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Rechte Platznahme

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Klare Ansage der Fans des VfL Halle: Nazis sind nicht nur im Block, sondern auch im Tor unerwünscht

Klare Ansage der Fans des VfL Halle: Nazis sind nicht nur im Block, sondern auch im Tor unerwünscht

»Wir haben keine Zäune oder andere Dinge beschädigt. Wir haben uns auch nicht den Eintritt erschlichen.« Entschieden widerspricht Daniel den Vorwürfen des Fußballvereins VfL Halle 1896. Der Vereinsleitung zufolge seien bei einer Protestaktion Dutzende VfL-Fans unerlaubt aufs Stadiongelände vorgedrungen und hätten dabei Sachbeschädigung ­begangen. Daniel, der seinen Nachnamen nicht gedruckt sehen will, ­gehört zu jenen Fans, die Kritik am Verein üben. Gegenstand dieser ­Kritik ist der neue Torhüter.

Seit dieser Saison spielt der 24jährige Franz Lohse beim VfL Halle. Weil er Verbindungen in die extrem rechte Szene haben soll, protestieren die vorwiegend linken Fans des ­Vereins. »Ein Nazi im Trikot ist immer noch ein Nazi«, war unter anderem auf einem Transparent im Stadion zu lesen. Im Gespräch mit der Jungle World nennt Daniel »zwei Problemfelder«: »Da ist die Personalie Franz Lohse an sich und dann der Umgang des Vereins damit und der Kritik daran.«

In einem Post betrauert Lohse gefallene Wehrmachtssoldaten: »Sie starben dafür, dass Deutschland lebt!«

Die Kritik kommt vor allem von der 50 Menschen umfassenden Gruppe Barra Brawu, die zur besonders aktiven Fanszene gerechnet wird. Auch Daniel, der von 2015 bis 2023 Fanbeauftragter des Vereins war, gehört ihr an. »Der Verein hat sich zuerst überrascht und erschrocken gezeigt von unserer Kritik. Wenn Lohse noch in der Szene ist, fliegt er raus, so lautete das Credo des Vereins anfangs.« Doch plötzlich habe sich das verändert, sagt Daniel.

Als im Juli das Gerücht aufkam, dass der Torhüter in der neuen Saison zum VfL Halle 96 wechseln soll, machten sich die Fans kundig. Das Rechercheportal »Sachsen-Anhalt rechtsaußen« zählte Lohse 2024 zur rechten Fußballfanszene. Fotos, die er selbst veröffentlicht hatte, zeigen ihn neben einem Mitglied der Iden­titären Bewegung. Er trainierte im Kampfsportstudio »La Familia Fightclub«, das für seine rechte Kundschaft bekannt ist. Auf Instagram empfahl er die Lektüre von »Ewiges Deutschland: Ein deutsches Hausbuch«, einer nationalsozialistischen Propagandabuchreihe, für die Joseph Goebbels die Vorworte verfasste. Lohse merkte dazu an: »#Lesenbildet bildet euch, bildet andere, bildet Banden … !« In einem Post betrauert er gefallene Wehrmachtssoldaten: »Sie starben dafür, dass Deutschland lebt!«

Dokumentiert ist ebenfalls der Besuch einer Feier beim Neonazi-Konzertveranstalter Enrico Marx, der auch Funktionär der Jungen Nationalisten ist, der Jugendorganisation der Partei »Die Heimat«, der früheren NPD. Lohse selbst trägt auf einem Foto ein T-Shirt mit der Aufschrift »Division Sachsen-Anhalt« – ein bei Neonazis beliebtes Label. Weitere Fotos bringen ihn in Zusammenhang mit der Szene. Eines soll Daniel zufolge vom 20. April 2026 stammen, wo neben dem Torwart ein Mann mit einem Shirt steht, dessen Aufschrift für Björn Höcke wirbt.

Für die Jungle World war Lohse nicht zu erreichen. Auf eine Anfrage des Mitteldeutschen Rundfunks hin verwies er auf ein Interview, das er Ende August der Mitteldeutschen Zeitung gegeben hatte. Darin behauptet er, die oben genannten NS-Pro­pagandabücher aus historischem Interesse gelesen zu haben. Und in dem Post zum Thema Wehrmacht habe er darauf aufmerksam machen wollen, dass einer seiner Urgroß­väter im Zweiten Weltkrieg gefallen sei. Auf die Party von Enrico Marx sei er durch Zufall geraten. Sich selbst bezeichnet er als »unpolitisch«.

