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Wider dem kommenden Antisemitismus
von: anonym am: 31.10.2026 - 19:21 Themen: Antirassismus Repression Soziale Kämpfe Aus gegebenen Anlass möchten wir an dieser Stelle erneut unsere Auseinandersetzung mit den sog. palästinensisch-solidarisch
English (original) ·Auto-translated to Deutsch
„Lange Zeit haben die Feinde geschickt und präzise geplant, um das zu erreichen, was sie erreicht haben. Sie berücksichtigten die Ursachen, die den Lauf der Ereignisse beeinflussen. Sie strebten danach, großen und substanziellen materiellen Reichtum anzuhäufen, den sie der Verwirklichung ihres Traums widmeten. Mit ihrem Geld übernahmen sie die Kontrolle über die Weltmedien, Nachrichtenagenturen, die Presse, Verlage, Rundfunkanstalten und andere. Mit ihrem Geld lösten sie Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt aus, um ihre Interessen zu verwirklichen Sie ernteten die Früchte davon. Sie standen hinter der Französischen Revolution, der Kommunistischen Revolution und den meisten Revolutionen, von denen wir hier und da hörten. Mit ihrem Geld gründeten sie Geheimbünde wie Freimaurer, Rotary Clubs, die Lions und andere in verschiedenen Teilen der Welt, um imperialistische Länder zu kontrollieren und sie zur Kolonisierung vieler Länder anzustiften, um ihnen die Ausbeutung ihrer Ressourcen zu ermöglichen.
Sie können so viel über Regional- und Weltkriege sprechen, wie Sie möchten. Sie steckten hinter dem Ersten Weltkrieg, als es ihnen gelang, das islamische Kalifat zu zerstören, finanzielle Gewinne zu erzielen und die Ressourcen zu kontrollieren. Sie erhielten die Balfour-Erklärung und gründeten den Völkerbund, durch den sie die Welt regieren konnten. Sie standen hinter dem Zweiten Weltkrieg, in dem sie durch den Handel mit Rüstungsgütern enorme finanzielle Gewinne erzielten und den Weg für die Gründung ihres Staates ebneten. Sie waren es, die den Völkerbund durch die Vereinten Nationen und den Sicherheitsrat ersetzten, um ihnen zu ermöglichen, die Welt durch sie zu regieren. Es gibt nirgendwo einen Krieg, an dem man nicht beteiligt ist. [...]“
Hamas: „Pakt der Islamischen Widerstandsbewegung“, Artikel 22, August 1988
Die Welle des um sich greifenden Antisemitismus lässt uns sprachlos werden. Haben wir etwas verpasst? Hat die Emotionalisierung der Bilder das letzte bisschen Restvernunft ersticken lassen, sodass „der“ Jude als Sündenbock aus dem kollektiven Unterbewusstsein eine erneute Renaissance erlebt? Ist die zivilisatorische Kruste derart dünn, dass sich 80 Jahre Shoah heute nur noch als weitere postmoderne Erzählung unter vielen ausnimmt? Und wie kann es sein, dass sich im Land der Täter, im Postnationalsozialismus, bis weit in selbsternannte anarchistische Kreise, die Rede palästinensischer Solidarität vernehmen lässt, jenseits auch nur oberflächlich-kritischer Prüfung, mit wem mensch sich da solidarisch erklärt?
Wir haben uns bisher von diesem Trauerspiel ferngehalten und gehofft, es könnte sich ein Diskursfenster öffnen, welches sich dem Sektierertum, der Polarisierung, Ethnisierung und Brutalisierung des Konfliktes aktiv erwehrt. Wir haben wohl falsch gedacht. Stattdessen wittert die ihren Antisemitismus unter dem Kampfbegriff „Antizionismus“ nur halb verborgene Querfront aus roten Antiimps, Islamisten und emotionalisierten Kiddies á la Greta T. Morgenluft und versucht ihre Chance auf US-amerikanische Campus-Besetzungen auch an europäischen Universitäten zu ergreifen; In Berlin ergehen sich anarchistische und insurrektionalistische Kreise in Fantasien über die „Demo-Saison auf der Sonnenallee“ und eine FLINTA*-Demonstration am 30.04. Lässt sich Lässigkeit für Palästina-Solidarität einspannen.
