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Keine Probleme mit dem Nachbarn
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Für Irans Regime und Regimegegner offen: Die iranisch-armenische Grenze, gesehen aus Meghri, Armenien, fünf Kilometer östlich vom Grenzübergang Nurduz-Agarak
Für Irans Regime und Regimegegner offen: Die iranisch-armenische Grenze, gesehen aus Meghri, Armenien, fünf Kilometer östlich vom Grenzübergang Nurduz-Agarak
Armenien teilt mit dem Iran eine 44 Kilometer lange Grenze, deren einziger Grenzübergang vor Agarak liegt, einer staubigen armenischen Kleinstadt an einer Kupfermine am Fluss Aras. Auf der anderen Flussseite erheben sich die wüstenartigen iranischen Berge, in der Nähe befindet sich das iranische Dorf Nurduz. Dutzende Lastwagenfahrer warten vor dem Grenzübergang auf die Abfertigung ihrer Ladung.
In der Provinz Sjunik im Südosten Armeniens sind Iraner:innen ein alltäglicher Anblick: Tourist:innen besuchen armenische Kirchen oder gehen in den grünen Bergen wandern, Lastwagen mit iranischen Nummernschildern quälen sich die steilen Serpentinenstraßen Richtung Norden hinauf. Und auf den Baustellen des Nord-Süd-Korridors – einer fast 600 Kilometer langen Schnellstraße, die, wenn sie endlich fertiggestellt wird, von Georgien zur iranischen Grenze in Südarmenien führen soll – arbeiten iranische Bauarbeiter.
Viele Iraner:innen reisen während des persischen Neujahrsfests Nowruz Ende März nach Armenien, um abseits der strengen Blicke der iranischen Religionspolizei wilde Partys feiern zu können.
Gelegentlich hört man von Armenier:innen misstrauische Kommentare: Die Iraner:innen, die dank eines bilateralen Abkommens von 2016 für 90 Tage visumfrei über die Grenze einreisen können, seien »eigentlich Türken« – gemeint sind Angehörige der vor allem im Grenzgebiet zu Armenien lebenden aserbaidschanischen Minderheit Irans.
Auch in Eriwan trifft man Iraner, doch hört man im Herbst die persische Sprache in der von glitzernden Neubauten geprägten armenischen Hauptstadt seltener. Auf zahlreichen Websites wird bei der Suche nach iranischen Orten in Armenien als Erstes Eriwans blaue Moschee genannt, eine im 18. Jahrhundert unter persischer Herrschaft gebaute schiitische Moschee, die unter sowjetischer Kontrolle als Museum und seit der armenischen Unabhängigkeit 1991 wieder als Moschee genutzt wird, die einzigen im christlich geprägten Armenien. Bei einem Besuch auf dem mit iranischen Staatsgeldern restaurierten und seit 2015 auf 99 Jahre an die Islamische Republik Iran verliehenen Komplex sind jedoch kaum Iraner:innen zu sehen oder zu hören. Vereinzelte Propagandaplakate des iranischen Regimes ergänzen die kulturhistorischen Ausstellungsstücke der Moschee und deuten auf den Einfluss des iranischen Staats hin.
Häufigere Ziele iranischer Besucher:innen sind dagegen neben den üblichen Touristenattraktionen Eriwans die Bars und Clubs der Stadt. Viele Iraner:innen reisen während des persischen Neujahrsfests Nowruz Ende März nach Armenien, um abseits der strengen Blicke der iranischen Religionspolizei wilde Partys feiern zu können.
Die guten Beziehungen Armeniens zum Iran, die die Präsenz der Iraner:innen ermöglichen, sind keineswegs Ausdruck ideologischer Nähe zum iranischen Regime, sondern schlicht eine außenpolitische Notwendigkeit. Armenien ist ein importabhängiges Binnenland ohne eigenen Zugang zum Meer. Die Türkei und Aserbaidschan halten ihre langen Grenzen nach Armenien trotz Friedensverhandlungen weiterhin geschlossen, so dass nur über den Iran und Georgien Güter eingeführt werden können. Zudem unterhält Armenien eine Energiepartnerschaft mit dem Iran, das seit 2009 über eine Pipeline Gas liefert und dafür Elektrizität aus Armenien erhält.
Die ehemalige armenische Abgeordnete Tatewik Hajrapetjan fasst die armenische Iran-Politik im Gespräch mit der Jungle World folgendermaßen zusammen: »Armenische Beziehungen mit dem Iran und Georgien sind überlebenswichtig für Armenien. Wir dürfen mit ihnen auch keine Probleme haben.« Armeniens Ministerpräsident habe deshalb auch der Beerdigung des im Iran-Krieg getöteten ehemaligen Obersten Führers des Iran, Ali Khamenei, beigewohnt. Zudem kommentiere Armeniens Regierung grundsätzlich nie innenpolitische Entwicklungen im Iran, so Hajrapetjan. Man habe schon viele Probleme, man solle daher keine weiteren ins Land bringen.
