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Keine Lebensleistung

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Zum Gedenken an das Opfer: Wandgemälde am Eugeniu-Botnari-Platz in Berlin-Lichtenberg

Zum Gedenken an das Opfer: Wandgemälde am Eugeniu-Botnari-Platz in Berlin-Lichtenberg

2015 kam Eugeniu Botnari aus Moldawien nach Deutschland. In Berlin arbeitete er zunächst als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Oft schlief er bei Bekannten. Er verfügte weder über eine feste Bleibe noch über eine Krankenversicherung. Am 17. September 2016 bezichtigte ihn der Filialleiter eines Supermarktes im Bahnhof Lichtenberg des Diebstahls. Anstatt jedoch die Polizei zu rufen, führte er, gemeinsam mit einem weiteren Mitarbeiter, den 34jährigen in das Getränkelager des Markts und zwang ihn niederzuknien. Mit Quarzhandschuhen schlug er vor laufender Überwachungskamera auf Botnari ein. Dieser erlitt durch die Schläge eine Hirnblutung, traute sich jedoch aus Angst vor hohen Behandlungskosten trotz starker Schmerzen erst zwei Tage später ins Krankenhaus. Dort verstarb er am 20. September an den Folgen des Schädel-Hirn-Traumas.

Nach der Tat versendete der Täter die Aufnahmen der Überwachungskamera samt rassistischer Schmähkommentare an Mitarbeiter:innen des Supermarktes. Während des Gerichtsverfahrens zeigte sich, dass Eugeniu Botnari nicht das einzige Opfer war. Hinter den Misshandlungen in dem Supermarkt steckte anscheinend ein regelrechtes System der Selbstjustiz. Mehrfach hatte der Filialleiter Kund:innen, die er des Diebstahls bezichtigte, in dem Getränkelager auf diese Art zusammengeschlagen. Manchmal hätten auch andere Mitarbeiter:innen des Supermarkts dieselben Methoden angewandt. Die Opfer waren zumeist migrantisch und obdachlos. Im März 2017 verurteilte das Berliner Landgericht den Filialleiter schließlich zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Politisch motiviert sei die Misshandlung Botnaris nicht gewesen, hieß es in der Urteilsbegründung.

Eugeniu Botnari war nicht das einzige Opfer. Hinter den Misshandlungen in dem Supermarkt steckte anscheinend ein regelrechtes System der Selbstjustiz.

Das sehen Antifaschist:innen in Lichtenberg anders. Mit Kundgebungen und Demonstrationen erinnern sie seit der Tat im Jahr 2016 immer wieder an Eugeniu Botnari. 2020 unterzeichneten 200 Personen einen offenen Brief, in dem ein Gedenkort direkt am Bahnhof gefordert wurde. Schließlich hatte das Bündnis Erfolg: Die Deutsche Bahn erlaubte 2022 die künstlerische Gestaltung einer Wand am Bahnhof Lichtenberg in Gedenken an Botnari. Im Jahr darauf beschloss die Bezirksverordnetenversammlung mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linkspartei, den bis dahin namenlosen Bahnhofsvorplatz nach ihm zu benennen. AfD, CDU und FDP stimmten dagegen.

Die Abstimmung wurde von einer diskreditierenden Kampagne begleitet: In zahlreichen Zeitungsartikeln wurde Botnari ausschließlich als »Ladendieb« diffamiert. Es wurde skandalisiert, dass ein Platz nach einem vermeintlich »Kriminellen« benannt würde. Doch Grundlage für den Vorwurf des Ladendiebstahls ist ausschließlich die Aussage des Filialleiters, der Botnari misshandelte.

Stefan Förster, der zu dieser Zeit für die FDP im Berliner Abgeordnetenhaus saß, äußerte sich im Gespräch mit dem Boulevardblatt B.Z. herablassend über das Opfer: »Sich illegal in Deutschland aufzuhalten und Straftaten zu begehen, ist keine Lebensleistung, die geehrt werden müsste.« Die FDP Lichtenberg forderte stattdessen, den Platz nach dem 2019 von einem Rechtsextremisten ermordeten CDU-Politiker Walter Lübcke zu benennen. Dieser sei schließlich, so die FDP, ein »Mensch mit einer herausragenden Lebensleistung« gewesen.

Eine solche Argumentation ist gerade bei sozialdarwinistisch motivierten Taten keine Seltenheit. Auch im Fall des 1993 in Schleswig-Holstein getöteten und ebenfalls wohnungslosen Friedrich Maßling hatte das Bündnis »Segeberg bleibt bunt« gefordert, eine nach dem nationalsozialistischen Schriftsteller Gustav Frenssen benannte Straße umzubenennen. Der damalige SPD-Bürgermeister Dieter Schönfeld lehnte das ab. Mit Straßennamen würde die Leistung eines Menschen geehrt – das verhalte sich anders, sagte Schönfeld dem Hamburger Abendblatt, wenn jemand »zufällig Opfer einer Gewalttat« werde.

