Faultline Faultline Kommando 161

Germany · de.indymedia · · 2h

Kursrutsch, Umsatzwarnung, Lieferprobleme: Die Wachstumsgeschichte von Rheinmetall stößt an ihre Grenzen. Hat sich Papperger überschätzt?

Deutsch (original) · Read in English ⇄

RHEINMETALL: Risse im Rüstungswunder


Kursrutsch, Umsatzwarnung, Lieferprobleme: Die Wachstumsgeschichte von Rheinmetall stößt an ihre Grenzen. Hat sich Papperger überschätzt?


Armin Papperger hat es eilig. Es ist Juni in Paris, es ist heiß und der Rheinmetall-Chef muss jetzt schnell zum kroatischen Stand auf der Rüstungsmesse Eurosatory. „Die warten schon“, ermahnt ihn sein Assistent. Papperger hatte mit Jens Plötner, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, zusammengesessen und überzogen. „Alles klar, dann lass mal schnell rüberlaufen, sind ja nur ein paar Meter“, sagt Papperger, bereits auf dem Weg raus aus dem Rheinmetall-Pavillon. „Sie gehen nirgendwo hin“, hält ein schwarz gekleideter Mann mit Knopf im Ohr den 63-Jährigen auf. Er ist einer von Pappergers Personenschützern. „Wir müssen das Auto nehmen.“ Papperger hält kurz inne: „Echt jetzt?“, fragt er, merkt aber schnell, dass jede Diskussion sinnlos ist. „Ja, das muss sein.“ Papperger steigt in die gepanzerte Limousine, die ihn zum nicht einmal 500 Meter entfernten kroatischen Stand befördert.


Einer der derzeit einflussreichsten Konzernchefs Deutschlands kann sich nicht frei bewegen – selbst auf abgeschlossenen Messen wie der Eurosatory: Nachdem 2024 russische Anschlagspläne gegen den Rheinmetall-Chef bekannt geworden sind, wird er wie Bundeskanzler Friedrich Merz geschützt, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, zu Hause, unterwegs, überall. „Kneifen gilt nicht in dem Bereich“, sagte der Chef des größten deutschen Rüstungskonzerns zuletzt. „Die Jobs müssen gemacht werden, und wer einknickt, der gehört nicht in so einen Job.“ Und Einknicken, das ist wirklich nicht Pappergers Ding.


Der Rheinmetall-Chef ist durch und durch „systemrelevant“ – wenn man so will. Durchaus vergleichbar mit den Großbanken während der Finanzkrise, jenen Instituten also, die zu groß waren, als dass der Staat sie pleitegehen lassen konnte, ohne das System zu gefährden. Papperger und das Unternehmen, das er führt, sind systemrelevant in sicherheitspolitischer Hinsicht. Seit Russland die Ukraine angegriffen und Ex-Kanzler Olaf Scholz die Zeitenwende ausgerufen hat, versorgt sein Unternehmen die Bundeswehr, zahlreiche europäische Nato-Verbündete und die Ukraine mit Waffen. Genau deswegen ist er auch ins Visier russischer Attentäter geraten.


Als die deutsche Politik vor vier Jahren Unternehmen suchte, die die über Jahrzehnte kaputtgesparte Bundeswehr wieder in die Nähe des international üblichen Maßes aufrüsten könnten, war Papperger zur Stelle. Er, so sieht er das, führt kein einfaches Industrieunternehmen mehr, sondern einen Konzern zur Verteidigung des freien Westens.


Diese Erzählung ist auch mit Blick auf die veränderte geopolitische Realität, in der Russlands Herrscher Wladimir Putin das Militärische als Mittel seiner Interessenpolitik gewählt hat und in der US-Präsident Donald Trump nicht nur auf die klassische, längst überholt geglaubte Machtpolitik setzt, sondern immer wieder auch das Beistandsversprechen des fünften Nato-Artikels infrage stellt, nicht ganz falsch. Pappberger aber hat sie wie kein Zweiter mit seinen ganz eigenen Interessen verknüpft.


Allein Deutschland könnte bis 2035 mehr als 600 Milliarden Euro in Rüstung investieren. Ein Großteil der Ausgaben fließt an den Dax-Konzern, der die Bundeswehr mit Munition, Panzern, Satelliten, Drohnen, Teilen von Kampfjets und Defense-Software versorgt. So schreibt das Unternehmen ein Rekordjahr nach dem anderen. Die Aktie ist seit 2021 um mehr als 1000 Prozent gestiegen, die Marktkapitalisierung liegt bei knapp 51 Milliarden Euro. Das ist deutlich unter den Dax-Schwergewichten Siemens und SAP (jeweils um die 200 Milliarden Euro), allerdings auch deutlich über den vier Milliarden Euro, die Rheinmetall vor dem Ukrainekrieg an der Börse wert war.


