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Herrscher von Putins Gnaden
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Nach dem Militärputsch: General Abdourahamane Tiani im Stadion von Niamey, 6. August 2023
Nach dem Militärputsch: General Abdourahamane Tiani im Stadion von Niamey, 6. August 2023
Schüsse zum Sonnenaufgang: Am frühen Morgen am Samstag voriger Woche brachen in mehreren Vierteln von Niamey, der Hauptstadt des Niger, schwere Gefechte aus. Junge Soldaten versuchten offenbar, den Palast des seit 2023 herrschenden Militärdiktators Abdourahamane Tiani und andere wichtige Gebäude in Niamey wie Militärbasen und die Zentrale des Staatsfernsehens Télé Sahel mit Waffengewalt zu erobern. Allerdings blieb die Präsidialgarde loyal und konnte den Palast Medienberichten zufolge gegen die putschenden Soldaten verteidigen. Die Zahl der Toten blieb noch Tage danach unklar, die Regierung präsentierte in den sozialen Medien jedoch Dutzende festgesetzte Armeeangehörige. Dass noch Tage später auffallend viel Militär auf den Straßen zu sehen war und am Montag erste Berichte über »Säuberungen« innerhalb der nigrischen Armee die Runde machten, zeigte, wie volatil die Lage ist.
Den strategisch wichtigen Luftwaffenstützpunkt 101 in der Nähe des Flughafens von Niamey, der wie zwei andere wichtige Objekte kurzzeitig in der Hand der Angreifer war, hatten zu Tiani stehende Kräfte in der Nacht zum Sonntag zurückerobern können. Die Militärbasis beherbergt unter anderem den Generalstab der gemeinsamen Streitkräfte der im September 2023 von den jeweiligen Militärregimen der Sahel-Staaten Mali, Burkina Faso und Niger gegründeten Allianz der Sahel-Staaten (AES). Auf der Basis waren außerdem Truppen des im Land eingesetzten staatlichen russischen Afrikakorps stationiert, des Nachfolgers der seit 2023 in den AES-Staaten operierenden Söldnerfirma Wagner.
Eine hochrangige nigrische Armeedelegation überbrachte dem russischen Botschafter zufolge eine Dankesbotschaft für ihre Hilfe bei der Niederschlagung des Putsches.
Das Afrikakorps war offenbar an Kampfhandlungen mit den Angreifern beteiligt. Das russische Außenministerium erklärte dazu am Sonntag: »Diese Attacken sind durch die nationalen Streitkräfte mit Hilfe der Militärs des Afrikakorps des russischen Verteidigungsministeriums abgewehrt worden.« Es spricht, wie auch die AES in einem gemeinsamen Kommuniqué, von einem »Destabilisierungsversuch«. In der russischen Erklärung wird dieser explizit auf »frühere europäische Kolonialmetropolen«, also Frankreich, zurückgeführt; die der AES wird nicht so deutlich. Russlands Botschafter in Niamey, Wiktor Woropajew, teilte dem staatlichen russischen Nachrichtenportal Sputnik zufolge mit, die Republik Niger habe diese militärische Hilfe durch das Afrikakorps angefordert. Im Nachhinein habe sich eine hochrangige nigrische Armeedelegation zu dessen Basis begeben, um eine Dankesbotschaft zu überbringen.
Das nordwestliche Nachbarland Algerien, zu dem Niger eine 956 Kilometer lange Grenze besitzt, verurteilte noch am Samstag den Umsturzversuch und entsandte am folgenden Tag vier Armeeflugzeuge vom sowjetischen Typ Suchoi SU-30 sowie ein Tankflugzeug nach Niger.
