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Germany · taz · 1h

World Nomad Games 2026 in Kirgistan: Ziegenpolo is coming home

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Für eine Eröffnungsfeier wie diese sind moderne Stadien erfunden worden: Während im Hintergrund eine riesige Animation der Alatoo-Berge leuchtet, umkreisen Dutzende Reiter Hunderte nomadisch kostümierte Tänzer. Neben den rund 2.000 Sportlerinnen und Sportlern der teilnehmenden Nationen schreiten animierte, hausgroße Schneeleoparden, Bären und Hirsche durch die Arena. Selten war die Floskel „keine Kosten und Mühen gescheut“ so passend wie bei der Eröffnung der World Nomad Games 2026. Auch das Stadion zählt dazu. Die Bischkek-Arena, in der Form einer stilisierten kirgisischen Jurte gehalten, wurde erst am Tag vor den Spielen fertig und ist mit 51.000 Sitzen nun das größte Sportstadion Zentralasiens.

Die World Nomad Games sind eine kirgisische Erfindung und fanden bis vergangenen Sonntag zum mittlerweile sechsten Mal statt. Im Zentrum stehen das nomadische Erbe sowie Sportarten wie das berittene Bogenschießen, Strategie- und Geschicklichkeitsspiele mit Schafsknochen oder diverse Ringdisziplinen. Die größte Aufmerksamkeit in den Algorithmen und vor Ort wurde Kök Börü zuteil: ein Mix aus Polo und Rugby, bei dem zwei berittene Teams um einen Ziegenkadaver ringen. Mit leicht unterschiedlichen Regeln wird der Sport vor allem in Kirgistan und Kasachstan professionell betrieben.

Nach Stationen in der Türkei und Kasachstan sind die Spiele zurück im Mutterland – und doch ist nichts mehr wie beim ersten Mal im Jahr 2014. Die kirgisische Politikwissenschaftlerin Dr. Arzuu Sheranova hat die Wirkung kultureller Großevents im Land untersucht. Für sie haben die Spiele 2026 eine größere Bedeutung als je zuvor: „Die kirgisische Regierung hat enorm in diese Spiele und die dazugehörige Infrastruktur investiert. Dies schlägt sich auch in den sozialen Medien nieder, in denen etwa die spektakuläre Eröffnung zehntausendfach geteilt wurde. Durch die vielen Touristen vor Ort finden sich diese Bilder zudem in anderen Algorithmen wieder.“ Unter dem aktuellen Regime wird nach Beobachtungen von Sheranova auch auf die Identitätsbildung geachtet: „Der Rückgriff auf nomadische Bildsprache hat in den letzten Jahren verbreitet Einzug in den Alltag der Menschen gefunden.“

Daher wundert es nicht, dass es in diesem Jahr neben 43 Sportdisziplinen ein weitaus größeres Kulturprogramm gab. Vom Jurtenwettbauen, bei dem Teams aus Kirgistan gegeneinander unter Zeitdruck das traditionelle Nomadenzelt errichteten, bis zum „Nomadvision Song Contest“, der jeden Abend im Hippodrom ausgetragen wurde.

Während die letzten World Nomad Games in Kasachstan wie eine nüchterne Großveranstaltung wirkten, erinnerte die kirgisische Interpretation eher an ein nomadisches Disneyland. Vor dem Hintergrund des Issyk-Kuls, eines der größten Bergseen der Welt, fanden in zwei Hippodromen die Hauptattraktionen, darunter Pferderennen und das bereits erwähnte Ziegenpolo, statt. Eine Stunde entfernt wurde in einem malerischen Tal ein sich über mehrere Kilometer erstreckendes Festivalgelände mit Hunderten Jurten und zwei Ethno-Basaren in der traditionellen Lehmbauweise errichtet.

Neben viel Folklore wurde hier auch deutlich, dass internationale Verständigung über den Sport möglich ist: So jubelten sich beim berittenen Bogenschießen die Athletinnen und Athleten einander zu und fachsimpelten über Schusstechniken. Es war eine der wenigen Sportarten, in denen die europäischen Teilnehmer eine Siegchance hatten. Am Ende gewann bei den Männern der Franzose Raphaël Malet, bei den Frauen Hanna Décsei aus Ungarn.

Laut der Politikwissenschaftlerin Sheranova waren die World Nomad Games von Anfang an als identitätsstiftendes Projekt konzipiert. Für den seit 2021 regierenden Präsidenten Sadyr Japarov waren sie zudem nützlich, um sich zu profilieren. Seine Bilanz wird unterschiedlich bewertet. Für Hugh Wiliamson, Leiter der Abteilung für Europa und Zentralasien bei Human Rights Watch, ist Japarov ein überzeugter Nationalist und Populist: „Unter seiner Ägide hat sich die Situation der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit im Land rapide verschlechtert“, sagt Williamson.

In Kirgistan wurde in den letzten fünf Jahren die Opposition weitestgehend ausgeschaltet und investigative Medien wie die Plattform Kloop als extremistische Organisation verboten. Kloop publizierte nach den World Nomad Games eine Recherche, die die angeblichen Baukosten für die Bischkek-Arena hinterfragte – mit dem Disclaimer, dass ein Teilen oder Liken des Beitrags auf Instagram strafrechtliche Konsequenzen haben könnte.

Spricht man rund um die World Nomad Games mit Einheimischen, kommt diesen kein schlechtes Wort über die Lippen. Der pensionierte Boxtrainer Toktaly etwa zeigt auf die neu geteerten Straßen und spricht vom boomenden Tourismus in der Region. Er erzählt stolz: „Selbst der belarussische Präsident Lukaschenka hat gesagt, dass er so etwas bei den Olympischen Spielen in Paris nicht erlebt hätte.“

Tatsächlich hat sich in Kirgistan viel getan: Die oft noch aus Sowjetzeiten stammende Infrastruktur wurde erneuert, das Steuersystem reformiert und die Digitalisierung der Verwaltung vorangetrieben. Unklar ist, wie nachhaltig der Aufschwung ist und woher das Geld dafür stammt.

Sicher ist: Chinesische Investitionen spielen eine immer größere Rolle. So wurde die Eröffnung der World Nomad Games mit dem 25. Jubiläumsgipfel der Shanghai Cooperation Organisation in Bischkek zusammengelegt. „Präsident Japarov wollte die Veranstaltung nutzen, um nach innen und außen sein neues Kirgistan zu präsentieren“, sagt die Politologin Sheranova. Und so wurde nach dem Gipfel das „Who’s who“ des Autoritarismus medienwirksam ins Bischkeker Stadion kutschiert.

Zwar fehlte Chinas Staatschef Xi wegen der Flutkatastrophe in Tibet, wie es hieß, doch der türkische Präsident Tayyip Erdoğan, Irans Präsident Masud Peseschkian, Indiens Narendra Modi und nicht zuletzt Russlands Präsident Wladimir Putin konnten vor einem großen TV-Publikum live von Japarov und der First Lady begrüßt werden.

Der Schlüssel für die nächsten World Nomad Games wurde symbolisch an Putin weitergereicht: 2028 sollen sie in Kasan in der autonomen Republik Tatarstan stattfinden. Mit Sportswashing kennt man sich in Russland ja bereits aus.

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Source: taz