Bis 2030 soll sich der Umsatz mit 50 Milliarden Euro verzehnfachen, der Gewinn verzwanzigfachen, die Mitarbeiteranzahl verdoppeln. Papperger will dafür in den USA expandieren, er erschließt das Geschäft zur See und im Weltraum. Bis Ende des Jahres wird das Auftragsbuch auf über 100 Milliarden Euro anschwellen. Während die Autoindustrie quartalsweise neue Hiobsbotschaften und neue Entlassungsprogramme veröffentlicht, wirkt Rheinmetall wie eine Wachstumsoase im bröckelnden Deutschland. Entstanden ist so ein problematisches Abhängigkeitsverhältnis: Deutschland ist von Rheinmetall abhängig – und Rheinmetall von Papperger.


Mit seinem ganz eigenen Managementstil hat der gebürtige Niederbayer aus dem mittelständischen Rüstungswinzling innerhalb kürzester Zeit einen europäischen Rüstungschampion geformt. „Er kann ein so hohes Wachstumstempo anschlagen, weil er den Laden in- und auswendig kennt. Einen vergleichbaren CEO im Dax mit einer so tiefen Kenntnis des Unternehmens gibt es nicht“, sagt jemand aus dem Inneren des Konzerns. Er müsse sich intern nicht lange absprechen, ob Entscheidungen für Rheinmetall richtig oder falsch seien. Außerdem habe er hervorragende Drähte ins Verteidigungsministerium. Deswegen übertrumpfe Rheinmetall derzeit auch die teilweise träge und vorsichtigere Konkurrenz in Deutschland.


Doch wie das meist so ist, wenn jemand der Sonne zu nahe kommt: Es gibt auch Brandspuren. Die Papperger-Methode stößt an ihre Grenzen. Das Handelsblatt hat in den vergangenen Monaten mit Insidern, Managern und auch Konkurrenten gesprochen. Alle bestätigen Pappergers Fachwissen, Akribie und seinen grenzenlosen Tatendrang, aber sie warnen auch vor Problemen im Unternehmen, die eng mit seiner Person verbunden sind. Wer bei Rheinmetall hinter den ganzen Aufträgen und Milliarden blickt, findet ein Unternehmen mit reformbedürftigen Strukturen und Prozessen. Zudem es operativ längst nicht mehr so rund läuft, wie die beeindruckenden Wachstumszahlen lange suggerierten: Weil ein sicher geglaubter Fregattenauftrag der Bundeswehr gestoppt wurde, musste Rheinmetall im Juni die Umsatzprognose für das laufende Jahr absenken. Bei einigen wichtigen Panzeraufträgen für die Bundeswehr kommt es zu Lieferverzögerungen. Verteidigungsminister Boris Pistorius wirkt deswegen zunehmend genervt. Auch beim gemeinsamen Panzer-Joint-Venture mit dem italienischen Rüstungskonzern Leonardo sollen aufgrund von knappen italienischen Staatskassen die ursprünglichen Wachstumsziele wackeln.


Die Aktie liegt seit Jahresbeginn mehr als 30 Prozent im Minus. Laut der US-Bank JP Morgan gebe es auf mittlere Sicht zunehmend Unsicherheiten. Auch die geänderten Prognosen für den Auftragsbestand würden auf geringere Umsätze zwischen 2027 und 2030 hindeuten. Noch immer hängt Rheinmetalls Wachstum überproportional von den deutschen Rüstungsausgaben ab. Über 60 Prozent aller Aufträge kommen aktuell aus Deutschland. Alternative Absatzmärkte in ähnlicher Größe gibt es nicht. Das meiste Geld verdient das Unternehmen zudem noch immer mit Panzern und Munition, die in der westlichen Verteidigungsplanung künftig eine geringere Rolle spielen werden.


