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Germany · jungle.world · · 4h

Kein Platz für arme Künstler

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Ein Ort für Kunst: das "ausland" in der Lychener Straße in Berlin.

Ein Ort für Kunst: das "ausland" in der Lychener Straße in Berlin.

Berlin vermarktet sich international als Stadt der Freiheit, der Kreativität, des Improvisierten und Unangepassten. Doch die Räume und Voraussetzungen, auf denen dieser Ruf beruht, sind seit Jahren im Verschwinden begriffen. Ateliers werden gekündigt, Clubs müssen schließen, Projekträume kämpfen mit steigenden Mieten. Künstler, Musikerinnen und freie Kulturarbeiterinnen können immer seltener in den Bezirken leben und arbeiten, die den Mythos Berlins geprägt haben. Berlin zog einmal Kreative an, weil es Platz für sie gab. Nach dem Mauerfall befand sich Ostberlin in einer historischen Ausnahmesituation. Dem Berliner Mieterverein zufolge standen 1990 wegen baulicher Mängel mindestens 9.500 Wohnungen leer. Gleichzeitig blieb das erwartete Wachstum Berlins auf fünf Millionen Einwohner aus, stattdessen schrumpfte die Stadt ab 1993 sogar ein wenig.

Das Ergebnis war ein enormes Wohnungsüberangebot. Für die Entstehung der alternativen Kunstszene war das entscheidend. Wer wenig Geld hatte, konnte dennoch Räume finden: Wohnungen als Ateliers, Industriegebäude als Clubs, Leerstände als Proberäume. Entlang dem ehemaligen Mauerstreifen etwa entwickelte sich eine Infrastruktur, die internationale Prominenz erlangte. Clubs wie der »Tresor« und das »E-Werk«, autonome Projekte und Künstlerkollektive entstanden, während Häuser besetzt wurden. Orte wie das »Tacheles« oder »Kunstwerke Berlin« wurden zu Symbolen dieser Zeit.

Der Satz, man sei nach Berlin gegangen, weil man dort günstig leben könne, ist längst nur noch Folklore.

Der Senat ging widersprüchlich mit der freien Szene um. 1993 gründete er das Atelierprogramm, aus dem das heutige Arbeitsraumprogramm hervorging – bundesweit ungewöhnlich: Er mietete Räume an und gab sie zu günstigen Konditionen an Künstler weiter. Über Jahrzehnte sicherte das Programm Ateliers, Probe- und Projekträume. Gleichzeitig verkaufte der Senat seine Grundstücke, privatisierte Flächen, genehmigte Großprojekte wie »Media­spree«, das sich kilometerweit entlang des Spreeufers zieht. Landeseigene Immobilien wurden einer möglichst profitablen Nutzung zugeführt. Kulturelle Infrastruktur hatte nie Priorität, sie war eher ein Nebeneffekt von Leerstand.

Das »ausland« in der Lychener Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg ist als Projektraum international bekannt – im Souterrain eines ehemals besetzten Hauses, veranstaltet es seit vielen Jahren Performances, Konzerte und Ausstellungen, interdisziplinär und nichtkommerziell. Der Autor Tobias Herold war lange Zeit im dortigen Kollektiv tätig, unter anderem als künstlerischer Co-Leiter. Der Jungle World beschrieb er die »goldenen Zehnerjahre«: Der Ort sei ein gutes Beispiel dafür gewesen, »wie vergleichsweise viel auch eine kleine Gruppe mit kleinen Mitteln, aber Leidenschaft fürs Veranstalten und inhaltlichen Ambitionen für Publikum und Künstlerinnen bieten konnte«.

Die spezielle Nachwendegeschichte Berlins habe einen Raum geschaffen, auf dem kaum Mietendruck lastete. »Das Leben in der Stadt war noch viel erschwinglicher, und die Fördermöglichkeiten für die freie Szene stiegen erheblich an«, sagt Herold. Heutzutage sei die Gesamtsituation eine andere, aufgrund der Folgen der Covid-19-Pandemie, der allgemeinen Kostensteigerungen und besonders der steigenden Mietpreise. Allerdings, so Herold, sollte man hinter diesen »harten Faktoren auch einen soziologischen Aspekt nicht vergessen«: Es sei grob gesagt die Generation der Zugezogenen der Jahrgänge 1970 bis 1985 gewesen, die – mit einer bestimmten Sozialisation – die letzte größere Welle an Subkultur in Berlin getragen habe – als Veranstalterinnen, Künst­ler:in­nen und, »wesentlich auch als Ausgehpublikum«.

