Faultline Faultline Kommando 161

Germany · jungle.world · · 2h

»Bei jedem Spiel gab es Proteste von Iren«

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Yaron Katzir (von hinten), Mannschaftskapitän des israelischen Ultimate Frisbeeteams New Age

Gegen eure Teilnahme an den WUCC gab es eine Boykottkampagne. Die genannten Gründe waren, dass ihr einen »genozidalen« Staat vertreten würdet und selbst Teil des Gaza-Konflikts wärt, da eure Spieler in den israelischen Streitkräften (IDF) gedient haben. Wann habt ihr mitbekommen, dass es eine Boykottkampagne gegen euer Team gibt?

Über die sozialen Medien haben wir erfahren, dass Teams und Spieler Stellungnahmen gegen unsere Teilnahme an der Weltclubmeisterschaft ver­öffentlicht haben. Darunter waren Teams aus allen Divisionen, also auch gemischte und Frauenteams, gegen die wir nie gespielt hätten. Diese Teams haben versucht, auf den Weltfrisbeeverband (WFDF) dahingehend Druck auszuüben, dass wir entweder gar nicht oder nur unter neutraler Flagge – also nicht als israelisches Team – teilnehmen dürfen. Insgesamt 26 Teams unterstützten diese Forderungen.

»Im ersten Spiel stand einer unserer Spieler zu nah an den Protestierern, die ihm dann mit einer Fahnenstange gegen den Kopf geschlagen haben.«

Der Weltfrisbeeverband hat sich dem Druck nicht gebeugt, sondern noch eine Erklärung verabschiedet, dass der Sport im Vordergrund steht und niemand ausgeschlossen werden soll. Es war bestimmte keine leichte Situation für den WFDF, wenn so viel Druck aufgebaut wird. Aber der Verband hat sich für den professionellen Weg entschieden und Politik, so weit wie es ging, aus dem Sport herausgehalten.

Die Boykottanhänger hatten also keinen Erfolg. Wie ging es dann auf den WUCC weiter?

Was überraschend war für uns: Es gab mehrere Teams in unserem Pool, die den Boykott unterstützt haben. Aber nur ein Team aus Irland zog es durch und weigerte sich, gegen uns zu spielen. Es wäre ihr und unser letztes Spiel des Turniers gewesen. Vielleicht waren sie einfach nur körperlich fertig und hatten ihre Ausrede gefunden.

Alle anderen Teams, die vorab auch gegen die Teilnahme eines israelischen Teams waren, traten dann doch gegen uns an. Aber einige Spieler zeigten anderweitig ihren Protest, etwa in dem sie sich weigerten, mit uns in den Spirit-Kreis zu gehen. Beim Ultimate Frisbee stehen nach jedem Spiel beide Teams zusammen und werten gemeinsam das Spiel aus, wie fair war es, welche calls (laute Meldung eines Regelverstoßes; Anm. d. Red.) oder Fouls gab es. Das ist nicht verpflichtend, aber alle Teams machen es weltweit, es ist elementarer Bestandteil des Sports. Diese Reak­tion konterkariert den spirit of the game.

Der spirit of the game ist die wichtigste Regel im Ultimate Frisbee. Sie besagt, dass man nicht nur die Spielregeln kennt, sondern respektvoll miteinander kommuniziert und auch versucht, Gegenargumente zu verstehen. Dieses Verhalten hatte man uns nicht zugestanden, oft reagierten gegnerische Teams feindselig auf uns, wenn wir sie angesprochen haben.

Wenn du weißt, wie viele Leute Ressentiments gegen dich haben, ist das für jeden eine psychische Belastung. Wir haben den Teams in unserem Pool angeboten, über Israel zu sprechen, aber das bei einem Kaffee und nicht während des Spiels. Wir haben aber auch immer gesagt: Es ist nicht verhandelbar, dass wir nicht spielen. Wir sind alle Spieler, die ein extrem hohes Level erreicht haben, die Jahre darauf hingearbeitet haben und die aus diesem Grund bei den WUCC mitspielen. Und das haben wir auch den Teams erklärt, bei denen einzelne Spieler sich weigerten, gegen uns zu spielen. Wir wollen die Politik aus diesem sportlichen Ereignis heraushalten.

Während des Turniers erreichte uns die E-Mail eines Bewohners aus Limerick. Er wünschte uns viel Glück für unsere Spiele und distanzierte sich klar von den Protestierern.

Ich habe jedem unserer Spieler gesagt, wir verhalten uns weiterhin sportlich und fair im Spiel, auch wenn sich die andere Mannschaft feindselig uns gegenüber verhält. Manchmal reagiert man impulsiv, wenn man müde wird und es einen call gibt. Aber bei dem Turnier sollte jeder erst mal ein- und ausatmen und dann erst reagieren. Alles andere könnte als Aggression interpretiert werden, obwohl es ansonsten normal ist. Wir müssen uns im Sinne des fairen Sports präsentieren – noch mehr als sonst.

Wer hat das Angebot angenommen, bei einem Kaffee über Israel beziehungsweise den Gaza-Krieg zu sprechen?