Rächt sich nun, dass die Wachstumsstrategie von Rheinmetall komplett am Geschick des langjährigen Vorstandsvorsitzenden hängt, der alle wichtigen Informationen über das Unternehmen in einem DIN-A4-großen Notizbuch festhält – handgeschrieben mit Füller? Eine wirkliche Nummer zwei im Unternehmen gibt es nicht. Zwar würde mit René Gansauge, aktuell Chief Operating Officer im Vorstand, eine mögliche Nachfolge von Papperger strategisch aufgebaut. Doch Gansauge scheint bei den ganz großen strategischen und richtungsweisenden Entscheidungen kaum involviert zu sein, sagt ein einflussreicher Entscheider im Konzern. „Er bleibt im Schatten von Papperger. Und weil Papperger alle großen Deals heranholt, ist er intern unantastbar.“ Von einigen würde er auch der „Sonnenkönig“ genannt. Das Unternehmen hält diese Darstellung für übertrieben. „Der Rheinmetall-Vorstand trifft seine Entscheidungen gemeinsam und im Einvernehmen“, teilt das Unternehmen mit. Es werde regelmäßig lebhaft diskutiert und Herr Papperger lasse sich von guten Argumenten überzeugen, sagt ein Sprecher. „Hier wird nicht nach Gutsherrenart entschieden.“


Insider sehen das teilweise anders: „Pappergers Führungsstil hat zur Folge, dass Rheinmetall keine moderne Managementstruktur besitzt. Alles hängt an ihm. Die restlichen Vorstände verbringen ihre Zeit teilweise mit banalen Dingen, wie etwa der Auswahl einer Betonsorte für einen neuen Standort“, sagt dagegen eine einflussreiche Person mit Kenntnis der Vorgänge. Auch bei Personalentscheidungen mischt Papperger mit, zum Leidwesen von Personalvorständin Vera Saal, die sich in der aktuellen Struktur schwertue, wie es aus dem Umfeld des Unternehmens heißt. Ein Rheinmetall-Sprecher widerspricht. Demnach gäbe es diese Einmischungen bei Personalfragen von Papperger nicht. „Das kann in einem operativen Albtraum enden“, sagt ein Entscheidungsträger. „Wie soll dieses Unternehmen geführt werden, wenn Papperger nicht mehr Vorstandsvorsitzender ist?“


Neue Zeitrechnung


Als Papperger im Jahre 1990 nach seinem Maschinenbaustudium bei Rheinmetall angefangen hat, ist der Systemfeind zusammengebrochen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und des Warschauer Pakts verschwand praktisch über Nacht die existenzielle Bedrohung des Westens und der Nato. Es gab keinen Grund mehr für gigantische Rüstungsausgaben. Mit den frei gewordenen finanziellen Mitteln im Haushalt ließen sich aus wirtschaftlicher Sicht sinnvollere Projekte umsetzen. Die sogenannte „Friedensdividende“ sorgte für einen schleichenden Verfall bei der Bundeswehr – und bei Rheinmetall. Ab 2013 musste Papperger diesen Schrumpfungsprozess als Konzernvorstand verwalten. Das Schicksal des Unternehmens hing vom mittlerweile verkauften Autozulieferergeschäft ab. Für den selbstbewussten Niederbayern eine schmachvolle Aufgabe, wie es langjährige Wegbegleiter erzählen: „Im Autozulieferergeschäft war Papperger von den Autoherstellern abhängig, die ihm die Konditionen diktiert haben. Das widerspricht seinem Naturell.“ Im Rüstungsgeschäft spreche Papperger dagegen mit den wichtigsten Entscheidungsträgern unterschiedlicher Länder. „Er ist kein Lieferant, er ist Hersteller von Gesamtsystemen – und er kann die Konditionen diktieren.“


Für Papperger ist die Wiederaufrüstung in Europa daher eine einmalige Chance. Aus der Friedensdividende wird eine Kriegsdividende und er kann endlich seine Rüstungsvision für Rheinmetall umsetzen. Er will den Rüstungskonzern zu einem sogenannten „One-Stop-Shop“ verwandeln. Wer bei Rheinmetall bestellt, soll direkt das ganze Paket bekommen: Fregatten mit dazugehörigen Rheinmetall-Waffen, Flugabwehr-, Transport-, Schützen- und Kampfpanzer, Aufklärungs- und Kommunikationssatelliten, Munition, Marschflugkörper, Kamikaze- und Langstreckendrohnen.


Das Problem: Ein Großteil der Produkte, die Rheinmetall mit dem Beginn der Zeitenwende noch angeboten hat, entstammte der Zeit des Kalten Krieges. Panzer und Munition waren die dominierenden Sparten.


