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Berliner Illusionen
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Stadt der Gaukler. Eine Sondervorstellung einer Akrobaten-Kunstrad-Gruppe auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor am 12. Oktober 1929
Stadt der Gaukler. Eine Sondervorstellung einer Akrobaten-Kunstrad-Gruppe auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor am 12. Oktober 1929
Sonntagabend, 6. September 2026. Die erste Hochrechnung der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist da. Diese sieht AfD bei 44,4 Prozent, noch scheint die absolute Mehrheit möglich. Ständig pingt das Handy. Kollegen aus Magdeburg und Halle, die bis zuletzt hofften, dass es nicht ganz so schlimm kommen werde, suchen Zuspruch. Die vertraute Social-Media-Blase tobt. Ungerührt indes scheint die analoge Welt an diesem Abend in Berlin. In der U1 Richtung Schlesisches Tor herrscht gute Laune. Junge Expats mit Pali-Tüchern plappern auf Englisch und Spanisch über Lieblingsbars und Lieblingsdrinks. Vor der veganen Pizzeria hat man die Hochrechnung zwar zu Kenntnis genommen, freut sich aber hauptsächlich über den Achtungserfolg der Grünen und die Klatsche für den Kanzler. Auch die Kreuzberger Nachbarn bleiben entspannt – Tenor: »Diese Ossis wieder. Zum Glück leben wir in Berlin.«
Ja, Berlin. Hauptstadt. Weltstadt. »Arm aber sexy«, wie der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) 2003 postulierte, vor allem aber: Inbegriff linksliberaler Toleranz, ein bisschen schmuddelig und schnoddrig auch, ein wahres Paradies für alle, die ihr Lebensglück abseits von Hausbau, Kindern und Karriere suchen, denen Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und Sexualität ihrer Mitmenschen genau wie Kleidungsstil und Frisur im besten Sinne am Arsch vorbeigehen. Der Blick geht nach New York, Paris und London, nicht in die Marken und Börden Ostdeutschlands. Rechtsextreme Ressentiments verfangen hier nicht so leicht wie anderswo.Etwas an all dem stimmt, und doch ist es eine Illusion. War es immer schon. Selbst in jenen Zeiten, als die Freiheit der Stadt besonders gefeiert wurde.
In Kreuzberg wurden verirrte Touristen traditionell mit Eierwürfen begrüßt und die Polizei traute sich in bestimmte Ecken nur in vergitterten, rundum verbeulten Mannschaftswagen hinein.
Man denke nur an die zwanziger Jahre, als Berlin zur internationalen Kunst- und Partymetropole avancierte, während gleichzeitig marodierende SA-Trupps durch die Straßen zogen. Oder an die Mauerjahre, als Westberlin erst die sogenannte Studentenrevolte und ab 1979 dann eine Hausbesetzerszene hervorbrachte, aus der in den achtziger Jahren eine düstere, linksradikal geprägte Subkultur erblühte, die bis heute in Popsongs und Büchern gefeiert wird. In Kreuzberg wurden verirrte Touristen traditionell mit Eierwürfen begrüßt und die Polizei traute sich in bestimmte Ecken nur in vergitterten, rundum verbeulten Mannschaftswagen hinein.
Bei aller Romantisierung sollte man aber nicht vergessen, dass der Großteil der Stadt stets anders tickte, die wechselnden SPD-Bürgermeister der sechziger und siebziger Jahre rabiat gegen linke Studenten und Hausbesetzer vorgingen und Berlin ab 1981 von der CDU regiert wurde, erst von Richard von Weizsäcker und ab 1984 von Eberhard Diepgen. Treu an beider Seite: Innensenator Heinrich Lummer, Mitglied (und später Ehrenvorsitzender) des rechtsextremen Vereins »Die Deutschen Konservativen« und eiserner Vertreter von law and order. Außerhalb Kreuzbergs kam das gut an.
