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Theaterabend über Hannah Arendt: Von Bäumen zeugen nur noch Stümpfe
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Zeigen, was ist und war – diesen Ansatz, der das zu Unrecht als verstaubt geltende Dokumentartheater reaktiviert, verfolgt das Schauspiel Stuttgart konsequent. Wohl auch, um den Verschwörungstheorien rechter Demagogie mit einem Wahrheitsanspruch zu begegnen.
Dafür stand auch Leben und Werk der Philosophin Hannah Arendt (1906–1975), weswegen ihr Regisseur und Intendant Burkhard Kosminski mit dem Stück „Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt“ einen Abend in Stuttgart widmet. Genau genommen ein knapp fünfstündiger, mehrteiliger Marathon.
Nachdem zunächst eines der bekanntesten Fernsehinterviews mit der Autorin nachgestellt wird, tragen Sylvana Krappatsch und Matthias Leja den Briefwechsel zwischen ihr und ihrem akademischen Ziehvater und zeitweiligen Liebhaber Martin Heidegger vor. Auf einer Bank sitzend, entschweben die beiden sichtlich den realen Personen Ähnelnden nach oben. Ansonsten hält sich die Inszenierung mit Effekten zurück.
Man gibt vielmehr der Geschichte Raum. In der nächsten Szene sitzt Arendt an der Schreibmaschine, während Adolf Eichmann inmitten der Drehbühne im Glaskasten sitzt. Er ist jener NS-Kriegsverbrecher, über dessen Prozess die Intellektuelle 1961 in Israel berichtet. In der blinden Gefolgschaft des von ihr als Hanswurst bezeichneten Täters identifiziert sie die Banalität des Bösen. Durch diese Aussage sollte sie zu einer der kontroversesten und meistdiskutierten jüdischen Denker:innen des 20. Jahrhunderts avancieren.
Dass ihre Betrachtungen weit über die bloße Analyse des Nazi-Regimes hinausreichten, zeigt auf lebendige Weise der zweite große Part der Aufführung. Die Bühne betritt Daniel Cohn-Bendit. Der ehemalige Europaabgeordnete der Grünen kannte Arendt noch persönlich und verkörpert mit seiner Biografie ihre bereits 1940 entworfene Utopie eines geeinten Europas. Ergreifend spannt der Politiker einen Bogen von der Verfolgungsgeschichte seiner Eltern bis zum aktuellen Gaza-Konflikt und dem Triumphzug der Rechtsextremisten. „Mir ist egal, was sie sagen“, so der Ex-Politiker, „mir ist aber nicht egal, dass die anderen schweigen.“
Elfriede Jelineks frühes Werk „Totenauberg“ von 1991, eine scharfzüngige Reflexion der Verstrickungen Martin Heideggers im Dritten Reich, thematisiert als fulminantes Finale, worin sich der Faschismus fortsetzt, wenn man ihn nicht bekämpft. Zum Beispiel in der Unterdrückung der Natur. Passend zum Wohnort des Hochschullehrers, Todtnauberg im Schwarzwald, erscheint die Landschaft von Anfang an als eine morbide.
Von Bäumen zeugen nur noch Stümpfe, auf die Holzfäller einschlagen, dazwischen Tiertrophäen. Wichtiger als eine vitale Flora und Fauna sind ja ohnehin die Projektionen. Daher ziehen auf der gigantischen Leinwand im Hintergrund immer wieder Modelleisenbahnen zu Schunkelmusik und vor der Alpenkulisse ihre Kreise.
Eine nette Idylle für Tourist:innen, die am liebsten die gezähmte Wildnis mögen. Wenn einer von ihnen (grandios: Felix Strobel) mit einem Seil die Fläche hinaufklettert, sehen wir in den Filmstills, die mit der Riefenstahl-Ästhetik spielen, auch nur ihn statt der Gebirge. In der Selbstbespiegelung lässt sich eben gut verdrängen, wer unter der Heimaterde liegt, nämlich die Ermordeten der Konzentrationslager. Als sie später mit Totengesichtern aus dem Boden nach oben fahren, sitzt hinter ihnen das versammelte, bierselige Wirtshaus. Im lovely Dirndl wirbt sodann noch Katharina Hauter mit Volksbegehren gegen den Zuzug von Fremden. Nur zahlende Gäste bitteschön!
Einen Höhepunkt dieser galligen Abrechnung mit Nationalismus und Rassismus stellt übrigens die Aufrichtung einer zuvor umgeworfenen riesigen Heidegger-Figur dar. Zur pathetischen Wagner-Musik und Winteraufnahmen feiern die Jäger damit ihren Todesrausch. Krasser könnte eine Anklage rechter, großdeutscher Sieges- und Unterdrückungsfantasien kaum ausfallen. Obschon die spektakuläre Inszenierung zeitlich ausufert, überzeugt sie auf ganzer Linie. Ohne ins Plakative abzugleiten, liest sie sich als souveräner Kommentar auf autoritäre Verführungsversprechen der Gegenwart, auf die Arendt eine Antwort gegeben hätte: Widerstand!
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Source: taz