(Liebe Genoss*innen, ist euch klar, dass ihr die ersten wärent, welche dem Scharia-Gesetz der Muslim-Bruderschaft in Palästina, auch als Hamas bekannt, zum Opfer fallen würden? Die Hamas hat in ihrer Charta Artikel 17 und 18 sehr deutlich dargelegt, wie sie mit Nicht-„Männern“ umgegangen gedenkt)
Wir können diesen Irrsinn nicht länger mit anhören. Schlimm genug, dass dieser Konflikt tobt und uns, unsere Angehörigen vor Ort und unsere Genoss*innen bedroht; in der Ohnmacht der Grausamkeit beginnt eine toxische Mischung aus Fanatismus, Ethnisierung und Ideologisierung zu brodeln, welche einen alten, weißen Mann mit Bart höhnisch auflachen lässt: „Geschichte wiederholt sich immer zweimal...“ Es ist wirklich Zeit, dass statt Kufiya-Lappen endlich wieder hörbar wird: „Kein Gott – Kein Staat – Kein Kalifat!“
Wer unser eingangs genanntes Zitat genauer liest, wird neben verblüffenden Übereinstimmungen mit den sog. „Protokolle der weisen von Zion“ (einem Buch, welches der spirituelle Vordenker der Hamas, Sayyid Qutb neben Hitlers „Mein Kampf“ (1925) und Amin el-Husseinis „Islam und Judentum“ (1937) sehr zu schätzen wusste und seinen Essay „Unser Kampf mit den Juden“ (1950) mitbeeinflusste) stellte fest, dass hier ein Antikommunismus am Werk ist, welcher antimodernistisch McCarthy gewendet hat Neid erblassen ließe. Für die Muslimbruderschaft liegt die Wurzel allen Übels im „zionistischen“ Säkularismus. Ob liberale Demokratie, Staatskommunismus, Pariser Kommune oder kollektive, föderale Selbstverwaltung, alles ist nur Ausdruck des „zionistischen“ Erzbösen. Auf dieses offensichtliche Delirium wollen und müssen wir hier nicht eingehen, als Seitennote sei aber darauf hingewiesen, dass für die Hamas die „Frau“, welche von der ihr zugedachten Steinzeitrolle als Gebährmaschine und Indoktrinationsapparat für die Kinder im Sinne des Jihad abweicht, von der westlichen-aka-sekularen-aka-„zionistischen“ Idee verführt worden ist. Und noch etwas anderes sollte der geneigten Leserin auffallen: Die Hamas hat keinen Begriff von Klasse (sowie generell keinen Begriff von irgendeiner Kategorie sozialer Stratifizierung). Die Umma im Sinne der Hamas kennt keine Klassen, nur Palästinenser und Jihad (vgl. Charta, insbesondere Artikel 20). Wer da nicht an Wilhelm II. 1914 nach dem endgültigen Verrat der SPD im Sinne des deutschen Expansionismus denken muss, dem können wir auch nicht helfen.
