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Über 200 Jahre Haft und viele offene Fragen

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Schülerinnen erinnern am sechsten Jahrestag der Osterattentate an verstorbene Angehörigene. Katuwapitiya, Sri Lanka, 21. April 2025.

Schülerinnen erinnern am sechsten Jahrestag der Osterattentate an verstorbene Angehörigene. Katuwapitiya, Sri Lanka, 21. April 2025.

Colombo. Der 22. September 2026 dürfte als wichtiges Datum in die jüngere Geschichte Sri Lankas eingehen: Nach unzähligen Verhandlungstagen hat eine Sonderkammer des High Court in Colombo an diesem Tag die Urteile gegen 24 Männer aus der muslimischen Minderheit gefällt, die in die sogenannten Osterattentate 2019 verwickelt gewesen sein sollen. Rund um das Gerichtsgebäude in der Hauptstadt des südasiatischen Inselstaats gab es dazu ein immenses Polizeiaufgebot. Die Bilder erinnerten beinahe ein wenig an die ersten Tage nach den Anschlägen, als in Colombo und anderen Orten landesweit große Ansammlungen von Sicherheitskräften zum Straßenbild gehörten, die mit Unterstützung der Armee teils Straßensperren zu Kontrollzwecken errichtet hatten.

Neun Beschuldigte kommen nun auf freien Fuß. Die vorgelegten Beweise gegen die anderen 15 wertete das Gericht als ausreichend, so dass gegen sie hohe Haftstrafen von 200 bis 260 Jahren ergingen, unter anderem wegen Beihilfe zu Mord, Verschwörung zu terroristischen Zwecken sowie illegalem Waffen- und Munitionsbesitz. Alle werden wohl lebenslang im Gefängnis bleiben. Einer der ursprünglich 25 Angeklagten war bereits vor Prozessbeginn in Untersuchungshaft gestorben.

Die damaligen Terrorakte sind im Ausland fast in Vergessenheit geraten. Doch in Sri Lanka ist die Erinnerung an den schwärzesten Tag der jüngeren Geschichte noch sehr lebendig. 

Die damaligen Terrorakte sind im Ausland fast in Vergessenheit geraten. Doch in Sri Lanka ist die Erinnerung an den schwärzesten Tag der jüngeren Geschichte noch sehr lebendig. Eigentlich wähnte sich das Land seit dem 2009 beendeten Bürgerkrieg – seit 1983 kämpfte die Rebellengruppe Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) mit teils terroristischen Mitteln für einen eigenen Staat der tamilischen Minderheit im Norden und Osten der Insel – schon ein Jahrzehnt im Frieden. Doch der 21. April 2019 erschütterte die Gesellschaft abermals in ihren Grundfesten. Selbstmordattentäter zündeten in kurzer Abfolge ihre Sprengsätze in drei Nobelhotels im Herzen Colombos sowie in drei Kirchen in Negombo, Colombo und Batticaloa, wo sich Katholiken gerade zum Ostergottesdienst einfanden. 269 Menschen starben, darunter 42 Ausländer; fast 500 weitere wurden teils schwer verletzt.

Vor etwa fünf Jahren begann ein Mammutprozess, der die Hintergründe aufklären sollte. Seit Anfang 2021 kamen 2.309 Zeugen im Gerichtssaal zu Wort, den Beschuldigten wurden insgesamt mehr als 23.000 Anklagepunkte zur Last gelegt. Entsprechend umfangreich ist die vollständige Fassung des Urteils, das der Vorsitzende Richter Navaratne Marasinghe mündlich nur in stark ­gekürzter Form verkündete. Schriftlich haben er und seine beiden Kollegen Ramanathan Kannan und Sujeewa Nissanka ein Urteil vorgelegt, das samt seiner Begründung 8.900 Seiten lang ist, die neun Aktenordner füllen.

Das Vermögen der Verurteilten, die in den meisten Medien des Landes ­namentlich aufgelistet werden, wird ein­gezogen. Es handelt sich um Helfer und Hintermänner; die Bombenleger starben, als sie ihre Sprengsätze an den Zielorten zündeten. Alle Beteiligten des Mehrfachanschlags sind aber immer noch nicht ermittelt. Zugeschrieben wird er der islamistischen Extremistengruppe National Thowheeth Jama’ath (Nationale monotheistische Gruppe), die sich dem internationalen Terrornetzwerk des »Islamischen Staats« (IS) – der sich zu den Attentaten bekannte – angeschlossen hatte, zuvor aber weitgehend unbekannt war. Sie wurde eine Woche nach den Anschlägen verboten.

Im Frühjahr 2019 gab es vorab ernsthafte, wenngleich unkonkrete Warnungen aus Geheimdienstkreisen. Die Regierung reagierte darauf nicht, da insbesondere der Sicherheitsrat schon seit Monaten nicht getagt hatte, weil sich zu dieser Zeit Präsident Maithripala Sirisena und Premierminister Ranil Wickremesinghe gegenseitig blockierten. Ob die Anschläge hätten verhindert werden können, ist unklar. Verstärkte Sicherheitsmaßnahmen hätten aber die Zahl der Opfer verringern können, heißt es im Rückblick.

Das behördliche Versagen wurde auch von einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss attestiert. Es ist weiter umstritten, wie umfangreich die Verfehlungen sind. 

Das behördliche Versagen wurde auch von einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss attestiert. Es ist weiter umstritten, wie umfangreich die Verfehlungen sind. Ihretwegen wurden im Juli jedenfalls ein ehemaliger Polizeichef und ein früherer Mitarbeiter im Verteidigungsministerium zum Tode verurteilt – faktisch heißt das: ebenfalls zu lebenslanger Haft. Der ehemalige Direktor des Geheimdiensts, Suresh Sallay, wurde im Februar verhaftet und sieht noch seinem Prozess entgegen.Die Katholische Kirche hat das Urteil begrüßt, fordert aber weitere Aufklärung. Pater Jude Krishantha, der Pressesprecher des Erzbistums Colombo, sagte vor Reportern, es sei »eine starke Botschaft gegen religiösen Extremismus«. Keine Religion dürfe missbraucht werden, um solche Gewalttaten zu rechtfertigen. Gleichzeitig mahnte er weitere Ermittlungen an, um zu klären, ob rechtzeitiges behördliches Handeln die Anschläge nicht doch hätte verhindern können.

Sein Vorgesetzter, Malcolm Kardinal Ranjith, hatte die Forderung nach umfassender Aufarbeitung in all den Jahren immer wieder erhoben. Wie der Erzbischof zuletzt am 2. September betonte, sei wohl internationale Hilfe notwendig, um die ganze Wahrheit aufzudecken. Frühere Regierungen wurden dafür kritisiert, daran kein Interesse gehabt zu haben. Unter Präsident Anura Kumara Dissanayake von der linken Sammlungsbewegung National People’s Power (NPP), der seit 2024 im Amt ist, scheinen die Ermittlungen mit größerer Ernsthaftigkeit geführt zu werden.

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Source: jungle.world