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Kaum weniger als nichts

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Abwärts.Shaban (Astrit Kabashi) und Hatixhe (Flonja Kodheli) haben Haus und Hof verloren

Abwärts.Shaban (Astrit Kabashi) und Hatixhe (Flonja Kodheli) haben Haus und Hof verloren

Der Kapitalismus lässt grüßen. Die Bill-Clinton-Statue vor einem Wohnblock in Priština

Im Haus des Schwagers nur geduldet: Shaban und Hatixhe

Shaban (Astrit Kabashi) und Hatixhe (Flonja Kodheli) können zupacken. Meist arbeiten sie Seite an Seite, schleppen Säcke voll Mastfutter in den Stall oder verabreichen einer kranken Kuh Schmerzmittel in einer Wasserflasche. Dabei versteht sich das Ehepaar fast wortlos. Und trotz der körperlich anstrengenden Arbeit auf ihrem Hof in einem Dorf im Kosovo liegt große Ruhe in ihren Handgriffen, eine Zugewandtheit in ihren Blicken.

Als aber Shabans jüngerer Bruder Liridon (Tristan Halilaj) seine Schwägerin aufsucht, ist sie alleine bei der Arbeit. »Tixhe«, spricht er sie an, »ich brauche Geld.« Es sind die ersten Worte, die in Visar Morinas Drama gesprochen werden, und sie ziehen sogleich einen schwerwiegenden Verrat an der Familie nach sich, der diese der Willkür des Marktgeschehens ausliefern wird.

Ähnlich wie in der biblischen Geschichte über den Viehbesitzer Hiob, der seine gesamte Herde verliert, büßt die Familie ihre Lebensgrundlage samt ihrer Würde ein.

Die Eheleute, die mit ihren drei Töchtern von der Milchwirtschaft leben, können die geforderte Summe – 2.000 Euro – nicht aufbringen. Auch der dritte Bruder Agim (Abdinaser Beka), der als Lehrer an einer Schule arbeitet, kann und will die Mittel nicht beisteuern.

Die Mutter (Kumrije Hoxha), die niemals beim Namen genannt wird, doch einer unantastbaren Instanz gleich über ihren Söhnen und deren Familien wacht, erwägt zunächst, ihrem Jüngsten das Geld zu geben. Vielleicht steckt er in Schwierigkeiten, vielleicht wird er mit der Summe nach Deutschland aufbrechen und dort Pfleger werden. Dennoch entscheidet sie sich dagegen, das Geld ist schließlich ohnehin knapp.

Dann verschwinden über Nacht die Kühe, der Stall ist verwaist, von Liridon fehlt jede Spur. Ähnlich wie in der biblischen Geschichte über den Viehbesitzer Hiob, der seine gesamte Herde verliert, büßt die Familie damit ihre Lebensgrundlage samt ihrer Würde ein.

Wie es der Titel »Von Scham und Geld« ankündigt, geht es im Film um archaische Gefühle genauso wie um schnöden Cash. Nach dem Verrat des Bruders sind Shaban, Hatixhe, die Töchter und die Großmutter zum Umzug in die Hauptstadt Priština gezwungen. Dort lebt Adelina (Fiona Gllavica), Hatixhes Schwester, deren Ehemann zu Geld gekommen ist. Der neureiche Geschäftsmann Alban (Alban Ukaj) verschafft der mittellos gewordenen Verwandtschaft eine Wohnung und lässt Shaban und Hatixhe in seinem Nachtclub putzen. Die Wohnung aber ist deutlich zu klein für die sechs Personen und der Putzjob bringt zu wenig ein. Immer wenn sich eine kleine Chance für die Familie auftut, kommt es an anderer Stelle zu einem neuen Problem. Meist ist es finanzieller Natur.

Will man es sich leicht machen, kann man Morinas Film in eine Strömung offensiver Kapitalismuskritik einordnen, die im Kino mit »Parasite«, »The Menu« (2022) oder »Saltburn« (2023) kurz Konjunktur hatte und schnell wieder aus der Mode gekommen zu sein scheint. Der in Priština geborene, in Berlin lebende Regisseur macht aus dem kosovarischen Ehepaar allerdings keine tickenden Zeitbomben, die, nach einer Demütigung zu viel, alle um sich herum in den Abgrund reißen. Das Motiv »Eat the Rich« fehlt bei ihm. Statt aufzubegehren, fügt sich der fast nur Flüsterlaute von sich gebenden Shaban in sein Schicksal. Der Film zeigt den Feldzug des Neoliberalismus, der die Gesellschaft in Vermögende und Besitzlose spaltet, beispielhaft anhand einer Großfamilie. Shaban und Hatixhe sind immer wieder zum Bitten gezwungen: um Arbeit, um einen Vorschuss für die neuen Schuhe der Tochter oder die Medikamente der Großmutter.