Von beidem hatte Deutschland zu wenig. Papperger nutzte seine guten Kontakte zur Bundeswehr und bot sich als Retter in der Not an. In der Folge erhielt Rheinmetall milliardenschwere Aufträge von der Bundeswehr für Artilleriemunition und Panzer sowie Militärtransporter. Im Artilleriebereich ist Rheinmetall mittlerweile zum weltgrößten Produzenten aufgestiegen. Weitere Milliardenaufträge, etwa für den Flugabwehrpanzer Skyranger und den Radpanzer Boxer, werden folgen. Papperger ließ neue Werke für die Munition an Rheinmetalls wichtigstem Standort im niedersächsischen Unterlüß, in Bulgarien und Rumänien aufstellen. Ende Juli hat sich Papperger in Aschau am Inn für die Eröffnung von Europas größter Pulverfabrik feiern lassen, in der Treibladung und Nitrozellulose für Granaten hergestellt werden – bislang ein Flaschenhals in der Herstellung von Munition.


Einen Monat später verkündet Papperger zusätzliche Investitionen am Standort in Kassel. Eigenen Aussagen zufolge entstehe dort das größte Panzerwerk in Europa. Nebenbei rettet er für die Landesregierung Hessen auch den mehrfach in die Insolvenz gerutschten Provinz-Flughafen Kassel-Calden, wo Rheinmetall mit Finanzmitteln des Landes bis Ende 2027 ein Drohnen- und Logistikzentrum plant. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein ließ es sich bei der Gelegenheit auch nicht nehmen, mit Papperger Panzer zu fahren.


Der vermögendste CEO der Dax-Geschichte


Rheinmetall wurde 2023 in den Dax aufgenommen. Schnell hat sich gezeigt, wie stark sich Papperger von den anderen Dax-Vorständen unterscheidet. Er ist kein CEO-Söldner. Während alle aktiven Dax-Vorstände die hohe Vorstandsvergütung und Bonuszahlungen mit ihren Unternehmen verbinden und am Ende des Weges eine noch höhere Abfindung, ist Papperger so stark in das von ihm geführte Unternehmen investiert wie kein anderer deutscher Konzernvorstand. Sein privates und finanzielles Schicksal hängt am Unternehmen. Er bezeichnet Rheinmetall als seine „zweite Familie“. Verliert Rheinmetall Geld, verliert Papperger Geld. Aber weil Rheinmetall aktuell Geld geradezu scheffelt und die Aktie seit seinen ersten Investments vor über 20 Jahren fast 7000 Prozent an Wert zugelegt hat, ist Papperger der wohl vermögendste Dax-Vorstand in der Geschichte. Sein Aktienvermögen beläuft sich Schätzungen zufolge auf einen dreistelligen Millionenbetrag.


Im Unternehmen nutzt der Rheinmetall-Chef die Einnahmen aus dem Traditionsgeschäft, um neue Geschäftsfelder zu erschließen. Das Unternehmen beliefert die Bundeswehr mittlerweile auch mit Kamikaze-Drohnen und Radarsatelliten. In Weeze stellt Rheinmetall Rumpfteile für Lockheed Martins Kampfjet F-35 her. Zusammen mit dem Satelliten-Unternehmen OHB und mit Airbus plant Rheinmetall die Entwicklung von Kommunikationssatelliten für die Bundeswehr. Künftig neu im Angebot des Unternehmens sind nun auch Überwasserdrohnen und weitreichende Marschflugkörper.


In dieser „neuen“ Rüstungswelt muss sich Papperger aber mit Start-ups wie Helsing, Quantum Systems oder Anduril messen, deren Chefs zumindest nach außen für Investoren jünger und innovativer wirken als Papperger, der zu offiziellen Terminen gerne im Dreiteiler und Nadelstreifenanzug auftritt. Der Rheinmetall-Chef bemüht sich, das angestaubte Image des Unternehmens aufzupolieren. Dabei setzt er vor allem auf Joint Ventures. Mit ihnen erschließt Rheinmetall Technologie, die es nicht beherrscht.


Bei Radarsatelliten kooperiert der Dax-Konzern mit dem finnischen Start-up Iceye, bei Drohnen unter anderem mit Boeing Australia und bei Marschflugkörpern mit dem niederländischen Start-up Destinus. Das Unternehmen entwickelt zahlreiche neue Rüstungstechnologien dann zwar nicht originär selbst, aber dafür ist Rheinmetall dann in der Regel schneller als die Konkurrenz.


