Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 1h

Vom Galerieraum zum Dancefloor: Ausgestellt und aufgelegt

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E s verschlägt mich selten nach Köpenick. Eigentlich wollten wir tanzen gehen, du hattest eine Dyke* Party vorgeschlagen. Stattdessen kämpfen wir uns, nun zu dritt und leicht schnaufend, in den fünften Stock vom Funkhaus, um uns Fotos anzuschauen. Eine Freundin von uns stellt auch aus; es ist die Abschlussausstellung von Studierenden der Ostkreuz-Schule.

Wir kommen fast zu spät, die Ausstellung schließt um 23 Uhr. Das Fischgrätenparkett knarzt unter meinen Füßen, als ich versuche, das richtige Tempo zu finden, um mir die vielen verschiedenen Werke anzuschauen. Im Gewimmel gut aussehender junger Menschen verlieren wir uns gegenseitig. Ich mache mir keine Sorgen, hin und wieder sehe ich euch, rot und grün im schwarzen Kleidungsmeer. An den großen Fenstern stehen sie in Grüppchen und atmen Nachtluft ein, Zigarettenrauch aus.

Vor einem Bild bleibe ich stehen. Lachs, gefroren und in Scheiben geschnitten, wartet darauf, verpackt zu werden. Das Bild sieht so klinisch, so anklagend aus, dass mir der Appetit vergeht. Ich reiße mich los und gehe ziellos weiter. Mein Blick bleibt an dem nackten Rücken eines Mannes hängen, der auf einem Bett in einem Hotelzimmer sitzt. Warmes Licht umgibt ihn, trotzdem wirkt das Foto irgendwie melancholisch. Ich wünsche mir, dass er den Kopf dreht und mich anschaut.

Vor einer Fotoreihe in Schwarz-Weiß finde ich dich wieder. Der Fotograf beschäftigt sich mit einer Ultra-Szene; Männermassen halten angestrengt Banner hoch, ihre Halsmuskeln sind im Schrei eingefroren. Einige von ihnen tragen Eheringe und Skimasken, andere sind fast noch Kinder. Fasziniert wandern deine Augen an den Fotografien entlang. Ich schaue dir dabei zu, wie du die Details aufnimmst, und kann dich fast denken hören.

Wir treffen einen deiner Arbeitskollegen, über den du dich auf der Fahrt zur Ausstellung noch beschwert hast. Jetzt plaudert ihr über eure Lieblingsbilder, und ich muss mir das Lachen verkneifen. Es ist schon etwas gefährlich, sich hier aufzuhalten. Nicht nur Arbeitskollegen lauern einem auf, auch alte Bekanntschaften kreuzen unsere Wege, denen man bei jedem zufälligen Treffen verspricht, sich bald zu verabreden, nur um diesen Gedanken sofort aus den Augen zu verlieren.

Als uns auch noch ein Klassenkamerad in der Menge auffällt, ergreifen wir die Flucht. Wir sind schließlich in die Ausstellung gegangen, um etwas zu sehen, nicht, um gesehen zu werden, pflichten wir uns gegenseitig bei. Insgeheim frage ich mich, ob das stimmt. Die Ausstellung ist nicht sekundär – die Bilder werden intensiv beguckt und diskutiert –, aber alle sind herausgeputzt und warten unterschwellig angespannt auf die Afterparty. Something big is coming.

Ein Drink wird uns an der nun schließenden Bar mit Hinweis auf eine andere, noch geöffnete Bar verwehrt, du klaust aus Genervtheit einen Brotkranz vom Tresen. Schneller als ich oder der Barkeeper gucken kann, ist die Plastiktüte unter deiner großen Lederjacke verschwunden. Verschwörerisch grinst du uns an und verschwindest in Richtung Tanzfläche, um das Versäumnis der Dyke* Party wettzumachen. Ich spüre in meinen Körper hinein und weiß, dass ich nicht mehr lange mitmachen kann. Tief einatmend wappne ich mich für diese nächste Challenge.

Wir bestellen Bier, Aperol Spritz und zuckerfreie, alkoholfreie Limonade und wippen mit den Füßen im schnellen Takt der Musik. Die DJane jagt uns unbeirrt von Track zu Track. Immer wieder greifen wir nach deiner Beute und schieben uns Brot zwischen die Zähne, spülen es mit den Drinks runter. Es ist warm draußen, als wir schließlich das Funkhaus hinter uns lassen. Der Mond scheint mit all seiner Kraft am wolkenlosen Himmel. Der innere, müde Schweinehund gewinnt, und weil ich nüchtern bin, fahren wir mit dem Auto zurück.

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Source: taz