Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 1h

Schwuler Animationsfilm „Jim Queen“: Hetero – Gott bewahre!

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Die Errungenschaften queerer Emanzipation werden gerade wieder infrage gestellt wie lange nicht mehr. Rechte Kräfte in Europa und den USA poltern, unterstützt von einer wachsenden Schar an Anhängern, gegen „Gendergaga“ und die „Regenbogenagenda“ einer „lauten Minderheit“ – und zeigen sich dabei selbst seltsam fasziniert von Geschlecht und Sexualität. In Deutschland steckt der Community noch der Angriff auf den Berliner CSD in den Knochen, da schimpft schon wieder irgendein Kardinal auf „gottlose“ Homosexuelle und bemüht das biblische „Sodom und Gomorrha“.

Ein greller Animationsfilm wie „Jim Queen“ ist in dieser Gesamtlage gleich in mehrfacher Hinsicht eine Wohltat. Nicht nur, weil er bei den Filmfestspielen von Cannes zu sehen war und das für eine solch kleine Kuriosität von Film schon eine schöne Rückversicherung in sich birgt: dass die Kultur noch immer voll und ganz von etwas durchzogen ist, für das besagter Kardinal wohl kein besseres Wort als „Häresie“ zur Hand hätte. Zu „Jim Queen“ passt „eine lustvoll respektlose Freude am Schwulsein“ aber doch deutlich besser.

Die „Respektlosigkeit“ gilt dabei nicht zuletzt der eigenen Szene. Das französisch-belgische Regiegespann Marco Nguyen und Nicolas Athané kennt deren Codes genau und macht sich mit herrlichem Mut zum Insiderwitz über schwule Stereotype her. Mit anderen Worten: „Jim Queen“ merkt man glücklicherweise nicht an, dass es gerade wieder einiges zu verteidigen gilt – ein Umstand, unter dem die Bereitschaft zur Selbstironie gemeinhin schnell leidet.

„Jim Queen“. Regie: Marco Nguyen und Nicolas Athané. Frankreich/Belgien 2026, 85 Min.

Im Gegenteil, hier ist schon der titelgebende Protagonist ein wandelndes Klischee. Aber wie es sich mit Klischees eben so verhält: eines, für das man durchaus einschlägige Entsprechungen in der Realität findet. Jim (Alex Ramirès) – der Name ist eine Anspielung auf das gleich klingende englische „gym“ – ist im Film einer von vielen schwulen Männern, für die Fitness zum Lebensinhalt und die penible Arbeit am eigenen Körper zum nie abgeschlossenen Perfektionsprojekt geworden ist. Nicht umsonst heißt Jim mit Nachnamen obendrein „Parfait“: Er ist der Trainierteste, der Gestählteste und Begehrteste von allen, als Fitness-Influencer mit Abermillionen von Followern zudem rund um den Globus bekannt.

Bei so viel Eitelkeit bricht natürlich sogleich Jims ganze Welt zusammen, als eines schrecklichen Morgens plötzlich das Sixpack zu schwinden beginnt. Seine beste Freundin Nina (Shirley Souagnon) arbeitet in einem Krankenhaus und kann dem Schrecken einen Namen geben: In Paris ist eine ominöse Krankheit ausgebrochen, die sogenannte „Heterose“.

Auch ihre Symptome klingen für Jim verheerend: Zunächst bildet sich der athletische Körper zurück, irgendwann wird er verstehen, was „Abseits“ bedeutet und ganz am Ende – Gott bewahre – nur noch auf Frauen stehen. Während dieses Bedrohungsbild durchaus gewitzter hätte geraten können – da ist Ikkimel zuletzt im ZDF-„Morgenmagazin“ ein feineres gelungen –, sitzen die satirischen Spitzen beim anschließenden Parforceritt Parfaits durch die Szene deutlich besser.

Zu einem solchen gerät seine Suche nach einem Doktor, der angeblich ein Heilmittel gegen die „Heterose“ herstellen kann. Der Haken daran: Die finale Zutat fehlt, und die kann nur der noch nicht geoutete Lucien (Jérémy Gillet) liefern. Warum genau, erfahren die beiden selbst erst gegen Ende. Der junge, schmächtige Mann ist allerdings selbst Fan von Jim Parfait, und aus der Distanz regelrecht vernarrt in diesen muskulösen, demonstrativ maskulinen Mann.

Dass ausgerechnet dieses ungleiche Duo nun gemeinsam durch Paris ziehen muss, ist selbstredend kein Zufall. Auf ihrer Suche nach dem Arzt geraten die beiden Männer an die unterschiedlichen Subkulturen der schwulen Szene, von den „Bären“ bis zu den „Sniffern“. Dabei interessiert sich „Jim Queen“ nicht nur für all das, was die einzelnen Fraktionen an komischem Material hergeben, sondern auch für das eigentümliche Neben- und bisweilen Gegeneinander, das sich hinter dem großen „Community“-Versprechen verbirgt.

Dragqueen Glamydia (Harald Marlot) bringt diesen seltsamen Separatismus einmal mit angemessener Ernüchterung auf den Punkt: Wenn von „LGBTQIA“ die Rede sei, klinge das so sehr nach Gemeinschaft und Verständigung – und doch blieben am Ende die meisten, allen voran das darin enthaltene „G“, lieber unter sich.

Die treffendste Spitze heben sich Marco Nguyen und Nicolas Athané gegen diesen Zustand, vor allem gegen die Hierarchien unter den Kleinstgruppierungen, und damit auch für ihren Protagonisten auf: Jim Parfait steht stellvertretend für den Typus des schwulen Mannes, der sich in dieser Ordnung ganz oben wähnt und auf alle anderen herabblickt – ausgerechnet, weil er sich über erstaunlich klassische Vorstellungen von Männlichkeit definiert.

An der Seite von Lucien darf Jim nun also ein wenig Demut lernen. Ihm auf dem Weg dorthin zuzusehen, ist nicht nur kurzweilig und voller kluger Beobachtungen. Es führt auch zu einer Pointe, die gerade in diesen Zeiten etwas Tröstliches hat: Diesmal ist es nicht der Sex, der krank macht. Es ist der Sex, der heilt.

Read the full story at the source

Source: taz