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Der Himmel gegen Hitler

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US-General Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser) befehligt die amphibische und luftgestützte Invasion der Geschichte

US-General Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser) befehligt die amphibische und luftgestützte Invasion der Geschichte

An Filmen über den Zweiten Weltkrieg herrscht kein Mangel. Dennoch zeigt die neue Produktion »Pressure« des australischen Regisseurs Anthony Maras, dass selbst der vielfach verfilmte D-Day noch Perspektiven bereithält, die im Kino noch kaum vorkamen.

Das Kriegsgeschehen an den Stränden der Normandie wurde in »Der längste Tag« (1962) gezeigt, der die Landung der Westalliierten als großangelegtes Panorama inszenierte; Stuart Coopers »Overlord« (1975) schuf Bilder aus der Perspektive einfacher Soldaten und vermittelte deren Selbstreflexion. Steven Spielberg rückte in »Der Soldat James Ryan« schließlich die körperliche Erfahrung der Landung und das brutale, desorientierende Kampfgeschehen in den Mittelpunkt einer unvergesslichen Inszenierung. Die Tage unmittelbar vor der Entscheidung im Hauptquartier im südenglischen Portsmouth waren der Stoff des wenig beachteten Films »Ike: Countdown to D-Day« (2004) mit Tom Selleck in der Rolle des Generals Dwight D. Eisenhower.

Die Fallschirmjäger brauchen bei ihrer Absetzung Mondlicht, die Landungstruppen Niedrigwasser in der Morgendämmerung, damit die deutschen Strand­hindernisse sichtbar sind. Die See darf nicht zu rau sein, die Wolkendecke nicht zu dicht für die Bomber.

Auch der australische Regisseur Anthony Maras interessiert sich in »Pressure« für die 72 Stunden vor der Invasion der US-Truppen – und für Männer, deren wichtigste Waffe weder Panzer noch Maschinengewehre sind, sondern Wetterballons, -karten sowie hochaufgelöste Daten. Mit dem Sterben auf dem Schlachtfeld beginnt der Film trotzdem: Ein junger Soldat treibt in blutrotem Wasser. Langsam fährt die Kamera zurück und offenbart die Nachwehen des »Exercise Tiger«, jener Generalprobe des D-Day vor der Küste Devons, bei der deutsche Schnellboote im April 1944 einen US-amerikanischen Übungsverband überraschten. Mehr als 700 Soldaten starben bei dem als Gefechtsübung angelegten Manöver.

Diese Katastrophe hängt auch im Kinofilm »Pressure« über General Eisenhower und seinem späteren Kalkül im Hinblick auf die Landung der Alliierten in der Normandie. Allzu schmerzlich ist Eisenhower sich bewusst, was eine Fehlkalkulation bedeuten kann.

Auf den blutigen Anfang des Films folgt ein ziemlich harter Schnitt. Der Meteorologe James Stagg (Andrew Scott) verabschiedet sich in London beim Frühstück von seiner hochschwangeren Frau Liz (Tamsin Topolski), zurückhaltend zärtlich, fast ein wenig unbeholfen. Winston Churchill hat ihn Eisenhower als besten Wissenschaftler seines Fachs empfohlen. Nun wird Stagg im alliierten Hauptquartier bei Portsmouth erwartet, wo in der Kommandozentrale an einem riesigen Kartentisch die größte Invasion der Geschichte vorbereitet wird.

Sein US-amerikanischer Kollege und filmischer Widersacher Irving Krick (Chris Messina) ist bereits dort. Er hat Eisenhower (Brendan Fraser) unter anderem in Nordafrika mit treffsicheren Prognosen versorgt und erzählt gerne Anekdoten von seiner Zeit als Wetterberater in Hollywood. Für die berühmte Feuerszene in »Vom Winde verweht«, bei deren Dreharbeiten ganze Kulissen in Brand gesetzt wurden, sagte er die geeigneten Wetterbedingungen voraus.

