Podium an zig Hochschulen per Stream verfolgt
. Margarita Tsomou, Professorin für Zeitgenössische Theaterpraxis in Osnabrück und eine der Initiator*innen der Aktionswoche, moderierte den Abend und begann erst mal mit einem Lob an die »Studis gegen rechts«. In wenigen Wochen hätten die Studierende ein großartiges Programm aufgestellt. Die große Beteiligung an »Wissenschaft gegen Faschismus« wertete Tsomou als »politisches Signal«. Schon jetzt merke man an den Universitäten, wie sich die »Räume des Sagbaren verengen«. Die Forderungen nach einer »unpolitischen« und »neutralen« Wissenschaft nähmen zu, und das entspreche ganz den Vorstellungen der AfD, wie Margarita Tsomou mit Blick auf das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt erklärt. Weil Hochschulen der Ort sind, an dem bestimmt wird, welches Wissen hegemonial ist, sei es für die AfD so wichtig, Zugriff auf sie zu bekommen.
Von der Philosophin Rahel Jaeggi möchte Margarita Tsomou wissen, warum es in den Feuilletons der Republik
derzeit eine Debatte gibt, ob man bei der Gefahr von rechts von »Faschismus« sprechen kann. Jaeggi erklärt, dass man sich jahrelang um den Begriff gewunden habe, stattdessen über »Rechtspopulismus« oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gesprochen habe. Mittlerweile gebe es in der Wissenschaft aber eine »Dringlichkeit«, über Faschismus zu sprechen. Dies geschehe auch nicht, um Alarmismus zu erzeugen, wie es Jan Philipp Reemtsma in der »FAZ« nahegelegt habe, sondern wegen realer Entwicklungen. Allerdings hält Jaeggi selbst es für angebrachter, von »Faschisierung« zu sprechen, das zeige deutlicher, dass sich die Gesellschaft in einem Prozess befinde, der in den Faschismus münden kann, aber nicht muss. Parallelen zwischen etwa der Maga-Bewegung und der AfD mit historischen faschistischen Bewegungen kann Jaeggi erkennen und verweist etwa auf die große gesellschaftliche Mobilisierung der extrem rechten Bewegungen der Gegenwart. Denjenigen, die den Begriff des Faschismus in der aktuellen Debatte rundherum ablehnen, wirft Jaeggi vor, ein falsches Bild zu haben: »Viele denken, Faschismus ist es erst, wenn ein paar Millionen in Vernichtungslagern landen, aber das ist eine irreführende Vorstellung von dem, was passiert.«
Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität, hält es für angebracht, von Faschismus zu sprechen. Gesellschaftlich kippe viel sehr schnell, die ICE-Einsätze
in den USA könne man durchaus mit den »Schwarzhemden« Mussolinis vergleichen. Unter dem Deckmantel des Effizienzgewinns und Bürokratieabbaus werde von Elon Musks DOGE bis zu Konservativen in Deutschland Stimmung gegen rechtsstaatliche Verfahren gemacht. Mit Blick auf die AfD warnt Foroutan: »Es fängt mit einer Gruppe an und geht dann weiter.« Im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt hetze die Partei nicht mehr nur gegen Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan, sondern auch gegen Menschen aus der Ukraine.