Heutzutage gebe es nicht nur weniger junge Leute. »Ein Bezugssystem wie ›die Subkultur‹ hat vielleicht einfach nicht mehr die Bedeutung und Attraktivität. Wenn dann dauerhaft die Nachfrage nach so was um zehn, 15, 20 Prozent sinkt, dann ist das der kritische Punkt, ab dem es eben oft nicht mehr funktioniert.« Dieser Punkt scheint längst überschritten. Der Satz, man sei nach Berlin gegangen, weil man dort günstig leben könne, ist längst nur noch Folklore. Viele freie Künstlerinnen leben von Projekt zu Projekt. Einkommen sind niedrig und unregelmäßig. Gleichzeitig steigen die Kosten für Wohnen und Leben. Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte – über Jahrzehnte Orte kultureller Produktion wegen ihrer billigen Räume – gehören mittlerweile zu den teuersten und begehrtesten Bezirken der Stadt.

Die sozialen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um Kunst produzieren zu können, verändern sich. Wer hohe Mieten zahlt und zugleich von unsicheren Einkommen lebt, braucht Rücklagen, Unterstützung aus der Familie oder andere private Ressourcen. Wer das nicht hat, fällt aus der Szene raus. Die zusätzlichen Kürzungen, die der Berliner Senat im Kultursektor plant, treffen eine freie Szene mit ohnehin prekärer wirtschaftlicher Grundlage hart. Für das Arbeitsraumprogramm stehen 2026 nur noch 21 Millionen Euro zur Verfügung. Vorher waren es 45 Millionen.

 Immer mehr Freiberufler aus dem Kulturbereich müssen aufgeben und sich eine Festanstellung suchen oder sich arbeitslos melden.

Nach Angaben des Berliner Museumsverbands wurden dem Kulturhaushalt 2025 rund 130 Millionen Euro entzogen – etwa zwölf Prozent. Im Doppelhaushalt 2026/27 wurden weitere Einsparungen festgeschrieben, wenn auch die direkte Förderung für die freie Szene vorläufig nicht angetastet werden soll. Immer mehr Freiberufler aus dem Kulturbereich müssen aufgeben und sich eine Festanstellung suchen oder sich arbeitslos melden. Rapide steigende Mieten, halbierte Atelierförderung und anwachsende Lebenshaltungskosten treiben viele nach Leipzig oder ins Brandenburger Umland ab.

Das Archiv der Jugendkulturen beherbergt eine professionell geführte und gut nutzbare Sammlung zur Geschichte der Berliner Subkulturen. Daniel Schneider, der Leiter des Archiv- und Bibliotheksbereichs, zeigt sich im Gespräch mit der Jungle World trotz der schwierigen Gesamtlage der Freien Kunst- und Kulturszene nicht nur pessimistisch. Viele Künstler und Kulturarbeiterinnen müssten sich derzeit nach kunstfernen Jobs umschauen, um über die Runden zu kommen – und hätten dadurch weniger Kapazitäten für ihre eigentliche Arbeit. »Ich vermute, dass durch wegfallende Kulturförderung und politische Verschärfung viel wieder informeller wird, jenseits von Förderungen und außerhalb institutioneller Rahmen«, meint Schneider.

In informellen und Nischen entstehe eine starke Gegenbewegung – illegale Partys auf unvergleichlichem Niveau mit guten Soundsystemen und Awareness-Teams, teilweise mit mehreren Tausend Teilnehmern. Neue Teile Berlins würden erschlossen: stillgelegte Gewerbegebiete im Südwesten und Lichtenberg, Spandau mit der Insel Eiswerder, Westberlin. »Es wird gesucht und es werden Ecken gefunden«, sagt Schneider.

Die Phantasie ist Berlin geblieben. Informelle Strukturen können Prekarität kompensieren, aber institutionelle Förderung nicht dauerhaft ersetzen.

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Source: jungle.world