Krick arbeitet mit einer Analogmethode. Er sucht in alten Wetterkarten nach vergleichbaren Lagen und versucht, daraus das zu erwartende Wetter abzuleiten. Stagg merkt trocken an, dass das stabile Wetter Nordafrikas womöglich etwas berechenbarer sei als das über dem Ärmelkanal. Der Brite arbeitet zusätzlich mit Messwerten von Wetterschiffen und Stationen im Nordatlantik und verfolgt die Tiefdruckgebiete, die sich auf Europa zubewegen. Zwei Stürme machen dem Wettermann Sorgen.

Als John F. Kennedy 1961 den scheidenden Präsidenten Eisenhower fragte, warum die Invasion gelungen sei, soll dieser geantwortet haben, man habe eben bessere Meteorologen gehabt als die Deutschen.

Der von Brandon Fraser mit großer emotionaler Wucht verkörperte Eisenhower möchte umgehend eine Antwort auf seine Frage nach den Wetterbedingungen. Stagg kann ihm seriöserweise nur Wahrscheinlichkeiten nennen; jede Aussage über 24 Stunden hinaus sei im Grunde eine Langzeitprognose, so der Wissenschaftler. Angesichts des Wetters draußen ist es für die Generäle im Raum schwer vorstellbar, dass sich die Lage binnen weniger Stunden vollkommen ändern kann. In diesen atmosphärisch dichten und überaus spannenden Szenen zeigt Regisseur Maras die Konflikte und Grenzen der Wissenschaft, wenn es um politische und militärische Entscheidungen geht.

Denn an dieser Wettervorhersage hängt eine militärische Operation, deren Voraussetzungen komplizierter nicht sein könnten. Die Fallschirmjäger brauchen bei ihrer Absetzung Mondlicht, die Landungstruppen Niedrigwasser in der Morgendämmerung, damit die deutschen Strandhindernisse sichtbar sind. Die See darf nicht zu rau sein, die Wolken­decke nicht zu dicht für die Bomber. Wird der günstige Moment verpasst, bietet sich erst rund zwei Wochen später wieder eine ähnliche Gelegenheit. Eine Invasionsarmee von mehr als 150.000 Mann lässt sich aber nicht beliebig lange an der englischen Küste verstecken, ohne dass deutsche Aufklärer das mitbekämen.

Auch persönlich steht Stagg unter enormem Druck. Seine hochschwangere Frau ist in London den deutschen Luftangriffen ausgesetzt. Als ihn im Hauptquartier eine niederschmetternde Nachricht erreicht, bleibt die Kamera auf seinem Gesicht. Er ringt kurz um Fassung, unterdrückt sein Gefühl und zwingt sich, weiterzuarbeiten. Andrew Scott spielt diesen Moment beeindruckend, beinahe ohne sichtbare Bewegung. Seine Performance könnte durchaus in der kommenden Filmpreis-Saison berücksichtigt werden. Schließlich verschiebt Eisenhower – bekanntlich – die für den 5. Juni geplante Invasion um 24 Stunden. Stagg und die britischen Meteorologen rechnen für den 6. Juni mit einer kurzen Wetterbesserung – gerade ausreichend, um die Landung zu wagen.

Als John F. Kennedy 1961 den scheidenden Präsidenten Eisenhower fragte, warum die Invasion gelungen sei, soll dieser geantwortet haben, man habe eben bessere Meteorologen gehabt als die Deutschen. Diesen Satz zitiert der Film und setzt damit auch ein Zeichen in Zeiten wachsender Wissenschaftsfeindlichkeit.