Der Jurist Maximilian Steinbeis vom Verfassungsblog
erklärte, auf die Erfahrungen im Thüringen- und Justiz-Projekt
angesprochen, dass man eine »Schwachstellenanalyse« durchgeführt habe. Die Hoffnung, mit einer Ausbesserung der Verfassung könne man sich vor der Gefahr von rechts schützen, sei »trügerisch und gefährlich«. Legalistisches Denken greife zu kurz, weil die extreme Rechte im Zweifel einfach rechtswidrig handele. Steinbeis hält es für richtig, das Programm der AfD in Sachsen-Anhalt zu analysieren und sich anhand von Szenarien auf eine Alleinregierung der Partei vorzubereiten. Das Ziel müsse es aber sein, dass die AfD keine Regierungsverantwortung übernehme, das erhöhe die Chance, dass die Partei weiter nur »leeres Gerede« produziere, das sich »irgendwann totläuft«. Gleichzeitig warnte der Jurist davor, bei den Gefahren für Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit nur auf die AfD zu blicken. Steinbeis nennt etwa die hessische Initiative
, die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe zu stellen. Dies sei »zutiefst illiberal«. »Deswegen reicht es nicht aus, nur über die AfD zu reden«, so der Appell des Juristen.“ Bericht von Sebastian Weiermann am 04.06.2026 in ND online 
- Gemeinsame Diskussionsveranstaltungen – Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten der faschistischen Gefahr
„Studis gegen Rechts und ein Unterstützer:innenkreis an Professor:innen laden dazu ein, bundesweit Diskussionsveranstaltungen an Universitäten und Hochschulen zu organisieren, die sich mit der aktuellen Gefahr des Faschismus und der gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaft auseinandersetzen. Es ermutigt uns, dass dieser Ansatz auf Interesse stößt und mehrere Wissenschaftler*innen und universitäre Einrichtungen ihre Mitwirkung signalisiert haben. Diesen Austausch möchten wir gemeinsam weiter ausbauen.
Der Aufruf richtet sich ausdrücklich nicht nur an Studierende, sondern auch an Professor:innen, wissenschaftliche Mitarbeiter:innen, Beschäftigte an Hochschulen sowie Wissenschaftler:innen außerhalb der Uni.
Unter dem Motto „Wissenschaft gegen Faschismus – Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten faschistischer Gefahr“ sollen bundesweit Aktivitäten in der Woche vom 1. bis 7. Juni stattfinden.
Die Formen der Beteiligung sind breit: außercurriculare ad-hoc Treffen ermöglichen eine niedrigschwelligen Austausch zwischen Studies, Verwaltungspersonal und Professor*innen zu der Frage; bereits geplante Seminare greifen das Thema auf und öffnen Raum für Diskussionen; zusätzlich stattfindende öffentliche Abendveranstaltungen öffnen Raum für die breitere Zivilgesellschaft; Institute pausieren ihre reguläre Lehre, um gezielt Zeit für vertiefte Debatten zu schaffen. Ziel ist ein gemeinsamer Impuls auf Bundesebene, der unterschiedliche Formate und lokale Schwerpunkte ausdrücklich zulässt. Gemeinsame Pressearbeit soll diesen Impuls weit über die Universitäten hinaus in die öffentliche Debatte tragen…“ Der Aufruf auf der Aktionsseite „Wissenschaft gegen Faschismus“
(und die Initiative auf bsky
) – mit über 600 Veranstaltungen in rund 100 Städten - Wissenschaft zeigt Haltung: Aufruf zur Themenwoche „Wissenschaft gegen Faschismus“
„Mehr als 500 Wissenschaftler*innen haben für die Woche von 1. bis 7. Juni zu einer Themenwoche „Wissenschaft gegen Faschismus“ aufgerufen. Die GEW begrüßt die Initiative und ruft zur Stärkung von Demokratie und Wissenschaftsfreiheit auf.
1933 begrüßten die allermeisten Mitglieder der Universitäten nicht nur den deutschen Faschismus, sondern hatten ihm Jahre zuvor den ideologischen Boden bereitet. Ganz anders heute: Mehr als 500 Wissenschaftler*innen rufen für die Woche von 1. bis 7. Juni 2026 zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung an den Hochschulen mit der wachsenden faschistischen Gefahr auf. In zahlreichen Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen und Workshops setzen sich Hochschulbeschäftigte und Studierende mit Angriffen auf Forschung und Lehre auseinander und eröffnen den Raum für die Erarbeitung von Strategien zur Sicherung der akademischen Freiheit. (…) Die GEW selbst macht das Thema „Wissenschaft unter Druck – Perspektiven der akademischen Freiheit“ zum Gegenstand ihrer nächsten Wissenschaftskonferenz
, die von 1. bis 3. Oktober in Erfurt stattfinden wird.“ Meldung der GEW vom 27.05.2026 
- 570 Forscher*innen gegen Rechtsruck: Hoch die interdisziplinäre Solidarität!