Leider niemand. Keiner der über 3.000 Spieler kam zu uns und wollte sich mit uns unterhalten. Wir hätten zugehört, wir hätten Argumente und Wissen austauschen können. Aber ich habe bei den Boykottunterstützern den Eindruck, man möchte auch nicht überprüfen, ob die eigenen Standpunkte inhaltlich stimmen, und lieber in seiner eigenen Gedankenwelt bleiben.

Gab es auch Teams oder Spieler, die euch unterstützt haben?

Ich glaube, die gab es, aber sie haben es nicht öffentlich auf dem Turnier gezeigt. Während des Turniers erreichte uns jedoch die E-Mail eines Bewohners aus Limerick. Er wünschte uns viel Glück für unsere Spiele und distanzierte sich klar von den Protestierern. Es war nur eine Mail, aber es hat gutgetan, das zu lesen.

Gab es weitere Proteste gegen euch, die nicht von beteiligten Teams ausgingen?

Ja, bei jedem Spiel gab es Proteste von Iren. Das war eine extreme Herausforderung. Du stehst auf der line und direkt neben dem Feld werden die ganze Zeit Slogans und Beschimpfungen wie »Babykiller« oder »Genozid« gegen uns geschrien. Aus ihrer Perspektive wollten sie sicherlich Bewusstsein schaffen, aber an wen haben sie sie gerichtet? Niemand von uns war im Gaza-Krieg. Bei uns im Team haben auch US-Amerikaner gespielt und sie haben sich von diesen Aktionen ziemlich bedroht gefühlt. Sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten.

Niemand von uns war im Gaza-Krieg. Bei uns im Team haben auch US-Amerikaner gespielt und sie haben sich von diesen Aktionen ziemlich bedroht gefühlt. Sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten.

Wir brauchten den Schutz der Polizei, damit unsere Sicherheit auf dem Weg in die Umkleidekabinen gewährleistet werden konnte. Im ersten Spiel stand einer unserer Spieler zu nah an den Protestierern, die ihm dann mit einer Fahnenstange gegen den Kopf geschlagen haben. In diesem Spiel standen auch noch Ultimate-Spieler bei den Protestierern und schrien gegen uns.

Wir haben nicht auf sie reagiert. Ihr Verhalten sagt doch viel mehr über sie als über uns aus. Nach dem Spiel hätte jemand von ihnen kommen können und die Diskussion suchen können. Aber daran hatten sie kein Interesse, sie wollten uns lieber alle über einen Kamm scheren.

War es das erste Mal, dass es gegen die Teilnahme eines israelisches Teams an einem internationalen Ultimate-Frisbee-Wettbewerb Widerstand gab?

Nein. Vor zwei Jahren sind wir mit unserem U17-Team nach Belgien zu den Europameisterschaften gereist, ich habe das Team damals gecoacht. Wir hatten vorab mit den Ausrichtern gesprochen und alles abgesichert: Wir haben auf eigene Kosten einen Sicherheitsdienst engagiert, wir planten, auf einem separaten Platz zu spielen, der komplett vom restlichen Turnier getrennt war. Wir haben einen eigenen Bus gemietet, um die Sicherheit der Wege zu gewährleisten, auch für die Teams, gegen die unser Team gespielt hätte. Das alles stimmten wir vorab mit den Turnierausrichtern ab und sind dann nach Belgien gefahren.

Yaron Katzir (von hinten), Mannschaftskapitän des israelischen Ultimate Frisbeeteams New Age

Dann wurden wir am ersten Turniertag gegen fünf Uhr morgens von der Polizei angerufen, dass ein Graffito »Israhell« an eine Wand nahe unseres Felds gesprüht worden war. Unsere Security hat das Graffito entfernt, hat die Felder gecheckt und eingeschätzt, dass es sicher sei zu spielen. Aber die belgischen Turnierausrichter entschieden, uns nicht spielen zu lassen. Wir waren in Belgien die meiste Zeit im Hotel, und die Jugendliche haben den vollen Preis für die Teilnahme, die Unterkunft und den Flug bezahlt – völlig umsonst. Und das wegen eines einzelnen Graffiti. Das war das erste Mal, dass wir gemerkt haben: Organisationen im Ultimate agieren gegen uns.

Viele Ultimate-Frisbee-Spieler sind Akademiker. Seit dem 7. Oktober zeigt sich an vielen Universi­täten weltweit Judenhass. War es nur eine Frage der Zeit, bis sich der Antisemitismus auch im Ultimate gezeigt hat?

So wie die antisemitische Masse wächst, auf jeden Fall. Es war vielleicht unvermeidbar, wenn man sich auch die unzähligen Falschinformationen in den sozialen Medien anschaut. Auf der anderen Seite ist es so absurd. Ultimate Frisbee hat weltweit eine kleine Anhängerschaft und in unserem Sport ist Kommunikation eines der zentralen Elemente. Es gab in diesem Sommer so viele Kommentare und Stellungnahmen gegen uns, und kein Gegenspieler hat das Gespräch gesucht. Wenn es nicht so ernst wäre, müsste man feststellen: Das ist ziemlich lächerlich.

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Source: jungle.world