Den kritischen Fans gegenüber habe der Verein die Vorwürfe als Jugendsünden und »olle Kamellen« abgetan, sagt Daniel: »Das sei eine rein sportliche Sache, daher sollten wir den Ball flach halten, so hieß es.« Lohse sei nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten, der Verfassungsschutz wisse nichts über den Torwart; solange ihm nichts strafrechtlich Relevantes vorzuwerfen sei, wolle man auch nicht reagieren, habe der Verein den kritischen Fans mitgeteilt, mit denen er anfangs noch im Gespräch war.

Später habe die Vereinsleitung ihnen vereinsschädigendes Verhalten vorgeworfen, sagt Daniel. Er insistiert: »Wenn das sowieso alles Jugendsünden sind, dann muss Lohse das glaubhaft machen. Er sagt nun, das Foto vom 20. April sei von früher. Aber so alt ist er doch noch gar nicht. Wenn seine Gesinnung vor zwei Jahren noch so deutlich zu dokumentieren war, wie fand dann der angeb­liche Wandel statt?«

»Mit dem, was Franz Lohse vorgeworfen wird, wäre er vor fünf Jahren noch aus jeder Freiwilligen Feuerwehr geschmissen worden.« Daniel, Fan des VfL Halle 96

Daniel zufolge entfernte der Verein kritische Kommentare aus den Social-Media-Kanälen. Hingegen ließ er positives Feedback von Fans anderer, für rechte Fanszenen bekannter Vereine wie Hallescher FC und Lok Leipzig stehen. »In der ­Öffentlichkeit wollten sie den Konflikt kleinhalten«, so Daniel. In einer Stellungnahme lässt der Verein wissen: »Wir beurteilen Menschen nicht danach, welcher politischen Richtung sie zugerechnet werden oder welche persönlichen Überzeugungen ihnen zugeschrieben werden.« Und: »Die Verpflichtung eines Spielers ist eine sportliche Entscheidung des Vereins. Sie ist kein politisches Statement. Persönliche politische Ansichten – sofern sie überhaupt bekannt und eindeutig zuzuordnen sind – sind kein Kriterium dafür, ob jemand für den VfL Halle 96 Fußball spielen darf.«

Die Fans deuten solche falsche politische Neutralität als vorauseilenden Gehorsam vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden und nun eingetretenen AfD-Siegs bei der Landtagswahl. »Politische Ansichten interessieren uns nicht: Das ist das ­fatale Signal, das ausgesendet wird«, so Daniel. »Man sieht an Lohse die Tonverschiebung der vergangenen Jahre. Mit dem, was ihm vorgeworfen wird, wäre er vor fünf Jahren noch aus jeder Freiwilligen Feuerwehr geschmissen worden.«

Beim ersten Oberliga-Heimspiel am 9. August nutzten 50 Fans alternative Zugänge, um ins Stadion zu gelangen und mit Transparenten ihrem Protest Ausdruck zu verleihen; sie gingen noch vor Anpfiff der Partie gegen Auerbach wieder. »Wir wollten verdeutlichen, was der Verein verliert, wenn wir nicht mehr kommen«, so Daniel. Manche dieser Menschen seien seit 30 Jahren beim Verein ­engagiert und hätten ihn in der Covid-19-Pandemie finanziert. »Wir haben dem Verein angeboten, mit Crowdfunding ein weiteres Torwartgehalt zu finanzieren, sollte eine Vertragsstrafe drohen, wenn Lohse aus dem Team gekickt wird.« Das hat der Verein nicht angenommen. Während der Protestaktion schaltete er die Polizei ein.

Die Fans des VfL Halle 96 halten vorerst am Boykott fest. »Wenn die Engagierten wegbleiben, entsteht ein Vakuum, das die Rechten füllen«, sorgt sich jedoch Daniel. Viele Mitglieder von Barra Brawu werden sich erst einmal nicht mehr im Stadion blicken lassen. Die Polizei ermittelt »unter anderem wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung gegen mehrere derzeit noch unbekannte Tatverdächtige«, teilte die Polizei Halle auf Anfrage der Jungle World mit.

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Source: jungle.world