„Das Bündnis Wissenschaft gegen Faschismus veranstaltet eine Aktionswoche gegen Autoritarismus. Das ist vor den Landtagswahlen auch Selbstverteidigung.
Große Teile der Wissenschaftslandschaft schlagen Alarm: Über 570 Forscher*innen
haben sich im Bündnis Wissenschaft gegen Faschismus
zusammengeschlossen. Sie fordern die Gesellschaft, aber insbesondere auch ihre Hochschulen, Unis und Kolleg*innen auf, dem Aufstieg von Rechtsextremisten entschiedener entgegenzutreten. Man müsse Klimakrise und Demokratiekrise zusammendenken, innerhalb der Forschung solidarisch sein und brauche eine antifaschistische Wirtschaftspolitik, so zentrale Forderungen des Aufrufs.
Das Bündnis will bewusst alle Disziplinen in Mithaftung nehmen: „Verantwortung von Wissenschaft in Zeiten faschistischer Gefahr“, lautet der Untertitel des Aufrufs. Das Bündnis veranstaltet eine bundesweite Aktionswoche vom 1. bis zum 7. Juni
mit mittlerweile mehr als 240 Veranstaltungen an über 70 Hochschulstandorten, Tendenz steigend. Vernetzt wurde das Bündnis unter anderem von den „Studis gegen rechts“, mittlerweile unterstützen auch ganze Unis und Institute. Und es dürften noch mehr werden: Wissenschaftler*innen rufen dazu auf, in dieser Woche bundesweit Lehrveranstaltungen am Thema auszurichten. (…)
Angriffe auf Wissenschaftsfreiheit
Besondere Dringlichkeit sieht das Bündnis aufgrund der anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die Chance auf exekutive Macht für die extrem rechte AfD so wahrscheinlich wie nie zuvor ist. Eine AfD-Landesregierung könnte der Wissenschaft kurzerhand den Geldhahn zudrehen
, um unter anderem unliebsame Forschungsfelder oder studentische Selbstorganisation de facto abzuschaffen. (…)
Unis als Orte demokratischer Aufklärung
Ein Höhepunkt der Aktionswoche soll unter anderem eine hybride Diskussionsveranstaltung
zur Aktualität des kontroversen Faschismusbegriffes sein. Die findet am 3. Juni an der Humboldt-Uni in Berlin statt. (…) Einig sind sich viele der Wissenschaftler*innen darin, dass auch Nichtstun politisch sei. Erst recht, wenn autoritäre Politik auch ohne AfD-Regierung normalisiert werde, müssten Minderheiten und Vielfalt umso dringender geschützt werden – auch und gerade an den Unis.“ Artikel von Gareth Joswig vom 28.5.2026 in der taz online 
- Faschismus auch so benennen. Mit der Aktionswoche »Wissenschaft gegen Faschismus« mobilisieren Studierende und Hochschullehrer gegen den Rechtsruck
- Völkische Wissenschaftspolitik. Das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt zeigt die Pläne zum antidemokratischen Umbau der Hochschulen. Wie lässt sich dem entgegentreten?
„Erstaunlich präzise benennt das sogenannte Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt die Probleme des deutschen Wissenschaftssystems: zu schlechte Grundfinanzierung und Drittmittelabhängigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Kritik am Numerus Clausus und am derzeitigen Bafög-System, weil es dazu führt, dass zu viele Studierende nebenher arbeiten müssen, wie auch die Forderung, den Bologna-Prozess rückabzuwickeln. Doch das Programm gibt konsequent die grundfalschen Antworten, die den drastischen Wettbewerb und die eklatante Ungleichheit an Universitäten rapide verstärken würden. Die Öffnung und Demokratisierung der Hochschulen ab den 1960er Jahren sollen zurückgenommen werden und es wird ein Wissenschaftsbegriff vertreten, der einen erschaudern lässt: völkisch, antifeministisch und rassistisch.