Was uns angesichts der Proteste aber sehr stutzig gemacht hat, war die Präsenz selbsternannter kommunistischer Gruppen und deren Verlautbarungen bei den Protesten selbst. Das Problem des Antiamerikanismus und die mechanistische, eklektizistische, vulgärmarxistische Theorie dieser Gruppierungen ist schon länger bekannt, aber der Kurzschluss von „Solidarität mit der palestinensischen Arbeiterklasse“ zu „Free Gaza“, weil Gaza durch israelischen-amerikanischen-zionistischen-usw. Kolonialismus bedroht, ist ein neues Tief. Die infantile Suche nach „dem“ neuen politischen Subjekt im Sinne einer endlos verkürzten Kapitalismusanalyse, welche Abwesenheit von theoretischem Verständnis als Klassenbewusstsein fehlinterpretiert (Lukács routiert in seinem Grabe), ist nicht einmal mehr in der Lage zu sehen, dass sämtliche palästinensischen Akteure so ziemlich das absolute Gegenteil eines politischen Ausdrucks einer Arbeiterklasse darstellen. Stattdessen wird mit der eigenen Stimme (so marginal sie auch sein mag) einer fundamentalreligiösen, antimodernistischen, antisemitischen und brutal-patriarchalen Strömung Gewicht, Sichtbarkeit, Legitimität und Absolution erteilt. Hier stellt sich nicht die Frage, ob der „palästinensische Widerstand“ legitim ist oder nicht; Tatsächlich existiert seit dem 7. Oktober 2023 kein anderer Repräsentant dieses Widerstands mehr, außer eben der Hamas. Die Hamas und alle ihre Epigonen waren und sind der Tod für alles, womit es legitim und unerschütterlich wichtig wäre, solidarisch zu sein.Der Einfluss dieser Feinde der Menschheit geht so weit, dass sie sogar den zivilgesellschaftlichen, militant-feministischen Widerstand in Sheikh Jarrah in Ost-Jerusalem erwürgen konnte, indem sie 2022 nach Wochen der Auseinandersetzungen mehrerer Raketen gen Israel begann.
Auf der Suche nach „dem“ revolutionären Subjekt machen sich diese Gruppen zu Komplizen einer reaktionären Welle, welche nicht nur das Mobilisierungspotential des Antisemitismus als revolutionären Konstituierungsprozess fantasiert, sondern auch und vor allem welches nur als Schlag ins Gesicht und aktiver Verrat an den unzähligen Menschen in der Diaspora verstanden werden kann, welche sich durch Migration eben jener islamischen Kontrarevolution entzogen haben. Es ist kein Zufall, dass sich diverse queer-migrantische Communities aktiv von den Orten der „Solidarität“ fernhalten. Sozialistinnen, Kommunistinnen, linkspolitische Kämpferinnen aller (nicht-weißer) Couleur finden sich erneut bespuckt und ihre Sprache beraubt, findet sich doch Terminologie ihrer Kämpfe im Vernichtungskampf gegen „den Zionismus“ (Israel). Statt sich die Mühe zu machen und wenigstens zu versuchen, eine halbwegs funktionierende Analyse der palästinensischen Klassenverhältnisse in Gaza zu fabrizieren, wird unmittelbar die pornographisch-voyeuristische Bildsprache der Hamas verfolgt und sich Blind(linge) mit „dem“ palästinensischen Widerstand solidarisiert. Nur selten lässt sich Althussers Theorie wie aus dem Lehrbuch studieren: Ideologie als Weltverzerrung, oder anders gesagt: Ideologie führt dazu, dass Widersprüche nicht mehr wahrgenommen und stattdessen als kohärentes Ganzes erscheinen.
