Skip to content
Faultline Prefer us on Google

World Tagesschau

Welche Fakes rund um die Midterms kursieren

Gefälschte Nachrichtenbeiträge, manipulierte Wahlmaschinen und erfundene Vorwürfe gegen Kandidaten: Rund um die US-Midterms verbreiten sich zahlreiche Falschbehauptungen. Dahinter stehen zum Teil russ

Deutsch (original) ·Read in English ⇄

Faktenfinder Nach Zwischenwahlen in den USA Welche Fakes rund um die Midterms kursieren Stand: 07.11.2026 • 10:46 Uhr

Gefälschte Nachrichtenbeiträge, manipulierte Wahlmaschinen und erfundene Vorwürfe gegen Kandidaten: Rund um die US-Midterms verbreiten sich zahlreiche Falschbehauptungen. Dahinter stehen zum Teil russische Einflusskampagnen.

"It's rigged", zu Deutsch "Das ist manipuliert", heißt es in einem Posting auf X zu einem viral gegangenen Video im Zusammenhang mit den Zwischenwahlen in den USA. Im Video zu sehen ist eine Frau in Cook County (US-Bundesstaat Illinois), die berichtet, dass eine Wahlmaschine sie nach ihrer Wahl darauf hingewiesen habe, dass andere Wähler den von ihr ausgewählten republikanischen Richterkandidaten normalerweise nicht wählen würden. "People are not typically choosing this person!" habe dort angeblich gestanden.

Das Video wird in einem Posting auf X mehr als 1,4 Millionen Mal aufgerufen und als Beleg im Netz verbreitet, dass die elektronischen Wahlmaschinen zur Stimmabgabe in den USA manipuliert seien. Ein Narrativ, das bereits zur Präsidentschaftswahl 2024 verbreitet wurde.

Doch die Beschreibungen der Frau halten einer Überprüfung nicht stand. Die Wahlverwaltung von Cook County erklärt, dass die Wahlmaschinen keine Informationen über die Beliebtheit von Kandidaten anzeigten. Sie zeigten einen Hinweis an, wenn bei einem Wahlgang weniger Stimmen abgegeben werden, als möglich: "This contest is undervoted!" Das solle sicherstellen, dass die Wähler ihre Auswahl vor der Abgabe noch einmal überprüfen.

Zudem seien bei den Zwischenwahlen in Cook County gar keine republikanischen Richterkandidaten angetreten, wie das Büro von Cook Country Clerk gegenüber PolitiFact mitteilte.

Das Rennen um Alaskas Sitze im US-Senat ist knapp. Donald Trump meint: Die Wahl sei nicht fair gewesen. mehr

Auch eine weitere Falschbehauptung, welche die Rechtmäßigkeit der Wahl anzweifelt, kursiert nach den US-Zwischenwahlen in den Sozialen Netzwerken. In mehreren Beiträgen auf X heißt es, das FBI habe bei einer Razzia in einem Lagerhaus in Houston mehr als 20.000 gefälschte Stimmzettel entdeckt. Dazu wurden Fotos eines FBI-Einsatzes, eines Lagerhauses und angeblicher Wahlunterlagen geteilt.

Für die angebliche Razzia gibt es jedoch keine Belege. Das FBI dementierte gegenüber der dpa ausdrücklich einen Einsatz im Zusammenhang mit den Wahlen. Auch die Bilder führen in die Irre: Das FBI-Fahrzeug stammt von einem Einsatz in Atlanta im Januar 2026, das Foto des Lagerhauses ist älter. Bei den vermeintlichen gefälschten Stimmzettel handelt es sich um Stimmzettel, die im Rahmen der vorzeitigen Stimmabgabe am 21. Oktober in San Francisco sortiert wurden.

In einem weiteren Beitrag auf X, der mehr als 760.000 Mal angesehen wurde, wurde dem texanischen Generalstaatsanwalt Ken Paxton eine Äußerung zugeschrieben, in der er den Wahlsieg des Demokraten James Talarico infrage stellte. "It is simply not possible for somebody with the radical ideology of James Talarico to win an election in Texas fairly", steht dort - es sei "schlichtweg unmöglich", dass Talarico mit seiner "radikalen Ideologie" eine Wahl in Texas mit fairen Mitteln gewinnen könne. Der Beitrag sah aus wie ein Standbild aus einer NBC-Sendung.

