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Schwedisch-finnisches Manöver: Zu Besuch an der Nato-Nordostflanke
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Langsam, mächtig wirkend, nähert sie sich dem Kai, die „MS Trossö“. Ein Kriegsschiff in der Innenstadt! Unübersehbar für die Menschen, die an diesem Septembertag in Sundsvall ihrem zivilen Alltag nachgehen. Die Zeitung der 100.000-Einwohner-Stadt klärt auf ihrem Portal eventuell noch verunsicherte Augenzeugen auf: Es ist nur eine Übung.
Gustav Thörnblom hat nichts dagegen, der Zivilbevölkerung hier oben an Schwedens Ostküste so nah zu kommen. „Wir zeigen uns gerne“, sagt der Chef des Zweiten Marine-Basis Bataillons. Das konnte man sich schon denken, denn der Grund für diesen City-Abstecher seines Schiffes war es, die Presse abzuholen. Neben der taz gehen ein Reporter des schwedischen Fernsehens und einer von der regionalen Zeitung Sundsvall Tidning an Bord. Dort gibt es erst mal Kaffee, Sicherheitshinweise und Informationen zum Zweck der Übung.
Trainiert wird das Minenräumen – zum ersten Mal zusammen mit der finnischen Marine. Der Seeweg von hier zum Nachbarn auf der anderen Seite des Bottnischen Meerbusens soll unter allen Umständen offen und sicher bleiben. In einem militärischen Ernstfall rund um die Ostsee wäre es eine wichtige Versorgungslinie. Rund 300 Menschen machen beim zehntägigen Manöver mit: Offiziere, die Mannschaft und Wehrpflichtige.
Sie verteilen sich auf vier Minenräumboote, drei Aufklärungsboote und die „HMS Trossö“ – das mitreisende Versorgungsschiff. Es hat neben Treibstoff und Lebensmitteln sogar einen kleinen Operationssaal an Bord – dieses Mal allerdings niemanden dabei, der im Notfall operieren könnte. In Friedenszeiten verlassen sie sich auf die medizinische Versorgung an der nahen Küste.
Auf ihre Rolle in einem potenziellen Krieg sollen in diesen Tagen vor allem die Wehrpflichtigen vorbereitet werden. Vilma ist eine von ihnen. Das Seeleben sei ihr vertraut, erzählt sie auf der Brücke der „HMS Trossö“, ihre Familie habe selbst ein Boot. Als die 20-Jährige einberufen wurde, war die Marine deshalb ihre Wunschplatzierung. Nun verbringt sie sechs von ihren elf Dienstmonaten auf dem Versorgungsschiff, wo sie zum Beispiel dem Kapitän besondere Beobachtungen melden muss. Außerdem hat sie Dienst an Deck, etwa beim An- und Ablegen.
In der Minderheit fühlt sie sich als Frau nicht. Es sei alles sehr gleichgestellt, gerade bei der Marine, sagt sie. Als einen Hinweis darauf wertet die Reporterin auch kleine Schilder an den Toilettentüren auf dem Schiff: „Dieses WC ist menstruationspräpariert“. Drinnen hängt ein Schränkchen mit Tampons und Binden.
Geleitet wird diese „Minenräumübung Nord 2026“ von Kommandant Anders Barrestedt. Als er in den 90er Jahren zu Schwedens Marine ging, tat er das, weil er auf See arbeiten wollte. Das erzählt der Chef der 42. Minenräumdivision nach dem Umstieg von der großen „Trossö“ auf das viel kleinere Minenräumboot „HMS Ven“.
Der Umstieg: Schwimmweste an, mit Haken am Versorgungsschiff gesichert werden, über eine kleine Gangway umsteigen, Haken wieder ab. Zum Glück scheint wenigstens die Sonne. Das vorübergehende Verbindungsmanöver der beiden Schiffe auf See gehört auch zu den Dingen, die Wehrpflichtige hier lernen. Barrestedt mochte seinen Job immer schon, aber in den vergangenen Jahren habe sich einiges verändert: Nicht nur sei die Zivilbevölkerung interessierter, auch sie selbst hätten bei der Arbeit viel konkreter vor Augen, wofür sie dies machten. Diese Übung etwa, mit Finnland zusammen, stärke die gemeinsamen Fähigkeiten und dadurch die der Nato in Nordeuropa.
Denn das ist der Unterschied: Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 zwang ganz Europa – die Länder individuell wie die EU – zur sicherheitspolitischen Neuorientierung. Für Schweden bedeutete das eine besonders krasse Zeitenwende, als das Land 2024 seine lang gehegte Neutralität aufgab und der Nato beitrat – kurz nach dem anderen Neumitglied Finnland.
Seitdem lautet der Auftrag der schwedischen Seestreitkräfte nicht mehr nur, die eigene Küste zu verteidigen. Nun geht es um die gemeinsame Sicherheit auf der ganzen Ostsee, um den Schutz der mit Finnland deutlich verlängerten Nato-Nordostflanke. Seitdem erst finden ihre Manöver auch wieder so weit im Norden Schwedens statt. So langsam gewöhnt sich die Bevölkerung an den Anblick.
