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1992 in Halle veröffentlicht: Die Drahtzieher hinter der Stasi-Liste

Vor mehr als 30 Jahren sorgte eine Liste mit rund 4.500 Namen von geführten Stasi-Informanten in Halle für Aufsehen. Wer sie verfasste, blieb jahrzehntelang unbekannt. Nun sprechen die Verfasser erstm

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1992 in Halle veröffentlicht Die Drahtzieher hinter der Stasi-Liste Stand: 30.10.2026 • 12:51 Uhr

Vor mehr als 30 Jahren sorgte eine Liste mit rund 4.500 Namen von geführten Stasi-Informanten in Halle für Aufsehen. Wer sie verfasste, blieb jahrzehntelang unbekannt. Jetzt sprechen die Verfasser erstmals öffentlich.

Im sachsen-anhaltischen Halle sorgt 1992 eine Liste für Aufsehen: Sie enthält die Namen von rund 4.500 Menschen, die zwischen 1986 und 1989 als Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit geführt wurden. Wer hinter der Veröffentlichung steckt, bleibt über mehr als drei Jahrzehnte lang unbekannt. Nun äußern sich die Verfasser erstmals öffentlich.

Neben rund 4.500 Klar- und Decknamen enthält die Liste von Halle auch Angaben zu Wohn- und Einsatzorten von Menschen, die als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) registriert waren. Anders als die hauptamtlichen Mitarbeiter waren sie nicht beim Ministerium angestellt, sondern wurden als Informanten von der Staatssicherheit angeworben und sollten verdeckt Informationen über Menschen in ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld liefern.

Seit 1990 kamen laut einer Übersicht des Bundesarchivs zufolge 7,5 Millionen Anträge zusammen. mehr

Gemessen an der Bevölkerungsdichte besaß die DDR den mit Abstand dichtesten Überwachungsapparat des gesamten Ostblocks. Das Ministerium für Staatssicherheit war Geheimdienst und politische Geheimpolizei zugleich. Als "Schild und Schwert der Partei" sollte es die Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) sichern, Kritiker ausfindig machen und oppositionelle Aktivitäten unterbinden.

Im Herbst 1989 beschäftigte das MfS rund 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter, hinzu kamen etwa 189.000 Inoffizielle Mitarbeiter. Betrachtet man die Zahl aller Mitarbeiter des MfS, kommt man auf eine Dichte von einem Informanten auf 60 DDR-Bürger.

Bereits Anfang November 1989 begann die Stasi in größerem Umfang, Akten zu vernichten. Als die Vorgänge bekannt wurden, besetzten Bürgerrechtler Stasi-Dienststellen im ganzen Land, um die Vernichtung zu stoppen und Unterlagen zu sichern.

Aus Angst, auch die IM-Karteien könnten wieder unter Verschluss geraten, schließen sich sieben Menschen in Halle zusammen und tippen nächtelang hochkonspirativ ab. Fünf von ihnen sprechen darüber in der ARD-Dokumentation "Der große Stasi-Leak".

Zu den zentralen Akteuren gehörten der spätere Leiter der Hallenser Stasi-Unterlagen-Außenstelle und Pfarrer Ulrich Schlademann, der Leopoldina-Archivar Wieland Berg, der Umweltaktivist Matthias Waschitschka, die evangelische Pfarrerin Thea Ilse sowie Druckereibetreiber Henning Schaarschmidt. Viele von ihnen engagierten sich bereits in den 1980er-Jahren gemeinsam in der oppositionellen Umweltbewegung Halles gegen die Umweltzerstörung im Chemiedreieck - und gerieten damit ins Visier der Staatssicherheit.

Sie gehörten zu den zentralen Akteuren (von links): Ulrich Schlademann, Henning Schaarschmidt, Thea Ilse, Wieland Berg und Matthias Waschitschka.