Besonders deutlich wird das im Satellitenbereich. Bis vor einem Jahr hatte Rheinmetall keine Berührungspunkte mit dieser Materie. Erst im November 2025 hat der Dax-Konzern das Joint Venture gegründet. Statt mühsam die Technologie selbst zu entwickeln, hat Rheinmetall die Zeit genutzt und das ursprünglich zivile Autozuliefererwerk in Neuss innerhalb weniger Monate in einen Rüstungsstandort umgewandelt. Statt Autoteile baut Rheinmetall in Neuss gemeinsam mit Iceye nun Satelliten für die Bundeswehr. Die ersten dort gefertigten Satelliten sollen bereits Anfang kommenden Jahres für die Bundeswehr in den Orbit geschickt werden. In derselben Zeit haben die meisten Konkurrenten noch nicht einmal die Konzeptphase verlassen.


Das enorme Tempo, das Papperger anschlägt, hat auch mit der latenten Angst zu tun, dass der Geldsegen versiegt. Deutschland wird derart hohe Rüstungsausgaben nicht unbegrenzt fortsetzen. Bestenfalls bis 2035. Schließen die Ukraine und Russland Frieden oder kapituliert Russlands Diktator Wladimir Putin, dürfte bereits früher Schluss sein.


Der Hoffnungsträger der Politik


Ende März gab Papperger der US-Zeitschrift „The Atlantic“ ein Interview, in dem er die ukrainische Drohnenproduktion eher als ein „Spielen mit Legosteinen“ bezeichnete, deren Produktion mitunter von „Hausfrauen“ im 3D-Drucker erledigt werde. „Wer solche Äußerungen macht, der zeigt, dass er nichts, aber auch gar nichts verstanden hat von den dramatischen Veränderungen moderner Kriegsführung, die wir in der Ukraine, aber jetzt auch am Golf besichtigen können“, sagte KNDS-Chairman Tom Enders. „Software, Robotik, KI spielen eine immer wichtigere Rolle.“


Andere in der Branche sehen Pappergers Kommunikation differenzierter, aber viele finden: Er ist zu forsch. Geschäftspartner und Investoren wüssten, dass man bei Pappergers Ankündigungen immer ein gutes Stück an Übertreibungen abziehen müsse, sagt ein Manager der Branche, der Papperger wohlgesonnen ist. Anderen ist die Rhetorik des Rheinmetall-Chefs zu überheblich.


Doch mit Ausnahme von Enders gibt es wenig offene Kritik an Rheinmetall und Papperger, intern sowieso nicht. Im Aufsichtsrat gäbe es nur selten Widerspruch, berichten Konzernkenner. Angesichts einer Gewinnmarge von über 17 Prozent im ersten Halbjahr und eines jährlichen Umsatzwachstums von mehr als 30 Prozent gibt es auch wenig Anlass zur Kritik. Extern gibt es in der Regel Applaus für Papperger, wenn er in Deutschland wieder ein neues Werk eröffnet. So sprach Hessens Ministerpräsident Rhein in Kassel sogar von einer „Job-Maschine“, die das Unternehmen erschaffen würde.


Die Projektionen etwa von Politikern auf den Hoffnungsträger Papperger, der mit seinen Investitionen in Deutschland neue Industriearbeitsplätze schafft, verblenden teilweise auch die Entscheidungsträger in Berlin, sagen Kritiker. Seine Versprechen sind schlichtweg zu verlockend. Selbst die Rettung der Autoindustrie traut er sich zu – zumindest teilweise. Die Branche, in der derzeit massenhaft Stellen abgebaut werden, habe mit ihren Zulieferern gut 660.000 Beschäftigte, rechnet der Rheinmetall-Chef vor. Bis Ende des Jahrzehnts könnten, Zulieferer eingerechnet, dank Rheinmetalls Wachstum bis zu 300.000 Menschen für die Rüstungsindustrie arbeiten. „Wir können nicht alles kompensieren, aber eine ganze Menge“, sagt Papperger – und die Politiker des Landes glauben es ihm zu gern.


