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Treffen mit jungen Trotzkisten: Trotzki regelt
Die Linke verdankt ihren Erfolg vielen neuen, jungen Mitgliedern. Ein kleiner Teil der Bewegung will nun das Regieren in Berlin verhindern. mehr...
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„Sie können es sich aussuchen: Nehmen Sie ein gelbes oder ein rotes Los?“ Bei dem Mann, der in der Leipziger Innenstadt steht, kann man Kinotickets gewinnen. Nick erzählt, dass er vorhin schon ein Los gezogen hat – ein rotes. Der Mann habe zu ihm gesagt, die jungen Menschen würden immer die roten Lose ziehen. Nie die gelben. Nick grinst. Die Jugend entscheidet sich für die rote, die linke, also die sozialistische Variante, nicht nur beim Kinoticket. Für Nick sind das gute Nachrichten. Nick ist Mitglied der linken Gruppe „Sozialismus von unten“. Mit ihr wartet er auf den „revolutionären Bruch“.
Sozialismus von unten, kurz SVU, ist ein Teil des aktuellen Erfolgs der Linkspartei. Ganz sicher aber auch Teil ihres Problems. Nach Jahren der Krise hat die Partei ihre Mitgliederzahl verdoppelt. Vor allem junge, aktivistische Menschen sind eingetreten. Doch in den vergangenen Monaten haben bestimmte Gruppen die Parteispitze immer wieder in die unangenehme Situation gebracht, sich in Talkshows erklären zu müssen: Wie ist das Verhältnis der Linken zum Antisemitismus? Und zu Israel? Fragt man führende Linkenpolitiker, warum es immer wieder zu diesen Vorfällen kommt, dann fällt hinter vorgehaltener Hand schon länger ein Wort, das nach 1920, staubig und nach kleinen Brillen klingt: Trotzkisten.
Nick und Leon sitzen an einem Nachmittag im Oktober auf einem Sofa in einer Bäckerei in der Leipziger Innenstadt. Ihre echten Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Sie wechseln sich mit ihren Antworten auf die Fragen der taz ab, das haben sie vorher so ausgemacht. Immer wenn einer spricht, rutscht er nach vorne, während der andere tiefer in das Sofa sinkt. Nick ist 22, trägt rote Strumpfhosen unter den knielangen Cargohosen und einen schwarzen Schal um die Schulter geschlagen. Er studiert. Leon ist 27, lässt während des Gesprächs seine Softshelljacke geschlossen und vergräbt die Hände tief in den Taschen seiner Jeans. Er arbeite im sozialen Bereich, sagt er. Beide kommen aus Ostdeutschland, vom Land. Politisiert haben sie Neonaziaufmärsche und der Chef des völkischen Flügels der AfD, Björn Höcke, der mit 1.500 Menschen durch Nicks Heimatstadt gezogen ist.
Die Geschichte ihrer Politisierung erzählen die beiden jungen Männer so, wie sie wahrscheinlich viele aus ihrer Generation erzählen würden: wie sich die Krisen zugespitzt haben, wie sie erst in der Klimabewegung aktiv waren, wie Corona kam, der Krieg in der Ukraine, dann Gaza und wie sie nach einem „theoretischen Kompass“ gesucht haben.
Immer wieder ringen die Linkspartei, Protestbewegungen und Gewerkschaften mit Trotzkisten. Diese beziehen sich auf Leo Trotzki, einen russischen Revolutionär, der den Machtkampf gegen Stalin verlor. Später ließ der ihn ermorden. Trotzkisten glauben an die permanente, weltweite Revolution. Ständig wollen sie also die herrschenden Verhältnisse umstürzen.
Für die Linke heißt das: Es sind zwar wenige, aber sie nerven die Partei, weil sie als Revolutionäre deren „Reformismus“ bekämpfen. Insbesondere bei jungen Menschen scheinen sie allerdings – und vielleicht deswegen – erfolgreich zu sein.
Die Revolution, wie sie sich die Gruppe SVU vorstellt, erklärt Leon so: Sie kommt nicht von oben, von Parteien, sondern von unten. Er nennt das „Selbstbefreiung der arbeitenden Klasse“. Und wie könnte Deutschland dann nach der Revolution aussehen? „Ein Vorbild für eine gesellschaftliche Organisationsform nach einer Revolution könnte die Räterepublik der Sowjets von 1918/19 sein“, sagt Leon.
Je näher man den Trotzkisten kommt, desto diffuser wird das Bild. Da sind viele kleine Gruppen, die sich ständig in alter linker Tradition voneinander abspalten. Ein bekanntes trotzkistisches Netzwerk ist Marx21, das insbesondere in Berlin-Neukölln aktiv ist.
Als die Linke das Marx21-Mitglied Ramsis Kilani im Jahr 2024 aus der Partei ausschloss, weil er den Terror der Hamas relativiere, spalteten sich mehrere Mitglieder der Linken von Marx21 ab. Sie gründeten „Sozialismus von unten“. Offiziell empfiehlt die Gruppe, dass alle ihre Mitglieder aus der Linkspartei austreten sollen, weil die Partei keine „sichtbare Systemalternative“ formuliere und den Kapitalismus nicht grundsätzlich infrage stellt. Wie viele SVU-Mitglieder die Partei tatsächlich verlassen haben, ist nicht bekannt. Leon und Nick selbst sind keine Parteimitglieder.