Dabei waren die nigrisch-algerischen Beziehungen zuvor angespannt gewesen, insbesondere seit Algerien nahe der Grenze zu Mali eine malische Drohne abgeschossen hatte. Das mit Niger verbündete malische Militärregime wirft Algerien vor, Tuareg-Gruppen im Norden Malis zu unterstützen, die gegen den Zentralstaat kämpfen. Seit einem Amtsbesuch des nigrischen Militärdiktators Tiani in Algeriens Hauptstadt Algier im Februar haben sich die Beziehungen der beiden Nachbarländer jedoch verbessert, ebenso jene zwischen Algerien und dem AES-Staat Mali. Vor allem Russland hatte auf eine solche Annäherung gedrängt, um sich nicht zwischen seinem Bündnispartner in Nordafrika und denen in der Sahelzone entscheiden zu müssen. Die verbesserten Beziehungen nutzte Algerien auch dazu, Abschiebungen nigrischer Migranten zu intensivieren, die entweder in Algerien arbeiteten oder eine Durchreise in Richtung Europa versuchen wollten.
Einige der vor allem bei Facebook oder auf Whatsapp kommunizierenden digitalen Medien der Sahel-Staaten suchten und fanden die Ursachen des Putschversuchs schnell bei der früheren Kolonialmacht Frankreich. Diese hatte ihre im Rahmen der Jihadistenbekämpfung und zuletzt der »Operation Barkhane« seit 2014 eingesetzten Truppen ab 2022 aus Mali und 2023 aus der Nachbarrepublik Niger abziehen und deren Ersetzung durch russische Truppen mitansehen müssen.
»Die 25. Kolonne der Françafrique wurde niedergeschlagen«, reagierte in diesem Sinne der aus Kamerun stammende – und die französische Staatsbürgerschaft besitzende – panafrikanische Aktivist und Schriftsteller Franklin Nyamsi, derzeit in Mali als Hochschullehrer tätig. Das Video dazu wurde über die digitalen regierungsnahen Medien der AES-Staaten verbreitet, wo auch andere ähnliche Botschaften zirkulierten, die unter anderem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron als direkten Drahtzieher des Putsches darstellten.
Ein Artikel des deutschen staatlichen Auslandssenders Deutsche Welle vertrat eine gegenteilige Meinung. Er sah die gewachsene »Abhängigkeit der nigrischen Armee vom russischen Afrikakorps« als Ursache für die Unzufriedenheit der nigrischen Soldaten und zitierte in diesem Sinne den senegalesischen Forscher Pape Ibrahima Kane. Die russischen Kombattanten hätten zu viel Einfluss auf die Armee und zu viel Handlungsspielraum ohne Kontrolle. Dazu kämen interne Konflikte in der nigrischen Armee sowie Unzufriedenheit mit dem geringen Sold. Ein Forderungskatalog der Meuterer liegt nicht vor. Sie kamen in ihrer Mehrheit aus den Regionen um die Städte Tillabéri und Dosso im Südwesten des Landes. Diese liegen in unmittelbarer Nähe zur Front, da die angreifenden Jihadisten-Kampfverbände überwiegend im westlichen Landesteil und nahe der Grenzen zu Burkina Faso und Mali aktiv sind.
Eine in Niamey tätige Anwältin erzählte der Jungle World, dass viele Soldaten Präsident Tiani vorwerfen, sie geringzuschätzen. Zu viele Gelder und Ressourcen der Armee würden bloß der Präsidentengarde als ihrer Eliteeinheit zugespielt, zudem erhalte diese viele ungerechtfertigte Privilegien. Gleichzeitig würden die an der Front unter Lebensgefahr gegen die Jihadisten kämpfenden Einheiten vernachlässigt. Bevor Tiani sich an die Macht putschte, hatte er lange die Präsidialgarde kommandiert.Die Kämpfe und das politische Chaos der letzten Tage und die nun vollzogenen »Säuberungen« innerhalb der Armee könnten nun eben genau diesen Jihadisten nützen, zu deren Bekämpfung das nigrische Militärregime russische Soldaten ins Land holte.
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Source: jungle.world