Erst 1989 kam mit Walter Momper wieder ein Sozialdemokrat an die Macht, dessen rot-grüner Senat in der westdeutschen Presse den Mythos vom »linken Berlin« reanimierte. Ein passendes Bild dafür lieferten die rund 20.000 Berliner, die am 10. November 1989, dem Tag nach der Öffnung der Berliner Mauer, den vom Balkon des Schöneberger Rathauses sprechenden CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl gnadenlos auspfiffen, besonders als dieser gemeinsam mit Momper, Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) und anderen Polit-Granden die Nationalhymne anstimmte. So bezaubernd antinationalistisch wirkte das, dass die Punkband Abwärts sogar einen Mitschnitt auf ihre Maxi-Single »Sonderzug zur Endstation« presste.
Weniger gern erinnern sich Berlin-Romantiker daran, warum bereits Anfang desselben Jahres ähnlich viele Menschen als Protestzug vom Ku’damm zum Schöneberger Rathaus gezogen waren. Denn der Anlass für diese Demonstration passt so gar nicht zur Legende vom linken, weltoffenen Berlin: Was Diepgen die Wiederwahl gekostet hatte, war nämlich vor allem der überraschende Erfolg einer neuen Partei rechts von der CDU. Ähnlich wie später die AfD hatten sich diese »Republikaner« aus Mitgliedern von CDU und CSU gebildet, denen Kanzler Kohls Politik noch nicht ausländerfeindlich genug erschien. Angeführt vom rechtsextremen Publizisten Franz Schönhuber gewannen sie prompt satte 7,5 Prozent bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus.
Vergessen wird gern, dass die sogenannten Baseballschlägerjahre nicht nur in ostdeutschen Provinzen, sondern auch in Berlin stattfanden.
Nur ein Betriebsunfall? Bei der bereits im November 1990 nötigen Neuwahl (die Alternative Liste, wie die Grünen in Berlin damals noch hießen, hatte wegen der brachialen Räumung der besetzten Häuser in der Mainzer Straße die Koalition aufgekündigt) schafften die Republikaner den Wiedereinzug ins Abgeordnetenhaus nicht. Dafür kehrte Diepgen für weitere neun Jahre als Regierender Bürgermeister zurück und brachte mit Dieter Heckelmann (CDU) im Innenressort auch einen würdigen Nachfolger für Lummer mit. Der Jurist Heckelmann, bis dahin Präsident der Freien Universität Berlin, war ein glühender Antikommunist und so eng mit Rechtsextremisten vernetzt, dass man ihm 1994 die Zuständigkeit für den Berliner Verfassungsschutz entzog und er zwei Jahre später aus dem Amt schied.
Dennoch: Denkt man an Berlin in den Neunzigern, fällt den meisten zunächst die wilde Zeit der illegalen Technoclubs in den Ruinen der historischen Stadtmitte ein, die Dauerparty, die Drogen, der scheinbar unendliche Spaß. Vergessen wird dabei gern, dass die sogenannten Baseballschlägerjahre nicht nur in ostdeutschen Provinzen, sondern auch in Berlin stattfanden. Dass im Lichtenberger Weitlingkiez Nazis in SA-Kostümierung aufmarschierten und weite Teile Ostberlins über Jahre hinweg No-go-Area für Linke, Queere und Menschen anderer Hautfarbe waren. In Friedrichshain kam es immer wieder zu Straßenschlachten zwischen Nazis und Linken, und selbst im eher links dominierten Prenzlauer Berg gab es innerhalb des S-Bahnrings rechtsextreme Kneipen.
Wie im restlichen Ostdeutschland auch, ebbten die Gewaltexzesse erst um die Jahrtausendwende ab, als die Täter der ersten Generation Familien gründeten und begannen, Funktionen in der Zivilgesellschaft zu besetzen, um damit jenen rechten Nährboden zu schaffen, ohne den der rasante Siegeszug der AfD ab 2013 nicht möglich gewesen wäre. Berlin aber durfte sich unter dem ersten bekennend schwulen Bürgermeister Wowereit erst in rot-grüner, dann in rot-roter Koalition wieder weltoffen und liberal fühlen. Sexy war die Stadt zwar nur noch in der touristischen Vermarktung ihrer längst zombifizierten Club- und Kulturszene, dafür aber tatsächlich so arm, dass der Senat in dieser Zeit kommunale Wohnungen und Grundstücke en masse weit unter Wert verscherbelte und so die goldene Zeit der Immobilienwirtschaft einläutete.