Die Türkei und Aserbaidschan halten ihre langen Grenzen nach Armenien trotz Friedensverhandlungen weiterhin geschlossen, so dass nur über den Iran und Georgien Güter eingeführt werden können
Die tödliche Repressionskampagne des iranischen Regimes gegen die Protestbewegung im Januar und der Ausbruch des Iran-Kriegs stellt das iranisch-armenische Verhältnis auf eine Probe. Seitdem haben sich die Grenzübertritte aus dem Iran deutlich vermehrt. Nach UN-Angaben reisten von Februar bis August über 83.000 Iraner:innen nach Armenien ein; 81.200 davon verließen das Land jedoch wieder in Richtung Iran oder in Drittländer, was Armeniens Regierung im Sinne ihrer neutralen Haltung zum Iran durchaus genehm ist. Iraner, die sich im Januar nahe der iranischen Botschaft in Eriwan an Protesten gegen die tödliche Repressionskampagne des Regimes beteiligten, wurden vom armenischen Geheimdienst NSS verhört, nachdem der iranische Botschafter Armenien wegen der Genehmigung der Proteste verurteilt hatte. Hajrapetjan sagt dazu: »Die armenische Regierung und die Polizei beendeten das Thema sehr schnell. Sie wollten, dass die Proteste nicht stattfinden.«
Die paar Tausend Iraner:innen, die in Armenien bleiben wollen oder auch müssen, etwa weil ihnen das iranische Regime wegen ihrer politischen Arbeit die Staatsbürgerschaft entzogen und sie staatenlos gemacht hat, haben es in Armenien schwer. Die Lebenshaltungskosten sind gemessen am durchschnittlichen monatlichen Bruttolohn von umgerechnet etwa 700 Euro sehr hoch. Bezahlbarer Wohnraum ist vor allem im dichtbesiedelten Eriwan rar. Auch Arbeit zu finden, ist angesichts einer Arbeitslosenquote von 13 Prozent im Jahr 2025 schwierig. Die Integration ist auch wegen des Mangels an Sprachkursen für die außerhalb des Landes wenig gesprochene und anspruchsvolle armenische Sprache kompliziert. Einzig der IT-Sektor Armeniens bietet Chancen für iranische Fachkräfte, deren Arbeit im Iran von den langen Internetsperren des Regimes gegen Proteste immer wieder behindert wird.
Die Migration nach Armenien ist jedoch ungewöhnlich in der Geschichte beider Länder. Historisch gesehen ging die Migration in die andere Richtung. Große Teile des Territoriums des heutigen Armeniens gehörten jahrhundertelang zu persischen Reichen, von dem der antiken Achämeniden bis zu dem der Kadscharen im 18. und 19. Jahrhundert. Vor allem aber gibt es bereits seit einer staatlichen Zwangsumsiedlung im frühen 17. Jahrhundert eine bedeutende armenische Minderheit auf dem heutigen Territorium des Iran. Später flohen viele Armenier vor den osmanisch-persischen Kriegen und später vor Massakern in der Türkei und dem osmanischen Genozid nach Persien, wie der Iran bis 1935 hieß.
Heutzutage leben die meisten der bis zu 80.000 iranischen Armenier in Irans Hauptstadt Teheran und eigenen Dörfern, in Stadtteilen von Isfahan und in Bourvari im Zentraliran. Ihre Lage hat sich seit der Machtübernahme des islamistischen Regimes 1979 aber verschlechtert. Im theokratischen System der Islamischen Republik Iran sind Armenier als Christen zwar eine anerkannte Minderheit, werden aber vom Staat diskriminiert. Deswegen und wegen der schlechten Wirtschaftslage im Iran sind seit 1979 etwa drei Viertel der iranischen Armenier:innen in westliche Länder ausgewandert. Einige der Iraner:innen, die sich in Armenien dauerhaft niederlassen, entstammen daher selbst der armenischen Minderheit.
Aufgrund von Diskriminierung und der schlechten Wirtschaftslage im Iran sind seit 1979 etwa drei Viertel der iranischen Armenier:innen in westliche Länder ausgewandert. Einige der Iraner:innen, die sich in Armenien dauerhaft niederlassen, entstammen daher selbst der armenischen Minderheit.
Neben dem Iran-Krieg belastet zudem der 2025 begonnene und seitdem ins Stocken geratene Friedensprozess mit der Türkei und Aserbaidschan Armeniens Beziehungen zum Iran. Die USA haben im Rahmen der Verhandlungen mit der Türkei und Aserbaidschan die »Trump Route for International Peace and Prosperity« (Tripp) geplant, einen von US-Präsident Donald Trump vorgeschlagenen Handelskorridor zwischen Aserbaidschan und der Türkei, der auch durch armenisches Territorium in der Provinz Sjunik führen und somit diese drei Länder wirtschaftlich verbinden soll.
Das iranische Regime betrachtet das Projekt als Konkurrenz zum Nord-Süd-Korridor durch Armenien und Georgien und als Versuch, den Iran weiter zu isolieren. Zudem erhebt der Iran bisher Abgaben auf den Verkehr, den Aserbaidschan durch iranisches Territorium zur Versorgung seiner Exklave Nachitschewan leitet. Auch stört sich das Mullah-Regime an der Beteiligung US-amerikanischer Unternehmen an den Tripp-Infrastrukturprojekten. Aserbaidschans Regime wiederum hat seit der Unterzeichnung eines armenisch-aserbaidschanisch-türkischen Vorabkommens im August 2025 neue Bedingungen für den Erfolg des Friedensprozesses und damit auch des Tripp-Projekts aufgestellt und dieses damit aufgehalten, ganz im Sinne des Iran.
Eine wirkliche Verständigung im Südkaukasus würde letztlich den iranischen Einfluss schwächen. Die anhaltend prekäre außenpolitische Lage Armeniens ist daher ganz im Interesse des iranischen Regimes.
Paul Simon hat zu diesem Text beigetragen.
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Source: jungle.world