Faultline Faultline Kommando 161

World · taz · · 1h

Seoul verlangt Entschuldigung: Südkorea wirft Ukraine Geheimnisverrat vor

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Während die Ukraine sich im fünften Kriegsjahr gegen die russischen Truppen verteidigt, gerät sie auf diplomatischer Ebene ausgerechnet mit einem Land aneinander, das bislang zu ihren politischen Unterstützern gehörte: Südkorea.

Hintergrund dieses ungewöhnlichen Konflikts ist die Überstellung zweier nordkoreanischer Soldaten, die bereits seit letztem Januar von der Ukraine in Gefangenschaft genommen wurden. Die Männer zählten zu den rund 15.000 Militärs, die Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zur russischen Unterstützung entsandt hatte.

Während seiner Rede vor der UN-Generalversammlung hatte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskyj erstmals öffentlich gemacht, dass man die zwei Soldaten – gemäß ihres eigenen Wunsches – nach Südkorea überstellt habe.

Auch wenn Südkoreas Präsident Lee Jae-myung die Aufnahme der Nordkoreaner ebenfalls gefordert hatte, kritisierte er Selenskyj dafür, eine Vereinbarung zur Geheimhaltung gebrochen zu haben. Der Vorwurf lautet, dass durch die Veröffentlichung nordkoreanische Verwandten der Soldaten Repressionen erleiden könnten. Auch dürfte sich Pjöngjang provoziert fühlen, dass Seoul überhaupt zwei Überläufer aufnimmt.

Doch die ukrainische Seite ließ den Vorwurf nicht auf sich sitzen. Selenskyjs Kommunikationsberater Dmytro Lytvyn stritt eine Vereinbarung zur Geheimhaltung mit Seoul ab. Was für Kyjiws Argumentation spricht: Schließlich war es die südkoreanische Regierung selbst, die die Angelegenheit der zwei nordkoreanischen Kriegsgefangenen stets öffentlichkeitswirksam thematisiert hat.

Am Montag ist der Streit jetzt eskaliert. Ein Sprecher des Präsidialamts in Seoul forderte eine „Entschuldigung sowie offizielle Erklärung von Kyjiw“. Der Vize-Außenminister Park Yoon-joo bestellte zudem den Geschäftsträger der ukrainischen Botschaft in Seoul ein.

Ein Abgeordneter aus dem Regierungslager drohte sogar an, man solle der Ukraine sämtliche Hilfsgelder kürzen: „Es gibt keinen Grund, ein Land zu unterstützen, das zwischenstaatliche Vertraulichkeitsvereinbarungen nicht einhält“, schrieb Kim Byoung-joo auf X.

Hinter dem Streit steht auch der zunehmende innenpolitische Druck, den Präsident Lee Jae-myung derzeit erfährt. Seine Popularität ist laut Umfragen so niedrig wie nie zuvor seit seinem Amtsantritt im Juni 2025. Und viele Kommentatoren vermuten hinter vorgehaltener Hand sogar, dass Lee den diplomatischen Konflikt ausschlachtet, um von den eigenen Krisen daheim abzulenken.

Eine Kritik aus dem konservativen Lager lautet auch: Lee habe Angst davor, Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zu verärgern, und daher vermeidet er sämtliche sensiblen Themen – unter anderem auch die Überstellung der zwei übergelaufenen Soldaten.

Doch gleichzeitig zeigt sich an der Causa auch eine zunehmende Kluft zwischen den Regierungen in Seoul und Kyjiw. Die Ukraine ist mittlerweile frustriert, dass Südkorea trotz seiner beachtlichen Rüstungsindustrie weiterhin keine Waffen nach Kyjiw verkauft.

Gleichzeitig bezieht Seoul insbesondere seit Ausbruch des Iran-Kriegs wieder vermehrt Treibstoff aus Russland. Auch stehen die großen koreanischen Mischkonzerne bereits in den Startlöchern, wieder Zugang zum russischen Markt zu ergattern. Hyundai Motors etwa unterhält mitten im Zentrum Moskaus weiterhin einen repräsentativen Showroom.

Und während Südkoreas Regierung jetzt Kyjiw offen anprangert, hält sich Lee Jae-myung gleichzeitig mit Kritik am nordkoreanischen Regime auffallend zurück – offensichtlich, weil es die eigenen Bemühungen unterlaufen würde, die innerkoreanischen Beziehungen zu verbessern.

Dabei unterstützt Pjöngjang nicht nur aktiv den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, sondern stößt auch regelmäßig Drohungen gegenüber Seoul aus. Erst vor einer Woche sind drei südkoreanische Soldaten entlang der entmilitarisierten Zone durch eine Explosion schwer verletzt worden. Wie eine Untersuchung ergab, soll diese von einer nordkoreanischen Landmine ausgelöst worden sein.

Read the full story at the source

Source: taz