Schweden und Finnland verbindet bereits eine jahrzehntelange Verteidigungszusammenarbeit. Ein gemeinsames Lagebild über ihre Region, Informationsaustausch, Zusammenarbeit bei der Überwachung – das alles war üblich. Gemeinsame Manöver, wie diese Minenräumübung an der schwedischen Küste, sind noch neu. Schweden trat nicht nur der Nato bei – es erhöhte auch die Verteidigungsausgaben beträchtlich und begann, die über Jahrzehnte verkleinerten eigenen Streitkräfte wieder aufzubauen. Dazu gehört, dass die Zahl der jährlich eingezogenen Wehrpflichtigen stetig erhöht wird. Der aktuelle Jahrgang ist nach offiziellen Angaben mit 9.000 nun der größte seit Jahrzehnten.
Mia gehört dazu: Sie steht an Deck der „HMS Ven“ mit Blick aufs Wasser. Land ist in Sicht, grün mit bunten Holzhäusern, eine Szenerie wie bei einem schwedischen Spätsommerausflug. Die Rekrutin hantiert mit Joysticks. Es sei wie ein ferngesteuertes Auto zu fahren, lacht sie, Jahrgang 2006. Was sie da fernsteuert, ist ein großes Unterwasser-Ortungsgerät. Mit Sonartechnik und Kamera soll es Infos über Gegenstände am Meeresboden liefern.
Mia lernt das von einer nahezu Gleichaltrigen, die ihren Wehrdienst schon abgeschlossen hat und nun als Teil der Mannschaft mitfährt. Lernziel heute: Wie sie das wertvolle Ortungsfahrzeug zu seinem Einsatzort bringt – also unter Wasser. Danach übernimmt ein technischer Offizier in der Einsatzzentrale unter Deck. Ob eine Mine leicht zu entdecken sei, das hänge von vielen Faktoren ab: wo sie liegen, wie das Wetter ist, wie der Boden beschaffen ist. Selbst das Süßwasser, das in dieser Gegend aus Flüssen in die Ostsee fließt, beeinflusse das Sonar-Gerät. Umso wichtiger sei es, die unterschiedlichen Verhältnisse an der langen schwedischen Küste kennenzulernen, hatte Kommandant Barrestedt eingangs erklärt.
Zum Üben legen sie Attrappen aus. Beobachtet werden auch Steine, Sperrmüll und andere militärisch unbedeutende Funde. Dass sie so weit oben im Norden noch Minen aus einem der beiden Weltkriege finden, ist hingegen unwahrscheinlich. Aber auch die spielen für die schwedischen Streitkräfte noch eine Rolle, etwa bei der Teilnahme an einer jährlichen Nato-Übung weiter unten in der Ostsee, erzählt Anton Holmberg vor einer Reihe von Monitoren in der Einsatzzentrale. Der Kapitän der „HMS Ven“ betont zudem, das Minenräumen sei nicht die einzige Aufgabe. In diesen Zeiten, wo auf der Ostsee immer wieder Sabotageakte, die russische Schattenflotte oder andere Ungereimtheiten für Unruhe sorgen, seien sie mit dafür zuständig, die schwedischen Gewässer insgesamt im Blick zu haben.
Die „MS Ven“ und die „Trossö“ waren an diesem Tag abgestellt für die Pressearbeit. Die drei anderen Minenräumboote, darunter das aus Finnland, sind mit den Aufklärungsbooten weiter draußen geblieben. Dort üben sie in diesen Tagen auch den Umgang mit Drohnenangriffen. Das allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Deren Vertreter werden schließlich von einem überraschend kleinen Beiboot abgeholt. Schwimmwesten wieder an, aber diesmal halten nur menschliche Hände den Ring oben fest, während sich die Landratten an einer Strickleiter vom Minenräumboot herunterhangeln. Die Beiboot-Kapitänin erledigt ihren Auftrag mit rasendem Tempo, die Gischt spritzt. Erst bringt sie die Gäste in die Stadt, danach sich und ihren Chef Gustav Thörnblom zurück zur „MS Trossö“.
Vor dem Abschied erzählt Thörnblom, dass die veränderte Sicherheitslage für ihn widersprüchliche Folgen hat. Eigentlich sei sie überhaupt kein Grund zur Freude. Aber aus beruflicher Sicht sei es doch positiv, weil sie mehr Gelegenheit zum Üben und Verbessern ihrer Fähigkeiten bekämen. Ob er auch den Eindruck hätte, die Bevölkerung würde ihre Arbeit mehr schätzen als früher? „Ja, absolut“, sagt Thörnblom. Dann geht es für ihn zurück zu seinem Arbeitsplatz, der während der Übung zugleich sein Zuhause ist. Die „HMS Trossö“ ist längst nicht mehr zu sehen von der Innenstadt. Aber sie ist da, das wissen die Leute jetzt.
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Source: taz