Doch Paxton hat diese Äußerung nicht gemacht. Das vermeintliche NBC-Bild ist nicht authentisch. Stattdessen gratulierte der Republikaner seinem Kontrahenten öffentlich zum Wahlsieg und räumte seine Niederlage ein. Talarico gewann den Senatssitz für Texas. Erstmals seit mehr als 30 Jahren ging damit ein solcher Sitz in dem Bundesstaat an einen Demokraten.

Falschbehauptungen wie diese stoßen bei einem großen Teil der US-Bevölkerung auf Resonanz. Laut einer repräsentativen Umfrage des Rechercheunternehmens NewsGuard glauben 54 Prozent der befragten US-Amerikaner mindestens eine von drei abgefragten Falschbehauptungen über die Integrität von Wahlen.

Dazu gehörten Behauptungen über angeblichen Betrug bei der Briefwahl, die Beteiligung von Menschen ohne US-Staatsbürgerschaft an Wahlen und eine angebliche Manipulation von Wahlmaschinen über das Satellitennetzwerk Starlink. Nur 13 Prozent stuften alle drei Behauptungen korrekt als falsch ein.

In einem laufend aktualisierten Tracker hat Newsguard bis zum 5. November 55 Falschbehauptungen rund um die Midterms dokumentiert. 26 davon drehten sich um vermeintlichen Wahlbetrug. NewsGuard dokumentierte insgesamt 611 einzelne Nennungen dieser Behauptungen auf zwölf Plattformen, in mehr als 392 verschiedenen Social-Media-Konten, auf 71 Webseiten und in 24 Beiträgen in nationalen Nachrichtensendern. 64 Prozent der erfassten Fälle entfielen auf Elon Musks Plattform X.

Den Demokraten gelang bei den Midterms vielerorts Historisches - eine Auswahl. mehr

Ein möglicher Grund für die Verbreitung von Falschbehauptungen ist Wahlwerbung von den Parteien und ihren Unterstützungsorganisationen selbst. Nach Angaben des Faktencheckportals PolitiFact wurden Wahlwerbespots häufig nicht nur genutzt, um sich selbst zu präsentieren, sondern um den politischen Gegner zu diskreditieren - auch mit Hilfe von Falschbehauptungen.

Hinter diesen Kampagnen stecken hohe Summen Geld. Landesweit gaben politische Kandidaten und externe Gruppen dem Werbe-Unternehmen AdImpact zufolge rund 12 Milliarden Dollar für Wahlwerbung im Vorfeld der Zwischenwahlen aus.

Neben Falschbehauptungen, die aus unterschiedlichen politischen Motiven verbreitet werden, gibt es auch gezielte ausländische Einflussoperationen. Besonders russische Akteure versuchen seit Jahren, politische Debatten und Wahlkämpfe in westlichen Staaten zu beeinflussen.

In den USA zeigen sich diese Aktivitäten derzeit unter anderem in manipulierten oder KI-generierten Videos, welche die demokratische Senatskandidaten in den umkämpfen Bundesstaaten Texas, Maine und Ohio diskreditieren sollten.

Das Midterms-Ergebnis ist deutlich, die Gründe auch: ein unbeliebter Präsident und hohe Preise. mehr

Ein manipuliertes Video zeigte einen angeblichen Fernsehbericht des Senders Cleveland 19, in dem vier ehemalige Mitarbeiterinnen dem Abgeordneten Sherrod Brown aus Ohio sexuelle Übergriffe vorwarfen. Das Video verwendet zwar echtes Bildmaterial des Senders, die Stimme des Nachrichtensprechers wurde jedoch nachträglich eingefügt, und es finden sich beim Sender keinerlei Berichte über die Anschuldigungen. Einer der im Video genannten ehemaligen Mitarbeiterinnen Browns bezeichnete die Darstellung als frei erfunden.

Ein weiteres gefälschtes Video erweckt den Eindruck, der Sender WABI habe über Vorwürfe gegen den demokratischen Senatskandidaten Troy Jackson aus Maine berichtet. Demnach soll Jackson Mitarbeiter mit einer Axt bedroht haben. Auch hier wurde nachträglich eine künstliche Tonspur über echtes Nachrichtenmaterial gelegt und es gibt bei offiziellen Kanälen des Senders keinerlei Berichte hierüber.

In einem weiteren viral gegangenen Video ist ein Mann zu sehen, der sich als ehemaliger Schüler des texanischen Senatskandidaten der Demokraten, James Talarico, ausgibt. Er behauptet, Talarico habe ihn als Zwölfjährigen sexuell missbraucht. Doch bei dem Mann im Video handelt es sich um einen KI-generierten Deepfake, der auf dem Aussehen von Talaricos ehemaligen Schüler Zyon Lewis basiert. Lewis wies die Vorwürfe zurück und erklärte, das Video sei KI-generiert. Auch Talaricos Pressesprecherin bezeichnete die Anschuldigungen als haltlos und falsch.

