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Germany · jungle.world · · 1h

Ein Roman brach das Schweigen

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»Ein Mahnmal für die Ewigkeit« nennt Liane Safaryan im Gespräch mit der Jungle World Franz Werfels berühmten Roman »Die vierzig Tage des Musa Dagh«. Safaryan leitet die »Österreich-Bibliothek Franz Werfel Jerewan«. Die Einrichtung ist sowohl Bibliothek als auch Kulturzentrum und hält neben vielem anderen das Gesamtwerk des österreichischen Schriftstellers sowie die diesbezügliche Forschungsliteratur vor.

Das Musa-Dagh-Buch erschien 1933 auf Deutsch und wurde 1935 erstmals ins Armenische übersetzt, allerdings ohne Autorisierung; 1964 wurde die erste anerkannte Übersetzung veröffentlicht, weitere folgten. Alle Werke Werfels sind auch auf Russisch verfügbar. Die Geschichte vom Überlebenskampf auf dem Berg Musa Dagh sei Pflichtlektüre in der Schule, im Radio würden szenische Lesungen ausgestrahlt und Werfels Gesamtwerk sei fester Bestandteil der germanistischen Forschung Armeniens, berichtet Safaryan.

Werfel ist kein Chronist des Genozids; er kam zufällig auf einer Reise in Damaskus mit armenischen Flüchtlingskindern in Kontakt und hörte so erstmals von dem Verbrechen. 

Werfel ist kein Chronist des Genozids; er kam zufällig auf einer Reise in Damaskus mit armenischen Flüchtlingskindern in Kontakt und hörte so erstmals von dem Verbrechen. Bei seinen Recherchen erfuhr er dann vom »Wunder von Musa Dagh« und beschloss, darüber einen Roman zu verfassen: Statt sich der tödlichen Deportation zu fügen, waren armenische Dorfbewohner im Juli 1915 mit ihren Waffen auf den Musa Dagh geflohen, um ­Widerstand gegen die Übermacht der osmanischen Armee zu leisten. Nach achtwöchigen Kämpfen wurden die Bedrängten von der französischen Marine auf dem Bergplateau gesichtet und in letzter Minute gerettet.

Jedes Jahr finden um den Tag der Rettung der Überlebenden des Musa Dagh durch französische Kriegsschiffe am 12. September 1915 Gedenkfeierlichkeiten statt, die nicht nur dem Ereignis selbst, sondern in besonderer Weise auch Werfel gewidmet sind, mit Vorträgen, Sonderausstellungen und der Verleihung der Franz-Werfel-Medaille durch das Institut des Genozid-Museums. Im Jahr 2006 wurde ihm, der selbst nie in Armenien war, posthum die armenische Ehrenbürgerwürde ­verliehen.

Im Norden Eriwans, im Distrikt Nor Nork, steht ein Denkmal für Werfel. Es befindet sich in einem langgestreckten Park, der nach Fridtjof Nansen benannt wurde, dem berühmten norwegischen Polar­forscher. Er hatte 1924 erreicht, dass der Völkerbund rund 320.000 staatenlos gewordene Ar­me­nier:in­nen mit Pässen ausstattete, um ihnen Bewegungsfreiheit und eine Arbeitsmöglichkeit zu verschaffen. Das Werfel-Denkmal wirkt fast unscheinbar; der knapp zwei Meter hohe schwarze Tuffsteinbrocken zeigt den Schriftsteller inmitten kämpfender und ge­retteter Menschen mit ausgestreckten Armen, als trüge er die Last des Leids, das den Ar­me­nier:in­nen in den Jahren 1915 bis 1917 angetan wurde.

Für die bedrängten Juden des Warschauer Ghettos war das Buch besonders wichtig. Es war eines der dort meistgelesenen Bücher und be­feuerte den Willen, Widerstand zu leisten.

In Deutschland wird der 1890 in Prag geborene jüdische Schriftsteller und Freund Franz Kafkas, Max Brods und Egon Erwin Kischs außerhalb der Universitäten kaum gelesen. Überraschend ist das nicht, denn seine etwas schwerfällige, von der Lyrik herstammende Sprache beeinträchtigt ­bisweilen die Lektüre, wenn auch die Geschichte dieses Überlebenskampfs einen erstaunlichen Sog entfaltet. Werfel gehört zu jenen Schriftstellern, deren Werke den Bücherverbrennungen der ­Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind.

Für die bedrängten Juden des Warschauer Ghettos war das Buch besonders wichtig. Es war eines der dort meistgelesenen Bücher und be­feuerte den Willen, Widerstand zu leisten.

Auch der Denkmalkomplex für den Völkermord an den Armeniern auf dem Eriwaner Hügel Zizernakaberd (Schwalbennest) würdigt Werfel. Auf der 100 Meter langen Gedenkmauer sind die Orte eingraviert, von denen Massaker und Deportationen bekannt sind, auf ihrer Rückseite finden sich Gedenkplaketten für diejenigen Menschen, die sich während des Genozids und auch danach um die Opfer gekümmert und die Ereignisse inter­national bekannt gemacht haben.Im Außenwall des Genozid-Museums wurde als besondere Würdigung zudem Erde eingemauert, die Werfels Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof entnommen wurde. Erstausgaben und frühe Übersetzungen in verschiedene Sprachen von »Die vierzig Tage des Musa Dagh« sind im Museum selbst ausgestellt. Für dieses Werk, sagt Liane Safaryan, sind »wir zutiefst dankbar«.

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Source: jungle.world