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Zahl der Angriffe auf Juden übertrieben: Desinformation, Digga
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Auf Tiktok und Instagram kursiert derzeit ein Video: Eine junge Person blickt in die Kamera und fragt: „Schätzt mal: Wie viele Jüdinnen und Juden wurden im vergangenen Jahr in Niedersachsen wegen ihrer Kultur oder ihres Glaubens angegriffen?“ Das Video ist Teil der Social-Media-Kampagne „Shalom Digga“, die niedersächsische Jugendliche über jüdisches Leben und Judenhass aufklären soll.
Dazu gehören Videos, in denen Passanten mit antisemitischen Bildern konfrontiert werden oder in denen erklärt wird, warum Juden angeblich keine Pizza mit Salami essen oder Israel lediglich Krieg in Gaza führe und keinen Holocaust verübe. Produziert wurde sie vom niedersächsischen Landesbeauftragten gegen Antisemitismus in Zusammenarbeit mit einer Berliner Werbeagentur für rund 130.000 Euro. In einem verlinkten Online-Shop sind zudem T-Shirts, Tassen und Taschen mit dem Kampagnenlogo erhältlich.
Im Video folgt auf die Frage nach der Menge der antisemitischen Angriffe eine Straßenumfrage: Passanten tippen auf verschiedene Zahlen, bis schließlich die „echte“ Zahl mit Kreide auf den Boden geschrieben wird – 672 Straftaten, die Juden in Niedersachsen im vergangenen Jahr gemeldet hätten, weil sie antisemitisch bedroht oder angegriffen wurden. Und das in einem Bundesland, in dem keine 8.000 Juden leben, kommentiert die Person: „Schockiert? Same!“
Die im Video genannte Zahl geht auf den Jahresbericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Niedersachsen zurück. Die staatlich finanzierten Meldestellen erfassen mittlerweile in zwölf Bundesländern Vorfälle – ober- und unterhalb der Strafbarkeitsgrenze –, die sie als antisemitisch einstufen. Darunter fallen etwa Schändungen von Gedenkstätten oder ein Hitlergruß vor einer Synagoge, aber auch Flyer, die Israel als Apartheidstaat bezeichnen. Selbst eine durchgestrichene Israel-Flagge mit dem Schriftzug „Love Jews, hate Zionism“ wurde im niedersächsischen Jahresbericht als Vorfall aufgenommen.
Inhaltlich orientiert sich die Einordnung durch Rias Niedersachsen an der von der Netanjahu-Regierung unterstützten Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) sowie an dem vom ehemaligen Likud-Politiker Natan Scharansky konzipierten 3D-Test zum israelbezogenen Antisemitismus.
Von den insgesamt 672 Fällen, die Rias Niedersachsen im vergangenen Jahr registrierte, entfielen nach eigenen Angaben nur 17 auf Angriffe und versuchte Angriffe – darunter ein nicht näher beschriebener Fall extremer Gewalt.
Auf Anfrage erklärte Rias Niedersachsen, dass von den dokumentierten Angriffen insgesamt 7 jüdische oder israelische Personen betroffen waren. In dieser Kategorie beschreibt der Bericht im Detail ausschließlich kleinere Rangeleien, bei denen Gegendemonstranten vor propalästinensischen Kundgebungen Israel-Flaggen entrissen wurden.
Nimmt man zu den versuchten und ausgeführten Angriffen die weiteren Fälle von „verletzendem Verhalten“ hinzu, kommt Rias für das Jahr 2025 auf 64 davon betroffene jüdische und israelische Einzelpersonen. Darunter sind neun der 22 insgesamt registrierten Fälle von Bedrohung, online wie offline.
Gewalttätige Übergriffe auf jüdische Personen oder Institutionen ereignen sich tatsächlich immer wieder, wenn auch seltener, als es die Shalom-Digga-Kampagne darstellt. Erst am vergangenen Wochenende wurde in Berlin eine Frau von zwei Männern auf ihren Davidstern angesprochen und anschließend mit einer Glasflasche attackiert und verletzt.
Auch in Niedersachsen kam es in den vergangenen Jahren zu schweren Vorfällen: Im April 2024 warf ein psychisch kranker 28-Jähriger einen Molotowcocktail gegen die Tür der Oldenburger Synagoge, wobei leichter Sachschaden entstand.
Damit konfrontiert, dass die im Video genannte Zahl der Angriffe gegen jüdische Personen etwa hundertfach zu hoch angesetzt ist – und dass eine solch massive Überschätzung geeignet sei, das ohnehin fragile Sicherheitsgefühl jüdischer Menschen zu untergraben –, verwies ein Sprecher des Landesbeauftragten auf einen Korrekturhinweis unter dem Video, demzufolge nicht alle gemeldeten Vorfälle tatsächlich strafrechtlich relevant seien.
Weiterhin erklärte er: „Gerade bei Vorfällen im öffentlichen Raum und im Internet ist nicht nachvollziehbar, wie viele jüdische Personen von den bei Rias gemeldeten Vorfällen betroffen“ seien, und diese könnten „darüber hinaus jüdische Personen oder Jüdinnen:Juden als Kollektiv betreffen.“
Das Video mit den falschen Zahlen steht weiterhin online.
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Source: taz