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Germany · taz · · 2h

Sichtbarkeit von jüdischem Leben: Chanukka in Neukölln

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Das Entzünden der Kerzen am Chanukka-Leuchter hat in Neukölln eine vierjährige Tradition. Seit Dezember 2022 hatte der Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) jedes Jahr zum jüdischen Lichterfest ins Rathaus des Bezirks eingeladen. An acht Abenden hintereinander hatten Mitglieder der jüdischen Community nach und nach die Kerzen angezündet: an einer Chanukkia, die der Bezirk gemeinsam mit der jüdischen Bildungsinitiative Hillel gut sichtbar auf dem Balkon des Rathauses aufgestellt hatte.

Damit ist nun wohl Schluss – aber anders als von der Bild-Zeitung behauptet, ist diese Entscheidung wohl unabhängig von dem Wahlsieg der Linken in Berlin und speziell Nordneukölln gefallen. Die Linke hatte bei der Wahl dort drei Direktmandate mit je 41,2, 46,2 und 50 Prozent der Stimmen geholt. Auch in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) wurde sie mit 32 Prozent mit Abstand stärkste Kraft.

Unter dem Titel „Juden ziehen ihr heiliges Licht wegen Israel-Hass ab“, hatte Bild am Dienstag aus einer E-Mail zitiert, in der ein Mitglied von Hillel den Bezirk nach einem Termin fragte, um den Chanukka-Leuchter „aus dem Rathaus zu entfernen“. „Wir wollen sie an einem neutralen Ort öffentlich anzünden“, zitierte Bild das Hillel-Mitglied. „Der Schock, dass unsere Chanukkia das Rathaus verlässt, sitzt tief“, hatte der Noch-Bezirksbürgermeister Martin Hikel daraufhin in der Zeitung erklärt. „Mit ihr verlässt das Symbol dafür, dass jüdisches Leben in Neukölln wieder stattfindet, den Bezirk“, sagte er.

In einem am Mittwochabend verbreiteten Statement wendet der Verein Hillel sich ausdrücklich gegen diese Lesart. „Wir beobachten derzeit die Lage in Neukölln und ganz Berlin mit Sorge und Aufmerksamkeit“ schreibt Hillel darin. „Gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus in der Öffentlichkeit immer präsenter ist, halten wir es für wichtig, deutliche Zeichen dagegenzusetzen.“ Die Chanukkia im Rathaus Neukölln habe viele Jahre genau diese Funktion gehabt: ein sichtbares Zeichen für jüdisches Leben, mitten in Neukölln. „Ob das Kerzenzünden dieses Jahr in Neukölln stattfinden kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab und ist noch nicht entschieden“, heißt es in dem Statement weiter.

„Unsere Entscheidung, den Leuchter aus dem Rathaus abzuholen, war keine Reaktion auf die Wahlergebnisse – und sie hat erst recht nichts mit dem Bezirk und mit den dort lebenden Menschen zu tun“, sagt Dan Rattan, Pressesprecher von Hillel der taz auf Nachfrage. „Wir befinden uns gerade in einer Übergangsphase mit Führungswechsel und da ist es nicht ungewöhnlich, dass Veranstaltungsformate und Partnerschaften überdacht und neu aufgestellt werden.“ Der Verein stehe schon länger mit dem Bezirk darüber im Austausch. Die Feier im Rathaus sei damals über persönliche Kontakte entstanden und darüber, dass Hillel den Sitz in Neukölln gehabt hätte.

Im Verein gäbe es die Überlegung, den Leuchter künftig an einem Ort aufzustellen, der nicht politisch aufgeladen sei. Und, so scheint es zwischen den Zeilen durch: ein Ort, an dem die Möglichkeiten geringer sind, dass Po­li­ti­ke­r*in­nen oder andere Ak­teu­r*in­nen das Feiern eines jüdischen Fests instrumentalisieren. „Ich habe nicht den Eindruck, dass es in der Debatte gerade darum geht, was eigentlich unsere Bedürfnisse sind“, sagt Rattan. „Wir sind ein Verein für die Community, wir haben keinen politischen Anspruch“, sagt er.

Ein Sprecher bestätigte auf Nachfrage der taz, dass der Bezirk seit dem Sommer mit Hillel dazu im Kontakt stehe. „Es ging dabei auch darum zu klären, dass der Leuchter Hillel gehört. Denn damals war er von Hillel und über eine Förderung finanziert worden“, sagte der Sprecher. Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel stehe weiterhin im Gespräch mit Hillel, um jüdisches Leben auch zukünftig sichtbar zu machen. Trotz der Verlegung des Festes hoffe Hikel auf eine öffentlich sichtbare Chanukkia in seinem Bezirk.

„Der Landesverband Berlin hat Leitlinien erlassen, wie sie mit antisemitischen Verstößen umgehen wollen“, sagt Hillel-Sprecher Rattan. „Soweit ich das sehe, handelt die Linke aber nicht danach. Denn es passieren Dinge, die dagegen verstoßen, die Partei leitet aber die eigenen Verfahren mit Ombudspersonen oder der Landesschiedskommission bisher nicht ein“, sagt er. Er glaube an den guten Willen von Elif Eralp. „Ich sehe aber nicht, wo sie den konsequent umsetzt“, sagt Rattan. Und er fügt hinzu: „Verlässliche Partner kann nur sein, wer sich nicht auf einem Vertrauensvorschuss ausruht, sondern Verlässlichkeit auch in Taten zeigt.“

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Source: taz