Die Gedenkinitiative für Eugeniu Botnari sieht in dieser Art der Argumentation eine erneute Verdrängung. Der Bahnhof Lichtenberg sei ein Ort, von dem Obdachlose oft vertrieben würden. Daran habe die Debatte über die Platzbenennung nahtlos angeschlossen, sagt Berit, die der Initiative angehört und die ihren Nachnamen nicht preisgeben möchte: »Sogar nach dem Tod eines obdachlosen Menschen stoßen wir auf diese Widerstände. Selbst die Tat soll hier nicht sichtbar sein.« Umso wichtiger sei die Benennung des Eugeniu-Botnari-Platzes, meint Berit.

Aufgrund langer Diskussionen über die Inschrift der Gedenktafel kam es erst zwei Jahre nach dem Beschluss zu der Platzbenennung in Lichtenberg. Während das Bezirksamt die Tat als »fremdenfeindlich« bezeichnete, lehnte das zivilgesellschaftliche Bündnis diesen Begriff ausdrücklich ab und forderte die Benennung der Tat als »rassistisch«. Man verständigte sich 2025 schließlich auf eine Inschrift, die an »alle Opfer extrem rechter und menschenverachtender Gewalt« erinnert.

Von alldem wissen Botnaris Angehörige jedoch vermutlich nichts. Mehrfach haben Aktivist:innen aus Lichtenberg Versuche unternommen, seine Ehefrau oder andere ihm nahestehende Personen zu kontaktieren. Berit von der Gedenkinitiative berichtet, dass sie den Anwalt der Nebenklage gebeten hätten, eine Nachricht an Botnaris Ehefrau weiterzuleiten. Auch seien an verschiedenen Orten und im Internet Aufrufe zur Kontaktaufnahme verbreitet worden. Doch niemand aus Botnaris Umfeld habe sich je gemeldet. »Die Migrationsgeschichte und die Obdachlosigkeit machen die Netzwerke Botnaris für uns noch schwerer greifbar«, meint Berit. Die Gedenkinitiative versuche auch heute noch, diesen Kontakt herzustellen: »Wir wollen schließlich wissen, was sich die Angehörigen wünschen. Und wir wollen an Eugeniu Botnari als Menschen und nicht nur als Opfer eines Verbrechens erinnern.« Bisher fuße das Wissen der Gedenkinitiative hauptsächlich auf Medienberichten und der Begleitung des Gerichtsverfahrens.

Über die Betroffenen ist oft nur wenig bekannt und der Kontakt zu Angehörigen oder anderen Weg­gefährt:in­nen erweist sich als schwer herzustellen.

Damit steht die Gedenkinitiative, die nun zum zehnten Jahrestag der Tat eine Demonstration durch Lichtenberg organisiert, vor den gleichen Problemen wie viele andere, die an Opfer sozialdarwinistisch motivierter Gewalt erinnern: Über die Betroffenen ist oft nur wenig bekannt und der Kontakt zu Angehörigen oder anderen Weg­gefährt:in­nen erweist sich als schwer herzustellen. Viele der Betroffenen – wohnungs- und obdachlose, arbeitslose und suchterkrankte Menschen – erleben schon Zeit ihres Lebens Marginalisierung, Verdrängung und Zurückweisung. Deshalb will die Gedenkinitiative das Erinnern an Botnari mit einer Kritik der herrschenden Zustände verbinden. »Eugeniu Botnari hatte keine Krankenversicherung. Wir müssen uns fragen: Wer hat überhaupt Zugang zu medizinischer Versorgung und Infrastruktur?«, fragt Berit im Gespräch mit der Jungle World. Sie kritisiert den drohenden Sozialabbau und die zunehmende Gefühlskälte gegenüber armen Menschen.

Ruhig geworden ist es rund um den Bahnhof Lichtenberg und den Supermarkt jedoch keineswegs. Während der Covid-19-Pandemie sei obdachlosen Menschen der Zutritt zum Supermarkt »aus hygienischen Gründen« verweigert worden. So notiert es das vom Berliner Senat finanzierte Meldeportal Berliner Register, das solche diskriminierenden Vorfälle dokumentiert. Aus der Dokumentation des Meldeportals geht auch hervor, dass die Gedenktafel und das zugehörige Graffito mehrfach mit rechtsextremen Aufklebern beklebt und mit Farbe beschmiert wurde. Die Erinnerung an Botnari ist manchen offensichtlich auch zehn Jahre nach der Tat ein Dorn im Auge. Doch wer heute den Bahnhof Lichtenberg betritt, muss den Eugeniu-Botnari-Platz überqueren und an einem siebzig Meter langen Wandgemälde vorbeigehen, das ebenfalls an den Verstorbenen erinnert. Das ist das Verdienst antifaschistischer Initiativen im Bezirk. Nun muss der deutsche Staat ihn nur noch als das anerkennen, was er ist: ein weiteres Todesopfer rechtsextremer Gewalt. Eine solche Anerkennung ist gleichbedeutend mit der Aufnahme in die Statistik. Gegenwärtig gilt der Mord an Eugeniu Botnari offiziell nicht als politisch motiviert.

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Source: jungle.world