Nach Angaben von NewsGuard erreichten die drei gefälschten Videos zusammen rund 2,8 Millionen Aufrufe in 3.790 Social-Media-Beiträgen. Das Forschungskollektiv Gnida Project, das seit Jahren russische Desinformationskampagnen beobachtet sowie weitere Experten, ordnen die Videos der russischen Einflussoperation Storm-1516 zu. Trotz der weit verbreiteten Falschbehauptungen konnten alle drei Demokraten die Wahl für einen Sitz im Senat für sich entscheiden.

Auch unter dem Hashtag #AllDemocratsAreCriminals verbreiten sich zahlreiche manipulierte Videos, in denen bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler aus Hollywood und andere Personen des öffentlichen Lebens scheinbar gegen die Demokratische Partei Stellung beziehen.

"Heute gibt es in Amerika kein einziges Kind, das nicht von den Demokraten bedroht wird", sagt in einem Video eine stimmlich geklonte Version von "How I Met Your Mother"-Schauspielerin Alyson Hannigan. In einem anderen Video bezeichnet Schaupielerin Sarah Jessica Parker vermeintlich den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als Nazi.

Die Aufnahmen sind gefälscht. Experten bringen die Videos mit der russlandnahen Desinformationskampagne Matrjoschka in Verbindung.

Russische Informationsmanipulation rund um Wahlen finde inzwischen in einem nahezu "industriellen Maßstab" statt, sagt Julia Smirnova, Senior Researcherin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). Dies sei unter anderem durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz möglich. Von der Recherche bis zur massenhaften Erstellung von Websites und Inhalten, wie beispielsweise Deepfakes, werde KI genutzt. Dabei seien jedoch viele der Fälschungen qualitativ recht schlecht gemacht. "Entscheidend ist, dass sie plausibel genug erscheinen, um Zweifel zu wecken und von anderen Akteuren weiterverbreitet zu werden."

Die Kampagnen und Beeinflussungsversuche durch Russland rund um Wahlen beträfen viele Länder weltweit. Alle folgten häufig einem wiederkehrenden Muster und liefen in mehreren Phasen ab, so Smirnova. Zunächst würden Netzwerke aus Webseiten und Social-Media-Konten aufgebaut. Oft würden Kandidaten und Regierungen diskreditiert, die eher als proeuropäisch gelten oder weniger russlandfreundlich seien. Zugleich griffen die Kampagnen polarisierende Themen auf, spitzten diese zu und verstärkten sie über koordinierte Netzwerke.

Unmittelbar vor den Wahlen würden vermehrt Zweifel an der Integrität des Wahlprozesses gestreut. Die Themen und konkrete Behauptungen würden dabei häufig für die jeweiligen Länder angepasst, erläutert Smirnova. "In den USA geht es zum Beispiel darum, dass Nicht-US-Bürger angeblich widerrechtlich an Wahlen teilnehmen oder bestimmte Wahlmaschinen manipuliert seien, in Deutschland wird immer wieder die Briefwahl besonders angegriffen." In einer Untersuchung identifizierte das CeMAS zu den Landtagswahlen in Deutschland unter anderem die russischen Einflussoperationen Matrjoschka, Doppelgänger und Storm-1516.

Zu den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin verbreiten sich Videos, die angebliche Wahlmanipulation zeigen. mehr

Das übergeordnete Muster ähnele sich länderübergreifend: "Das wichtigste Ziel von diesen Versuchen ist, die betroffenen Länder zu destabilisieren und demokratische Institutionen sowie demokratische Prozesse in diesen Ländern zu untergraben, das Vertrauen in das politische System insgesamt zu schwächen."

Wie stark solche Kampagnen tatsächlich Einstellungen oder Wahlentscheidungen beeinflussen, lässt sich nur schwer messen. Hohe Aufrufzahlen und viele Beiträge bedeuteten nicht automatisch, dass die Inhalte auch ein großes Publikum erreichten. "Künstliche Verstärkung kann die Reichweite verzerren", sagt Smirnova. Entscheidend sei deshalb auch, ob Inhalte von reichweitenstarken Accounts oder politischen Akteuren aufgegriffen und weiterverbreitet würden.

Originally published byTagesschau
Read the original