Zu ihren erfolgreichsten Aktionen zählte ihr "Schauangeln" anlässlich des Weltumwelttags 1989. Das Fischen war jedoch der eigentliche Beifang der Aktion: Um auf die verheerende Umweltzerstörung in der biologisch toten Saale aufmerksam zu machen, entrollten als Bauarbeiter verkleidete Oppositionelle auf der nahegelegenen Brücke ein Transparent mit dem Schriftzug "Wir haben diese Erde nur von unseren Kindern geliehen", während die Volkspolizei mit den Anglern und ihren Protestschildern am Flussufer beschäftigt war. Am nächsten Tag wurde eine Vielzahl der Beteiligten von der Staatssicherheit verhört.

Beim "Schauangeln" gegen Umweltzerstörung sorgte die Gruppe 1989 in Halle für Aufsehen.

Nach dem Mauerfall arbeiten Wieland Berg, Thea Ilse, Ulrich Schlademann und Matthias Watschischka als Mitglieder der Personalkommissionen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, um das Universitätspersonal auf politische Vorbelastung während der DDR zu überprüfen. "Da waren wir die Einzigen natürlich, die wussten von Stasi-Verstrickungen", erinnert sich Wieland Berg in der Dokumentation. Die Liste sollte den Kommissionen daher ein zusätzliches Werkzeug an die Hand geben und die Aufarbeitung beschleunigen.

Die Liste ging an rund 30 Ministerien, Parteien und Zeitungen. Doch nur das Neue Forum, die zentrale Vertretung der Bürgerrechtsbewegung während der friedlichen Revolution, legte sie in seinen Büros öffentlich aus und machte sie so für die Bürgerinnen und Bürger zugänglich. So wurde sie rasch zum Stadtgespräch. Vor dem Büro des Neuen Forums standen Menschen stundenlang Schlange, um Einsicht zu erhalten. Teilweise wurden 700 Termine an nur einem Tag vergeben.

In welchem Ausmaß jemand tatsächlich mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet hatte, ließ sich allein aus der Liste jedoch nicht ablesen. Schon im Vorwort der Liste wurde daher auf diese Einschränkung hingewiesen: "In wenigen Ausnahmefällen wurden Personen zum IM registriert, ohne dass es zur aktiven Zusammenarbeit mit dem MfS gekommen ist", heißt es dort. Joachim Gauck, erster Bundesbeauftragter der Stasi-Unterlagen-Behörde, stand der Liste zwar kritisch gegenüber, betonte aber, dass seiner Behörde kein einziger Fall bekannt sei, "wo eine Person auf diese Liste ohne Grund gekommen wäre".

Die Zugänglichmachung der Liste blieb jedoch nicht ohne Folgen. Sie löste eine juristische Auseinandersetzung darüber aus, wie weit die öffentliche Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit gehen darf und wie sich dabei der Schutz Einzelner vor einer Vorverurteilung wahren lässt. Diverse Betroffene klagten zivilrechtlich gegen das Neue Forum, das die Liste in seinen Räumen öffentlich ausgelegt hatte.

1994 untersagte der Bundesgerichtshof die weitere Auslage. Das Neue Forum zog im Jahr 2000 vor das Bundesverfassungsgericht. Die Richter aus Karlsruhe entschieden zwar nicht erneut über den Fall, kritisierten aber, dass die vorherigen Gerichte das öffentliche Interesse an der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit und die Meinungsfreiheit zu wenig berücksichtigt hatten.

Im Interview mit tagesschau.de betont Thea Ilse, dass die Veröffentlichung besonders dazu beigetragen habe, eine gesellschaftliche Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit anzustoßen, zugleich aber auch die Frage nach individueller Schuld aufwarf. "Wir sind doch in der Bundesrepublik auch stark genug, solche Kontroversen auszuhalten", betont sie daher.

Damals wie heute brauche es laut Ilse daher Menschen, die sich trauen, "ihrem Gewissen und ihrem Herzen zu folgen, damit unsere Freiheit und Demokratie nicht wieder in einer Diktatur landen".

Mehr zum diesem Thema in der ARD-Dokumentation "Der große Stasi-Leak - Helden oder Verräter".

Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | Stasi-Liste mit 4.500 Namen 1992 in Halle veröffentlicht | 30.10.2026 | 12:30 Uhr

Originally published byTagesschau
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