Germany · taz · · 1h
Wenn man die Nationalhymne mitsingt: Einigkeit und Recht und „Sassonia“
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F ür meinen Geburtstag habe ich mir ein Ritual ausgedacht, damit der freie Tag nicht zu Hause zerfranst. Ich fahre mit Rad und S-Bahn in ein Waldstück am Wannsee. Ich denke dort an meinen Vater, der mich in dieser Jahreszeit im Dunklen weckte und mit mir in sein Pilzrevier fuhr. Wenn ich zu sentimental werde, fahre ich weiter, springe ins eiskalte Wasser eines kleinen Moorsees und lasse mich auf der wochentags verwaisten Wiese von der Sonne trocknen.
Heute ist alles anders. Mein ältester Sohn ist spontan mitgekommen. Wir finden keinen einzigen Pilz. Ich denke nicht an meinen Vater, und ich werde nicht sentimental. Das Wasser ist noch warm, und als ich rauskomme, regnet es. Die Form des Rituals hat sich bewährt, aber der Inhalt ist ganz anders. Das Ritual verträgt das, ermöglicht das erst – ohne es würde ich allein auf dem Sofa vor mich hingammeln.
Zwei Wochen vorher bin ich mit meiner Tochter beim Basketball. Ihr halber Verein ist da, und will sehen, ob die deutschen Frauen noch weiter kommen als eh jemals zuvor bei einer WM, ins Finale! Die Halle ist voll, die Stimmung ausgelassen und friedlich zugleich.
Dann stehen alle auf, weil die Nationalhymnen kommen. Meine Tochter singt mit und ich singe auch. Oder singe ich mit und meine Tochter singt dann erst? Mir läuft jedenfalls ein kleiner Schauer über den Rücken. Echt jetzt, denke ich? Was ist denn hier los? Liegt das jetzt am Basketball? Oder an der AfD? Singe ich für oder gegen etwas? Was ist eigentlich dieses „Unterpfand?“
Wieder eine Woche später bin ich bei einer Konferenz in Mailand. Alle fragen mich nach der Wahl in „Sassonia“. „Sassonia-Anhalt“ sage ich erst noch, dann spare ich es mir. Was ist eigentlich dieses „Anhalt“?
Mein Eindruck ist jedenfalls, dass ich nichts Alberneres und Feigeres tun könnte, als so zu tun, als hätte ich mit „Sassonia“ nichts zu tun. Als wäre ich nicht auf eine spezielle Art verantwortlich für das, was dort geschieht. Mein Eindruck ist, dass die Mailänder erwarten, dass ich mich zu den deutschen Dingen als Deutscher verhalte.
Mein Vortrag hat den Titel „Wie viel Droge braucht der Mensch?“ Meine Antwort ist, dass es keinen überzeugenden Grund gibt, die Antwort auf diese Frage nicht dem einzelnen Menschen zu überlassen. Außer, wenn es für andere Menschen gefährlich wird.
Und ich sage, dass es allerdings einen Drogencocktail gibt, der sich in der Geschichte der Menschheit als der verheerendste erwiesen hat: Hass, Überheblichkeit, Größenwahn, Grausamkeit, Gemeinheit – mit Alkohol als Katalysator. Es wird klar, das ich damit auch den Cocktail meine, der die Wahl in „Sassonia“ entschieden hat.
Da wir keine Pilze finden und es auch noch zu regnen anfängt, retten mein Sohn und ich uns unter einen Sonnenschirm in einem Biergarten. Der nette Kellner trägt Lederhosen und Trachtenhemd und redet im Singsang des Ruhrgebiets. Am Wochenende ist hier Oktoberfest, sagt er, als er uns Bier und Wurstsalat auf den Tisch stellt.
Oktoberfest kann eben überall sein. Es ist ein Ritual, das Menschen auf der ganzen Welt ganz unterschiedlich interpretieren, eine Art Karneval mit entsprechendem Kostüm.
Vor einem Basketballspiel die Nationalhymne mitzusingen, ist auch eine Art Karneval, denke ich, die Teilnahme an einem Ritual. Ich gehe als Person nicht darin auf, dass ich die deutsche Nationalhymne mitsinge.
Aber ich gehe auch nicht mehr darin auf, sie nicht mitzusingen.
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Source: taz