Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Starke Frauenfiguren in Venedig: In ihrem Körper brennt es

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Dass es wenige Regisseurinnen im Wettbewerb dieser Filmfestspiele von Venedig gibt, hat schon zu Beginn des Festivals die Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal bemängelt. Dass es unter den Beiträgen zu wenige starke Frauenfiguren gebe, lässt sich dagegen nicht sagen. Diese Figuren haben einige Ecken und Kanten, vor allem weil ihre Darstellerinnen diese so filigran herausarbeiten.

Im Drama „Un bon petit soldat“ von Stéphane Brizé geht es, wie in vielen seiner Filme, um die sozialen Abgründe der Arbeitswelt. Ort der Handlung ist das Bürohochhaus eines Versicherungskonzerns, dessen nüchtern-kalte Räume die Kamera fast nie verlässt. Carla hat dort soeben als Personalchefin begonnen, sie ist ehrgeizig, anpassungswillig und unbedingt bereit, alles zum Besten der Firma zu geben. Sie steht zugleich stark unter Druck, jeder kleine Ausrutscher könnte das Ende ihrer Laufbahn beim neuen Arbeitgeber bedeuten.

Als sie vom Fehlverhalten einer Abteilungsleiterin gegenüber einer Untergebenen erfährt, informiert sie ihren Vorgesetzten, der will die Sache jedoch herunterspielen. Carla beginnt darauf, die Betroffenen zu kontaktieren, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Was nach kurzer Zeit ihren eigenen Posten ernsthaft zu gefährden beginnt.

Alba Rohrwacher gibt diese Carla mit kontrollierter Sachlichkeit, ihr Mienenspiel verrät dabei die Ängste ebenso wie die Frustrationen, die sie ständig schultern muss. Und in einer brillanten Szene, in der sie eine drastische Personalentscheidung vertreten muss, lügt sie so überzeugend, dass man ihre Worte fast glauben könnte.

Ein Versteckspiel dieser Art hat Angela in „Il fuoco che ti porti dentro“ (Das Feuer in dir) von Edoardo De Angelis nicht nötig. Oder vielmehr: Sie könnte so etwas wohl gar nicht. Die Familienmutter im gesegneten Alter hat die Familie am Heiligabend versammelt beziehungsweise alle, die zu ihr zu kommen bereit sind. Denn ein Engel ist sie, ungeachtet ihres Namens, nicht, allenfalls ein Erzengel. Kaum sind die ersten Kinder mit Anhang bei ihr in der Wohnung, fängt sie an zu schimpfen, zu lästern und praktisch alle um sich herum in der einen oder anderen Form zu erniedrigen.

Die Schauspielerin Vanessa Scalera, die für die Rolle um einige Jahrzehnte älter geschminkt wurde, bildet das Kraftzentrum dieser Geschichte, die für ein Drama viel zu witzig ist. Wobei der Witz so schneidend-ätzend und ohne Rücksicht auf Verluste zuschlägt, dass man beim Zuschauen das eigene Lachen als Schutzschild benötigt. Auf die kurze Zeitspanne von Heiligabend bis zum Weihnachtsmorgen begrenzt, verlässt dieses klaustrophobische Kammerspiel nie die Wohnung, die Kamera kreist lauernd um die Familienmitglieder, als würde sie die nächsten Opfer aussuchen. Eine rabenschwarze Meditation über die destruktive Seite der Liebe und eine beachtliche Ensembleleistung.

Apropos Ensemble: Über die Fortsetzung des „DAU“-Projekts des Regisseurs Ilja Chrschanowski wäre eine Menge zu sagen: über die Kritik, die die Arbeitsbedingungen am Dreh schon 2020 bei der Berlinale hervorriefen, als sein Film „DAU. Natasha“ dort im Wettbewerb lief, oder über seinen aktuellen Hauptdarsteller, den Dirigenten Teodor Currentzis, dem eine Nähe zum russischen Staat vorgeworfen wird. Über den jetzt in Venedig gezeigten gut dreistündigen Film „DAU“, der um das Leben des sowjetischen Physikers Lew Landau kreist, lässt sich sagen, dass die obsessiv akkurate Ausstattung mit ihren teils abstrusen Details wie einem riesengroßen Flugzeug einen überwältigt.

Die Permanenz von Gewalt, und Sex in dieser rekonstruierten UdSSR erschöpft mehr, als dass sie erschreckt. Dafür überrascht Chrschanowski immer wieder mit absurden Bildern. In einer Szene etwa waten Menschen durch tiefen Matsch und sehen dabei aus, als seien ihre Körper um 45 Grad nach links gekippt. Wie hat er das bloß gedreht?

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Source: taz