Gebrochene Versprechen


Beim Gespräch mit Staatssekretär Plötner in Paris soll es wohl auch darum gegangen sein, wie die Rüstungsproduktion in Deutschland schneller hochgefahren werden kann. Die Ungeduld im Verteidigungsministerium wächst. Auch vier Jahre nach Russlands Angriff gegen die Ukraine muss die Bundeswehr teilweise lange auf neue Gerätschaften warten. Die Flugabwehr ist noch immer löchrig, die Einführung des Digitalfunks ist ein Drama, noch immer ist die Bundeswehr auf analoge, leicht abhörbare Funkgeräte angewiesen. Auch mit Drohnen und der Drohnenabwehr ist die Bundeswehr nur leidlich ausgestattet, weitreichende Marschflugkörper mit einer Reichweite von über 500 Kilometern sind nicht vorhanden. Mittlerweile äußert auch Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) offen seine Kritik, etwa hinsichtlich der Lieferverzögerungen beim sogenannten Schweren Waffenträger Infanterie von Rheinmetall. „Die Industrie hat schlicht und ergreifend einige Fahrzeuge, acht an der Zahl, nicht rechtzeitig geliefert. Wir werden die Industrie an unsere Absprachen noch einmal erinnern“, sagte Pistorius beim Truppenbesuch in der niedersächsischen Lohheide Mitte Juli. Neben dem Schweren Waffenträger Infanterie soll es auch bei Berge- und Pionierpanzern von Rheinmetall zu Lieferverzögerungen kommen.


Im Verteidigungsministerium sei die Frage, wer etwas liefern könne, längst nicht mehr die wichtigste, sondern wann und in welchen Mengen, sagt eine informierte Person. Doch von einer Massenfertigung ist die deutsche Rüstungsindustrie noch weit entfernt. Rheinmetall bildet da keine Ausnahme. „Auch bei Rheinmetall wird nach wie vor überwiegend wie in einer Manufaktur gearbeitet. Die feiern sich bereits, wenn in einem kleinen Bereich zwei Roboter stehen, die dann zum Beispiel auf einer Komponente den Rheinmetall-Schriftzug auftragen. Das ist im Vergleich zur Automatisierung in der Autoindustrie fast schon albern“, sagt ein Insider dem Handelsblatt.


Auch in der zentralen Panzerfertigung von Rheinmetall in Kassel, wo der Radpanzer Boxer für die Bundeswehr gefertigt wird, kann von umfassender Automatisierung keine Rede sein. Im Werk wird weiterhin in Handarbeit geschweißt und geschraubt. Nur ein einzelner Schritt bei den Schweißarbeiten soll künftig durch einen Roboterarm automatisiert werden. Aus Sicht des Unternehmens sei ein Vergleich zwischen der Massenfertigung in der Autoindustrie und der Produktion in der Rüstungsindustrie ohnehin schief. Die Stückzahlen in der Autobranche seien deutlich höher als in der Rüstungsindustrie.


Es gäbe noch immer keinen klaren und umfassenden Plan, die Rüstungsproduktion stärker zu industrialisieren, sagt ein Insider. Dabei hat Rheinmetall informierten Kreisen zufolge bereits erste Strafzahlungen tätigen müssen, weil sie Rüstungsaufträge nicht in der geforderten Zeit umgesetzt hätten. Das Unternehmen hält dagegen: „Rheinmetall verfolgt einen umfassenden und systematischen Ansatz zur Industrialisierung seiner Produktion.“ So sei unter anderem die Produktion von Artilleriemunition stärker automatisiert worden. Ab kommenden Jahr werde das Unternehmen 1,1 Millionen Schuss des Kalibers 155 Millimeter herstellen. In diesem Jahr werden rund 140.000 Schuss im neuen Werk in Unterlüß produziert. Auch bei den gepanzerten Fahrzeugen werde die Produktion deutlich hochskaliert. Zu Strafzahlungen wegen Lieferverzögerungen äußert sich Rheinmetall nicht.


Das Verteidigungsministerium von Boris Pistorius erhöht nun den Druck auf die Industrie. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verkündete vergangenen Sonntag im Sommerinterview, Rüstungsprojekte zur Modernisierung der Bundeswehr „sehr viel kosteneffizienter“ machen zu wollen. Die Ukraine zeige, wie man es sehr viel preisgünstiger machen könne. Der Bundeskanzler will nun gemeinsam mit Pistorius noch einmal die gesamten Beschaffungsverfahren und die Beschaffungsvorhaben überprüfen. Und Pappergers Wachstumsvision bekommt nun erste feine Risse.


Das Fregatten-Debakel


Den Lieferdruck bekommen mitunter auch Lieferanten von Rheinmetall hautnah mit. Im vergangenen Jahr hat Rheinmetall die internationale Presse und Politik eingeladen zur Eröffnung des Artilleriewerks in Unterlüß. Nicht bekannt ist allerdings, dass es bereits eine „Vor-Eröffnung“ gab, zu der nur Lieferanten des Werks geladen waren. Ihnen sollte die teilweise automatisierte Fertigung präsentiert werden, auf die Papperger ganz besonders stolz ist.