Das sich auf 156 Seiten und in 17 Politikfelder aufteilende Programm der AfD zur Wahl zum 9. Landtag in Sachsen-Anhalt, die am 6. September 2026 stattfinden wird, beschäftigt sich an fünfter Stelle auf lediglich fünf Seiten mit Wissenschaftspolitik. Doch diese haben es in sich. Glaubt man der AfD, so begann der Niedergang »mit der 68er-Revolte«. So habe die »deutsche Wissenschaft in der Zeit zwischen Kriegsende und der Mitte der 1960er Jahre noch eine kurze Blüte« erlebt. Die »68er« hätten eine »schädliche Politisierung«, eine aufgeblähte Bürokratie und »ein pseudodemokratisches Gremienwesen« an die Universität gebracht. Weiter heißt es: »Später kam dann das Quotenunwesen dazu«. So hätten Klima- und Corona-Politik gezeigt, dass »auch die Naturwissenschaft nicht mehr in der Lage sind, ideologiefreies Wissen zu erzeugen«. Und nicht zuletzt die Sozialwissenschaften steckten »bis zum Hals in einem Sumpf aus Genderismus, Postkolonialismus und sonstiger poststrukturalistischer Phrasendrescherei«. Dieser »Zustand«, so die AfD, solle beendet und in Sachsen-Anhalt die »deutsche Wissenschaft zu ihrer alten Größe« geführt werden.
Demokratie und Studienbedingungen
Alternativ zum Bafög, das ›falsche‹ Anreize setze, möchte die AfD ein Landesstipendium auflegen, das unabhängig vom Einkommen der Eltern und mit ständiger Kontrolle, die »einzig und allein auf die fachliche Leistung abstellt«, aufsetzen. Zusätzlich soll der Numerus Clausus durch Auswahlverfahren ersetzt werden, das dazu führen soll, dass »von allen Bewerbern diejenigen ein bestimmtes Fach studieren, die dafür am besten geeignet sind«. Und damit die »deutsche Wissenschaft wieder die Freiheit« hat, »sie selbst zu sein«, soll der Bologna-Prozess rückabgewickelt werden. Dies soll dazu führen, dass »wieder Spitzenleistungen« hervorgebracht werden. Was das letztendlich für Studierende bedeuten würde, zeigt nicht zuletzt die Ablehnung der AfD von Gleichstellungspolitiken: Hier heißt es, dass Männer gezielt diskriminiert würden. Ersetzt sollen diese daher durch Gleichberechtigung, doch diese lediglich formale Gleichstellung, würde in der Kombination mit der angestrebten Elitenförderung lediglich dazu führen, bestehende Ungleichheiten zu verstärken.
Besonders deutlich zeigt sich dies daran, dass die AfD Sachsen-Anhalt die Gruppenuniversität mit teildemokratischen Elementen, wie Mitbestimmungsrechten von Studierenden, Mittelbau und anderen Angestellten, abschaffen möchte. (…)
Auch in Bezug auf die prekären Arbeitsverhältnisse an der Universität plant die AfD ähnliches: So würden durch die schlechte Bezahlung und Befristung an der Universität vor allem die »Wissenschaftsidealisten« und »Mittelmäßigen, die in der Wirtschaft keine Perspektive finden« eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben. Diesen »Teufelskreis« möchte die AfD durch Entfristung, bessere Bezahlung und »höhere fachliche Anforderungen an Wissenschaftler« beenden: »Die Besten sollen an der Universität bleiben, dort Wissenschaft auf höchstem Niveau betreiben«…“ Artikel vom 27.05.2026 in ND online
- Leitlinie: Umgang mit rechten Anfeindungen gegen die Wissenschaft
„Die knapp 30-seitige Handreichung „Umgang mit rechten Anfeindungen gegen die Wissenschaft“ des GERDEA-Forschungsverbund in Kooperation mit dem Bundesverband Mobile Beratung richtet sich an Hochschulen und Forschende, die von rechten bzw. rechtsextremen Angriffen betroffen sein können/könnten. Die Handreichung beschreibt rechte Anfeindungen nicht nur als „Störgeräusche“, sondern Angriffe auf die demokratische Funktion von Wissenschaft. Sie zielen darauf, Handlungs- und Diskursräume an Hochschulen zu verengen. Darum stellt die Leitlinie nicht nur das individuelle „Durchhalten“ in den Vordergrund, sondern vor allem die institutionelle Verantwortung. Die Handreichung ist als praxisorientierter Leitfaden angelegt, zeigt Einblick in die aktuelle Beratungspraxis von Hochschulen und verfolgt einen konkreten 10-Punkte-Plan. Dieser Plan besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil steht ganz im Sinne der Prävention und der zweite Teil zeigt, was unternommen werden kann, wenn man betroffen ist. Insgesamt warnt die Handreichung davor, Nichtstun mit Neutralität zu begründen. Hochschulen sollen rechtsextreme Angriffe nicht aussitzen, sondern Wissenschaftsfreiheit aktiv schützen, mit klaren Zuständigkeiten, abgestimmter Kommunikation und Rückendeckung für Betroffene.“Beitrag von Elena Grunow vom 17. April 2026 bei Wissenschaftskommunikation.de
zur 28-seitgen Leitlinie
von Forschungsverbund GERDEA & Bundesverband Mobile Beratung - Die trügerische Sehnsucht nach dem „Kern“ der Wissenschaft
„Die Kritik an zu viel Normativität und gesellschaftlichem Engagement in der Wissenschaft ist doppelt falsch. Sie schwächt die Qualität der Forschung – und nützt denen, die Wissenschaft politisch begrenzen wollen.
