Politics · taz · · 1h
Zwischen den Wahlen: Zombie-Apokalypse
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S o kurz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt und wenige Tage vor den Wahlen hier in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern fühlt es sich an wie „zwischen den Jahren“. Ich meine den Dämmerzustand, der sich gerne mal zwischen Weihnachten und Neujahr einstellt: üblicherweise eine angenehme Mischung aus muckeliger Nestwärme, Kerzenschein und Seele baumeln lassen. Momentan aber ist es eher eine Art Brainfog des Grauens.
In den letzten Jahren habe ich, wie viele andere auch, Bekannte, Kollegen und gute Freund:innen direkt an die AfD oder zumindest an ihre Geisteswelt verloren. Die meisten sind gut gebildet und sozial nicht groß benachteiligt. Vielleicht helfen drei Geschichten aus dieser Gruppe, mein diffuses Gefühl der geistig-emotionalen Umnebelung zu veranschaulichen.
Den ersten Bruch gab es im Herbst 2015 mit Rainer. Eigentlich heißt Rainer anders, wie auch die anderen beiden. Wir waren ein Herz und eine Seele. In seinem Freundeskreis war ich nicht der einzige muslimisch gelesene Migrant, im Gegenteil. Rainer war ein sprachgewandter Kosmopolit, heiratete eine ähnlich polyglotte Nordafrikanerin; aus aller Welt flogen wir Gäste zur großen Hochzeitssause am Atlasgebirge. Zwei Jahre später trennten sie sich.
Im Sommer 2015 bezeichnete er die vielen Geflüchteten als Invasoren. Bei dem im Januar 2024 enthüllten Potsdamer Treffen zu Remigration saß Rainer mit am Tisch. Alle paar Jahre schreibt er mir Mails, in denen es um den Untergang Deutschlands geht – und um seine Avancen, mich zur AfD zu locken.
Kurz vor der Bundestagswahl 2025 lernte ich online Dana kennen. Dana kommt aus München, zog irgendwann nach Berlin und lebte zeitweilig im Ausland. Zu einem Treffen kam es nie. Aber wir diskutierten in langen Sprachnachrichten, warum sie die AfD wählt. Niemand solle mehr ins Land kommen, nicht mal die Polen von nebenan.
Das Kauderwelsch aus Englisch und Deutsch auf Berlins Straßen nerve sie, auch der Verlust von Musiktraditionen durch zu viel Vermischung. Dass die von ihr gewählte Partei jemanden wie mich als Date ablehnen würde, dissoziierte sie mit einem kichernden „Du doch nicht“ erstaunlich einfach weg.
Und gerade erst endete die Freundschaft zu Levent. Er hatte sie schon vor zwei Jahren auf Eis gelegt. Nun gerieten wir in einer Kommentarspalte zu einem Reel über AfD-Wählende aneinander. Wir schätzten uns seit 15 Jahren, standen uns politisch meist nah. Auch Levent wird muslimisch gelesen. Gelegentlich lackiert er sich die Fingernägel bunt. Früher jobbte er in einer queeren Bar.
In einem anschließenden kurzen Disput per SMS schrieb er sinngemäß, auch linke Schubladen seien eben nur Schubladen, er habe keinen Bock, sich da reinstecken zu lassen. Was er damit konkret meinte, behielt er für sich. Auf Instagram hat er mich blockiert.
Rainer, Dana und Levent sind Freigeister, sie kommen aus der Kulturbranche und hatten in ihrer kreativen Arbeit immer einen ausgesprochen präzisen Blick auf Menschen und ihr Wirken. Bis heute kenne ich keine nachvollziehbaren Gründe für ihren Sinneswandel. Sie selbst vermutlich auch nicht.
Mich erinnert das an die Fiktion einer Zombie-Apokalypse. Das Virus wütet, und wie aus dem Nichts stehen einem plötzlich auch Freunde, Verwandte, die eigenen Kinder oder Eltern feindlich gegenüber. Der Vergleich mag drastisch und absurd klingen, deren Ignoranz von Fakten, ihre Abkehr von Grundregeln des Miteinanders und konstruktiver Kommunikation sind es ebenso.
Bestimmt werde ich mich bald wieder professionell durchgeführten Analysen widmen. Jetzt war es aber an der Zeit, auch mal den eigenen statt nur den wabernden Gefühlen anderer Raum zu geben.
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Source: taz