Doch die Präsentation lief nicht wie erwartet, einige Automatisierungsschritte funktionierten nicht. Papperger habe daraufhin vor versammelter Menge einen Wutanfall bekommen. So erzählen es Teilnehmer der Präsentation. Der emotionale Ausbruch verwundert kaum. Denn das schnelle Hochfahren der Produktionskapazitäten im Artilleriebereich und die Einnahmen aus diesem Geschäft sind Kern von Rheinmetalls Wachstumsstrategie.


Völlig unerwartet hat Papperger das Aus des Fregattenprojekts F-126 getroffen. Kosten und Zeitpläne des niederländischen Generalunternehmers Damen gerieten massiv aus dem Ruder. Rheinmetall wollte das Projekt übernehmen und hatte einen Plan zu dessen Fortsetzung vorgelegt. Papperger hatte speziell dafür im vergangenen Jahr die NVL übernommen, die Marinesparte der Lürssen Werft. Die Übernahme soll ganz in seinem Stil verlaufen sein, per Handschlagmentalität mit der Eigentümerfamilie Lürssen, Sonderpreis von rund 1,5 Milliarden Euro inklusive.


Der Plan war so schlicht wie verlockend: Nach der Übernahme hätte Rheinmetall den F-126-Auftrag bekommen sollen, der mehr als dem Zehnfachen des Übernahmepreises entsprochen hätte. Bei Rheinmetalls Rettungsplan für die Fregatte wären die Kosten auf 18 Milliarden Euro gestiegen. Vom Stapel wären die Schiffe erst 2031 gelaufen und nicht wie geplant 2028. Trotz der immensen Kosten war sich Papperger sicher, dass er das Projekt umsetzen könne, sagen Personen aus dem Umfeld des Unternehmens. „Das Aus von F-126 hat richtige Schockwellen bei Rheinmetall ausgelöst, damit hat Papperger nicht gerechnet“, heißt es aus dem Umfeld des Konzernchefs.


Der Rheinmetall-Chef wollte eigentlich schon viel früher ins Marinegeschäft einsteigen. Ursprünglich hatte er auf den U-Boot-Hersteller TKMS ein Auge geworfen, der damals noch zu Thyssenkrupp gehörte. Allerdings trafen dabei die zwei Alpha-Manager aufeinander, Papperger auf der einen und Miguel Lopez von Thyssenkrupp auf der anderen Seite. Beide konnten sich nicht wirklich leiden. Am Ende siegten die Emotionen über die Vernunft, sagen mit den Vorgängen vertraute Personen. TKMS wurde abgespalten und ging an die Börse. Kurze Zeit später folgten milliardenschwere U-Boot-Aufträge aus Deutschland und Kanada. Ein weiterer Auftrag könnte aus Indien kommen. TKMS ist aktuell das, was Rheinmetall vorher war: der Börsenliebling.


Ähnliches läuft es bei einer anderen prestigeträchtigen Beschaffung, der sogenannten Jagdbomberdrohne. Nachdem es hieß, dass die Luftwaffe ein erstes Kontingent der autonomen, im Verbund mit Eurofightern und der F-35 fliegenden Drohnen so schnell wie möglich benötigen würde, hatte Papperger zunächst den richtigen Riecher. Er suchte die Kooperation mit Boeing Australia, die im Rahmen eines australischen Drohnenprogramms in den vergangenen acht Jahren eine solche Drohne bereits entwickelt hat. Auch hier war sich Papperger sicher, dass der Erstauftrag im Wert von knapp einer Milliarde Euro kommen würde. Doch er kommt wahrscheinlich nicht. Die Behörden wollen die Angebote von Konkurrenten wie Helsing und Airbus abwarten, deren autonome Drohnen wahrscheinlich erst 2035 zur Verfügung stehen, und dann entscheiden.


Länger als geplant warten musste Rheinmetall auch auf die Beschaffung des Radpanzers Boxer im Rahmen des Projekts „Arminius“. Erst Ende des Jahres soll nun ein erstes Kontingent bestellt werden, wobei auf Rheinmetall ein Auftragswert von 12,4 Milliarden Euro entfällt.


Für einige aus dem Umfeld des Unternehmens sind das Folgen von Pappergers Ego-Trip. Denn die Managementebene unterhalb des Vorstands, die die operative Tagesarbeit leiste, sei so gut wie unsichtbar, weil Papperger auf alles ein Auge werfen wolle und am Ende auch alles selbst entscheidet, sagt ein ranghoher Entscheider des Unternehmens.