Anthony Maras, der mit »Hotel Mumbai« (2018) den Terrorangriff auf das Taj Mahal Palace Hotel verfilmte, hat gemeinsam mit dem Dramatiker David Haig dessen 2014 ­uraufgeführtes Bühnenstück für das Kino adaptiert. Die Herkunft aus dem Theater ist »Pressure« deutlich anzumerken. Der Film spielt größtenteils in den Räumen des Hauptquartiers, wo Meteorologen und Militärs über Wetterkarten und Prognosen streiten. Dazwischen montiert Maras Bilder der Soldaten, die sich auf die Landung vorbereiten, koloriertes historisches Material und Aufnahmen der Wetterbeobachtung an der englischen Küste. Insbesondere die Wetterballons, deren Aufstieg die Kamera immer wieder verfolgt, machen anschaulich, wie abhängig die gesamte Operation von sensiblen Informationen ist, die irgendwo draußen über dem Atlantik gesammelt werden. Als die Landung schließlich beginnt, bleibt der Film immer wieder bei den Männern im Hauptquartier, die nur auf Meldungen von Omaha Beach warten können.

Jamie D. Ramsays Kamera hält sich im Hauptquartier auffällig zurück. Die Bilder sind dunkel und farblich gedämpft, die Kamera bleibt in den Gesprächsszenen meist ruhig. Erst mit den Bildern vom Krieg wird sie beweglicher und nervöser. Auch die Partitur von Volker Bertelmann (»Im Westen nichts Neues«) evoziert ein Gefühl verrinnender Zeit. Zwischen den treibenden Rhythmen meint man immer wieder Glocken- und Uhrwerkklänge zu hören. Je näher der Termin rückt, desto stärker bekommt der Film den Taktschlag eines Countdown.

Für Filme wie »Pressure« hat sich zuletzt der spöttische Begriff »Dad History Movie« eingebürgert: Historienkino mit bekannten Schauspielern, Entscheidungen von geschichtlicher Tragweite und viel Dialog.

Für Filme wie »Pressure« hat sich zuletzt der spöttische Begriff »Dad History Movie« eingebürgert: Historienkino mit bekannten Schauspielern, Entscheidungen von geschichtlicher Tragweite und viel Dialog, Spannung, die weniger aus Action entsteht als aus Verhandlungen, Strategien und politischen Konflikten. James Vanderbilts »Nürnberg« mit Russell Crowe als Herrmann Göring war dafür zuletzt ein Beispiel. Auch »Pressure« gehört unverkennbar in diese Kategorie. Und zwar im besten Sinne. Die selbstauferlegten Beschränkungen, besonders die des konzen­trierten Kammerspiels, lassen »Pressure« zur idealen filmischen Form finden.

Aus dem Cast ragt Andrew Scott hervor, er spielt Stagg als verschlossenen, mitunter schroffen Wissenschaftler, der sich auch unter wachsendem Druck nicht zu Urteilen drängen lässt, die seine Daten nicht hergeben. In den wenigen persön­lichen Momenten lässt seine Mimik erkennen, wie viel Kraft diese Beherrschung kostet. Brendan Fraser zeichnet Eisenhower ungewöhnlich weich und nachdenklich. Die mehr als 700 Toten der Übung Tiger verfolgen ihn, und die Figur lässt keinen Zweifel daran, wie sehr ihm die Verantwortung für die bevorstehende Invasion zusetzt. Kerry Condon, zuletzt in »F1« zu sehen, gibt Eisenhowers Adjutantin Kay Summersby mit feiner Zurückhaltung. Leider besteht ihre Aufgabe allzu häufig darin, die Egos der Männer um sie herum zu moderieren. Man hätte ihr deutlich mehr Leinwandzeit gewünscht.

Die eigentliche Qualität dieses sehr altmodischen Films: Er handelt von Eigenschaften, für die das Kino ansonsten nicht unbedingt spektakuläre Bilder findet. Von Integrität, Pflichtgefühl und der Fähigkeit, die Grenzen des eigenen Wissens ein­zugestehen. Maras gelingt das – inszenatorisch mitunter etwas behäbig und gestrig anmutend – ganz ohne Pathos und Heroisierung seiner historischen Vorbilder.

Pressure (GB/F 2026), Drehbuch: David Haig, Anthony Maras, Jeremy Brock. Regie: Anthony Maras. Darsteller: Andrew Scott, Brendan Fraser, Kerry Condon, Damian Lewis, Chris Messina. Start: 17. September

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Source: jungle.world