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Vorzüge des Herbstes: Mücken- und wespenfreies Sommerende
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W oche zwei nach der Abgeordnetenhauswahl, und wer nicht weinen will, muss lachen. Wozu hat man schließlich eine Signal-Gruppe, in der die Screenshots der besten Witze von X und Threads verbreitet werden. Erst waren da die bürgerkriegsähnlichen Szenarien, in denen Berlin von einer sozialistischen Macht übernommen und die letzten Wirtschaftsliberalen es per Hubschrauber-Evakuierung gerade noch so aus der Stadt geschafft haben. Der Prenzlauer Berg wird fortan nur noch über Care-Pakete mit glutenfreiem Brot versorgt.
Jetzt geht es, on a lighter note, um die Vergehen Elif Eralps. Die Bürgermeisterkandidatin soll mal bei Sanifair übers Drehkreuz gesprungen sein, Buntglas in den Weißglas-Container geworfen oder im Schuhladen fälschlicherweise behauptet haben, sie hätte bereits Imprägnierspray zu Hause.
Der Klang des Herbstes: In meinem Hinterhof fallen seit Tagen und in dichter werdender Taktung die Kastanien vom Baum. Immer wenn eine auf dem Boden auftrifft, klingt es wie bei einem Match auf dem Tennisplatz. Plock, plock. Der Sommer war groß, umso größer ist jetzt der Abschiedsschmerz. Wie sagte R. neulich: Vor uns liegen zehn Monate Dunkelheit, und das war nur eine leichte Übertreibung.
Als ich am Donnerstag mit A. nach der Schule auf dem Weg ins Kino bin, erklärt der mir mit der Weisheit eines Neunjährigen die Vorzüge des Herbstes, die sich in seinen Augen so zusammenfassen lassen: keine Mücken, keine Wespen. Außerdem könne man jetzt viel besser Filme anschauen und zumindest da gebe ich ihm recht. Die Neuverfilmung von „Emil und die Detektive“ gefällt ihm dann sehr gut, was wohl hauptsächlich daran liegt, dass er ein paar der Drehorte wiedererkennt. Vor allem die Szene, die im Badeschiff spielt, wo er im Sommer mal schwimmen war, spricht ihn aufgrund ihres Realismus an. Die Leute an der Bar, sagt er, sprächen wirklich nur Englisch. Ich vermute aus irgendeinem Grund, dieses Problem wird sich mit dem bald einziehenden Sozialismus von selbst erledigen.
Dann die Nachricht, dass J. am Samstagabend auf der Schöneberger Langenscheidtbrücke seinen mobilen, holzbefeuerten Pizzaofen anheizen wird. Das habe er schon den ganzen Sommer lang machen wollen, jetzt sei wahrscheinlich die letzte Chance. Wir treffen uns also inmitten der für den Autoverkehr gesperrten Brücke. Ein Tisch, ein paar wacklige Campinghocker, Wein, Pastis und Restsonne. Die Kinder funktionieren das Brennholz zu Bauklötzen um, der Ofen spuckt im Viertelstundentakt Pizzen aus. Links und rechts fahren Leute auf Fahrrädern vorbei, schauen, einer sagt: „Wer kann, der kann.“ Genauso ist es.
G. erzählt, dass sein jüngerer Sohn, er ist gerade eingeschult worden und stapelt zu seinen Füßen Bauklötze, ihn jetzt nicht mehr mit „Papa“ anspricht, sondern nur noch „Yo, ey, Bro“ sagt. Gewachsen auf Beton, was soll man machen? Als es dunkel ist, kommen ein paar Teenies zu Besuch. A. erzählte neulich angesichts der kosmetischen Vorlieben ihrer 14-jährigen Zwillinge: „Die finden uns peinlich. Wir sie aber auch.“
Die zu Besuch gekommenen Mädchen, Handtaschen in die Achseln geklemmt, erklären uns ahnungslosen Erwachsenen mit bemerkenswerter Geduld die Beschaffenheit und Funktionsweise ihrer Klebewimpern. Nein, es handele sich nicht um Echthaar, sondern um Plastik. Ja, man könne damit schlafen gehen. Nein, teuer sei es nicht, wenn man sie im Drogeriemarkt kaufe und selbst anklebe. Als alle Pizzateige alle sind und der Wein ausgetrunken, fahren wir nach Hause.
Am nächsten Tag postet J. in der Signal-Gruppe ein Bild von der Langenscheidtbrücke am Nachmittag. Jemand ist unserem Beispiel gefolgt und veranstaltet mitten auf der Fahrbahn ein Picknick.
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Source: taz