Mit Technikchef Klaus Kappen und Digitalchef Timo Haas gäbe es lediglich zwei Manager mit etwas mehr Sichtbarkeit im Unternehmen. Die restlichen Manager und Vorstände dagegen seien weitgehend blass. „Die mischen sich allerhöchstens nur noch in Entscheidungen ein, die einzelne Standorte betreffen. Den Gesamtkonzern führen sie aber nicht wirklich gemeinsam.“


Aus Sicht von Rheinmetall trifft diese Darstellung nicht zu. „Tatsächlich folgt Rheinmetall in der Medienarbeit grundsätzlich einer ‚One-Voice-Policy‘. Zudem entspricht es den Leitlinien des Konzerns, dass der Vorstand für strategische Fragestellungen zuständig ist. Das operative Geschäft wird von den Divisionsleitern geführt. Diese Aufteilung hat sich sehr bewährt“, heißt es vom Unternehmen.


Der langfristige Erfolg von Rheinmetall hängt jedoch davon ab, ob sie die Massen an Aufträgen auch in einer entsprechenden Geschwindigkeit umsetzen können. Mit einer klaren Aufgaben- und Verantwortungsverteilung wäre das in der aktuellen Phase vermutlich einfacher. Im Berliner Politikbetrieb wird Rheinmetalls Rolle als Hauptlieferant der Bundeswehr immer kritischer beäugt. Jede weitere Lieferverzögerung kann deswegen Rheinmetalls Wachstum gefährden.


„Ich glaube, dass in Rheinmetall größere Risiken schlummern als angenommen. Wenn es ganz blöd läuft, könnte sich die Bundesregierung mit der Aktivierung von Aufträgen für Rheinmetall im Wert von mehreren Milliarden Euro mehr Zeit lassen, als es Papperger lieb ist“, sagt einer, der die Branche seit Jahrzehnten beobachtet.


Gemeint sind die Aufträge, die Rheinmetall in seiner Bilanz unter der Bezeichnung „Nomination“ verbucht. Diese Aufträge gibt es nur auf dem Papier. Es handelt sich um Rahmenverträge, bei denen nicht klar ist, wann sie abgerufen werden. Zum Ende des zweiten Halbjahrs lag der Wert dieser Verträge bei über 24 Milliarden Euro.


„Wenn morgen der Krieg in der Ukraine endet, dann ist erst einmal der Druck raus. Dann dürfte es die Bundesregierung sicherlich nicht mehr so eilig haben, Munition aus den Rahmenverträgen zu bestellen. Die Bestellungen wären dann erst einmal auf ‚hold‘.“ Diese Sorge teilt das Unternehmen nicht. Die Beschaffung der Bundeswehr leite sich im Wesentlichen aus den Verteidigungsplänen der Nato ab, heißt es von Rheinmetall. „Die Notwendigkeit zum Auffüllen von Lagerbeständen und zum Kräfteaufwuchs innerhalb des Bündnisses ist unstrittig.“


Davon ist Papperger jedenfalls überzeugt. Ob sich Rheinmetall mit diesem Wachstum übernehme, wird er zur Grundsteinlegung des Pulverwerks in Aschau gefragt. Keinesfalls wiegelt Papperger ab. „Wer mit 40 Prozent wächst, der liefert ja. Wir müssen uns nicht verstecken.“ Letzteres freilich kann man ihm auch wahrlich nicht vorwerfen. ?


ZITATE FAKTEN MEINUNGEN


Wer solche Äußerungen macht, der zeigt, dass er nichts, aber auch gar nichts verstanden hat. Tom Enders Aufsichtsratschef KNDS Wer einknickt, der gehört nicht in so einen Job. Armin Papperger Rheinmetall-Chef 51 Milliarden Euro beträgt die Marktkapitalisierung. Quelle : eigene Rechnung 1000 Prozent höher als vor dem Ukrainekrieg war Rheinmetalls Aktienkurs zeitweise.


https://kontrapolis.info/wp-content/uploads/2026/09/pappi.jpg"> decoding="async" src=" width="150" height="150" alt="pappi.jpg" style="display:inline-block" />

passiert am 04.09.2026

webadresse: https://kontrapolis.info/18635/Autor/Gruppe: Fasse, Markus und Tyborski, Roman (Handelsblatt Heft 170/2026)feed-date: Donnerstag, September 10, 2026 - 08:31

Read the full story at the source →

Source: de.indymedia