Statt Ästhetisierung der Politik, Politisierung der Ästhetik
Dieses abgewandelte Zitat von Walter Benjamin beschreibt den fundamentalen Unterschied zwischen einem progressiven und einem faschistoiden Politikverständnis. Wir haben oben bereits von der pornographisch-voyeuristischen Bildsprache der Hamas gesprochen. Wir sprechen hier über die Inszenierung der Bilder, über die damit verbundene permanente Täter-Opfer-Umkehr auf einem Portfolio patriarchaler Bedeutungsmuster, welche sich gespiegelt bei den Protesten wiederfinden. Für das Bestätigen der eigenen Potenz, Bilder mit AK-47 und Headcam. Gamification in Reinform, der Bildschirm des Konsumenten als erweiterte Interaktion des Egoshooters. Gleichzeitigkeit des Spiels und der „gespielten“ Realität auf den Bildschirmen rund um den Globus. Die Simulation unvermittelter Erfahrung: „Sieh her, es ist so einfach, Juden zu töten!“ Ob Killshot in Call of Duty, oder Slow-Motion im Drive-By im Vorort von Be'er Scheva, im „postideologischen“ Zeitalter der Hyperrealität nimmt sich der Unterschied nur marginal aus. Der IS hatte das besser verstanden als alle anderen. Die Ästhetisierung seiner Propaganda ist nicht so sehr auf Kameradschaft, Sicherheit und Abenteuer ausgerichtet. Für ihn war Ästhetisierung interaktive Erweiterung eigene Erfahrung, Simulacrum, Kopie ohne Original. Oder, um es anders zu sagen: Das (ästhetisch-überformte) falsche Bewusstsein misst sich an, das Sein zu definieren; Nicht im Sinne eines qualitativen Sprunges, sondern als vermeintliche Wiederholung des immer Gleichen, als simulierte Erfahrung von bereits Bekanntem. Diente den Deutschen im 2. Weltkrieg Propaganda zur Darstellung eigener Überlegenheit und Allmachtsfantasien, musste der Soldat an der Front doch mit der Diskrepanz zwischen Vorstellung und Wirklichkeit zurechtkommen.Niemand konnte ihn darauf vorbereiten, dass der „Untermensch“ zurückschießt und erst recht nicht, wenn es eine Soldatin in (Schock!) Uniform war. Moderne Propaganda folgt dem Muster des pornographischen Voyeurismus: Statt verschleiert, wird bis zum letzten Exzess gezeigt und ergötzt. Kein blutiges Detail bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen. Der Kick der Hyperrealität findet seinen Ausdruck im Zoom auf die den Körper des Juden penetrierende Kugel, in der zum Todestrieb gewandelten obszönen Lust. Allmachtsfantasie und Potenz als Ziel islamistisch geprägter gekränkter Männlichkeit. Hier verspricht kein Versprechen die Glorie vom siegreichen eigenen Kollektiv, von Schicksal und Heilsmission, nein: hier spricht die Aufforderung zur Wiederholung des Gezeigten, zur Identifikation mit der Kugel selbst, welche den Juden penetriert und auslöscht.
Die Hamas spricht diese moderne Propagandasprache sehr gut. Und sie funktioniert in verschiedene Richtungen. Wird dort Potenz als mörderische Interaktion an Juden gezeigt, wird dagegen das Leid der eigenen Bevölkerung im Gazastreifen als spiegelbildliche Impotenz des Weiblichen inszeniert. Bomben treffen immer die Unschuldigen. Bomben treffen immer Frauen, Kinder, Reporter, Kranke, Alte, medizinisches Personal, Zivilisten. Wir wollen auch nicht daran zweifeln, dass in diesem Konflikt viel Leid bei Unbeteiligten hervorgerufen wird. Allerdings statt sich ob dieser Bilder die Haare zu raufen und emotionalisieren zu lassen, fragen wir uns jedes Mal: Wieso lässt eine Bevölkerung es zu, dass sich zwischen den eigenen Kindern Hamaskämpfer (oder PIJ, vollkommen egal) verstecken? Wieso wird zugelassen, dass neben Spielplätzen, Kliniken, öffentlicher Infrastruktur Raketenabschussrampen errichtet werden, Waffendepots in Krankenhäusern angelegt, ganze Nachbarschaften zu untertunnelten Festungen ausgebaut werden? Wieso wird akzeptiert, dass der Wert des eigenen Lebens scheinbar nur daran bemessen wird, wie viel „Nutzen“ das eigene Opfer diesem Abschaum der Menschheit gebracht haben wird? Wieso scheint der einzige Wert der eigenen Angehörigen und von einem selbst im politisch instrumentalisierten Märtyrertum post mortem zu liegen? Welche Prozesse müssen auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte stattgefunden haben, dass nicht jede Frau und jedes Kind nachts mit Kissen und Messer bewaffnet den Schlächtern und Peinigern im eigenen Haus ein Ende vorbereitet?
