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Theaterstück von Sophia Süßmilch: Sehr viel Nacktheit und doch zu wenig Wut
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Gut zwei Jahre ist es her, da rief eine Ausstellung der Künstlerin Sophia Süßmilch im niedersächsischen Osnabrück die örtliche CDU auf den Plan. Kreisverband und Fraktion riefen zum Boykott der Kunsthalle auf. Der Vorwurf: Süßmilch propagiere Kannibalismus, ihre Kunst sei verstörend, nicht nur für Kinder, sondern insgesamt unzumutbar. Selbsternannte Moralapostel schickten der Künstlerin daraufhin Morddrohungen. Durchsetzen konnte sich die CDU nicht, der unschöne Fall aber machte bundesweit Schlagzeilen und Süßmilch auch jenseits der Blase bekannt.
Wer einmal eine ihrer Performances gesehen hat, bei denen die Künstlerin gerne halbnackt mit zusätzlich vorgeschnallten Brüsten, Rattenschwanz, in einem Haufen blütenverzierter Butter oder sonst irgendwelchen grotesken, schreiend komischen Arrangements mit dezidiert feministischem Impetus posiert, vergisst das aber ohnehin so schnell nicht wieder.
Süßmilch, geboren 1983 im bayerischen Dachau, studierte in Wien Bildhauerei, später Medienkunst in Karlsruhe. Inzwischen lebt sie in Berlin und macht in ihrer Kunst alles Mögliche: malt, baut Skulpturen, performt, zeichnet, schreibt, filmt und fotografiert. Im vergangenen Jahr bespielte sie zur Berlin Art Week gemeinsam mit der Künstlerin Cathrin Hoffmann deren von Gentrifizierung bedrohtes Studio mit einer maximal vollgestopften Gruppenausstellung. Auch einen Performanceabend gab es, sehen konnte man da allerdings kaum etwas, weil es viel zu voll war.
Eine weitaus bessere Sicht bot sich nun am Samstagabend im Berliner Hebbel am Ufer bei der Premiere von Süßmilchs erstem abendfüllenden Theaterstück: „Etwas Schreckliches wird passieren: Die Menschenfresserin“ wurde angekündigt als theatrale Abhandlung über weibliche Wut mit einer Kannibalin im Zentrum – Proteste vorab blieben dieses Mal aus –, die „nicht länger Objekt des Konsums, sondern selbst zum konsumierenden Subjekt“ wird.
Wütend zu sein, dafür gibt es als Frau im Allgemeinen und als Sophia Süßmilch im Besonderen freilich genug Gründe. Eine kurze Hinführung liefert Süßmilch in der Rolle der Erzählerin, bevor es richtig losgeht, dennoch. Irgendwann habe „die Frau“ beschlossen, 500 Leute in ein „muffiges altes Gebäude“ zu quetschen, um ihnen ihre Geschichten zu erzählen, damit im Anschluss „wenigstens einer der Menschen die Bude anzünden und vielleicht auf der Straße weitermachen“ würde, trägt sie da vor. Gut kommt das an, das Publikum lacht viel. Es ist Tag 5 der Berliner Kunstwoche, wer da so sitzt, hat schon einiges erlebt, das Jugendstiltheater umweht der Geruch einer länger nicht belüfteten Kneipe.
Wenn es Künstlerinnen ans Theater treibt, dann geht das mitunter gründlich daneben. Eine Bühne funktioniert anders als ein Galerieraum, vor allem braucht es eine Dramaturgie und eine funktionierende Produktion. Das alles bekommt Süßmilch ziemlich gut hin. Kostüme, Requisiten und Bühnenbild allein sind schon toll – es wird Charleston in Zirkuszelten getanzt, die wie Burkas das Gesicht verdecken, hinten aber mitunter den Po freilegen. Süßmilch tritt schlumpfblau angemalt, ansonsten nackt, mit einem Sixpack aus Brüsten auf, die Performerinnen als böse Clowns mit fies ins Gesicht geschminktem Grinsen, irgendwann regnet es Riesenteddybären.
Das Stück hat Stringenz. Ein paar Längen gibt es, aber dann schafft sie es immer, einen wieder abzuholen. Dann etwa, wenn man gerade erst irritiert dachte, es könnte schon vorbei sein, weil der Vorhang sich mit einem Mal schloss. Es folgt der eigentliche Höhepunkt: die Auferstehung des Monsters, natürlich ist es ein weibliches, zusammengebastelt aus sezierten Teddybären und schwarzem Tape, gemeinschaftlich an Stangen emporgehalten von den Darstellerinnen.
Überhaupt ist es deren Zusammenspiel, bei dem sich Süßmilch öfters unauffällig im Hintergrund hält, und die Musik, die das Stück tragen. Es wird viel gesungen und das sogar richtig gut, von Verdis „La Donna è mobile“ über eigens dafür von Ilgen-Nur Borali oder Henrike Henoch komponierten Liedern bis hin zu Bonnie Tylers „Total Eclipse of the Heart“, begleitet von Klavier, Gitarre, Violine.
Stark ist „Etwas Schreckliches wird passieren: Die Menschenfresserin“ außerdem dann, wenn Süßmilch sich selbst auf Korn nimmt – oder aufs Korn nehmen lässt. Wenn es selbstironisch um die obligatorische Nacktheit im feministischen Theater geht oder die blinden Flecken im Aktivismus.
Sophia Süßmilchs Stück macht viel Spaß, aber geht doch nicht ganz auf. Hat sie am Ende zu brav abgeliefert? Hätte sie noch mehr freidrehen sollen? Oder waren es doch die Inhalte, die zu nah an der Oberfläche entlangschrammten? Noch ein bisschen mehr Wut, weniger Erklärung hätte dem Ganzen gutgetan. Sophia wolle um jeden Preis vermeiden, dass es zu didaktisch würde, erklärt Lucia Peraza Rios, eine der Performerinnen, an einer Stelle. Hätte sich Süßmilch mal besser daran gehalten. Angezündet hat die Bude am Ende jedenfalls niemand. Und auch auf der Straße kam es zu keinerlei Zwischenfällen.
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Source: taz