Politics Tagesschau
Brasilien nach der Stichwahl: Was jetzt auf Lula zukommt
Nach der Stichwahl hat nun auch Bolsonaros Partei die Niederlage anerkannt. Doch die Herausforderungen, vor denen Lula nun steht, sind groß. Die Kosten für essenzielle Güter wie Lebensmittel sind hoch
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Brasilien nach der Stichwahl Was jetzt auf Lula zukommt Stand: 27.10.2026 • 04:06 Uhr
Nach der Stichwahl hat nun auch Bolsonaros Partei die Niederlage anerkannt. Doch die Herausforderungen, vor denen Lula steht, sind groß. Die Kosten für essenzielle Güter wie Lebensmittel sind hoch. Die vierte Amtszeit könnte seine schwerste werden.
Seit 23 Jahren verkauft Célia Silva Hot-Dogs im Zentrum von Rio de Janeiro. Die Geschäfte liefen zuletzt mäßig, die Lebensmittelpreise sind hoch. Eigentlich wollte Célia einen Wandel, im ersten Wahlgang hat sie Flávio Bolsonaro gewählt.
In der Stichwahl wählte sie nun doch Lula: "Meine Tochter hat sich gestern komplett in Rot gekleidet, jede Menge Aufkleber von Lula auf die Kleider geklebt und mir die ganze Zeit gesagt: Mami, wähl Lula, okay! Ich sagte: 'Ok. Für euch.'"
Mehr als zehn Millionen Stimmen konnte Lula im Vergleich zur ersten Wahlrunde hinzugewinnen - dank einer nie dagewesenen Mobilisierung, vor allem der Jugend. Geholfen haben dürfte Lula aber auch die Ablehnung seines Herausforderers.
Flávio Bolsonaro konnte zwar die Rechte hinter sich vereinen, doch sein Familienname und sein aggressives Auftreten in der TV-Debatte schreckten auch viele ab. In der Wahlnacht sagte Lula vor einer feiernden Menge im Zentrum São Paulos: "Diese Wahl war eine Niederlage des Leugnertums. Sie war eine Niederlage der Lüge."
Doch seinem historischen Sieg droht ein Nachspiel. Flávio Bolsonaro erkannte die Wahl zunächst nicht an. Wegen der Verlängerung der Wahlzeiten um zwei Stunden, die Lula bevorteilt habe, werde er die Wahl anfechten - er zog dann aber wohl zurück.
Lateinamerika-Experte Maihold erklärt, wie es in Brasilien nach der Präsidentschaftswahl weitergehen kann. mehr
Gestern Abend gab seine Liberale Partei ein Kommuniqué heraus: Man erkenne Lulas Wahlsieg an, fordere aber dennoch die Aufklärung der Vorkommnisse am Wahltag - mit Transparenz und Respekt vor den Institutionen.
Das ganze Hin und Her sei ein politisches Manöver gewesen, sagt der Journalist und politische Analyst João Paulo Charleaux: "Ich interpretiere das als das Erbe einer 'Putschisten-DNA' - es kommt von jemandem, dessen Vater einen Staatsstreich versuchte und dessen wichtigster Regierungsvorschlag die Amnestie für seinen Vater war", sagt Charleaux.
"Zudem forderte sein Team ja ebenfalls eine Verlängerung. Daher weckt seine Beschwerde tiefes Misstrauen." Auch die Zahlen sprechen dagegen: Lulas Vorsprung betrug rund 4,4 Millionen Stimmen. Trotzdem bleibt eine Ungewissheit, auch weil in den Sozialen Medien weiter Zweifel gesät werden.
Der linksgerichtete Staatschef Lula da Silva hat die Präsidentschaftswahl in Brasilien gewonnen. mehr
Auch US-Präsident Donald Trump, als dessen Verbündete die Bolsonaros gelten, hatte bereits Zweifel an der Wahl gesät: "Ich finde, das machte einen schrecklichen Eindruck. Ich ergreife zwar keine Partei, aber ehrlich gesagt wirkte es wie eine weitere manipulierte Wahl."
Beweise legte er nicht vor. Gleichzeitig wich er der Frage von Journalisten aus, ob er Schritte gegen das brasilianische Wahlergebnis plane. "Ich kandidiere nicht in Brasilien, ich kandidiere in den Vereinigten Staaten."
Bolsonaros Familienname bleibt sein wichtigstes politisches Kapital - und gleichzeitig seine größte Schwäche. mehr
Währenddessen hatten Länder, darunter auch Deutschland und die EU, die Wahl bereits anerkannt. Und während zwar Reaktionen von Argentiniens Präsident Javier Milei oder Abelardo de la Espriella aus Kolumbien ausblieben, haben andere rechtsgerichtete Verbündete Trumps in der Region Lulas Wahlsieg bereits anerkannt - darunter José Antonio Kast aus Chile, Daniel Noboa aus Ecuador oder Keiko Fujimori in Peru.
Dies sei von großer Bedeutung, sagt Charleaux, da es eine regionale Rückendeckung biete und eine gewisse Grenze für Trumps interventionistische Haltung aufzeige. "Denn sein Interventionismus in Brasilien mag zwar sehr mächtig sein, doch er unterliegt auch Grenzen", sagt Charleaux. "Eine dieser Grenzen ist der Grad der Akzeptanz durch die Länder der Region."
Brasiliens Wähler sehen Gewalt als größtes Problem im Land. Die Kandidaten haben unterschiedliche Lösungen. mehr
Doch auch innenpolitisch steht Lula vor großen Herausforderungen: Die linken Parteien haben im Kongress, insbesondere im Senat, an Gewicht verloren. Es wird schwer, regierungsfähige Mehrheiten zu finden. Und die wird Lula brauchen, um seine Wahlversprechen umzusetzen. So hatte er vor wenigen Wochen per Dekret die Sozialhilfe "Bolsa Família" erhöht.
Trotz niedriger Arbeitslosigkeit und gestiegener Einkommen leben heute acht von zehn Haushalten auf Pump, die Lebensmittelpreise steigen und mit ihnen die Unzufriedenheit.
So geht es auch der Hotdog-Verkäuferin Célia: "Es ist sehr teuer. Ich hoffe, dass die Preise besser werden, nicht wahr? Die Sachen auf dem Markt, einfach alles - alles ist sehr teuer. Und die Gesundheitsversorgung, die Bildung, die Sicherheit auf der Straße, das wird immer schlechter. Ich hoffe, es wird besser."
Wer beherrscht die Sozialen Netzwerke? Diese Frage könnte in Brasilien wahlentscheidend sein. mehr
Doch Lulas finanzieller Spielraum ist eng, er vererbt sich selbst eine hohe Staatsverschuldung. Die Börse reagierte hochnervös auf seinen Wahlsieg. Am Montag brachen die Kurse ein.
Am Sonntagabend hatte Lula, der an diesem Dienstag 81 Jahre alt wird, noch eine optimistische Prognose gewagt: Diese vierte Amtszeit werde seine beste werden, erklärte er vor Anhängern im Zentrum von São Paulo. Es könnte auch seine schwerste werden.
Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | Brasilien nach der Stichwahl: Was jetzt auf Lula zukommt | 26.10.2026 | 02:44 Uhr