Für die Hamas ist der „Zionismus“ der personifizierte Teufel in Gestalt „der“ (westlichen) Moderne. Und dennoch (gleich dem IS) nutzt die Hamas jene reaktionäre Bildsprache westlicher Wohltätigkeitsorganisationen, wenn es darum geht, sich selbst als Opfer vermeintlicher „zionistischer“ Aggression darzustellen, wobei sie selbst in ihrer bildlichen erstaunlich abwesend bleibt. Wird sich, um den eigenen Machtanspruch zu unterstreichen, hypermännlich und potenzgeladen im Angriff gezeigt, wird sich hinter dem emotionalisierten und emotionalisierenden Leid der (vermeintlichen) Zivilbevölkerung versteckt, geht es um die Verteidigung. Keine Bilder blutender Qassam-Brigadisten, keine Erzählungen heroischer Kämpfe bis zum letzten Mann, medial auf ewig der Unsterblichkeit überantwortet. Angreifen tun nur sie und sie allein, die Reaktion ist in der bizarren Inszenierung der Hamas immer eine Kollektivbesetzung, welche die gesamte palästinensische Bevölkerung treffen soll; eine vermeintlich selbsterfüllende Prophezeiung des Kampfes „des“ Islam gegen „die“ Juden. Damit trägt die Hamas und mit ihr verbundene Medien (Aljazeera ist hier als unrühmliches Negativbeispiel par excellence zu nennen) aktiv und bewusst zu einer Identifikation ihrer selbst mit der palästinensischen Bevölkerung bei. Beide werden in dieser wahnhaften Darstellung identisch, innere Widersprüche, Widerstände, Dissens und der Wunsch der/des Einzelnen, das eigene Leben nicht in Geiselhaft als Kanonenfutter der Hamas fristen zu m��ssen, werden bewusst ausgelöscht. Das ist keine Verschwörung, sondern Programm.In ihrer Charta wird in Artikel 23 und den folgenden das Verhältnis zu anderen politischen Akteuren diskutiert: Fazit: Solange ihre Interpretation vom Islam und der zionistischen Weltverschwörung aufs Wort folgt (auch so seid wie wir), dann ist alles schick. Wenn nicht...
Statt auch dieser übersteigerten Ästhetisierung der Politik der palästinensischen Muslimbruderschaft zu folgen, vermissen wir wirklich schmerzlich das, was einst zum Grundsatz jeder sich selbst als „progressiv“ bezeichnenden Bewegung gehört hat: kritische Prüfung vermeintlicher Essentialismen, politischer Ideen, Politisierung und Dekonstruktion propagandistischer Ergüsse, cui bono und historisches Bewusstsein. Im Zuge der Proteste hören wir eine (ahistorische) Sprache, welche für unser Dafürhalten aus dem linksalternativen Spektrum zu kommen scheint: hier ist von „Apartheid“, von „Kolonialismus“, von „Genozid“ die Rede; mensch wähnt sich irgendwie „links“, aber ist im besten Falle instrumentalisiertes und emotionalisiertes Stimmvieh, im schlimmsten Fall geifernder Antisemit und islamistischer Gotteskrieger. Wir können uns nicht erklären, wie und warum sich derart grundlegend die Koordinaten politischer Wahrnehmung verschoben haben, dass Parolen und Meinungen laut werden, welche in der Vergangenheit den brutalsten und menschenverachtendesten Verbrechen der Menschheitsgeschichte vorgeschoben haben; Eigentlich hatten wir erwartet, dass die Campus-Besetzung der FU in Berlin eine ähnliche Antwort erfährt wie eine Besetzung der „Identitären Bewegung“ am gleichen Ort, also mit militanten Angriff bedacht werden würde. Dies ist nun nicht passiert und in Berlin scheint die Ästhetisierung der Politik derart weit vorangeschritten zu sein, dass jede wie auch immer geartete Bewegung als irgendwie widerständig und protorevolutionär gilt. Im Land der Täter, Pegida, AfD und Co ist es eigentlich eine Schande überhaupt sagen zu müssen, dass nicht jeder brüllende Haufen qua Definitionem progressive Züge trägt, auch nicht, wenn er zum Großteil aus nicht-weißen Menschen besteht.Den gruseligen Rassismus, welcher einem solchen instrumentellen Verständnis politischer Mobilisierung inhärent ist, deuten wir an dieser Stelle nur an, er sollte offensichtlich sein.