Heutzutage sind auch die letzten Reste des morbiden Charmes, den Berlin einst hatte, verschwunden. Das Stadtbild bestimmen renditeorientierte Einheitsbauten, gegen die selbst die architektonischen Verbrechen der neunziger Jahre noch ambitioniert wirken. Eine Unzahl neuer Hotels lenkt die Touristenströme bis in den letzten Szenekiez. Arm ist die Stadt nicht mehr, arm sind nur ihre von horrenden Mieten geplagten Einwohner.
Im weiterhin als links verschrienen Kreuzberg braucht das rechts-populistische Medium »Nius« nicht mal Polizeischutz. Den braucht stattdessen die linke israelsolidarische Kneipe »Bajszel« in Neukölln.
Im weiterhin als links verschrienen Kreuzberg haben sich die rechtspopulistischen Medien Nius und Apollo News angesiedelt und brauchen dafür nicht mal kontinuierlichen Polizeischutz. Den braucht stattdessen die linke israelsolidarische Kneipe »Bajszel« in Neukölln, wegen wiederkehrender Angriffe aus dem linksautoritären und islamistischen Lager. Die AfD, deren Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt viele hier so merkwürdig kalt lässt, liegt in Umfragen auch in Berlin schon bei 18 Prozent – das wäre eine Verdopplung ihres Ergebnisses von 2023. Thematisiert wird das kaum. Man hat sich längst daran gewöhnt, dass ein weltstädtisch-liberales Berlin nur innerhalb des S-Bahnrings existiert, während außerhalb die Hochburgen der AfD liegen – in Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick oder Spandau. Eine gefährliche Ignoranz, wenn man bedenkt, dass auch die CDU in den innenstädtischen Bezirken traditionell kaum punktet und dennoch die Stadt regiert, denn 70 Prozent der Berliner Bevölkerung leben außerhalb des S-Bahnrings.
Ob die Wahl am 20. September etwas an dieser Ignoranz ändert, darf bezweifelt werden. Der Vorsprung der Linkspartei in den Meinungsumfragen war zeitweise wieder geschrumpft, und sollte am Ende doch die CDU vorn liegen, werden sich die potentiellen Koalitionspartner SPD und Grüne wohl eher dort andienen, als sich auf eine Partei einzulassen, die ihre antisemitischen Bezirksverbände in Neukölln und Mitte nicht in den Griff bekommt und deren Jugendorganisation sich mehr für die Freiheit Palästinas (was immer man darunter verstehen mag) interessiert als für einen Machtwechsel in Berlin. Käme es so, ginge alles weiter wie gehabt: Keine ernsthafte Regulierung des Mietwohnungsmarkts, Ghettoisierung von Armut, wachsende Obdachlosigkeit, Internationalisierung nur durch Zuzug gutverdienender Expats bei gleichzeitiger Provinzialisierung durch von hymnischem deutschem Schlagerpop beschwingtes Kulturmarketing und ein bisschen law and order, damit sich auch Touristen aus AfD-geführten Bundesländern in ihrer Hauptstadt wohlfühlen, auch wenn es noch einige Jahre dauern wird, bis ihre Lieblingspartei hier mitregiert.
Um dennoch positiv zu schließen: Inzwischen kann man auch in Kreuzberg und Neukölln sehr gut essen gehen. Jedenfalls, wenn man sich die dort im Wochentakt neu eröffnenden Fine-Dining-Restaurants leisten kann. Falls nicht: Curry 36 hat jetzt überall Filialen, die Wurst ist jetzt Bio und man spricht Englisch.
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Source: jungle.world