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Germany · taz · · 2h

Trinkwassermangel: Leere Gläser ohne Gletscher

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Der hessische Edersee ist flächenmäßig der zweitgrößte Stausee in Deutschland. Hinter der 48 Meter hohen Staumauer wurde einst südwestlich von Kassel auch ein historisches Viadukt geflutet, die vierbogige Aseler Brücke. Normalerweise ist der 1890 fertiggestellte Bau nicht zu sehen, sondern liegt komplett unter Wasser. Doch im Winter 2025 war das Speicherbecken so leer, dass Spaziergänger das Viadukt trockenen Fußes überqueren konnten.

Es gibt Regionen in Deutschland, in denen es kein nutzbares Grundwasser gibt, dort müssen Talsperren, Seen und Flüsse einspringen, rund 30 Prozent der deutschen Wasserversorgung basieren darauf – im Ruhrgebiet zum Beispiel, im Thüringer Becken, auf der Schwäbischen Alb, in Sachsen oder im Saarland. Wasser aus den Harz-Talsperren wird über Fernleitungen bis ins nördliche Niedersachsen und nach Bremen geliefert. Und diese Talsperren machen immer häufiger die Dramatik sichtbar: Deutschland geht das Wasser aus.

Eine Untersuchung der „Boston Consulting Group“ und dem „Naturschutzbund Deutschland“ kam zu dem Ergebnis, dass Deutschland mehr Wasser verliert, als seine natürlichen Systeme in der Fläche wieder auffüllen können. Seit dem Jahr 2000 hat die Bundesrepublik demnach rund 60 Milliarden Kubikmeter Wasser aus ihren Oberflächenspeichern und Grundwasserleitern eingebüßt – was jener Wassermenge entspricht, die früher einmal im Bodensee enthalten war. Diese Betonung „früher“ ist wichtig: Der Pegel des Bodensees erreichte in diesem Sommer einen neuen Minimalwert.

Jetzt warnt auch die „Weltorganisation für Meteorologie“ WMO vor einem dramatischen Süßwasserverlust: 2025 sei das vierte Jahr in Folge, in dem die Gletschermassen in allen Regionen der Welt erheblich schrumpften, heißt es in ihrem am Donnerstag vorgestellten Bericht.

Wasser mit einer Masse von 1.400 Gigatonnen gingen demnach weltweit verloren – in etwa so viel, wie nötig wäre, um 560 Millionen olympische Schwimmbecken zu füllen. Zugleich schrumpfen dem Bericht zufolge seit Jahren die globalen Grundwasserbestände in vielen Teilen der Welt.

Als „Sparkonto des Planeten“ bezeichnet WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo diese Wasserkörper. „Wir leeren dieses Sparkonto“, warnt die argentinische Meteorologin. Beispielhaft listet der Bericht Mittel- und Osteuropa auf: Im Zeitraum 2014 bis 2024 ist hier das Defizit in den Grundwasserspeichern so groß wie kaum anderswo auf der Welt.

Akut ist der Wassermangel freilich an anderen Stellen. „In den letzten fünf Jahren entfiel mindestens die Hälfte aller gemeldeten hydrologischen Extremereignisse und mehr als 80 Prozent der damit verbundenen Todesfälle auf Asien und Afrika“, sagt Saulo. Zudem erlebten die Flüsse weltweit 2025 eines der drei trockensten Jahre seit 35 Jahren.

Dabei trägt der Klimawandel mittlerweile selbst zur Wasserknappheit bei. „Durch die globale Erderwärmung steigt auch die Verdunstung“, erklärt der Klimaforscher Mojib Latif. „Das heißt, die Böden trocknen schneller aus. Man hat zwar umgekehrt auch mehr Starkregen, aber die ausgetrockneten Böden können dieses Wasser gar nicht mehr aufnehmen“, so der Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

Die UNO spreche mittlerweile von einem Wasserbankrott, was Latif richtig findet: „Während andere Begriffe wie ‚Wasserkrise‘ suggerieren, dass das Problem reversibel wäre, unterstreicht der Begriff Wasserbankrott, dass das nicht der Fall ist.“ Dafür seien die Gletscher das beste Beispiel: „Wenn sie weg sind, dann sind sie weg – und mit ihnen auch ihr Süßwasser.“

Wie stark die hemmungslose Grundwassernutzung auf die Erde wirkt, zeigt eine Studie aus Südkorea: Um in der Sahara Kartoffeln anbauen zu können, wird dort tiefes Grundwasser wie Erdöl aus dem Boden gewonnen. Ägypten ist mittlerweile Deutschlands drittgrößter Kartoffelexporteur.

Damit „fließt“ Wasser, das in der Sahara knapp ist, quasi direkt nach Deutschland, wo die Bauern auf ihren Kartoffeln sitzen bleiben. Nicht nur das: Dieser Export hat der Studie zufolge zu einer Masseverschiebung auf der Erdoberfläche geführt – und damit zu einer Verschiebung der Erdrotation.

Für ihren Bericht nutze die WMO Daten aus 68 Ländern von über 3.000 Stationen aber auch von Satelliten. Ereignisse wie das Niedrigwasser an Elbe und Rhein in diesem Jahr gingen noch nicht in die Untersuchung ein. Trotzdem gab Celeste Saulo bei der Vorstellung in Genf an diesem Donnerstag eine Prognose ab: „Der sich verstärkende El Niño wird die Extremereignisse noch verschärfen – Dürre in einigen Ländern und Überschwemmungen in anderen.“

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Source: taz