Wohinter sich immer wieder versteckt wird, ist die allgemeine Differenz zwischen Antisemitismus und Antizionismus (das eine Pfui, das andere Hui). Mensch habe ja nichts gegen Juden an-sich, sondern nur gegen den Staat Israel (also den Ort mit der größten jüdischen Bevölkerung, bzw. Juden für-sich). Und ja, es gibt Jüd*innen und Juden, welche den Staat Israel aus diversen Gründen ablehnen oder ihm schlicht den Rücken gekehrt haben. Und ja, die innerisraelischen Widersprüche zwischen „jüdisch“ und „demokratisch“, zwischen „Nationalität“ und „Staatsbürgerschaft“, zwischen einem orthodox-geprägten Oberrabbinat und den Herausforderungen einer modernen, westlichen Einwanderungsgesellschaft sind immens; und ja, niemand zweifelt an, dass die Radikalisierung von und die Konflikte mit Likud und Otzma Yehudit ihren Ursprung im vor-israelischen zionistischen Spektrum u.a. in Person von Zeev Jabotinsky und seinem Revisionistischen Zionismus haben. Aber nichts davon spielt zur Zeit in dem aktuellen Protestgeschehen überhaupt eine Rolle. Zionismus war schon immer ein breites politisches Spektrum und wir wollen uns hier nicht in historischen Erzählungen ergehen, sondern eines klarstellen: sich darauf zu berufen, mensch würde nur den Zionismus kritisieren, kommt 76 Jahre zu spät. Der Zionismus ist manifeste Realität in Form des Staates Israel. Jede*r/m steht frei, Israel nicht zu mögen, allerdings steht es nicht jede*r/m frei, sich als nicht-ortsansässiger Goj eine fundamentale Meinung zum Für-oder-Wider der schieren Existenz Israels zu erlauben.„Den“ Zionismus (hier in maximal positiver Lesart verstanden als rein politische Idee) zu kritisieren, ist außerhalb explizit historisch-ideengeschichtlicher Diskurse entweder vollständig nichtssagend, oder dient als Stellvertreter für exterminatorischen Antisemitismus. Zionismus, so verstanden, wie die Hamas diesen Begriff benutzt, trägt explizit rassistische, antisemitische Elemente, ja ist mit Antisemitismus in seiner nationalsozialistischen Definition, ergänzt durch uralten islamischen Antijudaismus austauschbar (vgl. u.a. Sayyid Qutb 1950, Amin al Husseini 1937). Würde der von der Hamas fantasierte Antizionismus jemals Wirklichkeit, ist das Beste, was jüdische Israelis zu hoffen wagen können, eine Wiederkehr des Dhimmi-Status, allerdings ergänzt durch modernen Antimodernismus in seiner brutalsten, patriarchalsten Form. Sie würden zum islamisch-verbrämten Homo Sacer, welcher noch zum modernen Sklaven des Kafala-Systems neidisch aufblicken würde; und das ist der beste Herbst. Wir sprechen hier von absoluter Entrechtung, körperlicher und sexueller Sklaverei, Mord und Folter als schmückendes Beiwerk. Und nein, das ist kein Alptraum unsererseits:
„Der Tag des Gerichts wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden kämpfen. Wenn sich der Jude hinter Steinen und Bäumen versteckt, werden die Steine und Bäume sagen: „O Muslime, oh Abdulla, da ist ein Jude hinter mir, komm und töte ihn.“ Nur der Gharkad-Baum (offensichtlich eine bestimmte Baumart) würde das nicht tun, weil es einer der Bäume der Juden ist.“
(Hamas Charta Artikel 7, hier zitiert nach den Hadithen aus „Sahīh al-Buchārī“)