Im Haus des Schwagers nur geduldet: Shaban und Hatixhe

Umgekehrt dürfen sie selbst kaum eine Bitte ausschlagen, wollen sie nicht die Gunst derer verlieren, die sie überhaupt um etwas bitten können. Wiederholt eilt Hatixhe zu ihrer Schwester in das lichtdurchflutete moderne Haus, um bei der Pflege des gelähmten Schwiegervaters zu helfen. Unentgeltlich, auch wenn Adelina, die selbst kaum über eigenes Geld verfügt, sich immer wieder für die Schwester einsetzt.

Was im Film »Arbeiterstrich« genannt wird, ist die härteste Ausprägung einer prekären Arbeitswirklichkeit, die in Statistiken als »informelle Beschäftigung« bezeichnet wird und den Kosovo seit Kriegsende begleitet.

Die Rückschläge, die Shaban in schneller Folge ereilen, diese Prüfungen eines gleichgültigen Marktes, verwurzelt Morina tief in der jüngeren Geschichte Kosovos. Weil das Geld für die Mietkaution fehlt, händigt Shabans Mutter dem Vermieter ihre goldene Lira aus, eine auf dem Balkan traditionsreiche, über Generationen vererbte Goldmünze, die als letzte Reserve dient. Shaban und Hatixhe mühen sich fortan ab, zusätz­liches Geld zu verdienen, um zurückzuholen, was selbst im Krieg nicht zu Geld gemacht wurde und nun doch in den Wirtschaftskreislauf gerät.

Mit nichts als seiner Arbeitskraft steht Shaban neben anderen Männern am Straßenrand und wartet dar­auf, dass jemand Verwendung für ihn hat, für ein paar Euro, ohne Vertrag, ohne Absicherung, ohne Gewissheit von Lohn am nächsten Tag. Was im Film »Arbeiterstrich« genannt wird, ist die härteste Ausprägung einer prekären Arbeitswirklichkeit, die in Statistiken als »informelle Beschäftigung« bezeichnet wird und den Kosovo seit Kriegsende begleitet.

Die nüchtern das Reale abtastende Kamera von Janis Mazuch rückt dazu später die überlebensgroße Statue Bill Clintons ins Bild. Mit zum Gruß gereckter Hand hat sie etwas Themenparkhaftes. Die Assoziation von Disneyland liegt nahe, eigentlich aber soll das Bildnis des US-Präsidenten an die Nato-Intervention von 1999 und das Ende serbischer Gewaltherrschaft erinnern. Es ragt vor einem sozialistischen Wohnblock auf, über dessen längst im Verfall begrif­fene Fassade die US-amerikanische Flagge spannt. Es ist die einzige offene Spitze in einem Film, dem das Hämische sonst fremd ist: Vor den bröckelnden Resten des Sozialismus wacht der amerikanische Befreier über die Ernüchterten des Kapita­lismus.

Der Kapitalismus lässt grüßen. Die Bill-Clinton-Statue vor einem Wohnblock in Priština

Auch wenn Akkordeonklänge und zum kräftigen Kanon anschwellende A-cappella-Gesänge die Geschichte kulturell grundieren, erzählt »Von Scham und Geld« doch von Universellem. Shabans Situation als bloß postsozialistisches Phänomen abzutun, wäre westliche Hybris eingedenk wachsender sozialer Ungleichheit, eines Wohnungsmarktes, der immer größere Teile des Einkommens verschlingt, und Verhältnissen, in denen selbst eine Festanstellung nicht mehr zuverlässig vor dem Abstieg schützt.

Vor den bröckelnden Resten des Sozialismus wacht der amerikanische Befreier über die Ernüchterten des Kapita­lismus.

Gerade dass Shaban trotz alledem nicht ausbricht, zwar sichtbar unter der Situation leidet, aber doch stoisch seinen Weg weiter beschreitet, macht ihn im besten Sinne zu einem Jedermann, einem austauschbaren Helden. Mit beinahe schmerzender Beherrschtheit spielt Astrit Kabashi ­seine Figur. Schiere Ungläubigkeit, plötzliche Kränkung, dann tiefe Verzweiflung ziehen über sein Gesicht, dürfen sich aber nie ganz Bahn brechen. Den Ausbruch erlaubt sich Shaban nur in seiner Phantasie. Auch die Pointe des Films bleibt letztlich bloße Vorstellung. Damit hat »Scham und Geld« eine Auflösung, die eher als die eruptive Gewalt von »Parasite« und Bong Joon-hos Epigonen als allgemeingültig gelten kann.

Was Shaban beinahe um den Verstand bringt, ist allerdings etwas anderes: Ausgerechnet von seinem Umfeld, von Auftraggebern und Zufallsbekanntschaften, bekommt er immer wieder versichert, er sei ein guter Mensch. Wie Hiob weiß auch er nicht, wie er sich all das verdient haben soll. Wo Gott die Antwort schuldig bleibt, will man ihm zurufen: It’s the economy, Shaban!

Von Scham und Geld (Deutschland/Kosovo/Slowenien/Albanien/Nordmazedonien/Belgien 2026). Buch: Visar Morina und Doruntina Basha. Regie: Visar Morina. Darsteller: Astrit Kabashi, Flonja Kodheli, Kumrije Hoxha. Filmstart: 24. September

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Source: jungle.world