ES SIND BEMERKUNGEN, ein paar Halbsätze. Selten mehr. Vielleicht weil meine Gesprächspartner ahnen, dass ich anderer Meinung bin. Womöglich handelt es sich auch um ein echtes Tasten, ein Ringen nach Haltung und Perspektive. Doch was ich da höre, sorgt mich. Wegen des Inhalts. Aber auch wegen derjenigen, die da reden: Hochschulrektoren, Chefs von Forschungsinstituten, Repräsentanten von Stiftungen, dekorierte Wissenschaftler. Einflussreiche Leute. Persönlichkeiten, die ich schätze und respektiere. „Vielleicht haben wir es wirklich übertrieben“, sagt der eine, „das mit der Diversität, der Nachhaltigkeit und all dem.“ „Wir müssen echt aufpassen“, sagt die andere, „dass wir über all den guten Absichten nicht die harte Wissenschaft vernachlässigen.“ Und ein dritter mahnt: „Wie sollen wir uns irgendwann gegen rechte Landesregierungen wehren, die der Wissenschaft ihren Willen aufzwingen wollen, wenn die Wissenschaftspolitik schon heute durch wissenschaftsferne Motive überlagert wird?“ Klar hat es solche Statements immer gegeben. Doch sie nehmen zu in Häufigkeit und Intensität. (…)
Die Trump-Ideologie zerstört nicht nur die Grundfesten freier Forschung und leistungsstarker Universitäten, sie füttert die vorhandene Wissenschaftsfeindlichkeit in einem Teil der Bevölkerung, die wiederum auf eine geschwächte Wissenschaftscommunity trifft. So wie der antiliberale Feldzug extrem konservativer bis rechtsradikaler Ideologen zu einer Diskursverschiebung führt, die plötzlich Bekenntnisse zu demokratischen Errungenschaften wie Minderheitenschutz oder offenen Grenzen als zunehmend radikal erscheinen lässt. Auch in Deutschland, wie der Erfolg der AfD in Umfragen und das Irrlichtern der etablierten Parteien bei Migration oder Bürgerrechten zeigt.
Und genau in diesem Klima beginnen auch Teile der Wissenschaft und ihrer Chefetagen, verstärkt ihre Vorbehalte gegenüber einer vermeintlichen politischen Überbeanspruchung der Wissenschaft zu äußern. Noch ist es kein offener Rückzug, eher ein leises Justieren, ein Distanzieren von Begriffen wie Diversität oder Nachhaltigkeit, ein demonstratives Pochen auf einen abstrakten Kern von Wissenschaft, was auch immer der beinhalten soll. (…)
Was es jetzt braucht, ist keine Abkehr von Diversität, Transfer oder gesellschaftlicher Verantwortung – sondern deren entschiedenere Verteidigung. Eine ehrlichere Debatte darüber, wie sie besser organisiert und gegen Angriffe von Rechtsaußen abgesichert werden können. Mit dem Blick auf objektive Er
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Source: labournet.de