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Stolpersteine für NS-Opfer: Gedenken in Heidenau wandert auf den Friedhof
Mit Stimmen von Rechtsextremen hatte der Stadtrat beschlossen, keine neuen Stolpersteine zu genehmigen. Ein Mahnrundgang zeigt: Bedarf gäbe es. mehr...
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Als Anne Nitschke ihr Mikrofon anschaltet, stehen vor ihr auf dem Platz der Freiheit in Heidenau rund 70 Menschen, um den Verfolgten des NS-Regimes zu gedenken. Anlass ist der Jahrestag der Novemberpogrome von 1938, bei denen in ganz Deutschland Synagogen geschändet, jüdische Läden geplündert und Tausende Juden:Jüdinnen deportiert oder ermordet wurden – auch in Heidenau. Der Mahngang, den Nitschke mitorganisiert hat, geht an diesem Sonntagnachmittag an Orten vorbei, an denen Opfer des NS-Regimes in Heidenau gelebt haben. In kurzen Reden geht es um das Leben, das die Menschen vor bald hundert Jahren in der kleinen sächsischen Stadt führten.
Da war Bernhard Berger, den die Nazis am 9. November 1938 während der Novemberpogrome in Heidenau verhafteten und ins KZ Buchenwald brachten. Er überlebte die Schoah und wanderte mit seiner Frau nach Australien aus. Da war Aloisia Braune, die laut Recherchen des Vereins Akubiz als Jüdin und Kommunistin in Heidenau verfolgt wurde. Da war die Familie Weiner: Rosalie, Herrmann und ihr 1933 geborenes Kind Edith. Sie flohen 1938 aus Heidenau, wurden wohl 1942 bei einem Massaker in Transnistrien ermordet, weil sie jüdisch waren.
Das Alternative Kultur- und Bildungszentrum (Akubiz), bei dem die Heidenauerin Anne Nitschke im Vorstand sitzt, würde diesen Menschen gern mit Stolpersteinen gedenken. Das sind kleine Messingtafeln, in die die Namen von Opfern geprägt sind. Für zwölf dieser Steine hat das Akubiz bereits die Verlegung beantragt. Aber ihre Verlegung auf öffentlichen Gehwegen wird nichts mehr.
Der Stadtrat Heidenau hat im September entschieden, alle Anträge für neue Stolpersteine unbesehen abzulehnen. Selbst bereits eingereichte Anträge fallen darunter. Die Initiative dazu wurde von CDU- und AfD-Mitgliedern unterstützt. Auch Bürgermeisterin Conny Oertel (parteilos) sprach sich gegen das dezentrale Gedenken aus. Laut Nitschke hat der Verein kurzfristig auch Oertel zu dem Mahngang am Sonntag eingeladen. Aber die habe aus Termingründen abgesagt. In den Reden geht es immer wieder um die Stolpersteine.
Die Stadträt:innen begründeten ihren Entschluss damit, dass Menschen über die Stolpersteine und damit über die Namen der NS-Opfer hinweggehen. Das sei kein „würdevolles Erinnern“. Stattdessen solle auf dem Nordfriedhof eine „Gedenkfläche“ entstehen, gewidmet den Opfern „von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau“.
Kurz nach dem Beschluss gab es viel Kritik. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erklärte auf taz-Anfrage, es sei ein völlig falsches Zeichen, Orte der Erinnerung aus dem Stadtbild zu entfernen. Sie sei entsetzt, dass die CDU „ein so durchsichtiges Manöver der Extremisten von der AfD“ unterstütze.
Der Stadtrat rückt indes trotz der Kritik nicht vom Stolpersteinverbot ab. Ende Oktober berieten die Stadtratsmitglieder über fünf Petitionen, die forderten, den Beschluss gegen die Stolpersteine zu prüfen oder gleich zu revidieren. Doch eine Mehrheit der Stadtratsmitglieder wies alle Anträge ab.
Kurz danach erklärte Oertel, in Heidenau werde schon „intensiv der Opfer des Nationalsozialismus gedacht“. Es gebe bereits mehrere Denkmäler, zudem benannte die Stadt im vergangenen Jahr eine Straße nach Paul Gröger (SPD), der im Widerstand gegen die NSDAP 1933 starb. Für Gröger liegt vor dem Rathaus ein Stolperstein.
Außer diesem gibt es noch vier weitere Stolpersteine in Heidenau für die Familie Reiner. Sie liegen in der Nähe des Bahnhofs, vor dem 1913 erbauten Gebäude, in dem die Reiners ein Kaufhaus betrieben. Genau dort steht am Sonntagnachmittag Anne Nitschke vom Verein Akubiz und schaut leicht nach vorn gebeugt auf die vier angelaufenen Messingplatten. Die Bürgermeisterin oder die CDU-Fraktion im Stadtrat sei nie auf ihren Verein zugegangen, sagt sie. Nachdem der Stadtrat die Petitionen abgelehnt hatte, hätten sich allerdings einige Menschen beim Akubiz gemeldet und gefragt, was man für das Stolperstein-Gedenken in Heidenau tun könne. Noch in diesem Jahr wolle der Verein zu einem Treffen einladen, erzählt Nitschke. „Es gibt Ideen für alternative Möglichkeiten.“
Eine der Ideen ist, die privaten Grundstücksbesitzer:innen an den Orten, die für die Stolpersteine angedacht sind, zu fragen, ob man die Steine bei ihnen verlegen könnte. Falls die zustimmten, könne die Stadt nichts dagegen tun. Falls nicht? Dann dauere es noch ein bisschen, sagt Nitschke. „Aber eigentlich ist es auch okay, dass es noch dauert. Der Prozess gehört dazu.“