Enge Verbindungen gibt es allerdings immer noch. Leon und Nick wollen beispielsweise nach Berlin auf den bundesweiten Zündfunke-Kongress von SVU fahren. Mitte November sprechen dort neben Influencern prominente Linkenmitglieder wie Vanessa Emde. Die Berliner Abgeordnete steht unter anderem in der Kritik, weil sie mit erkennbarem Bezug auf Israel sagte: „Staaten haben kein Existenzrecht.“ Die Linke sieht aktuell „keine gemeinsame Arbeitsgrundlage“ mit Emde. Auch Hannah Bruns ist auf dem Kongress eingeladen. Gegen sie läuft in der Linken gerade ein Parteiausschlussverfahren.
Als Nick und Leon nach Leipzig zogen, landeten sie nicht sofort bei SVU. Zuerst waren sie beim SDS aktiv, dem Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverband der Linken, einer der offiziellen Nachwuchsorganisationen. „Mein Eindruck war, dass der SDS seine Politik zunehmend stärker an der Linken ausgerichtet hat“, sagt Nick. Sowohl Nick als auch Leon stellten irgendwann fest: Sie suchen nach einem „revolutionären Bruch“, den sie beim SDS nicht fanden. Dann habe sie „ein Genosse abgeworben“, sagt Nick. Sie wechselten zu SVU. Nick und Leon sind seitdem zwar nicht mehr beim SDS aktiv, von anderen Teilen der Partei kann man derweil allerdings hören, die Jugendverbände der Linken seien „unterwandert“ von trotzkistischen Gruppen. Ein Anruf der taz beim SDS und die Frage, ob der SDS denn Personen von SVU in den eigenen Reihen kenne, endet nach wenigen Sekunden. Keine Zeit, man kenne niemand.
Dass SDS und SVU teils eng miteinander kooperieren, zeigt ein Blick auf Instagram. Dort rufen SVU und SDS regelmäßig gemeinsam zu Demos auf oder sitzen zusammen auf Podien. Der Einfluss von SVU zeigt sich auch bei Protesten gegen Björn Höcke in Jena, gegen eine Waffenfabrik in der Nähe von Leipzig oder auf den „Gen-Z regelt“-Demos. Dort gingen vergangenes Wochenende Tausende junge Menschen für eine bessere Zukunft auf die Straße. Auch Leon und Nick schauen mit Hoffnung auf diese Proteste. Auch, weil die in Frankreich so viele Menschen erreichten. Wie bewerten sie die Frage der Gewalt bei den Protesten? Nick lacht – war ja klar, dass die Frage kommt. Die Antwort, die sie darauf geben, wollen Nick und Leon im Nachhinein nicht autorisieren.
Die Trotzkisten suchen aber auch die direkte Konfrontation mit der Partei. Mitglieder von „Sozialismus von unten“ protestierten am vergangenen Wochenende gegen den Parteitag der Linken in Berlin: Während eine große Mehrheit der Delegierten für Koalitionsgespräche mit SPD und Grünen stimmte, standen draußen vor der Halle die parteiinterne Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität gemeinsam mit Ramsis Kilani und Vanessa Emde.
Sie kritisieren: Die Linke sei zu viele Kompromisse mit SPD und Grünen eingegangen, die Koalition nicht „palästinasolidarisch“ genug. Die Menge reckte währenddessen Banner über ihre Köpfe: „Staatsräson = Völkermord“. Immer wieder riefen sie „Shame on you“ Richtung Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp. Auf Anfrage der taz will sich niemand aus der Linken namentlich zu den Trotzkisten äußern. Die Begründung klingt immer ähnlich: Das seien Probleme, die die Partei intern klären müsse.
Eine Linkenpolitikerin sagt der taz: „Es gibt Menschen von diesen Splittergruppen, mit denen kann man hervorragend zusammenarbeiten“, die seien pragmatisch. Doch gebe es andere, die sich nicht für die realen Bedingungen im Leben interessierten. Da gehe es nur um Israel und „alles, was damit zu tun hat, ist schlecht“.
Insbesondere bei diesen Themen kann man beobachten, wie Mitglieder von SVU sich immer wieder in parteiinterne Konflikte einmischen. Zum Beispiel im März in Niedersachsen. Dort hatte die AG Palästinasolidarität Niedersachsen ein Video veröffentlicht. Darin freuen sich Männer mit Kufija, weil ihre Anträge auf dem Parteitag der Linken Niedersachsen allesamt durchgegangen sind. Anträge, in denen der „Genozid in Gaza“ als Folge des Zionismus bezeichnet wird – Niedersachsen sei jetzt der erste „antizionistische Landesverband“, sagt einer. SVU solidarisiert sich offiziell mit dem Landesverband und feiert das Video.
Das Gespräch mit Nick und Leon dauert schon eine Stunde, als auch sie über Israel sprechen. „Israel ist ein kolonialer Siedlerstaat. Gegen dauerhafte Besatzung und Entrechtung ist Widerstand berechtigt – auch von Palästinensern“, sagt Leon. Und wie bewerten sie den 7. Oktober? Also den Tag, an dem die Hamas knapp 1.200 Menschen ermordete und rund 250 als Geiseln verschleppte. Auch ihre Antwort auf diese Frage ziehen Nick und Leon im Nachhinein zurück. Auf der Website schreibt ihre Organisation: Der 7. Oktober „fällt aus unserer Sicht unter das Recht auf bewaffneten Widerstand gegen Besatzung“.