Antizionismus ist außerhalb seiner Funktion als Referenzpunkt innerhalb israelischer politischer Diskussionen um die Verfasstheit des Staates selbst mit einer islamistischen, antijudaistischen und antisemitischen politischen Agenda gleichzusetzen. Wer das nicht versteht oder nicht verstehen will, macht sich zum Komplizen reaktionärer Menschenfeinde. Statt eigene Emotionalisierung als propagandistischen Angriff auf die eigene Souveränität wahrzunehmen, als Angriff auf das eigene kritische Denkvermögen, wird sich der klassischste aller Sündenböcke gesucht und als Lösung für falsche Widersprüche dienstbar gemacht: „Der Jude“. Für uns ist es mehr als bezeichnend, dass nicht etwa der rechtsradikale und antipatriachale Rollback, die anhaltende Polizeigewalt und Racial Profiling, die in Zeiten ökonomischen Niederganges zunehmende rassistisch-geframte wirtschaftliche Benachteiligung und Diskriminierung sozial-marginalisierter Menschen oder die rasant-wachsende Remilitarisierung der bundesdeutschen Gesellschaft die Gemüter aufhorchen lässt. Nein, es ist der Krieg in Gaza, frisch serviert im 24/7 Medienformat und klar verteilten Rollen in „gut“ und „böse“. Da kann der deutsche Michel seine Vergangenheitsbewältigung endlich abschließen und sich so richtig schön über „den“ Juden (stecken die nicht hinter allem Bösen auf der Welt?) herziehen. Und sogar der „Ausländer“ von neben an, mit dem zusammen geht es gleich noch besser (der ist ja schließlich nur hier, weil ihm der Jude sein Land wegnimmt). Die Welt ist schön und Sonntag gibt es Tatort bei Mutti.
Uns fällt zu diesem kollektiven Wahn nur das Zitat von Zvi Rix ein: „Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen“.
Zum letzten Punkt möchten wir noch etwas bzgl. der Campus-Besetzungen als sichtbarer Ausdruck dieser aktuellen Protestwelle schreiben. Wo „Free Palestine“ Proteste stattfinden, ist immer von Antizionismus als Legitimationsgrundlage und den immer gleichen Forderungen des BDS die Rede. Dass eine deutsche Universität ihre Hochschulpartnerschaften mit ausschließlich israelischen Universitäten sofort beenden soll, Gelder aus Israel abziehen soll, da der für „Genozid“ verantwortlich gemachte Zionismus hinter all dem stecke, dass „From the River to the Sea – Palestine will be free“ skandiert und Israelkarten in Farben Palestinas von Kufiya-belappten Aktivisten geschwenkt werden, ja dass sogar die absurde Unverschämtheit kundgetan wird, die Universität solle bitte ihre Definition des „Antisemitismus“ revidieren (um was genau damit zu bezwecken? Dass eigenes Handeln qua Definitionem als nicht-antisemitisch und somit legitim darzustellen?) hätten wir vor noch einem Jahr für nicht möglich gehalten. Vor allem nicht in diesem Land, im Post-Nationalsozialismus. Uns fehlt die Sprache ob der plumpen Wiederkehr des kollektiv Verdrängten. In unseren Augen gibt es keinen Universalismus der Aktionsformen und noch viel weniger Form ohne Inhalt. Jede Form des politischen Aktionismus findet vor ihrem spezifischen historischen Kontext und Narrativ ihren spezifischen Ausdruck. Derart offensichtlich antisemitische Forderungen zusammen mit dem Boykott-Aktionismus sind in diesem Land (in jedem Land, aber in Deutschland nochmal extra) untrennbar verbunden mit der Machtergreifung 1933. Es ist schlicht unmöglich, diesen historischen Hintergrund auszulöschen, auch durch Dummheit nicht.Auch nur zu denken, ein antiisraelischer (aka antizionistischer aka antisemitischer) Boykottaufruf könne hierzulande etwas anderes darstellen, als eine Homage an den „Kauft-Nicht-Bei-Juden“ Boykott als seichter Auftakt der Endlösung, benötigt mehr kognitive Dissonanz, als wir uns vorstellen können. Da ist es auch vollkommen zweitrangig, welche Sprache der/die geneigte Aktivist*in spricht, als wer-wie-was er/sie/es sich identifiziert spielt schlicht keine Rolle. Hier wird keine Aufmerksamkeit für Gaza/Palestina/WestBank/sonstwas geschaffen. Der einzige politische Output dieses sog. Aktionismus ist die Forderung nach Campus Judenrein. Wissentlich oder unwissentlich spricht der Diskurs der „palästinensischen Solidarität“ einer sich moralisch als Opfer inszenierenden reaktionären Bewegung das Wort, welches für alles steht, was einer befreiten Gesellschaft entgegensteht. Wir stellen an dieser Stelle bewusst nicht, was in unserer Sicht den Kern des Verständnisses des historischen Faschismus beinhaltet: Die Massen haben den Faschismus begehrt, oder um mit Baruch de Spinoza (nach Deleuze und Guattari)zu sprechen:
„Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Was veranlasst einen zu schreien: Noch mehr Steuern! Noch weniger Brot!
(Gilles Deleuze, Felix Guattari, „Anti-Ödipus“, 1977).
Selbst wenn wir noch so empathisch sind mit den Einzelnen und uns versuchen in sie hineinzuversetzen, uns überlegen, Ok, vielleicht ist das (alman) Kiddie wirklich und ehrlich ob der Bilder in Gaza entsetzt, zwar historisch und politisch schon schnell sträflich dumm, aber fair genug, hat „Angst“, möchte „Helfen“, der eigenen Ohnmacht durch blinden Aktionismus begegnen: Der Schritt zum Campus Judenrein ist und bleibt für uns unverkennbar. Mit an diesen Aktionen teilnehmenden Menschen haben wir nichts gemeinsam, sie sind als Ausdruck eines reaktionären Spektrums zu bekämpfen.
Wir hoffen, dass wir verständlich machen konnten, warum es in unseren Augen jenseits unseres politischen Verständnisses liegt, dass sich selbsternannte „Linke“ und „Progressive“ an den antiisraelischen Protesten beteiligen oder noch absurder: darüber fachsimpeln, ob und wie mensch in der „Bewegung“ tätig sein kann. Hier entsteht kein revolutionäres Subjekt, im Gegenteil rückt eine wie auch immer geartete aufständische Perspektive immer weiter aus dem Blickfeld, je mehr sich im Bezug auf den Krieg in Israel und Gaza die Positionen fanatisieren. Statt sich mit der (migrantischen) Surplus-Jugend im Sinne gesellschaftlicher Bruchlinien zu solidarisieren, auf Basis gemeinsamer Zurichtungen und widerständiger Begehren wenigstens zu versuchen, eine auf gegenseitiger Anerkennung fußenden aufständische Perspektive zu entwickeln, werfen sich sog. „Progressive“ freiwillig in den Armen des Sektierertums, der islamistisch verbrämten Ethnisierung und des reaktionären Fundamentalismus der schlimmsten Spielart. Es muss klar sein, dass Antisemitismus keine Grundlage revolutionärer Handlungsperspektive ist, sondern das genaue Gegenteil dessen darstellt; Dass wir das hier in diesem Land angesichts der Entwicklung der letzten Jahre überhaupt behaupten müssen, ist schon eine sehr bittere Tatsache. Am Ende dient dieser Protest nur dazu, dass sich Deutschland von seiner historischen Täterschaft endgültig „emanzipiert“ und den historischen Ballast abwirft. Und dann Gnade Gott uns allen. Dass das noch nicht passiert ist, liegt nicht an unserer eigenen Stärke, sondern an Widersprüchen innerhalb der deutschen Staatsapparate. Ein beunruhigender Gedanke.