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Im Dunkel der Zeit
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Nicht Steh-Greif, sondern Steg-Reif, also: Steigbügel.
Nicht Steh-Greif, sondern Steg-Reif, also: Steigbügel.
Zu wissen, wie man ein Wort gebraucht, ist etwas anderes, als seine Bedeutung zu verstehen; denn in diese ist seine Herkunft, seine Geschichte eingeschrieben. Zum Beispiel meinen nicht wenige, »dämlich« sei das Gegenstück zu »herrlich« und somit sexistisch, während das Wort tatsächlich mit »dämmern« verwandt ist. Schon die alten Griechen und Römer lagen mit ihren etymologischen Herleitungen oft derart spektakulär daneben, dass Altphilologen diese lediglich als von klanglicher Ähnlichkeit geleitete assoziative Erklärungen verstanden wissen wollen.
Kein Entrinnen gibt es seit einigen Jahren vor dem Ausdruck »vor Ort«. Der Ort, vor dem »vor Ort« etwas verortet, ist aber das Ort.
Leichter erkennen wir unser Unwissen, wenn es um Redewendungen geht, die ansonsten nicht mehr gebräuchliche Wörter enthalten. Als Beispiel könnte einem aus dem Stegreif »aus dem Stegreif« einfallen. Wie die verbreitete Falschschreibung »Stehgreif« bezeugt, denken dabei viele daran, stehend nach etwas zu greifen. Aber welcher Sinn sollte sich dahinter verbergen? Das Leben in früheren Jahrhunderten mag hart gewesen sein, aber so hart nun auch wieder nicht, dass man sich erst hätte niederlassen müssen, um etwas sicher ergreifen zu können. Vielmehr ist »Stegreif« eine alte Bezeichnung für den Steigbügel – ein Reif mit einem Steg eben. Grimms Wörterbuch erläutert die Wendung auf folgende charmante Weise: »gleichsam wie der fröhliche reitersmann schnell noch etwas erledigt, auch wenn er schon im sattel sitzt und ohne abzusteigen«.
Lästig wird es, wenn eine derart unverstandene Wendung inflationär gebraucht wird. Kein Entrinnen gibt es seit einigen Jahren vor dem Ausdruck »vor Ort«. Der Ort, vor dem »vor Ort« etwas verortet, ist aber das Ort. In der Bergmannssprache bezeichnet man so nämlich das Ende des Stollens, also die Stelle, an der Erz abgebaut oder ein Tunnel gegraben wird. Wenn nun Unmontane partout meinen, diese Wendung in einem viel zu selten skandalisierten Akt kultureller Aneignung verwenden zu müssen, sollten sie wenigstens wissen, dass sie nicht wörtlich über den Ort sprechen, sondern ihnen »das Ort« als Metapher für »der Ort des Geschehens« dient.
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Source: jungle.world